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Die DenkWerkStätten des Fin de siècle

Cafe Griensteidl

Bis im Januar 1897 das Café Griensteidl abgerissen wurde, weil es der neuen Zeit Platz machen mußte, war es der Treffpunkt der Wiener Avantgarde, hier sammelte sich alles was schon einen oder noch keinen Rang und Namen hatte und zwar aus den unterschiedlichsten politischen und kulturrellen Bereichen. Hier traf man nicht nur Arthur Schnitzler, Karl Kraus oder Peter Altenberg, hier konnte einem auch Rudolf Steiner über den Weg laufen, der temporär sogar das Café Griensteidl zu seiner Postadresse machte.

Die kulturgeschichtliche Werkstätte der Zeit von 1890 bis 1910 ist das Kaffeehaus. Diese Zeit wird enger (weil lokaler) gefaßt als “Wiener Moderne” bezeichnet, weiter gefaßt wird sie als “Fin de siècle” beschrieben. Alles was sich in den 100 Jahren danach an Ereignissen entfaltet hat, konnte hier im Kern schon beobachtet werden. Das “Fin de siècle” ist nicht nur zeitlich die Umschlagphase vom 19ten ins 20ste Jahrhundert, sondern auch inhaltlich der Übergang von der Romantik zur Moderne, was an solchen Wendezeiten immer besonders interessant ist, daß die Akteure auf der Bühne immer zwei Welten verkörpern, sie sind noch halb im alten gefangen – z.B. der Naturschwärmerei – und schon vom Neuen – z.B. der Faszination für neue, moderne Techniken und Naturwissenschaften – hinfortgerissen. Diese dichten Zeiten tragen immer das gesamte kreative Potential der nachfolgenden Epoche!

Im Kaffeehaus kam hinzu, daß hier die dialektische Apotheose des Transitorischen mit dem Emphatischen gefeiert wurde. Während anderswo auf der Welt das Transitorische sich immer mit dem Beliebigen verband und immer noch verbindet,  wurde im Kaffeehaus das Transitorische gefeiert, als wäre es eine über 1000 Jahre gesuchte und jetzt endlich gefundene Lösung für alle Probleme der Welt. Am nächsten Tag hatte man immer noch genügend Neuroplastizität übrig, um sich euphorisch auf die nächste Theorie einzulassen und sie emphatisch zu begrüßen.

Nachdem das Café Griensteidl und mit ihm die Literatur “demoliert” war (Karl Kraus erhielt aufgrund dieser Bemerkung von Felix Salten am letzten Abend des Café Griensteidl eine schallende Ohrfeige) zogen die Wiener Intelektuellen weiter ins Café Central, daß schon im Jahre 1868 im Palais Ferstel in der Herrengasse im 1. Wiener Gemeindebezirk eröffnet worden war, aber erst jetzt seine volle Bedeutung für die Wiener Moderne erlangte. Jetzt entwickelte sich das Café Central zum geistigen Zentrum des Fin de siècle, 250 Zeitungen in 22 Sprachen und Nachschlagewerke wurden hier angeboten.

Peter Altenberg

Man sagte: “Auf jedem zweiten Thonetstuhl ein reifendes Dichter-Genie, ein Austromarxist, oder Adeliger, ein Zwölftonmusiker oder wenigstens ein Psychoanalytiker, hinter jeder Zeitung ein kluger Kopf, jeder Disput ein literarisches Bonbon, jeder Tropfen Obers eine Weltanschauung.”

Peter Altenberg (Teil des berühmten Trios Peter Altenberg – Alfred Polgar – Anton Kuh) gehörte praktisch zum Inventar des Cafés, deshalb sitzt er auch heute noch als Pappmache-Figur im Eingang des Cafe Central, wie vor 100 Jahren in Wirklichkeit.

Alfred Polgar hat mal in dem Essay “Café Central” die entsprechende Theorie dieser weltberühmten Werkstatt aller “Kulturschaffenden” verfaßt:
Das Central ist nämlich kein Caféhaus wie andere Caféhäuser, sondern eine Weltanschauung. Seine Bewohner sind größtenteils Leute, deren Menschenfeindlichkeit so heftig ist  wie ihr Verlangen nach Menschen, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.

Cafe Central