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Die Nachtmeerfahrt

SonnenbarkeDas archetypische Denkbild der Nachtmeerfahrt ist mir immer sehr wichtig gewesen!

Das Meer ist uns von Hause aus unheimlich, es ist unberechenbar, es entzieht sich unserer Kontrolle, alles was sich unserer Kontrolle entzieht, macht uns Angst, jede Art von Angst steht immer in Korrespondenz zu unserer grundsätzlichen Lebensangst aber auch zum Dunkeln, Undurchdringlichen. Von hierher ist die Fahrt in dunkler Nacht ein Topos doppelter Art: Es ist einerseits die abenteuerliche Fahrt über ein nicht kalkulierbares, unbeherrschbares Meer, der dauernde Kampf, seiner Angst Herr zu werden, andererseits aber auch die Dunkelheit der Nacht mit all ihren Göttern und Dämonen von denen man belagert wird, dieses Alleinsein mit nichts als sich selbst, die Ausgeliefertheit vor dem Ich.

Die Nachtmeerfahrt symbolisiert den seelische Verhaltens-Archetypus eines Menschen, der in dieser Welt bestehen muß und irgendwann in der Kulturgeschichte auch in ihr bestehen will. Dieser Archetypus hat in den Mythen der Menschheit immer wieder zu Bildern gefunden. Es ist der Held, der Odysseus der auszieht, um Abenteuer zu bestehen und seelisch gereift und gestärkt aus diesen Abenteuern zurückkehrt in die Heimat. Natürlich leben und werden Archetypen erst dadurch, daß sie Grundthemen der Menschheit durch wirkmächtige, entwicklungsgeschichtlich sehr tief verankerte Bilder zum Ausdruck bringen. Deshalb kann es gar nicht verwundern, daß der Archetypus der “Nachmeerfahrt” bis heute immer wieder, sei es in Romanen, im Kino, in Computerspielen oder aber auch im Tarot mit seinen Archetypen fortlebt.

In der analytischen Psychologie C.G.Jungs entspricht die Nachtmeerfahrt natürlich dem Bewußtwerdungsprozess im Durchgang durch die Depression, dem Umflossensein von den dunklen Mächten des Unbewußten. Dem Bestehen in dunkler Nacht und dem erlösenden Tagesanfang mit seiner Bewußtwerdung der Schrecken der Nacht. Natürlich ist die Nachtmeerfahrt nicht nur ein Durchkommen, ein Hindurchgehen durch eigene Lebenskrisen, sondern es ist auch im geweiteten Rahmen ein Durchkommen der Menschheit durch die Gefahren, denen sie im Kosmos ausgesetzt ist, dieses Ringen um ein Bestehen im Kosmos nennen wir auch Kulturarbeit, womit klar wird Kulturarbeit ist Lebensarbeit, ist die immer mehr diversifiziertes Nachtmeerfahrt. Diversifizierung findet allein schon dadurch statt, daß wir uns immer wieder mit unseren archaischen Strukturen und Bildern, die uns fortwährend beherrschen, auseinandersetzen und immer wieder auch versuchen daraus zu lernen und unsere Aufarbeitung zu verfeinern.

Können wir Träume, Traumbilder haben und von ihnen getroffen werden, die nicht ein Mosaik erlebter Erfahrungssplitter sind? Wenn ja, dann haben wir es mit einem kollektiv Unbewußten zu tun, daß außerhalb unseres neuronalen Geschehens und Gewitterns liegt. An dieser Stelle gibt die Nachtmeerfahrt als Bild uns viele Rätsel auf, denn wir fragen uns wie und warum gehen diese Bilder in das kollektiv Unbewußte ein und wie wirken sie heute noch. Nur wenn wir uns diesen ständigen Nachtmeerfahrten vollkommen ausliefern und sie ohne Tabuisierungsversuche in unser Leben vollwertig integrieren, können wir uns weiterentwickeln in dem wir vollständiger werden und nicht mehr versuchen gegen unsere dunklen Seiten Front zu machen anstatt sie als vollwertigen Teil unserer selbst anzunehmen.

Nach dem Glauben der Ägypter fuhr der Sonnengott “Re” tagsüber mit einer Sonnenbarke über den Himmelsbogen und durchquerte nachts das Wasser der Unterwelt. Für C.G.Jung hatte das Bild des Sonnengottes in seiner Barke, der mit dem Untergehen der Sonne des Nachts die Welt des Unbewußten durchfährt und mit seinem Auftauchen bei Sonnenaufgang aus dieser Welt des Dunklen, Unbewußten sehr starke Symbolkraft, nicht zuletzt auch deshalb, weil sich diese Nachtmeerfahrt in vielen Kulturkreisen und Mythen der Welt wiederfindet und z.B. auch in der christlichen Bilderwelt immer wieder vorkommt (Weidenkorb/Moses und Arche/Noah).