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Am schmotzigen Donnerstag

MaskeNichts liegt näher, als am schmotzigen Donnerstag über den Menschen als begehrte Heimat für Parasiten zu philosophieren, und damit meine ich nicht in erster Linie die Zottelmasken der schwäbisch-alemannische Fastnacht, die sicher auch eine hervorragende Brutstätte unterschiedlichster Kleinslebewesen sind.

Glücklich wer so nette Nachbarn hat, wie wir! Das geht auch alles ganz anders, wenn man dem Polt in den Münchner Kammerspielen Glauben schenken kann – und daran habe ich gar keinen Zweifel…

Weder Nietzsche in seinem „Ecce Homo“, noch Gerhard Polt in seinem „Ekzem Homo“ muß „der Welt erklären, wer er sei, um nicht verwechselt zu werden.“

Und hier kommt schon der erste Kracher, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt, ja wo denn sonst, eben typisch Polt: „Wenn ein Mensch sich als Mensch erkannt hat, ist er gut beraten, sich nicht als das zu erkennen zu geben.“

Polt und die Well-Brüdern ausm Biermoos

Wenn Gerhard Polt und die Well-Brüder aus’m Biermoos (seit der Auflösung der Biermösl Blosn am 18. Januar 2012 jetzt mit Christoph, Michael und Karli Well (statt Hans Well) besetzt) jetzt in den Münchner Kammerspielen ihre neue Revue EKZEM HOMO präsentieren, dann wird’s wieder total philosophisch: „Der Mensch an sich ist gut, aber die Leit san a Gsindl.“

Eine wunderbare Variante zu der anthropologischen Konstante: „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur so selten dazu.“ Der Mensch wird halt doch – seitdem wir schriftliche Zeugnisse von ihm haben – von allerlei ideologischem Parasitentum belagert oder wie Polt meint: „Der Mensch ist eigentlich ein Zwischenwirt, eine Heimat für Parasiten, Viren, Bazillen, Versicherungen, Geschäftsleute, Beerdigungsinstitute, Waffenhändler, ein Biotop für Religionen und Fußpilze.“ Um grübelnd anzufügen: „Wer ist Wir? Ich jedenfalls nicht! Wir – das sind die anderen.“

poltIn der neuen, satirischen Revue gibt Polt den renitenten Rentner Brezner (der in ungesunder Nachbarschaft zu den drei Well-Brüdern auf der einen und einem gewissen Herrn Merki auf der anderen Seite des Lattenzauns lebt) den Motzer und Moserer vor dem Herrn, halt so wie man das von ihm seit Jahrzehnten kennt. Tür an Tür, Vorgarten an Vorgarten muß er mit dem Gesocks, mit den „Grattlern“ leben, was bleibt ihm da übrig, erst muß er den Nachbarn mit der Grillverordnung kommen, später setzt er eine Drohne ein und am Ende mäht er den Nachbarn Merki mit einer Holz-Kalaschnikow nieder. Merki hatte das schon befürchtet: „Um einen anderen umzubringen, muss man ja nicht zwangsläufig religiös sein.“

Der Satz sagt mehr als 1000 Bücher, es ist eben nicht DIE RELIGION, es ist DER MENSCH! dieses kurze Aufflackern um Mitternacht (wenn man die Angelegenheit mal geschichtlich, also so im Rahmen von 4 Milliarden Jahren in Form von einem Jahr betrachten möchte: Bis die erste Sekunde nach Mitternacht um ist, ist diese Fehlentwicklung der Evolution, den man gemeinhin als Mensch, als Homo sapiens bezeichnet, anstatt als Homo demens, schon wieder Vergangenheit).

Oder wie Jean-Paul Sartre es 1944 in seinem Drama Geschlossene Gesellschaft, treffend bemerkte: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Der Nachbarschaftsstreit, nach dem Motto: Wir, dass bin nicht ich, das sind die anderen gibt den losen Rahmen für eine Abfolge von satirischen Nummern ab, die insgesamt mehr Kabarett als ein Stück sind. Diese Anderen sind vor allem Anwohner, Anrainer, Mitbürger, Asylsuchende, kurz: Mitmenschen. Man könnte sie aber auch Nachbarn nennen. Direkte, indirekte, europäische, religiöse.
Aber auch: Nachbarskinder, Nachbarsgoldfische, Nachbarsgrillmeister und Nachbarslaubbooster.
Wer lebt, stört, und wer im engsten oder weitesten Sinne nebenan lebt, stört empfindlich.
Polt gibt in diesem Kabarett den salbadernden Demokratler, den findigen Mehrwertssteuertrickser, den indischen Aushilfspfarrer in der oberbayerischen Diaspora: Das ist ganz, ganz große Kleinkunst, wie Polt das nennt.

Polt in der Badewanne

Hinreißend, wie Polt den Miesbacher Ex-Landrat Jakob Kreidl imitiert: Als spätrömischen Dekadenzler in der Badewanne versucht er das Abendland z.B. gegen den Islam zu retten, in dem er fordert:
„Schweinsbraten für die Welt“.

Die Well-Brüder, wie gesagt seit 2012 ohne ihren großen Bruder Hans, begeistern mit gewohnter Meisterschaft auf allen möglichen Instrumenten, die sie schneller wechseln, als andere ihr Bühnenoutfit. Vom Dudelsack über die Quetsche, von der Drehleier und der Bachtrompete bis hin zu Harfe und Kontrabass ist jedes erdenkliche Instrument dabei.

Die Szene mit der Mülltonne des Nachbarn hat mich sofort an Samuel Becketts „Endspiel“ erinnert und ich dachte, daß mir die Absurdität der Existenz in der Polt’schen Version doch besser gefällt als in der Beckett’schen …

EkzemHomo_120

Wer mal auf eine Weißwurst und eine Halbe Weißbier in München vorbeikommt, kann vielleicht noch eine der heiß begehrten Karten für das Kabarett  in den Münchner Kammerspielen ergattern.

Auf Youtube habe ich einen kleinen 5 Minuten Beitrag zum neuen Kabarett gefunden, vielleicht macht es Euch Spaß, diesen mal zunächst anzusehen:

https://www.youtube.com/watch?v=ZWkC4Ly6rTE

p.s. Die Fotos stammen übrigens von  Andrea Huber und Hans Kopp, ich hoffe, sie verzeihen mir, daß ich sie benutzt, bzw. verändert habe, um etwas Werbung für diese wunderbaren Menschen zu machen, auch wenn sie natürlich gar keine Werbung mehr brauchen, weil sie längst zu einer allgemein bekannten Institution geworden sind …