Das Märchen von den 10 Zwergen
und den 100 Goldbarren

MärchenEs waren einmal 10 Zwerge, die lebten in einem wunderschönen Land ganz friedlich und in Harmonie mit der Natur zusammen.

Alle 10 Zwerge genossen gemeinsam die wunderschöne Natur und die guten Lebensbedingungen, die es in diesem Land gab.

Irgendwann einmal  überkam die Zwerge jedoch das Gefühl, daß ihnen doch etwas fehlen würde in diesem kleinen Paradies und ohne daß sie es recht erklären konnten, entwickelte sich allmählich in ihrem Inneren ein Gefühl der Unzufriedenheit, das einher ging mit einer wachsenden Gier nach Mehr – von dem sie noch nicht sagen konnten, was das seien könnte – und dem Wunsch nach Macht, die sie über die anderen ausüben wollten.

Dieses schleichende Gift wirkte immer stärker und stärker und es zerfraß allmählich das Gemeinschaftsgefühl bis nichts mehr davon übrig war.

Plötzlich ging es nicht mehr um das Wohl der Gemeinschaft und ein friedliches gemeinsames Wirtschaften in diesem wunderschönen Land, sondern um das Anhäufen von Besitz und das Ausübung von Macht. In diesem Kampf um die Vorherrschaft und den größten Besitz schreckten die Zwerge vor nichts mehr zurück, der Zweck, MEHR als alle anderen zu haben, heiligte jedes Mittel.

In diesem zähen und gewaltigen Konkurrenzkampf erwirtschafteten die 10 Zwerge ein Vermögen von 100 Goldbarren. Nun waren die 100 Goldbarren natürlich unter den 10 Zwergen nicht gleichmässig verteilt: 5 Zwerge besaßen 1 Goldbarren, 4 Zwerge besaßen 29 Goldbarren und 1 Zwerg besaß 70 Goldbarren.

Eine ganze Zeit lang hofften die 4 Zwerge, die die 29 Goldbarren besaßen, daß Sie bei genügend Fleiß und Kreativität dem 1 Zwerg mit den 70 Goldbarren den ein der anderen Barren wieder abjagen könnten, doch mit Bestürzung stellten sie fest, daß Ihre 29 Goldbarren immer wieder abzunehmen drohten und die 70 Goldbarren immer mehr zuzunehmen schienen, die 5 Zwerge, die nur einen Goldbarren besaßen, hatten alle Hände voll damit zu tun, ihr Leben zu erhalten, sodaß sie gar keine Zeit hatten, sich um die Verteilung der Goldbarren zu kümmern, sie merkten nur, daß ab und zu plötzlich ein Zwerg in Ihr Lager wechselte und plötzlich 6 Zwerge sich einen Goldbarren teilen sollten.

Das Gemeinwohl und die allgemeinen Lebensbedingungen und die Natur waren irgendwann so weit zerstört, daß die 9 Zwerge sich überlegten, was für eine bessere Zukunft getan werden könnte, denn irgendetwas mußte geschehen, weil sie sonst alle 10 untergehen würden, da kamen Sie auf die Idee, vor das Haus des 1 Zwergs mit den 70 Goldbarren zu ziehen, um zunächst mit guten Argumenten den 1 Zwerg davon zu überzeugen, daß er doch von seinen 70 Goldbarren 2 für das Gemeinwohl abgeben könnte, dann würden ihm doch immernoch 68 Goldbarren bleiben und mit den 2 Goldbarren könnte man viel für eine bessere Zukunft tun und Fehler der Vergangenheit wieder gut machen.

Aber das Gehirn des 1 Zwergs war durch die Jahre der ständig wachsenden Gier und des uneingeschränkten Machtstrebens so zerfressen, daß er nicht mehr in der Lage war, für die guten Argumente der anderen 9 Zwerge sich zu öffnen. Stattdessen suchte er sein Heil in völliger Ignoranz und Harthörigkeit gegenüber allen guten Argumenten.

Diese Sturheit und Uneinsichtigkeit ärgerte die 9 Zwerge sehr und sie beschlossen, um das Haus des 1 Zwergs mit den 70 Goldbarren eine hohe Mauer zu bauen und alle Straßen, die zu seinem Haus führten, abzureißen, auch über seinem Haus brachten sie eine Glasglocke an, so daß der Zwerg sein Haus mit den 70 Goldbarren nicht mehr verlassen konnte. Jetzt wollten sie versuchen, mit dem ihnen verbliebenen Vermögen selbst die Sache in die Hand zu nehmen und die notwendigen Änderungen für eine bessere Zukunft selbst durchzuführen, dabei merkten sie aber, daß sie zwar die Straßen und Gebäude de facto nun besaßen, das know how der letzten Jahrhunderte aber in den Magazinen des 1 Zwergs lagerte und sie einfach nicht genug Zeit besaßen, um ohne die Mittel – die 70 Goldbarren des 1 Zwergs – alles noch einmal zu entwickeln. Außerdem hatten sie ja selbst durch die Mauer und die Glasglocke, die sie um das Grundstück des 1 Zwergs angebracht hatten, sich den Zugang zu den Magazinen des 1 Zwergs verstellt.

Während dieser ungeheuren Anstrengungen der 9 Zwerge saß der 1 Zwerg nun auf seinem eingemauerten Grundstück und hatte das Gefühl herrlich und in Freuden leben zu können, es macht ihm zunächst wirklich nicht viel aus, keinen Kontakt mehr mit den anderen 9 Zwergen zu haben. Beizeiten hatte er außerdem im Keller seines Hauses große Vorratsspeicher angelegt, so daß er viele Jahre weiter im Luxus leben konnte, also warum sich Sorgen machen.

Viele Jahre hatte er von den 9 Zwergen nichts mehr gehört und gesehen und irgendwann gingen auch seine Vorratsspeicher dem Ende zu, zumal der Zwerg mit seinen Vorräten nicht umsichtig gewirtschaftet hatte, sondern nach Lust und Laune alles, was er an Vorräten besaß, verpraßte. Als nun die Vorratsspeicher leer wurden, begann er zu überlegen, was zu tun wäre, da kamen ihm wieder die guten Argumente der 9 anderen Zwerge in den Sinn und er versuchte mit diesen doch mal wieder Kontakt aufzunehmen.

Er versuchte durch die Glasglocke, die über seinem Haus angebracht war, etwas zu erkennen, aber es waren weder Natur noch Menschen außerhalb der Glasglocke auszumachen, alles schien in grauen Nebel getaucht, schließlich sammelte er alle seine Kräfte und seinen Mut und begann mit völlig ungeeigneten Werkzeugen, die er irgendwo im Haus gefunden hatte, in Zimmern, die er noch nie zuvor wahrgenommen hatte, ein Loch in die dicke Mauer, die sein Haus umgab, zu schlagen.

Als es ihm endlich nach Jahren und hunderten von Stunden harter Arbeit gelungen war, ein kleines Loch in die Mauer zu schlagen, fiel sein erster Blick auf einen Haufen von 30 Goldbarren. Ohne einen einzigen Gedanken an die merkwürdigen Umstände, die zu diesem seltsamen Fund geführt haben mochten, zu verschwenden, begann er sofort damit, das Loch in der Mauer soweit zu vergrößeren, daß er die Goldbarren mit der Hand erreichen konnte, um sie alle schnell auf sein Grundstück holen zu können.

Als er den letzten Goldbarren in der Hand hielt, stellte er plötzlich fest, daß seine Kräfte während dieser Rettungsaktion der Goldbarren massiv nachgelassen hatten, auch mußte er sich das Hemd und den Kragen aufreißen, da er merkte, daß er keine Luft mehr bekam.

In seinem nun beginnenden, verzweifelten Todeskampf, den letzten Goldbarren immer noch fest umklammert, stellte er plötzlich fest, während seine Sehkraft durch die beissenden Dämpfe, die ihn plötzlich umgaben, immer mehr nachließ, daß es außerhalb seiner Mauer gar keine blühenden Landschaften, wie er sie aus seiner Kindheit noch erinnerte, mehr gab, sondern nur noch eine unwirtliche Wüste ohne jeglich Natur, auch Menschen konnte er nicht mehr ausmachen.

Luft schien es keine mehr zu geben, die beissenden Dämpfe füllten allmählich seine Lunge. Kraft um die Mauer wieder zu schließen, besaß er auch keine mehr. Kurz bevor er seinen letzten Atemzug tat, kam ihm plötzlich ein verrückter Gedanke in den Sinn: Er fragte sich, ob er vielleicht doch mit den 9 Zwergen damals hätte verhandeln sollen, vielleicht wären sie ja auch mit einem einzigen seiner 70 Goldbarren zufrieden gewesen …

Ich gehe davon aus, daß die Schriften und Vorträge Christian Felbers Anselm Dahl zu diesem Märchen inspiriert haben, da die Vermögensverteilung in diesem Märchen prozentual etwa der Wirklichkeit entspricht, auf die Christian Felber in seinen Schriften – wie übrigens einige andere, wie Jean Ziegler, auch –  immer wieder aufmerksam machen. Darüber hinaus haben in den letzten Jahren einige seriöse Umfragen gezeigt, daß sich in Deutschland und Österreich etwa 9 von 10 Befragten eine andere Wirtschaftsordnung wünschen!

HERMANN HESSE – ORGELSPIEL

Seufzend durchs Gewölbe zieht, und wieder dröhnend,
Orgelspiel. Andächtige Gläubige hören,
Wie vielstimmig in verschlungenen Chören,
Sehnsucht, Trauer, Engelsfreude tönend,
Sich Musik aufbaut zu geistigen Räumen,
Sich verloren wiegt in seligen Träumen,
Firmamente baut aus tönenden Sternen,
Deren goldene Kugeln sich umkreisen,
Sich umwerben, nähern und entfernen,
Immer weiter schwingend sonnwärts reisen,
Bis es scheint, es sei die Welt durchlichtet,
Ein Kristall, in dessen klaren Netzen
Hundertfach nach reinlichsten Gesetzen
Gottes lichter Geist sich selber dichtet.

Dass aus Blättern voll von Notenzeichen
Solche weitgeschwungenen, geistdurchsonnten,
Solche Welt- und Sternenchöre werden konnten,
Dass ein Orgelpfeifenchor sie in sich banne,
Ist es nicht ein Wunder ohnegleichen?
Dass ein Musikant am Manuale
Sie mit Eines Menschen Kraft umspanne?
Dass ein Volk von Hörern sie verstehe,
Mit erschwinge, töne, mit erstrahle,
Mit hinauf ins tönende Weltall wehe?
Arbeit war’s und Ernte langer Zeiten,
Zehn Geschlechter mussten daran bauen,
Hundert Meister fromm es zubereiten,
Viele tausend Schüler sie begleiten.

Und nun spielt der Organist, es lauschen
Im Gewölb die Seelen hingegangener
Frommer Meister, mit vom Bau umfangener,
Den sie gründen halfen und errichten.
Denn derselbe Geist, der in den Fugen
Und Toccaten atmet, hat einst die besessen,
Die des Münsters Maße ausgemessen,
Heiligenfiguren aus den Steinen schlugen.
Und noch vor den Bau- und Steinmetz-Zeiten
Lebten, dachten, litten viele Fromme,
Halfen Volk und Tempel zubereiten,
Dass der Geist herab auf Erden komme.
Wille von Jahrhunderten gestaltet
In der klaren Töneströme Rauschen
Sich, im Bau der Fugen und Sequenzen,
Wo der schöpferische Geist der Grenzen
Zwischen Tun und Leiden, zwischen Leib und Seele waltet.
In den geistbeherrschten Takten dichten
Tausend Menschenträume sich zu Ende,
Träume, deren keiner je auf Erden
Sich erfüllen darf, doch deren dringliche Einheit
Stufe war, daraus das Menschenwesen
Sich enthob aus Notdurft und Gemeinheit
Nahe bis zum Göttlichen, bis zum Genesen.
Auf dem Zauberpfad der Notenzeichen,
Dem Geäst der Schlüssel, Signaturen,
Auf dem Tastwerk, das die Füß‘ und Hände
Eines Organisten bändigen, entweichen
Gottwärts, geistwärts alle höchsten Strebungen,
Strahlen, was an Leid sie je erfuhren,
Aus im Ton. In wohlgezählten Bebungen
Löst der Drang sich, steigt die Himmelsleiter,
Menschheit bricht die Not, wird Geist, wird heiter.
Denn zur Sonne zielen alle Erden,
Und des Dunkels Traum ist: Licht zu werden.

Spielend sitzt der Organist, die Hörer
Folgen willig, in befreiter Rührung,
Der Gesetze englisch sichrer Führung,
Schwingen glühend, heilige Verschwörer,
Mit empor, zum Tempel sich erbauend,
Mit dem Blick der Ehrfurcht Gott erschauend,
Am Dreieinigen kinderhaft beteiligt.
So befreit im Klang, so eint und heiligt
Sich im Sakramente die Gemeinde,
Die entkörperte, dem Gott vereinte.
Das Vollkommene aber ist hienieden
Ohne Dauer, Krieg wohnt jedem Frieden
Heimlich inne, und Verfall dem Schönen.
Orgel tönt, Gewölbe hallt, es treten
Neue Gäste ein, verlockt vom Tönen,
Eine Frist zu rasten und zu beten.
Doch indes die alten Klanggebäude
Weiter aus dem Pfeifenwalde streben,
Voll von Frömmigkeit, von Geist, von Freude,
Hat sich draußen dies und das begeben,
Was die Welt verändert und die Seelen.
Andre Menschen sind es, die jetzt kommen,
Eine andre Jugend wächst, ihr sind die frommen
Und verschlungenen Stimmen dieser Weisen
Nur noch halb vertraut, ihr klingt veraltet
Und verschnörkelt, was noch eben heilig
War und schön, in ihrer Seele waltet
Neuer Trieb, sie mag sich nicht mehr quälen
Mit den strengen Regeln dieser greisen
Musikanten, ihr Geschlecht ist eilig,
Krieg ist in der Welt, und Hunger wütet.
Kurz verweilen diese neuen Gäste
Hier beim Orgelklang, zu wohlbehütet
Finden sie, zu priesterlich-gemessen
Die Musik, so schön und tief sie sei, sie wollen
Andre Klänge, feiern andre Feste,
Fühlen auch in halb verschämter Ahnung
Dieser reich gebauten, hoheitsvollen
Orgelchöre unwillkommene Mahnung,
Die so viel verlangt. Kurz ist das Leben
Und es ist nicht Zeit, sich hinzugeben
So geduldig komplizierten Spielen.
Übrig bleibt im Dome von den vielen,
Die hier zugehört und mitgelebt, fast keiner.
Immer wieder einer geht von hinnen,
Geht gebückt, ward älter, müde, kleiner,
Spricht vom jungen Volk wie von Verrätern,
Schweigt enttäuscht und legt sich zu den Vätern.
Und die Jungen, die den Dom betreten,
Fühlen Heiliges zwar, doch weder Beten
Noch Toccatenhören ist mehr Sitte,
Und der Tempel bleibt, der Kern und Mitte
Einst der Stadt gewesen, fast verlassen,
Ragt urweltlich aus geschäftigen Gassen.

Aber immer noch durch seines Baues Rippen
Atmet die Musik in himmlischem Flüstern.
Träumend und ein Lächeln auf den Lippen
Über immer zarteren Registern
Sitzt der greise Musikant, versponnen
In das Rankenwerk der Stimmengänge,
In des Fugenbaus gestufte Pfade.
Immer zarteres Filigrangestänge
Flicht sein Spiel, mit immer dünnerem Faden
Kreuzen sich die kühnen Ornamente
Im phantastisch luftigen Tongewebe,
Immer inniger und süßer werben
Um einander die bewegten Stimmen,
Scheinen Himmelsleitern zu erklimmen,
Halten oben sich in seliger Schwebe,
Um wie Abendrosenwolken hinzusterben.

Nicht bekümmert ihn, dass die Gemeinde,
Schüler, Meister, Gläubige und Freunde
Sich verloren haben, dass die eiligen Jungen
Die Gesetze nicht mehr kennen, der Figuren
Bau und Sinn kaum noch erfühlen mögen,
Dass die Töne nicht Erinnerungen
Mehr des Paradieses ihnen sind und Gottesspuren,
Dass nicht zehn, nicht einer mehr imstande,
Dieser Tongewölbe heilige Bögen
Nachzubaun im Geist und diesem Weben
Alterworbener Mysterien Sinn zu geben.
Und so fiebert rings in Stadt und Lande
Junges Leben seine stürmischen Bahnen,
Doch im Tempel, einsam im Gestühle,
Waltet fort der geisterhafte Alte,
(Sage halb, halb Spottfigur der Jungen),
Spinnt geheiligte Erinnerungen,
Füllt mit göttlichem Sinn die Ornamente,
Rückt Register immer leiseren Klanges,
Stuft den Fugenschritt zum Sakramente,
Das nur seine Ohren noch erlauschen,
Während andre nichts mehr als das Flüstern
Der Vergangenheit spüren und das leise Rauschen
Brüchiger Vorhangfalten, die im düstern
Steingeklüft der Pfeiler müd sich bauschen.

Niemand weiß, ob noch der alte Meister
Drinnen spiele, ob die zarten, leisen
Tongeflechte, die im Raume kreisen,
Nur noch Spuk sind überbliebener Geister,
Nachhall und Gespenst aus anderen Zeiten.
Manchmal aber bleibt ein Mensch beim Dome
Lauschend stehen, öffnet sacht die Pforte,
Horcht entrückt dem fernen Silberstrome
Der Musik, vernimmt aus Geistermunde
Heiter-ernster Väterweisheit Worte,
Geht davon mit klangberührtem Herzen,
Sucht den Freund auf, gibt ihm flüsternd Kunde
Vom Erlebnis der entrückten Stunde
Dort im Dom beim Duft erloschener Kerzen.
Und so fließt im unterirdisch Dunkeln
Ewig fort der heilige Strom, es funkeln
Aus der Tiefe manchmal seine Töne;
Wer sie hört, spürt ein Geheimnis walten,
Sieht es fliehen, wünscht es festzuhalten,
Brennt vor Heimweh. Denn er ahnt das Schöne.

Hermann Hesse – Gestutzte Eiche

alte-Eiche

 

Wie haben sie dich, Baum, verschnitten
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!

Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.

Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,

Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.

Hermann Hesse, Gestutzte Eiche, Juli 1919

in: Herrmann Hesse, Die Gedichte,
Suhrkamp  1992, S.472

Die Schule von Athen

 

DieSchulevonAthen

In Anlehnung an das berühmte Zitat von Alfred North Whitehead könnte man das Fresco als eine Bebilderung seiner Sentenz auffassen, nach der die abendländische Philosophiegeschichte nichts als eine Reihe von Fußnoten zu Platon (die Frage ist, ob das Werk von Aristoteles bereits eine Fußnote ist oder ob man das Zitat von Whitehead mit dem Namen Aristoteles sinnvollerweise ergänzen sollte???) ist! Die Frage ist, muß man sich auf die Seite einer der beiden schlagen oder kann man gleichermaßen mit beiden denken? Die Frage muß offen bleiben.

Das Fresko von Raffael, das er um 1510 in der Stanza della Segnatura des Papstes Julius II. gemalt hat, verherrlicht im Sinne der Renaissance das antike Denken als Ursprung der europäischen Kultur, ihrer Philosophie und Wissenschaften. Im Zentrum stehen die Philosophen Platon und Aristoteles, wobei interessant ist, daß die Darstellung von Aristoteles eher der konventionellen Ikonographie zur Zeit Raffaels entspricht, Platon hingegen deutlich die Züge und das Aussehen Leonardo da Vincis aufweist. Man könnte sich fragen, weshalb Raffael nicht Aristoteles das Aussehen Leonardos gab, da dies doch wohl inhaltlich adäquater gewesen wäre?

1.    Zenon von Kition (Begründer der Stoischen Schule)
2.    Epikur (Begründer der Epikureischen Schule)
3.    Federico II. Gonzaga (Herzog von Mantua)
4.    Zuordnung nicht eindeutig: Boëthius, Anaximander oder Empedokles
5.    Averroës (arabischer Philosoph und Theologe)
6.    Pythagoras (Mathematiker), der Jüngling daneben ist Parmenides[Anmerkung 1]
7.    Alkibiades (Politiker und Feldherr aus Athen)
8.    Zuordnung nicht eindeutig: Xenophon (Historiker und Biograph von Sokrates) oder Antisthenes
9.    Zuordnung nicht eindeutig: Hypatia oder Francesco Maria I. della Rovere
10.    Zuordnung nicht eindeutig: Aeschines oder Xenophon
11.    Zuordnung nicht eindeutig: Parmenides (Philosoph, Begründer der Eleatischen Schule) oder Euklid (Mathematiker)
12.    Sokrates (Philosoph und Lehrer von Platon)
13.    Heraklit (Philosoph, verkörpert durch Michelangelo)
14.    Platon mit der Schrift Timaios (Philosoph, verkörpert durch Leonardo da Vinci)
15.    Aristoteles mit der Schrift Nikomachische Ethik (Philosoph und Schüler von Platon)
16.    Diogenes (Philosoph und Kyniker)
17.    Plotin (Philosoph)
18.    Zuordnung nicht eindeutig: Euklid oder Archimedes (Mathematiker, verkörpert durch Bramante)
19.    Zarathustra (persischer Religionsgründer)
20.    Ptolemäus (Astronom und Geograph)
21.    Raffael, vor ihm Sodoma (Künstler)

DieSchulevonAthenNummern

Übrigens! Im Victoria & Albert Museum in London hängt eine Kopie des berühmten Wandfreskos.

Albrecht Dürer

Albrecht Dürer 1500

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Geboren und gestorben in Nürnberg – wir Heutigen, in unserer Fixiertheit auf Äusserlichkeiten, haben immer das Gefühl, wenn ein Spannungsbogen so ‘ärmlich’ daherkommt, wie bei Dürer, dann kann an dieser Figur nichts besonderes sein – weit gefehlt.

Als Dürer zum Beispiel 1505 zu seiner 2. Venedigreise aufbrach, war er in Nürnberg bereits ein weithin bekannter und erstklassig bezahlter Künstler, verheiratet, mit eigener Werkstatt und selbstständig arbeitenden Gesellen.

War es denn wirklich nur der Auftrag der deutschen Kaufmannsschaft unter der Führung der Augsburger Fugger, die bei Dürer ein Bild für ihre Bartholomäus Kirche in Venedig bestellt hatten, der Dürer dazu brachte ein zweites Mal nach Venedig zu reisen?

Sicher war es auch die Art des Lebens, die ihn an Italien reizte und die uns 500 Jahre später immer noch begeistert, die ihn aus Nürnberg nach Italien zog – und was wir immer vergessen, wenn wir uns in den erhabenen Gefilden der Kunst bewegen, Vino rosso, Spaghetti bolognese und Amore …

Interessant gerade in diesem Zusammenhang ist, daß ihn augenscheinlich nicht nur die italienische Sonne und der Umgang der italienischen Künstler mit Licht und Farben reizten, sondern auch ihr Verhältnis zu Schönheit und Mathematik, die er bei seinem Besuch in Bologna 1506, kurz vor seiner Rückreise nach Nürnberg, bei Francesco Francia einem Schüler von Luca Pacioli zu vertiefen suchte.

Was wohl schon Dürer umtrieb, war die Vorstellung, daß Schönheit jenseits von Geschmack und Moden eine Kategorie ist, die etwas ganz Grundsätzliches, etwas Archetypisches über die Menschheitsentwicklung aussagt und eher in mathematischen Strukturen und Formeln, als durch das Auge des Betrachters adäquat beschrieben werden kann.

Natürlich zeugen Dürers Bilder und Grafiken von seiner enormen intuitiven Wahrnehmungsfähigkeit, was aber zu seiner detailreichen, komplexen Achtsamkeit hinzukommt, ist die Anstrengung des Begriffs, der Wille von einer zweiten Ebene aus, seine Fähigkeiten tiefer zu ergründen, seine Wahrnehmungsfähigkeiten bewußt wahrzunehmen und zu klassifizieren. Seine mathematischen, geometrischen Untersuchungen zu Maß und Proportion geben sich eben nicht nur mit seinem Können zufrieden sondern wollen mehr, deshalb gehört Dürer eindeutig in die Reihe der ganz großen “Weltformel-Sucher”, er verdient es in einer Reihe mit Persönlichkeiten wie Pythagoras oder Leonardo da Vinci zu stehen.

Wintersonnenwende und Rauhnächte

Ein Weihnachtslied von
Christian Morgenstern

Wintersonnenwende!
Nacht ist nun zu Ende!
Schenkest, göttliches Gestirn,
neu dein Herz an Thal und Firn!

O der teuren Brände!
Hebet hoch die Hände!
Lasset uns die Gute loben!
Liebe, Liebe, Dir da droben!

Wintersonnenwende!
Nacht hat nun ein Ende!
Tag hebt an, goldgoldner Tag,
Blühn und Glühn und Lerchenschlag!

O du Schlummers Wende!
O du Kummers Ende!

Rauhnächte_2-2

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Vieles was uns Heutigen als mystisch, geheimnisvoll erscheint, weist lange Traditionsketten nicht nur im sog. ‘Volksglauben’, sondern auch in seiner praktischen Bedeutung für das Leben früherer Generationen auf.

Z.B. die Wintersonnenwende vom 21. auf den 22. Dezember. Nach dieser längsten Nacht des Jahres werden die Tage wieder länger und das Licht wird quasi neu geboren, so daß es bis zum Lichterfest an Weihnachten wieder einen schöpferisch, kraftenden Platz im Jahreslauf der Menschen inmitten der Natur einnimmt.

Für uns ‘technisch Hochzivilisierten’ spielt Licht nicht mehr annähern die Rolle in unserem Alltag wie z.B. für die Menschen des 19. Jahrhunderts, deren Jahr in den meisten Fällen noch analog zum Jahreslauf von Natur und Kosmos verlief. Wenn jedoch “am Weihnachtsbaum die Lichter brennen”, dann wird unser Herz nicht nur durch Erinnerungen an unbeschwerte, selige Kindertage, sondern auch durch die mächtigen Erinnerungsfelder früherer Generationen erhellt.

Wenn wir zwischen der Wintersonnenwende und Dreikönig die 12 wilden Rauhnächte durchleben (egal ob von der Wintersonnenwende bis Neujahr oder von Weihnachten bis Dreikönig), dann sollten wir in dieser Zeit nicht nur den Torweg zwischen altem und neuem Jahr durchschreiten, in dem wir das vergangenen Jahr wie ein altes paar Schuhe zurücklassen, sondern auch die Wirkkraft dieses Erinnerungsfeldes versuchen wahrzunehmen. Das hat nichts mit Esoterik zu tun aber sehr, sehr viel mit einer Verfeinerung unseres Wahrnehmungsvermögens, das unser Leben vielleicht nicht einfacher aber reicher macht und ohne einen einzige Euro investieren zu müssen.

Die Differenz der 12 Nächste zwischen dem Mond- und dem Sonnenkalender kennen wir als alten Brauch – quasi als Meditationsraum, in dem man sich konzentriert auf das neue Jahr vorbereitet – nutzen wir diesen alten Brauch für unser ganz eigenes Leben. Der Neustark wird uns kraftvoller gelingen.