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Eine Schnake, eine Schnake, erschlag das Gezücht…

DetailBei näherem Hinsehen verliert man sich nicht im Detail –
sondern erkennt die Zusammenhänge.

Gerade weil ich davon überzeugt bin, daß die andere Sicht, oft auch die subversive Sicht auf die Dinge nur in den Details zu finden ist, bin ich in Talkrunden immer besonders angenervt, wenn es wieder heißt: „Bitte keine Details, das interessiert unsere Zuschauer nicht, es geht um die großen Linien“.

Ja wer nur die großen Linien sehen will, der reist am besten gleich ins Weltall, da sieht er dann einen wunderschönen blauen und grünen Planeten, da sieht er dann nur die großen Linien.

Spätestens seit der Flügelschlag eines Schmetterlings durch die Chaostheorie zu internationalem Ansehen gekommen ist, sollte doch allmählich klar geworden sein, daß es gerade nicht um die großen Linien – sondern um die kleinen Details geht.

Ganz abgesehen davon ist es doch wohl zynisch einem verhungernden Kind zu erklären, alles sei gar nicht so schlimm, es verhungern doch zur Zeit weltweit viel weniger Kinder als noch vor einem Jahr, irgendwann wird vielleicht niemand mehr hungern und dann verhungerst Du auch nicht mehr.

Es ist eigentlich müsig zu erwähnen, daß hier doch eigentlich nur tätiges Mitgefühl im Detail hilft, um das Kind vor dem Verhungern zu retten…

Mönch und Krieger

moench_und_kriegerNach der Lektüren von Konstantin Weckers neuem Buch ist mir wieder klargeworden, daß er wahrscheinlich einer der ganz wenigen ist, der mein Lebensmotto voll ausgelebt hat: „Täglich den Widerspruch gestalten!“

Den Leuten einfach mal eine freche These vor den Latz zu knallen! Das gefällt mir! Endlich mal nicht nur medienkonforme Weichgespültheit. Provokation ist doch auch der Ausdruck eines gefühlsmäßig verankerten Engagements, eines tiefen Gefühls von Gerechtigkeit und Liebe für die Welt.
Herr Wecker warum treten Sie denn oft so aggressiv auf? Man hat sich all zu gerne an die Leisen und Sampften gewöhnt, die lassen sich besser wegdrücken – vor allem in den Medien – aber wo steht geschrieben, daß der Habitus des bajuwarischen Polterns nur Franz Josef Strauß und der CSU vorbehalten wäre, man kann ihn durchaus auch mal für menschenfreundliche Themen einsetzen und nicht nur fürs Geschäft (ich gebe zu, das war polemisch).

Aber trotzdem – schließlich und endlich – kommt das Wort Aggression ja aus dem Lateinischen und leitet sich von dem Wort aggredere ab. Das bedeutet unter anderem „voranschreiten“ und an die Dinge „nahe herangehen“, also jemand der aggressiv ist, ist jemand, der sich nicht in der falschen, verwalteten Welt behaglich einrichten möchte, ohne rechts und links zu sehen, sondern der Veränderung möchte, der eben voranschreiten will und der nahe an die Dinge herangeht, um die Zusammenhänge besser zu verstehen, die er verändern will.
In manchen Schulen des Zen-Buddhismus, dem man ja nun wirklich keine militanten Ziele unterschieben kann, wir das Anbrüllen ja auch als Lehrmethode benutzt, um auf Zusammenhänge nachhaltiger aufmerksam zu machen. Auch das tibetische Streitgespräch lebt nicht nur von inhaltlichen Aspekten des Dharma, sondern auch vom Abbau innerer Gewalt durch brüllen.

Seit dem ich jedenfalls Weckers Buch „Mönch und Krieger“ gelesen habe, weiß ich endlich viel genauer, warum mir die Person Konstantin Wecker immer gefallen hat.

Da man in diesem Buch ganz grundsätzlich so viel lernen kann (auch weil es voll von wunderbaren Mantras ist!), wollte ich in meinem Blog nicht einfach nur für das Buch Werbung machen, sondern auch ein paar meiner Gedanken, die mir beim Lesen des Buch eingefallen sind, hier aufschreiben.

Wecker hat beim Vorstellen seines Buches Es geht ums Tun und nicht ums Siegen: Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit“, das er zusammen mit Bernard Glassman geschrieben hast, gesagt: „Ich würde mir einfach wünschen, das Spiritualität und politisches Engagement viel mehr zusammenkommen“. Diesem Wunsch ist mein Blog – der unter dem Motto steht: „Täglich den Widerspruch gestalten“ – auch sehr stark verpflichtet, deshalb habe ich mir auch das provozierende Konzept „bumap2.3“ ausgedacht, vor allem weil ich Schubladendenken und Ignoranz für ganz wesentliche Übel und Hemmnisse von uns allen halte.

Das Kapitel „Revolution beginnt innen“ hätte ich auch zum Grundlagentext meines Blogs nehmen können, wenn ich es vor einem Jahr schon gekannt hätte, im Grunde würde ich hier am liebsten das ganze Kapitel zitieren, was ich natürlich aus Urheberrechtsgründen nicht machen will, aber ich hoffe, daß es mir niemand übel nimmt, wenn ich wenigstens ein paar mir besonders wichtige Stellen daraus zitiere:

„wir brauchen keine Reformen, sondern eine Revolution […] Die Revolution beginnt mit einem Umstrukturieren nicht nur des eigenen, sondern auch des gesellschaftlichen Denkens. […] sie sollte beginnen mit einem Zusammenwachsen einer neuen Spiritualität mit einer engagierten sozialen Politik. […] Spiritualität […] eröffnet […] die Chance, sich selbstständig zu revolutionieren, sein eigenes Denken permanent zu hinterfragen, beziehungsweise es durch Stille und Schweigen erst zu entdecken. Das bedeutet auch, sich der Betriebsamkeit zu widersetzen, die uns mitreißt und mit der wir uns abzulenken versuchen. […]

Wir stehen unmittelbar vor dem Abgrund, und es ist schon lächerlich, stolz darauf zu sein, daß die Menschheit ein paar Raketen ins All geschickt hat, während sie gleichzeitig dabei ist, ihren Heimatplaneten zu zerstören. […] Mit einem Bruchteil der für Waffen ausgegebenen Gelder könnten alle satt werden. […]

Ich glaube nicht an Gewalt, und ich begrüße es, daß die überwältigende Mehrheit der auch jungen Mitstreiter in den verschiedenen modernen Protestbewegungen friedlich bleibt. […]

Zur Demokratie gehört der Ungehorsam. […] Damit wir unsere demokratischen und sozialen Errungenschaften erhalten können, müssen wir ungehorsam sein […]

Ich bin für eine Revolution, aber zunächst für eine Revolution des Geistes. Es muß eine Revolution sein, die anders ist als all jene, die wir in den  letzten Jahrhunderten erlebt haben. Man kann nicht mit einer kriegerischen Revolution ein friedliches Zeitalter einläuten. Es muß  eine Revolution sein, die nicht in Gleichschaltung und Kollektivismus ausartet, sondern eine Revolution der Einzelnen, in der jeder jedem auch seinen spezifischen Wahnsinn läßt. […] Das Einzige, was wir schon jetzt tun können und müssen, ist Arbeit auf den Gebieten des Geistes, der Kultur und der Bildung leisten. […]

Humanitäres Engagement ist für mich eine Brücke zwischen gesellschaftlichem Engagement und Spiritualität. Das konkrete tätige Mitgefühl ist quasi die Schnittstelle aus beiden Welten. […] Genügt es, den Armen Brot zu geben oder muß man das System angreifen. […] Meine Antwort ist: beides. Ich mißtraue allen Ideologen, die humanitäres Handeln ausschließlich unter dem Gesichtspunkt sehen, daß dadurch ‚das System‘ stabilisiert wird. […]

Ich will mir das Wort ‚Revolution‘, ebenso wie das Wort ‚Pazifismus‘, nicht mit Blick auf den Mißbrauch dieses Begriffs rauben lassen. […] Revolution bedeutet, in der Lage zu sein, sich selbst und sein Leben immer wieder umzuwälzen. Auf dieser Basis kann und soll dann längerfristig auch die Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse erfolgen.“ (siehe Seite 168 – 179)  So weit mal Kontantin Weckers wunderbarer Text.

An dieses Kapitel schließen sich Überlegungen zum Utopiebegriff an. Hier schließt sich für mich ein wichtiger Kreis. In der Tat bin ich auch der Meinung, das Utopie etwas Geistiges in der ansonsten verdinglichten Welt repräsentiert. Was uns  als Linke an dieser Thematik immer so zu schaffen macht, ist die orthodoxe Lehre vom Materialismus, die man immer im Hinterkopf hat, und die ja allen gesellschaftlichen Prozessen zugrunde liegen soll.

Ich bin der Meinung, daß im falschen Materiebegriff, der grundsätzlich hinter einer materialistischen Philosophie steckt, das Zentrum des Problems liegt. Würden wir unseren Materiebegriff stärker einer postmodernen, quantenphysikalischen Sicht öffnen, könnten wir viel eher verstehen, daß Materie kein Antipode zur Utopie ist, sondern die Utopie gerade im Zentrum der Materie zu finden ist. Materie, die ja letztlich wohl nichts als geronnene Quanteninformation oder wie Hans-Peter Dürr sagt, gefrorenes Licht ist, hat eine durch und durch utopische Wurzel, die kommt aber erst zum Vorschein (siehe dazu auch Blochs Vorstellung vom utopischen Vorschein), wenn niemand hinsieht, also wenn sie nicht wechselwirkt. Solange Quanten im Zustand der Superposition sind, also quasi im utopischen Meer der Möglichkeiten, sind sie an keinem festen Ort auszumachen, erst wenn wir sie beobachten, packen wir sie in eine bestimmbare Schublade bzw. schießen wir sie fein säuberlich getrennt durch den vorgeschriebenen Doppelspalt.

Man könnte also sagen: Materie ist geronnene Utopie, die immer da ist, weil sie die Wurzel von Allem, also auch von Leben ist. Nach dem Grundgesetz der Ähnlichkeiten sind alle unsere Utopien strukturell dieser einen großen Utopie nachgebildet. Wer also religiös ist, wer sich also rückverbindet zum Urgrund allen Seins, der landet bei dieser utopischen Wurzel des Seins. Mir egal, ob ein knallharter Betonphysiker sofort schreit: „das ist alles metaphysischer Eso-Kitsch“ weil ehrlich gesagt, die Kritik, daß das angeblicher Eso-Kitsch ist, kommt nur durch die poetische Sprachwahl zustande. Soll doch einer mir mal wirklich nachweisen, weshalb Ed Wittens M-Theorie (Stichwort Paralleluniversen) kein Eso-Kitsch ist, bloß weil der seine M-Theorie in eine für kaum jemand verständliche mathematische Form gegossen hat und deshalb eminent wichtig und natürlich sehr wissenschaftlich daher kommt.

Was mir jedoch an Konstantin Weckers Buch, beim Stichwort Parallel-Universen super gut gefallen hat, daß es diese Idee der Parallel-Universen mit den verschiedenen Facetten eines Menschen verglichen hat (siehe Seite 186), mir geht es nämlich schon ziemlich lange auf den Kecks, daß ganz viele Menschen dazu neigen, verschiedene Aspekte eines Menschen immer zu einer sogenannten Gesamtpersönlichkeit zu verrechnen, als ob man verschiedene Charakterzüge – wahrscheinlich ob man sie persönlich gut oder schlecht findet – mathematisch bewerten und sie dann summieren und subtrahieren könnte.
Da fühl ich mich immer sofort an den fantastischen Film „Per Anhalter durch die Galaxis“ (nach dem super Buch von Douglas Adams) erinnert und da natürlich an die Episode auf dem Planeten Magrathea, wo „Deep Thought “ der größte aller Computer, bevor es die  Erde gab, auf die Frage: „Was ist der Sinn des Lebens“, nach sieben Millionen Jahren Rechenzeit die Antwort gibt 42. Genau so kommt es mir vor wenn Menschen Facetten von anderen Menschen solange mit einander verrechnen, bis die Gesamtpersönlichkeit 38 herauskommt, anstatt wie es viel sinnvoller wäre, zunächst mal unbewertet die verschiedenen Aspekte nebeneinander stehen zu lassen um sich dann vielleicht im Detail damit auseinanderzusetzen oder sie eben gar nicht weiter bewerten. Diese Haltung ist völlig unabhängig davon, daß man sich gegen Personen mit menschenverachtenden Handlungsweisen zur Wehr setzen muß, auch wenn das immer gerne mit dem Verrechnen in einen Topf geworfen wird, dann heißt es immer, aber letztlich, aber letztlich ist nicht nur der Nazi „Schindler“, aber letztlich ist auch „Schindlers Liste“…

Das Zitat von Emile M. Cioran „Geschwätz ist jede Konversation mit einem, der nicht gelitten hat.“ aus dem Buch „Die verfehlte Schöpfung“, das Wecker auf Seite 193 zitiert, lenkt meine Gedanken noch mal auf das Thema Leid. In den Übersetzungen buddhistischer Texte wird das Wort „Leid“ ja relativ häufig verwendet, daß liegt natürlich vor allem an den „4 edlen Wahrheiten“ des Buddha, in denen es um den Pali-Begriff „dukkha“ geht, der zumeist mit „Leid“ übersetzt wird. Ich bevorzuge jedoch eher die Übersetzungsvariante „Angst“, weil sie meiner Meinung nach viel stärker den existentiellen Aspekt der Lebens-  und Todes-Angst betont und damit viel universaler alle fühlenden Wesen betrifft. In den 4 Wahrheiten geht es meiner Meinung nach eher um die Angst, ihre Ursachen, ihr Aufhören und den Schulungsweg, damit die Angst aufhört.

Es geht aber natürlich vor allem um die Freiheit, so wie sie Weckers Willy ausdrückt : „Freiheit, des hoaßt koa Angst hab’n vor nix und neamands“ (S.206)

Ich habe nicht selten Menschen getroffen, die das „Leid“ aus abendländischer Sicht völlig falsch als Funktion verstanden haben, sozusagen als Mittel zum Zweck, so nach dem Motto, nur wer viel Leid empfindet und erlebt hat, kann auch ein guter Buddhist werden. Nichts könnte dem Anliegen Buddhas ferner liegen, Angst, wie ich also lieber sage, ist ein Grundexistential, unter dem jeder Mensch steht und von dem er sich befreien kann, z.B. durch den buddhistischen Schulungsweg des achtfachen Pfads, im Detail gibt es natürlich so viele Wege, wie es Menschen gibt. Da Wecker ja auch noch das C.G. Jung Zitat bringt: „Ein kräftiges Leid erspart oft zehn Jahre Meditation“ wird der Eindruck, daß Leid sei Mittel zum Zweck leider noch etwas verstärkt, obwohl ich sicher bin, daß weder Konstantin Wecker noch C.G. Jung das so gemeint haben.

Das universale Mitgefühl, um das es Wecker ja in seinem Buch sehr stark geht, sollte sich auch ohne viel eigenes Leid entwickeln können. Leute, die mit viel Geld gesegnet sind, die Puppen tanzen lassen und feiern das die Schwarte kracht, werden sicher nicht das Gefühl haben, daß sie viel Leid in Ihrem Leben zu ertragen haben, und das Elend, daß sie bei einem Einkaufsbummel zwischen Granit- und Glasfassaden in Form eines obdachlosen Bettlers erleben, haben sie längst psychisch maskiert und als unvermeidlichen Zustand dieser Welt abgespalten.

Jetzt ist es ja nicht unbedingt sinnvoll, bei  einem derartigen YOLO-Typ zu warten, bis er einen schweren Autounfall mit seinem 911er hat oder sein ihm liebster Mensch stirbt, aber niemand kann soviel Partymachen, daß er nicht doch ab und an mit verschiedenen Spielarten seiner Lebensangst konfrontiert ist, an diesem Punkt kann, wenn er auf die richtigen Menschen trifft, doch plötzlich sich das maskierte Mitgefühl demaskieren. Das heißt nicht, daß er dann hinter her keine Party mehr macht, aber es wird sich etwas verändert haben, ein Same wird ganz langsam mit dem Aufgehen beginnen und schon am nächsten Samstag wird er vielleicht nicht mehr arrogant am Obdachlosen vorbeischlendern, sondern ihm zusammen mit einem guten Wort einen Euro in den Hut werfen. Ich hör da schon wieder etliche schreien: „Alles sozialromantischer Scheiß, dem fetten YOLO-Schwein gleich eins in die Fresse, was anderes versteht der doch nicht.“ Auch da schließt sich dann auch wieder der Kreis.

Ein anderer Aspekt kommt noch hinzu: Gerade bei dem Thema „Depressionen“, kommt man gar nicht weiter, wenn man darauf warten will, bis jemand durch eigene Depressionen Verständnis für einen durch und durch depressiven Menschen hat, bis dieser Glücksfall mal eintritt, ist der Depressive schon vom Dach gesprungen, also da bedarf es doch eines ganz tiefen, gelehrten Mitgefühls und der Empathie von Menschen, die selbst nichts ähnliches erlebt haben und die trotzdem nicht einem derart armen Menschen durch die Blume das Gefühl vermitteln, „stell Dich nicht so an, geh einfach mal kalt duschen“, wie es Wecker wunderbar beschrieben hat und das möchte ich noch hinzufügen, nicht wenige Depressive, die ja ständig auf solche Menschen stoßen, sind deshalb schon vom Dach gesprungen (pars pro toto natürlich).

Noch ein Beispiel, bei dem ich Mühe habe, die eigene Erfahrung zur Vorbedingung zu machen: Es ist – glaub ich – jedem klar,  daß ein Mensch, der die Grauen des letzten Weltkriegs noch mitgemacht hat und seit dem, also seit nunmehr 70 Jahren jede Nacht davon träumt, mit aller Kraft und aller Furchtlosigkeit, z.B. gegenüber Neonazis, auf die Straße gehen kann, und dafür auf der Grundlage seiner eigenen Erfahrungen streiten kann, daß es Nie wieder Krieg gegen soll. Aber! Es gibt doch auch jede Menge Menschen, die ein behütetes, materiell auskömmliches Leben, mit Strom aus der Steckdose und Geld vom Automaten geführt haben, auch die sollten sich ja – wenn möglich – einreihen und dafür ’streiten‘, daß es Nie wieder Krieg gibt, die kann man ja nicht als Vorbedingung erstmal in einen der vielen Kriege, die immer irgendwo auf dem Planeten geführt werden, schicken und sagen: Sammle mal erst Erfahrungen mit dem Krieg, dann wirst Du dich besser dafür einsetzen können, daß es Nie wieder Krieg gibt. Das würde zwar funktionieren, wäre aber wohl am Ziel vorbeigeschossen.

Es ist doch eigentlich die Aufgabe eines Künstlers, in welcher Kunstsparte auch immer, natürlich funktioniert’s bei Lieder besonders gut, die Menschen nicht nur zu unterhalten und ihnen fröhliche Stunden zu schenken, sondern auch, sie nachdenklich zu machen, sie aufzurütteln damit sie sich engagieren, ihnen Mut zu machen, sich darin zu vertrauen aus kleinen Erfahrungen auf große Zusammenhänge zu schließen, so daß dann wirklich aus dem alltäglichen Krieg mit sich, der Familie und Kollegen, die großen Zusammenhänge sichtbar werden.

Ja Konstantin Wecker hat recht: „Es ist an der Zeit, die Wahrheiten zu integrieren. Es ist an der Zeit, die Kriege zu beenden – die in unseren Herzen, in unseren Köpfen und die auf den Schlachtfeldern. All diese Kriege sind in Wirklichkeit ein einziger großer Krieg in uns selbst, entstanden aus der Angst, seine Vorstellung von sich und der Welt zur Verwandlung freizugeben.“ (siehe Seite 195)

Es ist wirklich wahr, diese Unversöhnlichkeit der verschiedenen Lager, wie er sie ab Seite 197 beschreibt, stelle ich auch seit Jahren immer wieder fest, wer sich politisch links verortet, lehnt jede Art von Diskussion über spirituelle Dinge brüsk ab, bei mehr an spirituellen Dingen Interessierten, herrscht bei politischen Themen totales Desinteresse und der Dalai Lama, der sich ja häufig auch ganz konkret zu politischen Themen äußert und sich sehr dafür einsetzt (ähnlich wie Küng es mit seinem Weltethos-Projekt getan hat) ethische Werte ohne einen religiösen/kirchlichen Hintergrund in den Gesellschaften zu integrieren, hat sich bei Deutschlands Linken sowieso total unbeliebt gemacht, weil man ihn zusammen mit Roland Koch gesehen hat und der dann auch noch behauptet hat, der Freund des Dalai Lamas zu sein. Die Häme, die in den Medien über den Dalai Lama ausgeschüttet wird, weil der ja angeblich mit jedem befreundet ist, ist doch sehr entlarvend, umgekehrt wird doch gerade ein Schuh daraus, was ist daran so schlimm mit allen Menschen befreundet zu sein, Freunde schießen nicht aufeinander. Aber klar das Verrechnen und die alltägliche Ignoranz sind immer am Werk.

Was ist tätige, alltägliche Ignoranz! Wecker erwähnt in seinem Buch häufig Eugen Drewermann, dessen Bücher ich ebenfalls sehr schätze, nun, tätige Ignoranz ist für mich, wenn jemand, der keine einzige Zeile von diesem Menschen gelesen hat, geschweige denn darüber nachgedacht hat, wenn der sagt: „Drewermann? Wer ist das denn? Ach ja, das ist doch der mit der Strickjacke und der weinerlichen Stimme, den kam man doch sowieso nicht erst nehmen.“

Aber das haben die großen Denker, die auch nur Kinder ihrer Zeit waren, leider auch getan und wir tun es leider alle auch immer wieder. Ernst Bloch, den ich wirklich sehr schätze, hat z.B. von Rudolf Steiner immer nur sehr abfällig vom „lunatischen Steiner“ und in der Tat vom reaktionären Jung gesprochen, da war er halt voll auf der damals gültigen, marxistischen Linie, in anderen Fällen hat er wieder sehr positiv über Walter Benjamins „Aura-Theorie“ gesprochen, eine Theorie, die für Sheldrakes „morphische Felder“ sehr fruchtbar gemacht werden kann, also die ihrer Zeit weit voraus war. Sheldrake hat wiederum behauptet, seine morphischen Felder, die sehr stark wandlungsfähig seien, hätten nichts mit C.G. Jungs statischem, kollektiven Unbewußten zu tun. Und so  geht’s halt immer munter weiter, soll man das denn jetzt alles miteinander verrechnen und am Schluß kommen die einen ins gute Töpfchen und die anderen ins schlechte Töpfchen, und dann Deckel drauf und fertig.

Ein gutes Buch setzt immer viele Dinge im Leser in gang, ich merke, mein Beitrag wird immer länger und länger, vielleicht sollte ich jetzt doch mal so langsam zu Schluß kommen, aber eh ich das tue, möchte ich doch noch mal in Weckers Buch etwas zurückgehen, er zitiert auf Seite 73: „Die wahren Abenteuer sind im Kopf (und sind sie nicht im Kopf dann sind sie nirgendwo) wie ich das André Heller Zitat noch ergänzen möchte. Dann schreibt er weiter „Ich habe meine Abenteuer immer ganz körperlich und real zu erleben versucht,“

Mir ist schon klar, was er damit meint, wenn er das kalte, analytische Zerlegen von Erlebnissen dem prallen, unmittelbaren Lebensgenuß, also dem körperlichen, realen Leben kontrastierst, das einfach auch mal die Ratio ausschalten will. Ich möchte aber doch mal zu bedenken geben, daß das auch nur wieder einer dieser miesen Tricks ist, die sich der Neocortex über Jahrtausende ausgedacht hat und unser Bewußtsein damit an der Nase herumführt und ihm suggeriert, wir würden quasi etwas ganz direkt ohne den Umweg des Verstandes erleben können.

In Wirklichkeit – also sagen wir mal genauer aus neurowissenschaftlicher Sicht – drängt sich unser Neocortex überall dazwischen, macht und tut, bewertet ohne Ende, vergleicht, berücksichtigt gesellschaftlich antrainierte Erlebnisschranken und Verhaltensweisen und am Schluß kommt das ganze abenteuerliche Erlebnis ganz spontan und unbewertet rüber. Ja mit dem Neocortex ist es ein bisschen so, wie mit dem Kapitalismus, Du glaubst, Du hast jetzt mal wirklich was ganz Antikapitalistisches gemacht und hast dich seiner universalen Kapitalverwertungsgier entschlagen, schon hängt er sich wieder dazwischen und kommt grinsend um die Ecke.

Naja wie wir ja alle aus Konstantin Weckers Liedern schon wissen: „Genießen war noch nie ein leichtes Spiel“, denn leider wird eine Erfahrung erst durch unsere neuronale Verarbeitung zur Genußerfahrung. Nur durch diese Zwischenverarbeitung können sich zwischen die Erfahrung und unsere Genußerfahrung so viele Hemmnisse dazwischen schieben, alle möglichen gesellschaftlichen Doktrin, die uns daran hindern wollen, eine Erfahrung mit vielen positiv besetzen Gefühlsmarkern als Genußerfahrung in unseren Speichern abzulegen.

Also ein Abenteuer wahrhaft als Abenteuer in den Kopf zu bekommen – und das Abenteuer Leben ist ja wohl wirklich ein Abenteuer – ist kein leichtes Spiel, noch dazu, wenn man bedenkt, daß durch die ständige Reizüberflutung der Neocortex sowieso immer öfter die Schotten dicht macht. Kein Wunder, daß es jede Menge Leute gibt, die ständig zu Abenteuerreisen rund um den Globus unterwegs sind und die hinterher mit einem leeren Kopf an Erinnerungen und Abenteuern zurückkommen. Gottseidank gibt es aber auch Ameisenforscher, die  tagelang geduldig einem Ameisenstaat dabei zusehen können, wie die Ameisen jede Menge Abenteuer bestehen und die nach ihrer Forschungsexpedition mit jeder Menge an Abenteuern im Kopf zurückkommen.

Ich würde sagen, auch wenn das Genießen kein leichtes Spiel ist, versuchen wir so viel wie möglich davon in unseren Kopf zu bekommen und wie Wecker selbst ja auf Seite 155 beschreibt, sind die Abschrankungen, die durch z.B. eine linke Ideologie entstehen, auch nicht so leicht zu überwinden, es ist also eine subversive, revolutionäre Tat manche Genußerfahrungen wirklich in den Kopf zu bekommen, wenn man von allen Seiten nur hört, daß man sich doch diesen Kitsch schenken solle, weil Genuß doch konterrevolutionär ist.

Weil mir das Thema Mitgefühl so wichtig ist, möchte ich auch auf diesen Aspekt nochmal aus einem anderen Blickwinkel zurückkommen.
Natürlich tabuisieren wir viele Bereiche, die uns Schmerzen zufügen könnten, wenn wir uns mit ihnen auseinandersetzen würden. Wenn wir keine Gefühle aufkommen lassen, brauchen wir auch kein Mitgefühl zu üben, weder mit uns noch mit anderen. Wir haben eben Angst vor jeder Art von Materie, die uns bedroht und nur wenn wir Materie als festumbauten Raum begreifen, den wir handhaben und in eine Schublade stecken können, dann beruhigen wir damit unsere Angstgefühle. Dieser Umstand ist sicher einer der tieferen Gründe, warum wir uns nach über 80 Jahren Quantenphysik immer noch so schwer mit diesem unbestimmten Denken und dem Materiebegriff als geronnener Quanteninformation, tun. Wenn mehr Menschen den Denkansatz Hans-Peter Dürrs (den Wecker ja auch öfters zitiert) nachvollziehen würden, der konsequenterweise nicht mehr von Teilchen sondern von „Wirks“ spricht und dies unserer „Apfelpflücksprache“ kontrastiert, könnte sich auch viel ändern und unsere ständige Angst vor der sich ständig wandelnden Materie und vor der Veränderung allgemein würde eine andere werden.

Mitgefühl mit allen fühlenden, lebendigen Wesen, wie es im Buddhismus praktiziert wird, geht weit über das Mitleid, daß immer ein Herrschaftsgefälle mit einschließt, hinaus und wahres Mitgefühl setzt voraus, daß man die Angst vor sich selbst, die man  immer mit einem übergroßen Ego und tausenderlei schillernden Bildern von sich selbst überschminkt hat, überwindet. Auch deshalb gefällt mir Konstantin Weckers Buch so gut, denn es bebildert (z.B.  ab Seite 109ff) auf wunderbare Weise das, was Buddhisten meinen, wenn sie sagen: „drop your ego, befreie dich von deinem übergroßen Ego und den illusionären Bildern, die du von dir hast, werde einfach der du bist …“

Ich empfinde Weckers Buch als sehr mutig und ermutigend, weil er sich ganz offen dem Gelächter der sogenannten knallharten Realisten aussetzt, die vieles von dem, was er erzählt in der Tat als „Banalen Quatsch!“ (Seite 113) bezeichnen würden, wenn sie es denn läsen. Dazu kann ich nur sagen, aus Lebens- wie aus Leseerfahrung heraus: An Stellen, an denen am meisten geschimpft und polemisch vernichtend kritisiert wird, liegt meistens der Hund begraben. Ich erinnere nur mal an Freuds Bollwerk gegen die „schwarze Schlammflut des Okkultismus“, das er gerne mit C.G. Jung aufbauen wollte, wenn der ihm nicht an dieser Stelle die Gefolgschaft versagt hätte.

Darüber hinaus hat das Spirituelle für den Kapitalismus auch immer den „unangenehmen“ Nebeneffekt, daß man einfach nicht mehr so viel konsumieren muß, wenn man sich erstmal der Leere, die man mit Konsum zuschütten wollte, also wenn man sich der Hohlheit des vielen Konsums bewußt geworden ist. Das passiert meistens, wenn man nach echten Sinnkategorien des Lebens fragt und dann ist man halt sehr schnell bei  spirituellen Themen und wenn diese Themen um sich greifen würden, oh je was wäre dann mit unserem Wirtschaftswachstum. Deshalb sollte man das Spirituelle schon aus wirtschaftlichen Gründen total ablehnen, schließlich geht’s doch um Arbeitsplätze. Aber Gott sei Dank geht’s ja dann doch nicht um Arbeitsplätze sondern um Profit und der Kapitalismus wäre nicht der Kapitalismus, wenn er nicht auch da Abhilfe schaffen könnte, der Eso-Markt ist ja inzwischen ein millionenschwerer Business geworden und da kommt es dann auch nicht mehr darauf an, wieviel Schaden man hilfs- und mitgefühlbedürftigen Menschen zufügt, da darf mal halt nicht so zimperlich sein, dazu ist man doch Realist genug.
Auch dafür danke ich Konstantin Wecker, daß er in seinem Buch hier eine klare Differenzierung vornimmst und weiter hinten auch mal ordentlich den Eso-Markt – natürlich mit Worten – abwatschst.

Ich danke auch dafür, daß er den wunderbaren Friedrich Weinreb in seinem Buch zitiert, ihm sozusagen einen Kieselstein auf seinen Grabstein legst. Nachdem 2010 Christian Schneider, der Herausgeber der Schriften Weinrebs ebenfalls verstorben ist, steht zu befürchten, daß Friedrich Weinreb – wie der Chassidismus insgesamt – fast dem vollständigen Vergessen anheim fallen wird.

Danke auch für die Ausführungen zum Thema „Memento mori“, zur Hospizbewegung und vor allem auch danke für die Überlegungen zum Thema „nutze den Tag, als wenns dein letzter ist“. Ich finde, es ist wirklich wichtig, mal ein paar Dinge, die den „Carpe diem Terror“ (so wie ich ihn inzwischen nenne) betreffen, in ein anderes Licht zu rücken. Viele Leute haben ja inzwischen Banner über der Tür und Fußmatten vor der Tür, alle im Baumarkt gekauft, auf dem zu lesen steht „carpe diem“ und was viele darunter verstehen, stellt man dann auch gleich fest,  genau das, was Wecker in seinem Buch beschreibt, nämlich täglich 24 Stunden die Sau raus lassen, alles mitnehmen bis die Schwarte kracht, kurz mal zwischendrinn arbeiten gehen und dann gehts aber auch gleich schon wieder los zum „carpe diem bowling“, alle Neune wer bietet mehr.

Das hat ja nun wirklich sehr, sehr wenig damit zu tun, was Buddhisten damit meinen, wenn Sie sagen, man solle jeden Tag so nutzen, als wäre es der letzte, nämlich genau das, was Du schreibst: Mit sich und den Menschen im Reinen zu sein (Seite 124)!

Ich würde sagen, es wäre schön, wenn die auf Äußerlichkeiten programmierten Selbstoptimieren, auch mal ihr Denken etwas optimieren würden, es könnte dies in Anbetracht der echten, inhaltlichen Probleme auf diesem Planeten nichts schaden. Sie könnten ja mal Konstantin Weckers Buch dafür zur Hilfe nehmen.

Als vorläufig letzten Punkt möchte ich aber doch noch etwas zum Thema Karma (ab Seite 100) sagen.

Ich kann gut nachvollziehen, daß Wecker einen dicken Hals bekommt, wenn ein Eso die industrielle Massenvernichtung der Juden durch die Nazis in einen Zusammenhang mit dem Karma-Gedanken bringt, das ist Schwachsinn und hängt viel mehr mit der christlichen Vorstellung des alles sehenden und gerecht strafenden Gottes zu sammen, den er ja auch in seinem Buch so detailreich schildert. Aber! Natürlich kommt jetzt wieder das „aber“, wenn wir die Menschheitsgeschichte nicht als einen langen, ruhigen Fluß begreifen, von dem wir abhängen und dem wir gegenüber verantwortlich sind, sondern dem goldenen YOLO-Kalb huldigen, dann passiert es eben, daß wir nur aus kurzfristigem Profitstreben einfach mal die grüne Lunge dieses Planeten platt machen. Eine hundertjährige Eiche zu Brennholz zerhacken – also bitte – da wäre mir ein bisschen Karmadenken schon recht…

Darüber hinaus, wer echtes, also belastbares, tätiges  Mitgefühl in sein Leben und Handeln integriert hat, der kann gar nicht auf so absurde Argumentationen verfallen, wie Wecker sie in seinem Buch zu Recht negativ zum Thema Karma zitiert hat.
Ich gebe gerne zu, daß der Begriff des Karmas durch ständigen, unsinnigen Gebrauch (ich denke nur an das Buch „Mieses Karma“) zu einem Wort geworden ist, das man eigentlich nicht mehr benutzen sollte, wenn es einem um die Sache geht, die Sache ist aber in der Tat die von Ursache und Wirkung! und hat erstmal gar nichts mit moralinsaurem Geschwätz am Hut.

Was mir an buddhistischem Denken so gut gefällt und an dem Gedanken des universalen Mitgefühls, ist, das Buddhisten durch achtsame Bewußtseinserforschung in der Lage sind jedem schnellen Bewerten mit erhobenem moralischen Zeigefinger zu entgehen.

Wie Wecker ja auch in seinem Buch referiert, bestimmt sich für Buddhisten der Wert eines Lebens durch die eigenen Handlungen und nicht durch die  moralisch astreine Kritik von anderen und so heißt Karma für mich zum einen Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen, in meinem Handeln, so gut es mir halt möglich ist, alles zu vermeiden, was fühlenden Wesen nicht nur in der Gegenwart sondern auch in der Zukunft Leid zuführen kann. Beispiel: Dringend notwendige Lebensmittel (alle 5 Sekunden verhungert ein Kind unter 10 Jahren auf diesem reichen Planeten) in Agrartreibstoffe zu verwandeln und dabei ein gutes Gefühl zu haben, „Biodiesel“ zu fahren, ist mit dem Gedanken des Karmas – Ursache und Wirkung – nicht vereinbar. Wer den Gedanken des Karmas beherzigt, dem geht’s einfach nicht am A. vorbei, daß kommende Generationen keine Lebensgrundlage mehr haben.

Das Karma-Konzept ist halt einfach kein YOLO-Projekt – das muß man zugeben, aber ehrlich gesagt mit einem Konzept, das davon ausgeht, das man es jeden Tag krach lassen muß, weil schließlich, man lebt ja nur einmal – you only lives once, sind wir genau so weit gekommen, daß es niemanden mehr interessiert, was meine Handlungen heute, mein Macht und Gewinnstreben, mein Raubbau der Resourcen für diesen Planeten und unsere Lebensgrundlagen morgen bedeuten werden. Feiern ist ok – aber bitte mit einem footprint von 1!

So heißt Karma für mich eben auch ständig in Achtsamkeit die Wirkungen, die Konsequenzen meines Handels zu bedenken. Unser Problem auf diesem Planeten ist doch gerade, daß wir uns den Konsequenzen, die aus unserem Handeln erwachsen, nicht mehr stellen wollen, weil wir einerseits unser Handeln – zum Beispiel maximal Geld zu scheffeln – nicht aufgeben möchten, andererseits dieses Handeln inkompatibel ist, mit einem vernünftigen, ressourcenverantworlichen Leben. Die Probleme, die aus unseren Handlungen entstehen, können wir nicht lösen, deshalb spalten wir in unserer Psyche immer mehr Themen ab, über die wir nicht mehr nachdenken und nicht mehr reden wollen oder wir verpacken sie in nette, nachhaltige Eierkartons, die wir dann beim Discounter erwerben – Thema erledigt…

Genau an diesem Problem setzt der Karma-Gedanke an, Ursache und Wirkung. Kleines Beispiel: Weil wir gerne Eier essen, lassen wir zu, daß mit jedem Ei gleichzeitig niedliche, kleine, männliche Küken lebendig geschreddert oder vergast werden (da kennen wir uns ja aus).

Und noch ein wichtiger Punkt fällt mir zum Thema Karma ein: Wenn wir auf diesem Planeten für uns als Menschen noch etwas reißen wollen, dann kann es nur dadurch passieren, daß wir uns für diesen Planeten und unser Überleben auf diesem Planeten sinnvoll weiterentwickeln, darüber schreibt Konstantin Wecker ja im zweiten Teil seines Buches sehr viel, was man nur 100%ig bejahen kann.

Für mich spielt aber bei dem Thema Karma und Weiterentwicklung der Gedanke Rudolf Steiners von der Ewigkeit des Lebenskerns (der zum Urgrund unseres Seins gehört) eine wichtige Rolle, das Karma ist der Mechanismus, der diesen Lebenskern weiterträgt, in Anlehnung an Klaus Volkamer, der im Feinstofflichen Bereich – wissenschaftlich korrekt – wirklich echte Pionierarbeit leistet, spreche ich lieber von einem verschränkten Quantenfeld als Teil des riesigen, vereinten Quantenfelds, als vom Lebenskern (obwohl ich das Wort schöner, aber auch angreifbarer finde). Normalerweise halte ich mich mit dieser Thematik immer sehr zurück, weil ich da sowieso immer nur Kopfschütteln und Desinteresse ernte, aber da Wecker ja in seinem Buch auch erwähnt, daß er Steiner gelesen hat wage ich es an dieser Stelle trotzdem mal wieder.

Also! Wenn dieser Lebenskern durch ensprechende Achtsamkeit und Konzentration von einem Leben zum nächsten immer gepflegt wird, kann er sich entfalten und weiterentwickeln, wird er jedoch in einem Erdenleben lieblos und wenig achtsam behandelt, zerfällt er einfach nach dem Tod, soweit mal Steiners Interpretation, zumindest wie ich sie verstehe. Konstantin Wecker erzählt in seinem Buch viel über Spiritualität und auch öfter über Meditation, gerade diese beiden Begriffe stehn doch für einen intensiven, konzentrierten Dialog mit dem Lebenskern, der geistigen Welt oder dem vereinten Quantenfeld, es ist eigentlich wurscht wie man es nennt, Hauptsache man tut es – das nenne ich Arbeit am Karma – Wecker nennt es auf Seite 112 das Erarbeiten der Seele, das Ringen um die Seele, um den Sinn des Daseins.

Karma ist der Flavour des Lebens!

Auch ein Genie wie Mozart – den Wecker ja auch erwähnt – kommt nicht als tabula rasa auf die Welt, so einer wie Mozart hat einfach unglaublich viel Schwein gehabt, daß frühere Träger seines Lebenskerns achtsam und entwickelnd mit diesem Lebenskern umgegangen sind und er in seiner Materialisierungsphase (also seinem doch recht kurzen, aber intensiven Leben) sofort aus dem Vollen schöpfen konnte  und mir scheint, daß auch Konstantin Wecker bei der sehr frühen Entfaltung seiner musikalischen Begabungen natürlich auch durch die große Unterstützung, die er sicher in seinem Elterhaus erfahren hat, schon am Anfang seines Lebens gleich in die Vollen gehen konntest, die Arbeit am Karma, die frühere Träger seines Lebenskerns geleistet haben, hat sich doch wohl gelohnt, wenn man an die vielen positiven Dinge, Wirkungen denkt, für die Konstantin Wecker die Ursache ist.

Es gibt soviele gebrochene Menschen, die einfach nicht das Glück hatten, das ein toller Lebenskern mit einem super Elternhaus – wie bei Konstantin Wecker – zusammenkommen und für die man eben auch Mitgefühl entwickeln sollte, selbst wenn man selbst diese Erfahrungen nicht gemacht hat. Ich danke Konstantin Wecker, daß er an dem Glück, das er in seinem Leben hatte, andere Menschen teilhaben läßt. Daran erkennt man eben die Stärke seiner Persönlichkeit.

Die Insignie einer starken Persönlichkeit ist der kaum zu brechende Wille, ein Geschenk, das nur wenigen zuteil wird, dahin zu kommen, ganz offen und frei auch über seine Schwächen zu sprechen, wie Wecker es in diesem Buch vor einem Millionenpublikum tut, verlangt eben auch eine sehr starke Persönlichkeit.

Konstantin Wecker erinnert mich oft an Milarepa, der Weise aus dem Himalaya, der mit seinen 1000 wunderschönen Liedern die Menschen im 12. Jh. erfreute, ihnen Mut gab und sie aber auch auf freundliche Weise durch seine Lieder belehrte. An diesem Milarepa ist für mich in diesem Zusammenhang aber etwas ganz anderes interessant, es ist dieser ungeheure Wille, den man auch bei ihm sieht. Marpa, Milarepas spiritueller Lehrer, hat ihn Jahre lang wie den letzten Dreck behandelt, dann mußte er auch noch mit einem dünnen Kittelchen bekleidet in einer eiskalten Höhle im Himalaya 9 Jahre einsam meditieren und erst dann wurde er zu dem Yogi der 1000 Lieder, wie ihn heute alle kennen.

Der Wille ist es, täglich sich nicht zu schonen, in den Ring zu steigen mit sich selbst und wenn man mal von sich selbst wieder so richtig eine verpaßt bekommen hat, weil man voreilig und siegessicher schon aus der Deckung gekommen war, dann wieder aufzustehen, weiterzumachen und am Ende sein Gegenüber (sein eigenes Selbst) zu umarmen, das ist für mich Wille.

Einen Gefängnisaufenthalt zur eigenen, zur spirituellen Entwicklung zu nutzen und dabei noch einen wahrscheinlich mehr oder weniger kalten Entzug durchzustehen und als Person – nicht als Ego – gestärkt aus dem ganzen hervorzugehen, das können einfach nur wenige Menschen, die meisten zerbrechen täglich an solchen Herausforderungen, man kann ihnen das nicht vorwerfen, es ist einfach kein zu verallgemeinerndes Rezept,  da braucht’s halt doch die 3 Faktoren, die auf glückliche Weise zusammenkommen müssen: Ein starker Lebenskern, eine starke Unterstützung im Elternhaus und der eigene Wille aus diesen Anlagen etwas zu machen.

Und genau nach diesem Schema kann es weitergehen und was das Schöne an diesem Schema ist, wir brauchen gar nichts Außersinnliches mehr, weil wir einfach durch Karma-Arbeit alle unsere Sinne wieder so schärfen und erweitern, daß wir Dinge, die andere übersinnlich, außersinnlich, mystisch, wissenschaftlich nicht messbar usw. nennen, ganz normal in jedem Augenblick wahrnehmen, als würde das Telefon klingeln. Daß wir so viele Dinge als etwas ganz Besonderes wahrnehmen, wenn wir sie überhaupt wahrnehmen, liegt daran, daß wir in seltenen Momenten der Verkümmertheit unserer Sinne inne werden und damit gleichzeitig einen kleinen Zipfel von der Größe und Schönheit der Natur auf diesem Planenten erleben. Dann werden wir EINS – treten in vollkommene Resonanz mit allem Sicht- wie Unsichtbaren (was dann allerdings nicht mehr unsichtbar ist) erleben das Wunder im Alltäglichen...

Ab Seite 128 schreibt Wecker über den Schatten des Kriegers, also entsprechend der analytischen Psychologie C.G. Jungs von der dunklen Seite seiner Psyche, die er hat, die er aber auch nicht wahrhaben will. Das ganz vorbildhaft Große an Weckers Buch ist aber gerade, daß er immer wieder die „Insignien“ seines Schattens so deutlich und klar benennt, sie also aus dem Schattendasein heraus ans Licht zerrt, und es ist immerhin das erbarmungslose Licht der Öffentlichkeit. Eine antifaschistische Grundhaltung zu entwickeln, funktioniert auch meiner Meinung nach viel nachhaltiger, wenn ich frank und frei erkenne und auch verbalisiere, wie viel von dieser Grundhaltung auch in mir selbst vorhanden ist, als wenn ich immer nur mit dem moralischen Zeigefinger auf die Anderen zeige und bei der erstbesten Gelegenheit mein antifaschistisches Kartenhaus zusammenfällt. Fantastisch die Beschreibung seines Schattens, die er auf Seite 130 gibt – vielen Dank dafür.

Wenn man den 2. Grundsatz der französischen Revolution statt mit Gleichheit mit Gerechtigkeit übersetzt, was mir wesentlich angenehmer ist, dann kann man doch wohl sagen, daß alle 3 Grundsätze vollkommen auf Weckers politisches Engagement zutreffen, weil sie wahrscheinlich auch auf seine ganze Person zutreffen: Freiheit – Gerechtigkeit – Brüderlichkeit (natürlich auch Schwesterlichkeit, was soll man rumreden, Solidarität eben).

Ja ganz genau! „Der Vogel der großen Revolution des Mitgefühls braucht also zwei Flügel, um abheben zu können: einen politisch-weltlichen und einen spirituell-geistigen.“ (Seite 206)

Ich sagte es schon am Anfang dieses Beitrags. Für mich ist Konstantin Wecker ein Mensch, der auf ganz besondere Weise mein Lieblingsmotto lebt: „Täglich den Widerspruch gestalten!“

„Kein noch so klug durchdachtes System ist es wert, auch nur ein einziges Menschenleben dafür zu opfern“, also „Laßt Ideologien und nicht Menschen sterben!“

Zwei Welten und ein Gedanke

Weit, weit entfernt von allen Schubladen, in die man sie schon versucht hat hineinzustopfen, empfinde ich gegenüber zwei großen Denkern eine ganz besondere Wertschätzung: Buddha und Marx.

Beide sind in einem sehr positiven Sinne „radikal“, beide gehen an die Wurzeln der Probleme heran. Der eine – Buddha – konzentriert seinen Blick auf den einen Menschen, mit all seinen Bewußtseinsebenen, seinen Ängsten und Hemmnissen, der andere – Marx – sieht den Menschen als Getriebenen, in den gesellschaftlichen Strukturen Gefangenen.

Dementsprechend will Buddha den Menschen ändernMarx die gesellschaftlichen Strukturen – beide wollen das Glück als zentrale Kategorie!

In diesem Grundsatzartikel möchte ich ganz kurz die beiden Denker vorstellen:

Buddha war ein Meister des MitgefühlsBuddha

Das Wort „Buddha“ bedeutet „der Erwachte“  und wird vor allem für den indischen Religionsstifters Siddhartha Gautama. Buddha Shakyamuni, wie man ihn oft auch nennt (also der Erwachte/Weise aus dem Geschlecht der Shakya) hat in der Achsenzeit (Karl Jaspers) des 5. vorchristlichen Jahrhunderts gelebt, so rund  zwischen 563 v. Chr. und 483 v. Chr. (die Zahlen schwanken etwas hin und her – je nachdem welcher wissenschaftlichen Meinung man sich anschließen will) also etwa 100 Jahre vor Sokrates in Griechenland. Das 5. und 4. vorchristliche Jahrhundert war in Asien und in Europa eine sehr dichte Zeit, wobei ich in späteren Beiträgen mal etwas darüber schreiben möchte, daß nicht jede Analogie auch Genealogie bedeutet…

Buddha wuchs in adligen und sehr wohlhabenden Verhältnissen auf, alle im Palast trachteten danach, ihn nicht mit den leidvollen Dingen des Lebens zu konfrontieren. Eines Tages sah er sich aber doch der Realität des Lebens und dem Leiden der Menschheit gegenübergestellt und erkannte eine Sinnlosigkeit in seinem bisherigen Leben: Die Legende berichtet von Begegnungen mit einem Greis, einem Fieberkranken, einem verwesenden Leichnam und schließlich einem Mönch, woraufhin er beschloss, nach einem Weg aus dem allgemeinen Leid zu suchen.

Mit 29 Jahren, bald nach der Geburt seines einzigen Sohnes Rahula („Fessel“), verließ er sein Kind, seine Frau Yasodhara und seine Heimat und wurde auf der Suche nach der Erlösung ein Asket. Sechs Jahre lang wanderte der Asket Gautama durch das Tal des Ganges, traf berühmte religiöse Lehrer, studierte und folgte ihren Systemen und Methoden und unterwarf sich selbst strengen asketischen Übungen. Da ihn all dies seinen Zielen nicht näher brachte, gab er die überlieferten Religionen und ihre Methoden auf, suchte seinen eigenen Weg und übte sich dabei vor allem in der Meditation. Er nannte dies den „Mittleren Weg“, weil er die Extreme anderer religiöser Lehren vermeiden wollte.

Mit 35 Jahren, am Ufer des Neranjara-Flusses bei Bodhgaya unter einer Pappelfeige (Bodhibaum) sitzend wurde er erleuchtet, was jedoch nicht etwa eine göttliche Eingebung bedeutet, sondern ein vollständiges Wachsein. Nach dem Erwachen hielt der Buddha, im Wildpark bei Isipatana nahe Benares vor einer Gruppe von fünf Asketen, seinen früheren Gefährten, seine erste Lehrrede. Damit setzte er das Rad der Lehre in gang. Diese fünf wurden damit die ersten Mönche der buddhistischen Mönchsgemeinschaft (Sangha). Von jenem Tage an lehrte und sprach er 45 Jahre lang – jenseits aller Kastenordnungen –  vor Männern und Frauen aller Volksschichten, vor Königen und Bauern, Brahmanen und Ausgestoßenen, Geldverleihern und Bettlern, Heiligen und Räubern.

Die 3 Kostbarkeiten sind also nicht nur ein Spezialgericht beim Chinesen um die Ecke, sondern auch die Juwelen, die Schätze der buddhistischen Gemeinschaft: Der Buddha, der Dharma, die Sangha. Buddhisten nehmen also Zuflucht zu diesen 3 Schätzen, der Person des historischen Buddha – die strenggenommen kein Gott ist sondern nur ein Vorbild – die Lehre dieses Buddha, der Dharma – und die Gemeinschaft all derer, die die Lehren des Buddha im täglichen Leben praktizieren, die Sangha (ursprünglich was damit nur die Mönchsgemeinschaft gemeint).

Im Alter von 80 Jahren verstarb Gautama der Legende nach in Kushinagar, nachdem er ein verdorbenes Gericht verzehrt haben soll.

Die Lehre Buddhas geht von 4 Wahrheiten aus:

Es ist dies die Wahrheit von der Angst, ihres Ursprungs, ihres Aufhörens und des Weges, der zu ihrem Aufhören führt.

Diese 4 Wahrheiten sind keine Glaubenssätze sondern Handlungsaufforderungen:

Die Angst muß zunächst verstanden werden, dann muß von ihrem Ursprung abgelassen werden und auf dem Weg des Alltäglichen dieses Aufhören verwirklicht werden. Um dies alles zu realisieren bedarf es eines Schulungswegs, auf dem die ersten 3 Wahrheiten geübt werden können.

Diesen Übungsweg, der sich in 3 Gruppen aufteilt, nennt der Buddha den 8fachen Pfad zum rechten Leben:

I. Weisheit

1 Rechte Erkenntnis (ist die Einsicht in die Vier Edlen Wahrheiten von der Angst, ihres Ursprungs, ihres Aufhörens und des  Achtfachen Edlen Pfades, der zu ihrem Aufhören führt).

2 Rechte Gesinnung (ist die Aufforderung, die Gedankenwelt ständig zu prüfen: Handelt es sich um einen heilsamen Gedanken, also einen Gedanken, der mir und den anderen Wohl beschert, oder um einen unheilsamen Gedanken, der mir und anderen Ungemach oder Leiden beschert?).

II. Sittlichkeit

3 Rechte Rede (meidet Lüge, Verleugnung, Beleidigung und Geschwätz)

4 Rechtes Handeln (vermeidet Töten, Stehlen und sinnliche Ausschweifungen

5 Rechter Lebenserwerb (bedeutet  einen Beruf auszuüben, der anderen Lebewesen nicht schadet und der mit dem Edlen Achtfachen Pfad vereinbar ist. Buddhisten sollen besonders fünf Arten von Tätigkeiten weder selbst ausüben noch Andere dazu veranlassen: Der Handel mit Waffen, der Handel mit Lebewesen, die Tierzucht und der Handel mit Fleisch, der Handel mit Rauschmitteln, der Handel mit Giften).

III. Konzentration

6 Rechtes Streben (oder rechte Einstellung bezeichnet den Willen, Affekte wie Begierde, Hass, Zorn, Ablehnung usw. bei Wahrnehmungen und Widerfahrnissen zu kontrollieren und zu zügeln. Wie beim „rechten Denken“ geht es hier um das Prüfen seiner Gedanken, und das Austauschen unheilsamer Gedanken durch heilsame Gedanke)

7 Rechte Achtsamkeit (betrifft zunächst den Körper, also die Bewusstwerdung aller körperlichen Funktionen wie Atmen, Gehen, Stehen usw., dann im weiteren die Bewusstwerdung gegenüber allen Sinnesreizen, Affekten und allen Denkinhalten. Sie sollen umfassend bewusst gemacht sein, ohne sie kontrollieren zu wollen. Die Achtsamkeit auf das „Innere“ prüft die Geistesregungen und benennt sie. Es geht um ein Bewusstwerden des ständigen Flusses der Gefühle und der Bewusstheitszustände. Die Achtsamkeit auf das „Äußere“ bewirkt, ganz im Hier-und-Jetzt zu sein, nicht der Vergangenheit nachzugrübeln und nicht in der Zukunft zu schwelgen. Das heißt auch ganz bei einer Sache oder Person zu sein, mit der man in diesem Augenblick konfrontiert ist, oder bei einem Gespräch, das man führt).

8 Rechte Sammlung (bezeichnet die Fertigkeit, den unruhigen und abschweifenden Geist zu kontrollieren. Häufig auch als höchste Konzentration bezeichnet, ist sie ein zentraler Teil der buddhistischen Spiritualität. Es geht hier im Wesentlichen um die Meditation, die vor allem die Konzentration auf ein einziges Phänomen (häufig der Atem) verwendet, wodurch der Geist von Gedanken befreit wird und zur Ruhe kommt.

Wie man sieht geht es beim Buddha auf der Basis einer ganz klaren ethischen Grundlage um die Bewußtseinsschulung des Einzelnen.

In einzelnen Beiträgen werde ich immer wieder darauf zurückkommen.

Lebensdaten siehe Wikipedia >>>

Ich komme zu dem zweiten Denker, dem ich sehr große Wertschätzung entgegenbringe und der im 20. Jahrhundert ganz besonders viel an Schubladen-Zuweisungen ertragen mußte, so daß man heute sich fast schon der Verteidigung des Massenmords (z.B. Stalins und Maos) schuldig macht, wenn man es wagt etwas Positives über Marx zu sagen. Dabei hat Marx soviel mit diesen Massenvernichtungsmaschinen zutun wie Jesus mit den Kreuzzügen oder der Inquisition viel mehr gilt im Gegenteil:

Karl Marx war ein radikaler Demokrat!Karl-Marx

Die Zeiten der theoriestarken, kritischen „Alleszermalmer“, wie z.B. Kant und Marx, sind natürlich vorbei. Die Herkulesarbeit des Begriffs ist dem proseccotrunkenen, smarten Werbeslogan gewichen. Hinter der kernigen, empörten Fassade vieler sogenannter Linker gähnt die Leere der Begriffe und Analysen.

Im Sinne einer anti-ideologischen Aktion kann es von Nutzen sein, den Weg auf Denker und ihre Schriften freizumachen, die mit dem Untergang ihrer chefideologischen Interpreten des sogenannten Ostblocks im riesigen Sog des Vergessenwollens mit in die Tiefen der Geschichte hinabgerissen wurden.

Einer der in der kollektiven Amnesie einer ganzen Generation besonders betroffen war und deshalb im letzten Jahrzehnt des vorigen und ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts aus dem kritischen Diskurs ganz schnell verschwand, war Karl Marx. Schon zu Lebzeiten wollte er nie ein Marxist sein und jede Apologetik einmal entwickelter Lehren war ihm immer suspekt und zuwider. Die strukturelle, systemische Gewalt hat er hinter der glatten Fassade der kapitalistischen Welt, in deren System alle zu Getriebenen werden, freilich mehr oder weniger gut alimentiert, an die Oberfläche gezerrt und demokratisch, humanistisch bewertet. Sein Befund, daß die Krise für die kapitalistische Wirtschaftsordnung konstitutiv ist, haben wir in den letzten Jahren genauso schmerzlich miterlebt, wie den menschenverachtenden Akkumulationsprozeß des Kapitals, in dem humanistischen Werte im System der Profitmaximierung keine Rolle mehr spielen.

Nachdem Marx nun nicht mehr – freilich post hum – herhalten muß, um unterschiedlichste Arten von menschenverachtenden und diktatorischen Auswüchsen zu rechtfertigen, kann man sich nun dem hochintelligenten, messerscharf denkenden Sozialwissenschaftler zuwenden, dessen Analysen und Methoden zwar historisch kontextualisierbar sind, aber dennoch nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt haben.

Begriffe wie Verdinglichung, Entfremdung, Warencharakter, Kapitalverwertbarkeit und Pauperisierung können nach den exegetischen Religionskriegen des 20. Jahrhunderts wieder gehoben und ideologiefrei benutzt werden. Eine Pauperisierung des Mittelstands durch Produktivkraftentwicklung, globalen Wettbewerb und Enthumanisierung des Finanzmarktes können mit ideologiefreiem, wissenschaftlich ermitteltem Zahlenmaterial belegt werden.

Viele moralisch anständige Menschen haben Angst, daß durch historische Kontextualisierungen und ideologiefreie Interpretationen von Denkern der Geschichte, die Sprengkraft und Vitalität ihres Denkens in der Beliebigkeit untergeht und einer, wie der andere Denker gleichermaßen Recht wie Unrecht hat. Die Gefahr kann in rechtem Licht betrachtet aber eigentlich nicht bestehen, die globale Gemeinschaft der fühlenden Wesen ist für ihr Überleben insgesamt von ihren natürlichen Grundlagen abhängig und als Gesellschaft von ihrem menschenwürdigen Umgang miteinander – also dem, was man mit den Schlagworten – Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit benennen könnte. Mit diesen Prämissen sind aber gleichzeitig Kriterien benannt, an denen sich jede Theorie und jeder Denker messen lassen muß.

Das Untergehen der Blöcke, der bipolaren Welt von Kommunismus und Kapitalismus macht den Weg wieder frei für eine dialektische Bewegung der Geschichte und diskrediert in keinster Weise die inhaltlichen Aspekte von Demokratie und Menschenwürde. Wenn auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt und dessen landwirtschaftliche Produktivität mehr als 10 Milliarden Menschen ernähren könnte, rund 1 Milliarde Menschen hungern und alle 5 Sekunden ein Kind unter 10 Jahren an Hunger stirbt, dann ist das keine Frage der richtigen oder falschen Ideologie, um diese Tatsache als menschenverachtend und ungerecht zu brandmarken. Menschenwürde und Gerechtigkeit sind keine beliebig zu füllenden Kategorien oder von naturgesetztlicher Art.

Wie Marx in seinen Schriften immer wieder gezeigt hat, ist eigentlich alles, was wir als vermeintlich objektiv anzusehen und deren Zwangsläufigkeiten wir uns eben unterwerfen müssen, wenn wir vernünftig sind, in Wahrheit von Menschen gemachte und von Menschen veränderbare Strukturen mit einer verdinglichten Fassade, wie in einem Marionettentheater. Die Sachzwanglogik ist durch und durch falsch und ideologisch. Sie funktioniert nur deshalb so gut, weil sie in einer komplexen und undurchsichtigen, globalen Welt unserem Gehirn die Möglichkeit bietet, vermeintlich Anker an Orten zu setzen, an denen die Wirklichkeit dies eigentlich völlig unmöglich macht. Wer sich von der Sachzwanglogik befreit, befreit sich von Illusionen und Ideologien.

Der Warencharakter und die Zwangsökonomiesierung aller Lebensverhältnisse und zwischenmenschlichen Beziehungen kann mit dem Werkzeugkoffer, den Marx uns hinterlassen hat, immer wieder aufgedeckt und benannt werden. Die instrumentelle Vernunft, die inzwischen den ganzen Globus erfasst hat, ist eine immanente, system- und strukturstabilisierende Vernunft, die nur durch ideologiefreie Kritik transzendiert und überwunden werden kann. Mit der Perpetuierung alter Ideologie und überkommener Gesellschaftsmodelle können wir aber die Probleme von heute und morgen nicht mehr lösen, wir brauchen Offenheit und Kreativität, um neue Wege jenseits der Fronten des kalten Kriegs einzuschlagen und gerade hier helfen uns kritische, strukturanalytische Sozialwissenschaftler wie Marx ausgezeichnet.

Wenn man von Marx und seiner Arbeitsweisen etwas lernen kann, dann ist es Kritikfähigkeit allem und jedem gegenüber, vor allem aber auch sich selbst gegenüber. Wir sollten uns immer wieder klarmachen, daß unser Bedürfnis immer wieder nach Beweisen für einmal gemachte Erfahrungen und damit verbundene Bewertungen zu suchen, nur die eine Seite unseres Gehirns ausmacht, die andere Seite ist unsere Fähigkeit zur neuronalen Plastizität, also daß wir in der Lage sind einzelne Bausteine und Erfahrungen durch Reflexion und Kritik immer auch wieder zu neuen Bildern zusammenbauen können.

Wenn wir also mit Marx unsere Kritik- und Analysefähigkeit immer wieder verbessern, dann tun wir auch etwas für unsere Gesundheit und gegen wachsende Senilität im Alter. Es ist nie zu spät, um Kritikfähigkeit zu lernen. Und so sollten auch die Schriften des Demokraten Karl Marx von Ihrer unheilvollen Wirkungsgeschichte entlastet werden und eine zweite Chance erhalten.

Auch auf diesen Denker werde ich in meinem Blog immerwieder zurückkommen

Lebensdaten siehe Wikipedia >>>

MEWWer mal in den Werken von Marx und Engels lesen will, kann dies gleich auf meinem Blog tun

Das bumap2.3 Konzept

Menschen, die in der Sache etwas bewegen, etwas verändern wollen, haben in den letzten Jahrzehnten viel dazu gelernt und vermeiden heute in öffentlichen Diskussion oft den Gebrauch von Reizworten – und dies mit sehr gutem Grund – müssen wir doch alle ständig die Erfahrung machen, daß es ganz vielen Menschen nicht um einen sachlich nüchternen Blick auf dringend veränderungswürdige Dinge geht, sondern um das Beharren und Bestätigen ihrer Vorurteile um vermeintlich „sicher und smart“ durchs Leben zu kommen.

Vor diesem Hintergrund mag es sicher eher kontraproduktiv sein in diesem Blog das Akronym „bumap2.3“ einzuführen. Was sich hinter dieser Abkürzung „bumap 2.3“ verbirgt, ließe sich natürlich problemlos rein inhaltlich beschreiben und damit könnte ich auf jegliche Reizworte verzichten.

Da mein Blog aber unter dem Motto steht „Schubladendenken – Nein Danke!“, möchte ich bewußt die beiden Reizworte „Buddhismus“ und „Marxismus“, die sich neben dem Wort Philosophie hinter dieser Abkürzung „bumap2.3“ verbergen, zugegebenermaßen in provokativer Absicht, benutzen, wohl wissend, daß bei der Verwendung eines der beiden Worte oder auch beider Worte gemeinsam sofort jede Menge Rolladen runtergelassen werden!

Bumap-Logo
Was wäre, wenn alle Vorurteile und Schubladen über Buddhismus und Marxismus, im Kern diese beiden Weltanschauungen gar nicht treffen würden, Buddha & Marx gleichermaßen Recht hätten und sich dem vergesellschafteten Glück ALLER Menschen nur von verschiedenen Seiten genähert hätten, dann würde man trotzdem zwischen den Stühlen sitzen, die Frage ist nur, kann man nicht zwischen den Stühlen auch bequem stehen oder den aufrechten Gang üben?

Viele verbinden mit dem Wort „Buddhismus“ nichts als apolitischen Eso-Kitsch mit dem allerdings die Lehre des historischen Buddha so viel zu tun hat, wie eine glückliche allgäuer Kuh mit dem Spitzentanz, genauso verbinden viele mit dem Wort „Marxismus“ nichts als die Kunstfigur des 20. Jahrhunderts, die man nicht verteidigen oder positiv rezipieren darf, weil man damit gleichzeitig den russischen oder chinesischen Massenmord unter Stalin oder Mao verteidigt, wobei auch hier der historische Marx soviel mit diesen Ereignissen zu tun hat, wie Jesus mit den Kreuzzügen und der Inquisition.

Wer aber trotzdem damit Probleme hat, daß ich hier den Konzeptversuch einer „buddhistisch-marxistischen Philosophie“ auf den Weg bringen möchte, sollte am besten diesen Blog gleich wieder zumachen. Wer sich jedoch mit mir gemeinsam darin üben möchte, nicht sofort alle Vorurteile auf den Tisch zu knallen und sich erst mal in aller Ruhe anhören, bzw. lesen möchte, was ich unter dem Akronym „bumap 2.3“ verstehe, ist herzlich eingeladen in diesem Blog weiterzulesen.

Was mir in den vergangenen 40 Jahre bei meiner zyklisch wiederkehrenden Beschäftigung mit dem Marxismus des 20. Jh. immer wieder aufgefallen ist, ist die Tatsache, daß sich Linke oder ich sag mal summarisch viele, die sich auf die Thesen und Analysen von Karl Marx berufen, sich sehr schwer damit tun, sich über den kalten, analytischen Verstand hinaus auf den Menschen mit all seinen Gefühlen, Ängsten, Zweifeln, Sorgen zu beziehen und ihn auch auf diesen emotionalen Ebenen anzusprechen und um es gleich zu sagen, damit möchte ich in keiner Weise die pragmatische Hilfe, die von Linken (natürlich von vielen anderen auch, um die es aber hier nicht geht) ganz selbstverständlich in den letzten 150 Jahren geleistet wurde schmälern, sondern nur darauf hinweisen, daß Menschen auch immer gefühlsmäßigen Beistand brauchen und Widerstand, wie Veränderung ohne Mitgefühl nicht auskommen kann.

Was ich damit meine, hat Ernst Bloch mal in einer kurzen Geschichte vom Ende der zwanziger Jahre (des letzten Jahrhunderts) in etwa so erzählt (die genaue Stelle habe ich gerade nicht zur Hand): Ein Sozialist und ein Nazi halten einen Vortrag über Limonade, der Sozialist referiert akkribisch über alle Inhaltsstoffe der Limonade, beschreibt alle Gefahren, die von Ihnen ausgehen und welche riesigen Gewinne der Unternehmer mit der Limonade einfährt. Dann geht er ohne große Regungen des Publikums vom Rednerpult ab.

Nun tritt der Nazi-Redner ans Pult. Er bedankt sich kurz und förmlich bei seinem Vorredner und beginnt ohne große Umwege sofort über den wunderbaren Geschmack, das Prickeln und die tolle Farbe der Limonade zu schwärmen, dann verbindet er bruchlos dieses Gefühlserlebnis beim Trinken der Limonade mit dem großartigen und Gemeinschaft stiftenden Erlebnis einer Jugendgruppe, die am Lagerfeuer gemeinsam diese Limonade – ein Meisterwerk deutscher Lebensmittelkunst – konsumiert. Kaum hat er seinen Vortrag beendet, brandet überschäumender Ablaus auf, alle sind voller Begeisterung für die Limonade und die gemeinsame Sache, jetzt wird die Limonade gleich im Saal verteilt und viele trinken jetzt gemeinsam diese rein deutsche Limonade. Manche treten gleich im Vorraum des Festsaals dieser überzeugenden Partei bei, deren Redner so wunderbar die Herzen der Menschen mit seiner glühenden Rede über die Limonade und über das Gemeinschaft stiftende Erlebnis, das vom Trinken der Limonade ausgeht, gesprochen hat.

Der Sozialist hat längst den Festsaal verlassen, Wut und Verbitterung bestimmen seine Gedanken, denn er kann es nicht fassen, welchen Lügen über die Limonade die Zuhörer euphorischen Ablaus gespendet haben.

Bloch beschließt seine Geschichte mit der nüchternen Feststellung, daß die Nazis wahrscheinlich nie an die Macht gekommen wären, wenn der Sozialist in der Lage gewesen wäre, die Gefühlswelten der Zuhörer zu erreichen (Ich habe die Geschichte aus meiner Erinnerung erzählt, vielleicht kennt ein Leser dieser Zeilen das Buch und die Stelle und teilt mir die Literaturangabe mit, ich würde die Geschichte gerne einmal wieder im Original lesen).

Ich möchte sofort betonen, daß es in dieser Geschichte nicht um den Marketing-Aspekt gehen kann, der heute in der Werbung bis zum Überdruss benutzt wird, sondern um den Aspekt, daß es immer Menschen mit ihren Ängsten, Wünschen, ihrem defizitären Denken sind, um die es geht. Allzuleicht wird dies bei einer brillianten Strukturanalyse – wie dies bei Marx der Fall ist – vergessen, muß aber bei allem Handeln immer mit einbezogen werden!

Aus dieser Geschichte ergeben sich also einige Aspekte, die ich für meine Intention, buddhistische Philosophie mit marxistischem Denken zu verbinden, kurz ansprechen möchte – sicher werde ich im Fortgang meines Blogs immer wieder einzelne Aspekten noch detaillierter besprechen können:

1. Natürlich ist die mit der Aufklärung und den letzten 500 Jahren der Entwicklung einer modernen Naturwissenschaft verbundene kalte, also nüchterne, Rationalität eine wesentliche und positiv zu beurteilende Entwicklung. Was diese Entwicklung jedoch nicht vermochte, war, das Vakuum der religiösen, mythischen, numinosen Bedürfnisse der Menschen, die sich über zehntausende von Jahren entwickelt haben, mit neuen Inhalten zu füllen, die in der Lage sind, die emotionalen, lebensnotwendigen Felder des Menschen positiv zu besetzen.

2. So wichtig und richtig die strukturelle Analyse der Gesellschaft auch ist und das Aufdecken kapitalistischer, menschenverachtender, systemische Zustände eine unabdingbare Grundlage für sinnstiftendes politisches Handeln ist, so wichtig ist doch auch die simple Tatsache, daß Gesellschaften aus realen Menschen bestehen und das wir Gesellschaften deshalb nicht allein durch die Veränderungen von Gesellschaftsordnungen und Veränderungen in Machtapparaten ändern können sondern sich die Menschen selbst gleichzeitig mitverändern oder besser noch vorher verändern müssen.

3. Genau weil wir es mit einer Dialektik von gesellschaftlichen Verhältnissen, im marxistischen Sinn dem „Sein“ auf der einen Seite, und Menschen, mit Ihren Ängsten, Nöten, Sorgen, also ihren Leiden, im buddhistischen Sinn ihrem „Bewußtsein“ auf der anderen Seite zu tun haben, deshalb halte ich eine buddhistisch-marxistische Philosophie, die sich nicht durch Schubladendenken und Vorurteile abwürgen läßt, für eine sinnvolle Verbindung.

4. Natürlich ist es ungeheuerlich, wenn auf einem Planeten, der vor materiellem Reichtum überquillt, alle 5 Sekunden ein Kind unter 10 Jahren jämmerlich verhungert (siehe Jean Zieglers Bücher) und insgesamt durchschnittlich 1 Milliarde Menschen dauerhaft schwerstens unterernährt sind, aber wir können diese schrecklichen Mißstände nicht alleine durch zahlenmäßig untermauerte Appelle an die Machthaber auf diesem Globus angehen, es bedarf gleichzeitig einer individuellen, detaillierten Entwicklung von wahrem Mitgefühl (nicht Mitleid – wo immer ein Machtverhältnis impliziert ist!) um Menschen dazu zu bewegen, etwas für die Veränderung auf diesem Planeten zu tun. Niemand wird im Ernst bestreiten können, daß Buddhisten bei der wirklichen, also tragfähigen Entwicklung von Mitgefühl die absoluten Vollprofis sind.

5. Natürlich ist die nüchterne marxistische Analyse der strukturell zwangsläufigen Verelendung des Proletariats und des Mittelstand bei einem immer weiter fortschreitenden Konzentrationsprozesses des internationalen Kapitals absolut korrekt und jederzeit wiederum mit Zahlen unterlegbar, trotzdem wird niemand bei genauerem Blick auf die Akteure dieses Konzentrationsprozesses in Abrede stellen können, daß die Wurzeln dieser Entwicklung nicht nur in der strukturellen Getriebenheit der Kapitaleigner liegt, wie es aus der marxschen Analyse hervorgeht, sondern auch in der grenzenlosen Überbewertung des ICHS mit all seiner Gier, seinem Hass und seiner Unwissenheit. Und auch hier wird niemand ernsthaft bestreiten können, daß Buddhisten bei der Entwickung des Schulungsweg, auf dem man lernt, sein Ich nicht so wichtig zu nehmen und seine Gier, seinen Hass und seine Unwissenheit zu überwinden, wiederum die absoluten Vollprofis sind.

6. Ein ganz großes Verdienst der Aufklärung war es, den triebgesteuerten, unreflektierten Verhaltensweisen der Menschen in voraufklärerischen Jahrhunderten, die Kraft und Umfassendheit der Vernunft gegenüber gestellt zu gaben. Bildung, also Wissen sollte „den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit herausführen“ (Kant). Die rasante, instrumentell vernünftige Produktivkraftentwicklung des modernen Kapitalismus wäre ohne die Aufklärung undenkbar gewesen, darüber herrscht sicher auch bei Marxisten Einigkeit.
Nun ist aber Unwissenheit durch die Aufklärung nicht ein für alle mal verschwunden, im Gegenteil durch die Datenfluten die uns heute unaufhörlich überschwemmen, nimmt das Maß an Unwissenheit dramatisch zu. Das Dauergefühl der Ohnmacht angesichts der Masse von Informationen – natürlich drastisch verstärkt durch die globalisierte Medienwelt – führt zu einem massiven Abwehrmechanismus des Gehirns, das einer ständigen Reiz-/Informationsüberflutung ausgesetzt ist.

7. In dieser ständig an Geschwindigkeit zunehmenden Welt ist der Aufbau von beständigem Wissen, beziehungsweise der Abbau der Unwissenheit, der ja auch für jeden Marxisten von zentraler Bedeutung ist, nicht nur eine Frage der richtigen Entscheidungen. Gerade heute ist ruhige Konzentrationsfähigkeit, bewertungslose Gelassenheit und messerscharfe, ganzheitliche Analyse eine schwer zu erreichende aber unbedingt notwendige Voraussetzung um Unwissenheit abzubauen. Auch hier wird niemand ernsthaft bestreiten können, daß Buddhisten durch ihren spezifischen achtfachen Schulungsweg Vollprofis sind, wenn es um das Erlernen hoher Konzentrationsfähigkeit und messerscharfer, ganzheitlicher Analysemethoden geht.

8. Gerade weil der Marxismus eine umfassende, sozialwissenschaftliche Strukturwissenschaft ist, was vor allem der brillianten, scharfen und auf universale Bildung gegründeten Methoden von Karl Marx und seinen akkribischen Untersuchungen von Ursachen und ihren Wirkungen zu verdanken ist, ist der Marxismus so wunderbar mit buddhistischem Denken zu verbinden, denn niemand wird ernsthaft abstreiten können, zumindest sobald er seine Vorurteile abzulegen bereit ist, daß auch der Buddhismus eine Strukturwissenschaft ist, die vom Aufdecken der Zusammenhänge zwischen Ursachen und Wirkungen lebt. Wenn wir z.B. heute nicht umweltpolitisch nachhaltig handeln, wird unser heutiges Versagen die Ursache dafür sein, daß unsere Enkel übermorgen die Wirkungen dieses Versagens erleiden müssen, kann es denn richtig sein, daß wir etwas, das wir von unseren Kindern nur geborgt haben, „nachhaltig“ zerstören.

9. Wer sich heute als Marxist versteht, der weist immer wieder auf die grundsätzlichen Strukturen hin, die mit dem Kapitalismus verbunden sind und die dafür verantwortlich sind, daß es auf diesem Planeten so viele Mißstände gibt (ehe jetzt einer sofort wieder schreit, alles Schwachsinn, es ist uns doch noch nie so gut gegangen wie heute – möchte ich doch mal den einfachen Hinweis geben, daß man hier mal in aller Ruhe und so komplex und achtsam wie möglich, darüber nachdenken, man könnte auch sagen meditieren, sollte, was eigentlich unter dem kleinen Wort „UNS“ zu verstehen ist!).
Um diese strukturelle Denkmethode wirklich zu verinnerlichen, ist eine intensive Beschäftigung mit buddhistischer Philosophie besonders effektiv, hier beziehe ich mich natürlich vor allem auf das buddhistische Konzept der „Leerheit“ (übrigens eines der am häufigsten mißverstandenen Konzepte im Buddhismus). Was das Konzept der „Leerheit“ meint, ist kurz gesagt nichts weiter als die schlichte, aber schwer zu lebende Einsicht, daß es nichts auf diesem Planeten geben kann, was eine eigenständige, von allem anderen unabhängige Existenz hat, denn grundsätzlich hängt immer alles mit allem zusammen, nichts verändert sich allein aus sich selbst heraus, unabhängig von allem Anderen und jede Veränderung hat Konsequenzen für tausend andere „Dinge“!
Ein plattes Beispiel mag hier genügen: Wenn wir ein saftiges, 350g schweres Steak genüßlich verspeisen, dann hat dieses Steak, bis es bei uns im Magen ist, rund 3500g CO² produziert, hängt also alles mit allem zusammen oder nicht? Aber! will es denn jemand wissen? Natürlich nicht! Genau an dieser Schnittstelle und an millionen weiteren kommt Marxismus und Buddhismus zusammen (diese Aussage möchte ich dann in späteren Beiträgen näher beleuchten)!

10. Viele Buddhisten weisen inzwischen immer wieder darauf hin, daß ein ethisches Verhalten nicht an Religionen gebunden ist und daß die „transzendentale Obdachlosigkeit“ (Lukács) keine Entschuldigung dafür sein kann, sich moralisch wie ein Schwein (das arme Schwein) zu verhalten. Gerade weil auf diesem Planeten soviele schreckliche Dinge im Namen von Religionen passieren, halte ich diesen buddhistischen Ansatz für sehr nützlich und zwar für alle Menschen und auch Karl Marx – so wie ich ihn kenne – würde dies sofort unterstützen.
Menschenwürde für alle fühlenden Wesen, echte ökologische Nachhaltigkeit (siehe zunächst meine grundsätzlichen Ausführungen zum Namen dieses Blogs), Solidarität, Gerechtigkeit und Demokratie sind doch keine Ziele oder Kriterien die an eine Religion gebunden sind, diese Ziele kann auch ein Atheist oder Agnostiker unterstützen. Wichtig ist nur, daß man sie in seinem täglichen Handeln so gut als möglich berücksichtigt. An dieser Stelle ist es für manchen sicher nicht uninteressant zu wissen, daß im buddhistischen Denken ein Mensch als die Summe seiner Handlungen gilt. Eine Denkweise, die besonders in Zeiten der bunt schillernden Fassaden hinter denen die Leere gähnt, interessant ist und dafür sensibilisieren sollte, daß die vollmundige Ankündigung von Handlungen nicht mit der Handlung selbst verwechselt werden sollte, eine Gefahr, die in virtuellen Zeiten, wie der unseren, besonders groß ist.

11. Der Werbespot, den die Partei „Die Linke“ zur Europawahl 2014 produziert hat und den ich auf der Sidebar dieses Blogs verlinkt habe, weil er mir so ausnehmend gut gefällt, zeigt einen sogenannten Wutbürger, der über Wissen und Erfahrung verfügt und der sich von den schönen Fassaden der Mächtigen nicht mehr länger „verarschen lassen will“ und auf ensprechende Fakten hinweist. Auch hier wird es für ein buddhistisch-marxistisches Zusammenspiel sehr interessant.
Natürlich ist es durch und durch verständlich, daß sich der Bürger in dem Spot extrem ärgert, wichtig zunächst für ihn selbst ist aber, schon aus gesundheitslichen Gründen (hoher Blutdruck etc.), daß er lernt so schnell wie möglich die massive negative Emotion an sich vorbeiziehen zu lassen, aber – und jetzt kommt’s – nicht um möglichst schnell wieder in einem Gefühl resignativer Ohnmacht zu versinken, sondern um alleine oder gemeinsam mit anderen die Situation zu analysieren und darüber gelassen und in aller Ruhe nachzudenken, was man tun könnte und das vor dem Hintergrund grenzenlosen Mitgefühls für all die, die z.B. keine angemessene Pflege bekommen oder die Folgen eines Freihandelsabkommens der EU mit den USA ausbaden müssen etc. etc.

12. Ein Frühwarnsystem für negative Emotionen ist besonders für politisch aktive Linke von ganz besonderer Bedeutung, weil sie nach dem Wegfall der politischen Blöcke und dem scheinbaren Siegeszugs des Kapitalismus besonders häufig in die Situation geraten, daß sie allein dastehen und sich gegen ein Meer von Ignoranz verteidigen, beziehungsweise anargumentieren müssen. Eine ausgebildete innere Stimme kann uns frühzeitig darauf hinweisen, daß wir uns in blinder Wut verrennen oder polemisch werden, anstatt uns auf die Fakten zu konzentrieren, und hier hat die Linke – wie ich in den letzten 40 Jahren immer wieder feststellen konnte – wirklich keinen Grund sich zu verstecken. Zu Menschenwürde für alle fühlenden Wesen, ökologische Nachhaltigkeit, Solidarität, Gerechtigkeit und Demokratie gibt es keine Alternativen, nur im Weg diese Ziele zu verfolgen gibt es Alternativen wahrscheinlich so viele wie es Individuen gibt.
Linke sind oft Menschen, die sich nicht gerne mit summarischen Stammtischparolen abspeisen lassen wollen, Wissensaufbau über die Dinge und Zusammenhänge in dieser Welt wird in der Regel von Linken bejaht. Nun ist es aber so, daß durch sehr gut vernetztes und global aktives Wirtschafts- und Finanzkapital im gleichen Maße, wie deren Aktivitäten steigen – und bei schwindenden Resourcen müssen legale wie illegale Aktivitäten immer steigen, auch das Maß der mentalen Belastungen für kritisch denkende Menschen ständig zunimmt. Bei der Bewältigung dieses mentalen Problems, also die wachsende Zahl an globalen Problemen mental zu verkraften, ergänzen sich Buddhismus und Marxismus auf wunderbare Weise, denn buddhistische Philosophie gibt uns die Möglichkeit sich mit diesen Problemen zu befassen, ohne wahnsinnig zu werden oder in ohnmächtige Starre und Resignation zu verfallen.

13. Kommen wir mal noch zu den beiden Zahlen „2.3“ am Ende der Abkürzung, da ich die Begegnung der beiden Weltanschauungen, der des Buddhismus und der des Marxismus für ein erfolgversprechendes, dialektisches Geschehen von 2 einander durchdringenden Thesen halte, verwende ich zunächst die Zahl 2 als Symbol und teile diese mit einem Punkt von der Zahl 3, die für die emergente Synthese dieser beiden Weltanschauungs-Ansätze steht, in der Synthese von buddistischem und marxistischem Denken, bleibt keines von beiden das alte, die Synthese weist Eigenschaften auf, die sich nicht mehr aus den Einzelbausteinen erklären lassen, ist also emergent, der dialektische Prozeß hat also etwas Neues zu Tage gefördert, das könnte dem historischen Buddha und dem historischen Marx gefallen, denn beide Personlichkeiten sind ausgesprochene Prozeßdenker und das könnte auch der Evolution gefallen, die ja bzgl. dialektischer, emergenter Prozesse ein echter Vollprofi ist.

14. Die Verfechter des Kapitalismus haben in den letzten rund 100 Jahren immer wieder gerne – mehr oder wenig kosmetisch verpackt – sozialdarwinistische Thesen geschwungen – wie auch jetzt wieder im Europawahlkampf – so nach dem falsch verstandenen Grundsatz, der Stärkere setzt sich halt durch, wir wollen keine Faulenzer und Sozialflüchtlinge in unseren hart erarbeiteten Sozialsystemen, es ist doch kein Wunder das der Kapitalismus sich gegen den Kommunismus durchgesetzt hat, der Stärkere setzt sich halt immer durch.
Aber für die Erdgeschichte und die darin ablaufende Evolution ist die Menschheitsgeschichte jedoch nur ein winziger Tropfen auf einem heißen Stein – von einem Anthropozen zu sprechen, entspricht nur dem üblichen menschlichen Größenwahn – und am Ende des Tages könnte sich herausstellen, daß der aus der Evolution hervorgegangene Mensch es halt doch nicht geschafft hat, sich den Lebensverhältnissen auf diesem Planeten so anzupassen, daß er überleben kann, bzw. sich sogar weiterentwickelt (dazu mehr im Grundsatzbeitrag zum Namen dieses Blogs „Ökoradix“), man sollte halt doch etwas besser Englisch können, dann würde man den Ausspruch „survival of the fittest“ doch etwas besser übersetzen können.

15. Drop your Ego – nehm dich selbst nicht so wichtig (frei übersetzt)! Dieser buddhistische Grundsatz trifft auf ganz viele Linke, auf politisch arbeitende Menschen in den unterschiedlichsten Bereichen, besonders in den vielen NGOs dieser Welt zu, denn sonst würden diese Menschen nicht so viel ihrer kostbaren Lebenszeit für ihr politisches Engagement investieren. Im Kontrast dazu gibt es natürlich auch die, die ständig ihren Körper, also ihre Fassade optimieren müssen, also Maskenbildner ganz besonderer Art sind, die kein Verständnis und kein wahres Mitgefühl für die haben, die auf dieser Welt durchs Raster fallen und millionenfach elendiglich verrecken müssen, weil wir es bei all unserem angehäuften Reichtum nicht fertig bringen, daß niemand mehr hungern muß. Das Zarteste ist eben nicht die richtige Hautcreme! „Zart wäre einzig das Gröbste: daß keiner mehr hungern soll“ wie Adorno in seinen Reflexionen aus dem beschädigten Leben so treffend formuliert hat (Adorno, Minima Moralia, Text 100).

16. Der Abtausch von Vorurteilen, das schnelle Einordnen in Schubladen bringt uns nicht weiter, alle fühlenden Wesen auf diesem Planeten haben das Recht auf Glück, der zentralen Sinnkategorie allen Lebens. Was allerdings unter Glück zu verstehen ist und das sich das Glück weniger, niemals auf dem Unglück vieler gründen läßt, das ist ein wesentliches Themenfeld in diesem Blog. Ich benutze nicht gerne den Slogan „Wohlstand für alle“, weil er mir nicht universal genug und zu sehr auf materiellen Wohlstand eingeengt ist.
Für einen buddhistisch-marxistischen Philosophen wie mich ist die dialektische Bewegung zwischen Sein und Bewußtsein ganz wichtig, selbstverständlich bestimmt das Sein das Bewußtsein massiv, das betrifft aber einen im Verhungern begriffenen Afrikaner genauso wie einen Multimilliardär mit Privatjet und Luxusyacht. Würde nicht auch der umgekehrte Weg vom Bewußtsein zum Sein eine Rolle spielen, wäre alles (was den Menschen betrifft) bereits längst verloren. Das Bewußtsein verändert das Sein in ganz erheblichem Maße, eine Dialektik zwischen Sein und Bewußtsein ist vorhanden und wirkt seit Menschen Gedenken – und wenn ein kapitalistische Hartliner mit Millionenvermögen einmal in die Augen eines elend untergehenden „Sozialflüchtlings“ aus Libyen oder Tunesien gesehen hat und im Angesicht des untergehenden Flüchtlinge vor der italienischen Insel Lampedusa sein Bewußtsein veränderte und dadurch seinen Einfluß und sein Geld einsetzt, um diesen armen Mensch zu helfen, dann verändert das Bewußtsein auch das Sein!

17. An dieser Stelle möchte ich das „bumap2.3“ Konzept nochmal zusammenfassen: Der Buddhismus ist keine missionarische Religion, er kommt ohne ein Gottesbild und ohne Götter aus, der Buddhismus ist weder Opium des noch für das Volk, der historische Buddha hat von sich selbst immer gesagt, daß er nichts als ein „wacher Mensch“ sei – also gerade keingöttlicher  Opiumesser ist – und als Sinnbild seiner Lehre hat er eine Butterblume hochgehalten, als Ausdruck dafür, daß immer alles mit allem zusammenhängt, er also ein wacher, ganzheitlicher Denker ist, der die Wahrheit auf dem mittleren Weg sucht. Sind dies nicht alles Belege dafür, daß man das gute und analytisch messerscharfe Denken des historischen Karl Marx durch die philosophischen Lehren des historischen Buddha ergänzen sollte. Wachheit, Ganzheitlichkeit, Beharrlichkeit, Mitgefühl, Streitkultur, Ruhe und Denkfähigkeit sind Eigenschaften, die den Marxismus stärken und durch den buddhistischen Schulungsweg geübt werden. Was wäre wenn Buddha & Marx beide recht hätten, sobald man mal alle Vorurteile hinter sich gelassen hat.

Was man außerdem zusammenfassend sagen kann: bumap2.3 ist kein YOLO Konzept!

Ich freue mich über jeden Kommentar zu diesem Thema, denn jeder Kommentar zeugt von Engagement für die Sache!