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Warum Marx doch nicht tot ist!

Was kann ein „Schöpfer“ dafür, wenn die Menschen zu dämlich sind, seine Grundideen vernünftig umzusetzen, so hat es schon mit Nietzsches Übermenschen nicht geklappt, den Alten abzusetzen bzw. ihn gleich für tot zu erklären und so hat es auch bei Marx nicht geklappt. Erst bringen wir es nicht auf die Reihe seine Ideen im 20. Jahrhundert sinnvoll umzusetzen und dann soll am Schluß auch noch der alte Marx an unserer Unfähigkeit schuld sein.

Gott sei Dank ist es bei den besonders Fähigen in der Geschichte so, man kann Sie – oder sagen wir mal ihre Ideen – halt doch nicht so leicht umbringen, auch wenn man sich noch so doof anstellt bei der Umsetzung brillianter Ideen, die Doofheit springt meistens nicht auf den Schöpfer über oder, wenn die Doofes es gar zu heftig getrieben haben und es so aussieht, als ob der Schöpfer selbst auch mit untergeht, dann! nach einer kleinen Ruhephase kommt die Idee gelassen wieder zurück und schaut, ob es vielleicht inzwischen weniger Doofe gibt, dann beginnt das Spiel von vorne. So kommt es, daß Marx doch noch nicht tot ist, obwohl viele gehofft haben, daß man ihn durch 100 Jahre überwiegenden Schwachsinn endgültig los wäre und das Gespenst, das Marx in Europa mit auf die Reise geschickt hat, ein für alle Mal nicht mehr umgeht.

Ein Genie bleibt ein Genie, könnte man es aufhalten, wäre es niemals eins gewesen – und so ist es auch mit klugen Ideen. Auf lange Sicht kann man sie nicht aufhalten und wenn doch, dann sind es halt keine klugen Ideen gewesen! Binsenweisheiten treffen oft den Nagel auf den Kopf und eine solche Binsenweisheit ist: „Hinter einer klugen Idee steckt immer ein kluger Kopf“

Einer, der sich wirklich ehrlich bemüht hat, dem alten Marx zu seinem Recht zu verhelfen, ist Terry Eagleton. In seinem Buch „Warum Marx Recht hat“, das ich als Einführung in das Thema „Zur Aktualität von Karl Marx“ empfehlen möchte, fragt Eagleton am Ende des Buches leidenschaftlich: „Ist irgendein Philosoph jemals so entstellt worden?“ und wir ahnen es schon, natürlich nicht, aber es haben bisher auch recht wenige Philosophen so gewaltige Dinge in Bewegung gesetzt…

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Nun! Warum Marx doch nicht tot ist, beantwortet Terry Eagleton anhand von 10 Thesen aus der gegenwärtigen Diskussion, damit versucht der englische Literaturwissenschaftler seine Meinung zu begründen, daß man eigentlich nur mal ideologiefrei auf den historischen Marx schauen müßte, um sofort zu sehen, daß sich alle Kritik eigentlich immer an der ideologisch völlig verzerrten Kunstfigur des 20. Jahrhunderts abarbeitet.

Aus diesem Grund setzt er sich dann flugs – auf sehr unterhaltsame Weise, mit viel englischem Humor – in 10 Kapiteln mit 10 ständig vorgebrachten Thesen gegen Marx auseinander. Diese Thesen lauten wie folgt:

Der Marxismus ist erledigt
Der Marxismus ist in der Praxis nicht umsetzbar
Der Marxismus hat ein deterministisches Weltbild
Der Marxismus ist die Utopie einer arbeitsscheuen Freizeitgesellschaft
Der Marxismus reduziert alles auf die Wirtschaft
Der Marxismus hat keine geistigen Werte und reduziert alles auf reinen Materialismus
Der Marxismus ist auf eine Klassengesellschaft fixiert, die es gar nicht mehr gibt
Der Marxismus propagiert die gewaltsame Revolution
Der Marxismus glaubt an den allmächtigen Staat
Der Marxismus ist von anderen Bewegungen abgelöst worden

Ich verrate nicht zuviel, wenn ich ein wenig aus dem Resümee, das Terry Eagleton am Schluß seines Buches zieht, zitiere:

„Marx glaubte leidenschaftlich an das Individuum und hegte tiefen Argwohn gegen abstrakte Lehren.

Er hatte nichts für die Idee einer vollkommenen Gesellschaft übrig, misstraute dem Gleichheitsbegriff und träumte nicht von einer Zukunft, in der wir alle in Overalls mit unserer Sozialversicherungsnummer auf dem Rücken herumlaufen.

Er hoffte auf Vielfalt, nicht Einförmigkeit.

Auch lehrte er nicht, das die Menschen das hilflose Spielzeug der Geschichte seien.

Er stand dem Staat noch ablehnender gegenüber als rechte Konservative und erwartete vom Sozialismus eine Stärkung und keine Schwächung der Demokratie.

Sein Modell des guten Lebens beruhte auf dem Gedanken des künstlerischen Selbstausdrucks.

Er glaubte, daß einige Revolutionen friedlich verlaufen könnten und hatte nichts gegen soziale Reformen.

Weder war er einseitig auf die Arbeiterklasse fixiert, noch war sein Gesellschaftsbild von zwei polarisierten Klassen bestimmt.

Er machte keinen Fetisch aus der materiellen Produktion. Ganz im Gegenteil, er glaubte, sie sollte so weit wie möglich beseitigt werden.

Sein Ideal war Muße, nicht Arbeit.

Wenn er seine Aufmerksamkeit vor allem auf die Wirtschaft richtete, dann, um ihre Macht über die Menschheit zu verringern.

Seinen Materialismus vermochte er durchaus mit tiefen moralischen und geistigen Überzeugungen zu vereinbaren.

Er war voll des Lobes für die Mittelklasse und sah den Sozialismus als Erben ihrer großen Errungenschaften: Freiheit, Bürgerrechte und materiellen Wohlstand.

Mit seinen Anschauungen über Natur und Umwelt war er seiner Zeit in vielen Punkten erstaunlich weit voraus.

Nie hat es einen entschiedeneren Befürworter von Frauenemanzipation, Weltfrieden, Kampf gegen Faschismus und für Befreiung der Kolonialvölker gegeben als die politische Bewegung, die durch sein Werk ins Leben gerufen wurde.“ (a.a.O. Seite 271/272)

Selbst wenn man in der Bewertung des Lebenswerks von Karl Marx ganz anderer Meinung sein sollte als Terry Eagleton, macht es Sinn, in Anbetracht dieser Sichweise sich nochmals mit diesem Denker auseinandersetzen, denn er war im positivsten Sinne ein Revolutionär und wenn wir auf diesem Planeten noch was reißen wollen, dann brauchen wir vor allem Leute, die nicht nach dem Motto leben: „Weiter so“. An die Wurzeln der Probleme zu gehen ist die einzige Chance nachhaltig etwas für den Patienten zu tun, alles andere ist nur Symptom-Doktorei und hilft dem Unternehmen “MENSCH & PLANET” langfristig nicht weiter!

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Terry Eagleton ist Professor für Englische Literatur an der University of Manchester und Fellow der British Academy. Auf Deutsch ist von Ihm zuletzt erschienen:
Warum Marx recht hat
Hardcover, 288 Seiten
Ullstein-Verlag
ISBN-13:  9783550088568

Zwei Welten und ein Gedanke

Weit, weit entfernt von allen Schubladen, in die man sie schon versucht hat hineinzustopfen, empfinde ich gegenüber zwei großen Denkern eine ganz besondere Wertschätzung: Buddha und Marx.

Beide sind in einem sehr positiven Sinne „radikal“, beide gehen an die Wurzeln der Probleme heran. Der eine – Buddha – konzentriert seinen Blick auf den einen Menschen, mit all seinen Bewußtseinsebenen, seinen Ängsten und Hemmnissen, der andere – Marx – sieht den Menschen als Getriebenen, in den gesellschaftlichen Strukturen Gefangenen.

Dementsprechend will Buddha den Menschen ändernMarx die gesellschaftlichen Strukturen – beide wollen das Glück als zentrale Kategorie!

In diesem Grundsatzartikel möchte ich ganz kurz die beiden Denker vorstellen:

Buddha war ein Meister des MitgefühlsBuddha

Das Wort „Buddha“ bedeutet „der Erwachte“  und wird vor allem für den indischen Religionsstifters Siddhartha Gautama. Buddha Shakyamuni, wie man ihn oft auch nennt (also der Erwachte/Weise aus dem Geschlecht der Shakya) hat in der Achsenzeit (Karl Jaspers) des 5. vorchristlichen Jahrhunderts gelebt, so rund  zwischen 563 v. Chr. und 483 v. Chr. (die Zahlen schwanken etwas hin und her – je nachdem welcher wissenschaftlichen Meinung man sich anschließen will) also etwa 100 Jahre vor Sokrates in Griechenland. Das 5. und 4. vorchristliche Jahrhundert war in Asien und in Europa eine sehr dichte Zeit, wobei ich in späteren Beiträgen mal etwas darüber schreiben möchte, daß nicht jede Analogie auch Genealogie bedeutet…

Buddha wuchs in adligen und sehr wohlhabenden Verhältnissen auf, alle im Palast trachteten danach, ihn nicht mit den leidvollen Dingen des Lebens zu konfrontieren. Eines Tages sah er sich aber doch der Realität des Lebens und dem Leiden der Menschheit gegenübergestellt und erkannte eine Sinnlosigkeit in seinem bisherigen Leben: Die Legende berichtet von Begegnungen mit einem Greis, einem Fieberkranken, einem verwesenden Leichnam und schließlich einem Mönch, woraufhin er beschloss, nach einem Weg aus dem allgemeinen Leid zu suchen.

Mit 29 Jahren, bald nach der Geburt seines einzigen Sohnes Rahula („Fessel“), verließ er sein Kind, seine Frau Yasodhara und seine Heimat und wurde auf der Suche nach der Erlösung ein Asket. Sechs Jahre lang wanderte der Asket Gautama durch das Tal des Ganges, traf berühmte religiöse Lehrer, studierte und folgte ihren Systemen und Methoden und unterwarf sich selbst strengen asketischen Übungen. Da ihn all dies seinen Zielen nicht näher brachte, gab er die überlieferten Religionen und ihre Methoden auf, suchte seinen eigenen Weg und übte sich dabei vor allem in der Meditation. Er nannte dies den „Mittleren Weg“, weil er die Extreme anderer religiöser Lehren vermeiden wollte.

Mit 35 Jahren, am Ufer des Neranjara-Flusses bei Bodhgaya unter einer Pappelfeige (Bodhibaum) sitzend wurde er erleuchtet, was jedoch nicht etwa eine göttliche Eingebung bedeutet, sondern ein vollständiges Wachsein. Nach dem Erwachen hielt der Buddha, im Wildpark bei Isipatana nahe Benares vor einer Gruppe von fünf Asketen, seinen früheren Gefährten, seine erste Lehrrede. Damit setzte er das Rad der Lehre in gang. Diese fünf wurden damit die ersten Mönche der buddhistischen Mönchsgemeinschaft (Sangha). Von jenem Tage an lehrte und sprach er 45 Jahre lang – jenseits aller Kastenordnungen –  vor Männern und Frauen aller Volksschichten, vor Königen und Bauern, Brahmanen und Ausgestoßenen, Geldverleihern und Bettlern, Heiligen und Räubern.

Die 3 Kostbarkeiten sind also nicht nur ein Spezialgericht beim Chinesen um die Ecke, sondern auch die Juwelen, die Schätze der buddhistischen Gemeinschaft: Der Buddha, der Dharma, die Sangha. Buddhisten nehmen also Zuflucht zu diesen 3 Schätzen, der Person des historischen Buddha – die strenggenommen kein Gott ist sondern nur ein Vorbild – die Lehre dieses Buddha, der Dharma – und die Gemeinschaft all derer, die die Lehren des Buddha im täglichen Leben praktizieren, die Sangha (ursprünglich was damit nur die Mönchsgemeinschaft gemeint).

Im Alter von 80 Jahren verstarb Gautama der Legende nach in Kushinagar, nachdem er ein verdorbenes Gericht verzehrt haben soll.

Die Lehre Buddhas geht von 4 Wahrheiten aus:

Es ist dies die Wahrheit von der Angst, ihres Ursprungs, ihres Aufhörens und des Weges, der zu ihrem Aufhören führt.

Diese 4 Wahrheiten sind keine Glaubenssätze sondern Handlungsaufforderungen:

Die Angst muß zunächst verstanden werden, dann muß von ihrem Ursprung abgelassen werden und auf dem Weg des Alltäglichen dieses Aufhören verwirklicht werden. Um dies alles zu realisieren bedarf es eines Schulungswegs, auf dem die ersten 3 Wahrheiten geübt werden können.

Diesen Übungsweg, der sich in 3 Gruppen aufteilt, nennt der Buddha den 8fachen Pfad zum rechten Leben:

I. Weisheit

1 Rechte Erkenntnis (ist die Einsicht in die Vier Edlen Wahrheiten von der Angst, ihres Ursprungs, ihres Aufhörens und des  Achtfachen Edlen Pfades, der zu ihrem Aufhören führt).

2 Rechte Gesinnung (ist die Aufforderung, die Gedankenwelt ständig zu prüfen: Handelt es sich um einen heilsamen Gedanken, also einen Gedanken, der mir und den anderen Wohl beschert, oder um einen unheilsamen Gedanken, der mir und anderen Ungemach oder Leiden beschert?).

II. Sittlichkeit

3 Rechte Rede (meidet Lüge, Verleugnung, Beleidigung und Geschwätz)

4 Rechtes Handeln (vermeidet Töten, Stehlen und sinnliche Ausschweifungen

5 Rechter Lebenserwerb (bedeutet  einen Beruf auszuüben, der anderen Lebewesen nicht schadet und der mit dem Edlen Achtfachen Pfad vereinbar ist. Buddhisten sollen besonders fünf Arten von Tätigkeiten weder selbst ausüben noch Andere dazu veranlassen: Der Handel mit Waffen, der Handel mit Lebewesen, die Tierzucht und der Handel mit Fleisch, der Handel mit Rauschmitteln, der Handel mit Giften).

III. Konzentration

6 Rechtes Streben (oder rechte Einstellung bezeichnet den Willen, Affekte wie Begierde, Hass, Zorn, Ablehnung usw. bei Wahrnehmungen und Widerfahrnissen zu kontrollieren und zu zügeln. Wie beim „rechten Denken“ geht es hier um das Prüfen seiner Gedanken, und das Austauschen unheilsamer Gedanken durch heilsame Gedanke)

7 Rechte Achtsamkeit (betrifft zunächst den Körper, also die Bewusstwerdung aller körperlichen Funktionen wie Atmen, Gehen, Stehen usw., dann im weiteren die Bewusstwerdung gegenüber allen Sinnesreizen, Affekten und allen Denkinhalten. Sie sollen umfassend bewusst gemacht sein, ohne sie kontrollieren zu wollen. Die Achtsamkeit auf das „Innere“ prüft die Geistesregungen und benennt sie. Es geht um ein Bewusstwerden des ständigen Flusses der Gefühle und der Bewusstheitszustände. Die Achtsamkeit auf das „Äußere“ bewirkt, ganz im Hier-und-Jetzt zu sein, nicht der Vergangenheit nachzugrübeln und nicht in der Zukunft zu schwelgen. Das heißt auch ganz bei einer Sache oder Person zu sein, mit der man in diesem Augenblick konfrontiert ist, oder bei einem Gespräch, das man führt).

8 Rechte Sammlung (bezeichnet die Fertigkeit, den unruhigen und abschweifenden Geist zu kontrollieren. Häufig auch als höchste Konzentration bezeichnet, ist sie ein zentraler Teil der buddhistischen Spiritualität. Es geht hier im Wesentlichen um die Meditation, die vor allem die Konzentration auf ein einziges Phänomen (häufig der Atem) verwendet, wodurch der Geist von Gedanken befreit wird und zur Ruhe kommt.

Wie man sieht geht es beim Buddha auf der Basis einer ganz klaren ethischen Grundlage um die Bewußtseinsschulung des Einzelnen.

In einzelnen Beiträgen werde ich immer wieder darauf zurückkommen.

Lebensdaten siehe Wikipedia >>>

Ich komme zu dem zweiten Denker, dem ich sehr große Wertschätzung entgegenbringe und der im 20. Jahrhundert ganz besonders viel an Schubladen-Zuweisungen ertragen mußte, so daß man heute sich fast schon der Verteidigung des Massenmords (z.B. Stalins und Maos) schuldig macht, wenn man es wagt etwas Positives über Marx zu sagen. Dabei hat Marx soviel mit diesen Massenvernichtungsmaschinen zutun wie Jesus mit den Kreuzzügen oder der Inquisition viel mehr gilt im Gegenteil:

Karl Marx war ein radikaler Demokrat!Karl-Marx

Die Zeiten der theoriestarken, kritischen „Alleszermalmer“, wie z.B. Kant und Marx, sind natürlich vorbei. Die Herkulesarbeit des Begriffs ist dem proseccotrunkenen, smarten Werbeslogan gewichen. Hinter der kernigen, empörten Fassade vieler sogenannter Linker gähnt die Leere der Begriffe und Analysen.

Im Sinne einer anti-ideologischen Aktion kann es von Nutzen sein, den Weg auf Denker und ihre Schriften freizumachen, die mit dem Untergang ihrer chefideologischen Interpreten des sogenannten Ostblocks im riesigen Sog des Vergessenwollens mit in die Tiefen der Geschichte hinabgerissen wurden.

Einer der in der kollektiven Amnesie einer ganzen Generation besonders betroffen war und deshalb im letzten Jahrzehnt des vorigen und ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts aus dem kritischen Diskurs ganz schnell verschwand, war Karl Marx. Schon zu Lebzeiten wollte er nie ein Marxist sein und jede Apologetik einmal entwickelter Lehren war ihm immer suspekt und zuwider. Die strukturelle, systemische Gewalt hat er hinter der glatten Fassade der kapitalistischen Welt, in deren System alle zu Getriebenen werden, freilich mehr oder weniger gut alimentiert, an die Oberfläche gezerrt und demokratisch, humanistisch bewertet. Sein Befund, daß die Krise für die kapitalistische Wirtschaftsordnung konstitutiv ist, haben wir in den letzten Jahren genauso schmerzlich miterlebt, wie den menschenverachtenden Akkumulationsprozeß des Kapitals, in dem humanistischen Werte im System der Profitmaximierung keine Rolle mehr spielen.

Nachdem Marx nun nicht mehr – freilich post hum – herhalten muß, um unterschiedlichste Arten von menschenverachtenden und diktatorischen Auswüchsen zu rechtfertigen, kann man sich nun dem hochintelligenten, messerscharf denkenden Sozialwissenschaftler zuwenden, dessen Analysen und Methoden zwar historisch kontextualisierbar sind, aber dennoch nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt haben.

Begriffe wie Verdinglichung, Entfremdung, Warencharakter, Kapitalverwertbarkeit und Pauperisierung können nach den exegetischen Religionskriegen des 20. Jahrhunderts wieder gehoben und ideologiefrei benutzt werden. Eine Pauperisierung des Mittelstands durch Produktivkraftentwicklung, globalen Wettbewerb und Enthumanisierung des Finanzmarktes können mit ideologiefreiem, wissenschaftlich ermitteltem Zahlenmaterial belegt werden.

Viele moralisch anständige Menschen haben Angst, daß durch historische Kontextualisierungen und ideologiefreie Interpretationen von Denkern der Geschichte, die Sprengkraft und Vitalität ihres Denkens in der Beliebigkeit untergeht und einer, wie der andere Denker gleichermaßen Recht wie Unrecht hat. Die Gefahr kann in rechtem Licht betrachtet aber eigentlich nicht bestehen, die globale Gemeinschaft der fühlenden Wesen ist für ihr Überleben insgesamt von ihren natürlichen Grundlagen abhängig und als Gesellschaft von ihrem menschenwürdigen Umgang miteinander – also dem, was man mit den Schlagworten – Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit benennen könnte. Mit diesen Prämissen sind aber gleichzeitig Kriterien benannt, an denen sich jede Theorie und jeder Denker messen lassen muß.

Das Untergehen der Blöcke, der bipolaren Welt von Kommunismus und Kapitalismus macht den Weg wieder frei für eine dialektische Bewegung der Geschichte und diskrediert in keinster Weise die inhaltlichen Aspekte von Demokratie und Menschenwürde. Wenn auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt und dessen landwirtschaftliche Produktivität mehr als 10 Milliarden Menschen ernähren könnte, rund 1 Milliarde Menschen hungern und alle 5 Sekunden ein Kind unter 10 Jahren an Hunger stirbt, dann ist das keine Frage der richtigen oder falschen Ideologie, um diese Tatsache als menschenverachtend und ungerecht zu brandmarken. Menschenwürde und Gerechtigkeit sind keine beliebig zu füllenden Kategorien oder von naturgesetztlicher Art.

Wie Marx in seinen Schriften immer wieder gezeigt hat, ist eigentlich alles, was wir als vermeintlich objektiv anzusehen und deren Zwangsläufigkeiten wir uns eben unterwerfen müssen, wenn wir vernünftig sind, in Wahrheit von Menschen gemachte und von Menschen veränderbare Strukturen mit einer verdinglichten Fassade, wie in einem Marionettentheater. Die Sachzwanglogik ist durch und durch falsch und ideologisch. Sie funktioniert nur deshalb so gut, weil sie in einer komplexen und undurchsichtigen, globalen Welt unserem Gehirn die Möglichkeit bietet, vermeintlich Anker an Orten zu setzen, an denen die Wirklichkeit dies eigentlich völlig unmöglich macht. Wer sich von der Sachzwanglogik befreit, befreit sich von Illusionen und Ideologien.

Der Warencharakter und die Zwangsökonomiesierung aller Lebensverhältnisse und zwischenmenschlichen Beziehungen kann mit dem Werkzeugkoffer, den Marx uns hinterlassen hat, immer wieder aufgedeckt und benannt werden. Die instrumentelle Vernunft, die inzwischen den ganzen Globus erfasst hat, ist eine immanente, system- und strukturstabilisierende Vernunft, die nur durch ideologiefreie Kritik transzendiert und überwunden werden kann. Mit der Perpetuierung alter Ideologie und überkommener Gesellschaftsmodelle können wir aber die Probleme von heute und morgen nicht mehr lösen, wir brauchen Offenheit und Kreativität, um neue Wege jenseits der Fronten des kalten Kriegs einzuschlagen und gerade hier helfen uns kritische, strukturanalytische Sozialwissenschaftler wie Marx ausgezeichnet.

Wenn man von Marx und seiner Arbeitsweisen etwas lernen kann, dann ist es Kritikfähigkeit allem und jedem gegenüber, vor allem aber auch sich selbst gegenüber. Wir sollten uns immer wieder klarmachen, daß unser Bedürfnis immer wieder nach Beweisen für einmal gemachte Erfahrungen und damit verbundene Bewertungen zu suchen, nur die eine Seite unseres Gehirns ausmacht, die andere Seite ist unsere Fähigkeit zur neuronalen Plastizität, also daß wir in der Lage sind einzelne Bausteine und Erfahrungen durch Reflexion und Kritik immer auch wieder zu neuen Bildern zusammenbauen können.

Wenn wir also mit Marx unsere Kritik- und Analysefähigkeit immer wieder verbessern, dann tun wir auch etwas für unsere Gesundheit und gegen wachsende Senilität im Alter. Es ist nie zu spät, um Kritikfähigkeit zu lernen. Und so sollten auch die Schriften des Demokraten Karl Marx von Ihrer unheilvollen Wirkungsgeschichte entlastet werden und eine zweite Chance erhalten.

Auch auf diesen Denker werde ich in meinem Blog immerwieder zurückkommen

Lebensdaten siehe Wikipedia >>>

MEWWer mal in den Werken von Marx und Engels lesen will, kann dies gleich auf meinem Blog tun

Das bumap2.3 Konzept

Menschen, die in der Sache etwas bewegen, etwas verändern wollen, haben in den letzten Jahrzehnten viel dazu gelernt und vermeiden heute in öffentlichen Diskussion oft den Gebrauch von Reizworten – und dies mit sehr gutem Grund – müssen wir doch alle ständig die Erfahrung machen, daß es ganz vielen Menschen nicht um einen sachlich nüchternen Blick auf dringend veränderungswürdige Dinge geht, sondern um das Beharren und Bestätigen ihrer Vorurteile um vermeintlich „sicher und smart“ durchs Leben zu kommen.

Vor diesem Hintergrund mag es sicher eher kontraproduktiv sein in diesem Blog das Akronym „bumap2.3“ einzuführen. Was sich hinter dieser Abkürzung „bumap 2.3“ verbirgt, ließe sich natürlich problemlos rein inhaltlich beschreiben und damit könnte ich auf jegliche Reizworte verzichten.

Da mein Blog aber unter dem Motto steht „Schubladendenken – Nein Danke!“, möchte ich bewußt die beiden Reizworte „Buddhismus“ und „Marxismus“, die sich neben dem Wort Philosophie hinter dieser Abkürzung „bumap2.3“ verbergen, zugegebenermaßen in provokativer Absicht, benutzen, wohl wissend, daß bei der Verwendung eines der beiden Worte oder auch beider Worte gemeinsam sofort jede Menge Rolladen runtergelassen werden!

Bumap-Logo
Was wäre, wenn alle Vorurteile und Schubladen über Buddhismus und Marxismus, im Kern diese beiden Weltanschauungen gar nicht treffen würden, Buddha & Marx gleichermaßen Recht hätten und sich dem vergesellschafteten Glück ALLER Menschen nur von verschiedenen Seiten genähert hätten, dann würde man trotzdem zwischen den Stühlen sitzen, die Frage ist nur, kann man nicht zwischen den Stühlen auch bequem stehen oder den aufrechten Gang üben?

Viele verbinden mit dem Wort „Buddhismus“ nichts als apolitischen Eso-Kitsch mit dem allerdings die Lehre des historischen Buddha so viel zu tun hat, wie eine glückliche allgäuer Kuh mit dem Spitzentanz, genauso verbinden viele mit dem Wort „Marxismus“ nichts als die Kunstfigur des 20. Jahrhunderts, die man nicht verteidigen oder positiv rezipieren darf, weil man damit gleichzeitig den russischen oder chinesischen Massenmord unter Stalin oder Mao verteidigt, wobei auch hier der historische Marx soviel mit diesen Ereignissen zu tun hat, wie Jesus mit den Kreuzzügen und der Inquisition.

Wer aber trotzdem damit Probleme hat, daß ich hier den Konzeptversuch einer „buddhistisch-marxistischen Philosophie“ auf den Weg bringen möchte, sollte am besten diesen Blog gleich wieder zumachen. Wer sich jedoch mit mir gemeinsam darin üben möchte, nicht sofort alle Vorurteile auf den Tisch zu knallen und sich erst mal in aller Ruhe anhören, bzw. lesen möchte, was ich unter dem Akronym „bumap 2.3“ verstehe, ist herzlich eingeladen in diesem Blog weiterzulesen.

Was mir in den vergangenen 40 Jahre bei meiner zyklisch wiederkehrenden Beschäftigung mit dem Marxismus des 20. Jh. immer wieder aufgefallen ist, ist die Tatsache, daß sich Linke oder ich sag mal summarisch viele, die sich auf die Thesen und Analysen von Karl Marx berufen, sich sehr schwer damit tun, sich über den kalten, analytischen Verstand hinaus auf den Menschen mit all seinen Gefühlen, Ängsten, Zweifeln, Sorgen zu beziehen und ihn auch auf diesen emotionalen Ebenen anzusprechen und um es gleich zu sagen, damit möchte ich in keiner Weise die pragmatische Hilfe, die von Linken (natürlich von vielen anderen auch, um die es aber hier nicht geht) ganz selbstverständlich in den letzten 150 Jahren geleistet wurde schmälern, sondern nur darauf hinweisen, daß Menschen auch immer gefühlsmäßigen Beistand brauchen und Widerstand, wie Veränderung ohne Mitgefühl nicht auskommen kann.

Was ich damit meine, hat Ernst Bloch mal in einer kurzen Geschichte vom Ende der zwanziger Jahre (des letzten Jahrhunderts) in etwa so erzählt (die genaue Stelle habe ich gerade nicht zur Hand): Ein Sozialist und ein Nazi halten einen Vortrag über Limonade, der Sozialist referiert akkribisch über alle Inhaltsstoffe der Limonade, beschreibt alle Gefahren, die von Ihnen ausgehen und welche riesigen Gewinne der Unternehmer mit der Limonade einfährt. Dann geht er ohne große Regungen des Publikums vom Rednerpult ab.

Nun tritt der Nazi-Redner ans Pult. Er bedankt sich kurz und förmlich bei seinem Vorredner und beginnt ohne große Umwege sofort über den wunderbaren Geschmack, das Prickeln und die tolle Farbe der Limonade zu schwärmen, dann verbindet er bruchlos dieses Gefühlserlebnis beim Trinken der Limonade mit dem großartigen und Gemeinschaft stiftenden Erlebnis einer Jugendgruppe, die am Lagerfeuer gemeinsam diese Limonade – ein Meisterwerk deutscher Lebensmittelkunst – konsumiert. Kaum hat er seinen Vortrag beendet, brandet überschäumender Ablaus auf, alle sind voller Begeisterung für die Limonade und die gemeinsame Sache, jetzt wird die Limonade gleich im Saal verteilt und viele trinken jetzt gemeinsam diese rein deutsche Limonade. Manche treten gleich im Vorraum des Festsaals dieser überzeugenden Partei bei, deren Redner so wunderbar die Herzen der Menschen mit seiner glühenden Rede über die Limonade und über das Gemeinschaft stiftende Erlebnis, das vom Trinken der Limonade ausgeht, gesprochen hat.

Der Sozialist hat längst den Festsaal verlassen, Wut und Verbitterung bestimmen seine Gedanken, denn er kann es nicht fassen, welchen Lügen über die Limonade die Zuhörer euphorischen Ablaus gespendet haben.

Bloch beschließt seine Geschichte mit der nüchternen Feststellung, daß die Nazis wahrscheinlich nie an die Macht gekommen wären, wenn der Sozialist in der Lage gewesen wäre, die Gefühlswelten der Zuhörer zu erreichen (Ich habe die Geschichte aus meiner Erinnerung erzählt, vielleicht kennt ein Leser dieser Zeilen das Buch und die Stelle und teilt mir die Literaturangabe mit, ich würde die Geschichte gerne einmal wieder im Original lesen).

Ich möchte sofort betonen, daß es in dieser Geschichte nicht um den Marketing-Aspekt gehen kann, der heute in der Werbung bis zum Überdruss benutzt wird, sondern um den Aspekt, daß es immer Menschen mit ihren Ängsten, Wünschen, ihrem defizitären Denken sind, um die es geht. Allzuleicht wird dies bei einer brillianten Strukturanalyse – wie dies bei Marx der Fall ist – vergessen, muß aber bei allem Handeln immer mit einbezogen werden!

Aus dieser Geschichte ergeben sich also einige Aspekte, die ich für meine Intention, buddhistische Philosophie mit marxistischem Denken zu verbinden, kurz ansprechen möchte – sicher werde ich im Fortgang meines Blogs immer wieder einzelne Aspekten noch detaillierter besprechen können:

1. Natürlich ist die mit der Aufklärung und den letzten 500 Jahren der Entwicklung einer modernen Naturwissenschaft verbundene kalte, also nüchterne, Rationalität eine wesentliche und positiv zu beurteilende Entwicklung. Was diese Entwicklung jedoch nicht vermochte, war, das Vakuum der religiösen, mythischen, numinosen Bedürfnisse der Menschen, die sich über zehntausende von Jahren entwickelt haben, mit neuen Inhalten zu füllen, die in der Lage sind, die emotionalen, lebensnotwendigen Felder des Menschen positiv zu besetzen.

2. So wichtig und richtig die strukturelle Analyse der Gesellschaft auch ist und das Aufdecken kapitalistischer, menschenverachtender, systemische Zustände eine unabdingbare Grundlage für sinnstiftendes politisches Handeln ist, so wichtig ist doch auch die simple Tatsache, daß Gesellschaften aus realen Menschen bestehen und das wir Gesellschaften deshalb nicht allein durch die Veränderungen von Gesellschaftsordnungen und Veränderungen in Machtapparaten ändern können sondern sich die Menschen selbst gleichzeitig mitverändern oder besser noch vorher verändern müssen.

3. Genau weil wir es mit einer Dialektik von gesellschaftlichen Verhältnissen, im marxistischen Sinn dem „Sein“ auf der einen Seite, und Menschen, mit Ihren Ängsten, Nöten, Sorgen, also ihren Leiden, im buddhistischen Sinn ihrem „Bewußtsein“ auf der anderen Seite zu tun haben, deshalb halte ich eine buddhistisch-marxistische Philosophie, die sich nicht durch Schubladendenken und Vorurteile abwürgen läßt, für eine sinnvolle Verbindung.

4. Natürlich ist es ungeheuerlich, wenn auf einem Planeten, der vor materiellem Reichtum überquillt, alle 5 Sekunden ein Kind unter 10 Jahren jämmerlich verhungert (siehe Jean Zieglers Bücher) und insgesamt durchschnittlich 1 Milliarde Menschen dauerhaft schwerstens unterernährt sind, aber wir können diese schrecklichen Mißstände nicht alleine durch zahlenmäßig untermauerte Appelle an die Machthaber auf diesem Globus angehen, es bedarf gleichzeitig einer individuellen, detaillierten Entwicklung von wahrem Mitgefühl (nicht Mitleid – wo immer ein Machtverhältnis impliziert ist!) um Menschen dazu zu bewegen, etwas für die Veränderung auf diesem Planeten zu tun. Niemand wird im Ernst bestreiten können, daß Buddhisten bei der wirklichen, also tragfähigen Entwicklung von Mitgefühl die absoluten Vollprofis sind.

5. Natürlich ist die nüchterne marxistische Analyse der strukturell zwangsläufigen Verelendung des Proletariats und des Mittelstand bei einem immer weiter fortschreitenden Konzentrationsprozesses des internationalen Kapitals absolut korrekt und jederzeit wiederum mit Zahlen unterlegbar, trotzdem wird niemand bei genauerem Blick auf die Akteure dieses Konzentrationsprozesses in Abrede stellen können, daß die Wurzeln dieser Entwicklung nicht nur in der strukturellen Getriebenheit der Kapitaleigner liegt, wie es aus der marxschen Analyse hervorgeht, sondern auch in der grenzenlosen Überbewertung des ICHS mit all seiner Gier, seinem Hass und seiner Unwissenheit. Und auch hier wird niemand ernsthaft bestreiten können, daß Buddhisten bei der Entwickung des Schulungsweg, auf dem man lernt, sein Ich nicht so wichtig zu nehmen und seine Gier, seinen Hass und seine Unwissenheit zu überwinden, wiederum die absoluten Vollprofis sind.

6. Ein ganz großes Verdienst der Aufklärung war es, den triebgesteuerten, unreflektierten Verhaltensweisen der Menschen in voraufklärerischen Jahrhunderten, die Kraft und Umfassendheit der Vernunft gegenüber gestellt zu gaben. Bildung, also Wissen sollte „den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit herausführen“ (Kant). Die rasante, instrumentell vernünftige Produktivkraftentwicklung des modernen Kapitalismus wäre ohne die Aufklärung undenkbar gewesen, darüber herrscht sicher auch bei Marxisten Einigkeit.
Nun ist aber Unwissenheit durch die Aufklärung nicht ein für alle mal verschwunden, im Gegenteil durch die Datenfluten die uns heute unaufhörlich überschwemmen, nimmt das Maß an Unwissenheit dramatisch zu. Das Dauergefühl der Ohnmacht angesichts der Masse von Informationen – natürlich drastisch verstärkt durch die globalisierte Medienwelt – führt zu einem massiven Abwehrmechanismus des Gehirns, das einer ständigen Reiz-/Informationsüberflutung ausgesetzt ist.

7. In dieser ständig an Geschwindigkeit zunehmenden Welt ist der Aufbau von beständigem Wissen, beziehungsweise der Abbau der Unwissenheit, der ja auch für jeden Marxisten von zentraler Bedeutung ist, nicht nur eine Frage der richtigen Entscheidungen. Gerade heute ist ruhige Konzentrationsfähigkeit, bewertungslose Gelassenheit und messerscharfe, ganzheitliche Analyse eine schwer zu erreichende aber unbedingt notwendige Voraussetzung um Unwissenheit abzubauen. Auch hier wird niemand ernsthaft bestreiten können, daß Buddhisten durch ihren spezifischen achtfachen Schulungsweg Vollprofis sind, wenn es um das Erlernen hoher Konzentrationsfähigkeit und messerscharfer, ganzheitlicher Analysemethoden geht.

8. Gerade weil der Marxismus eine umfassende, sozialwissenschaftliche Strukturwissenschaft ist, was vor allem der brillianten, scharfen und auf universale Bildung gegründeten Methoden von Karl Marx und seinen akkribischen Untersuchungen von Ursachen und ihren Wirkungen zu verdanken ist, ist der Marxismus so wunderbar mit buddhistischem Denken zu verbinden, denn niemand wird ernsthaft abstreiten können, zumindest sobald er seine Vorurteile abzulegen bereit ist, daß auch der Buddhismus eine Strukturwissenschaft ist, die vom Aufdecken der Zusammenhänge zwischen Ursachen und Wirkungen lebt. Wenn wir z.B. heute nicht umweltpolitisch nachhaltig handeln, wird unser heutiges Versagen die Ursache dafür sein, daß unsere Enkel übermorgen die Wirkungen dieses Versagens erleiden müssen, kann es denn richtig sein, daß wir etwas, das wir von unseren Kindern nur geborgt haben, „nachhaltig“ zerstören.

9. Wer sich heute als Marxist versteht, der weist immer wieder auf die grundsätzlichen Strukturen hin, die mit dem Kapitalismus verbunden sind und die dafür verantwortlich sind, daß es auf diesem Planeten so viele Mißstände gibt (ehe jetzt einer sofort wieder schreit, alles Schwachsinn, es ist uns doch noch nie so gut gegangen wie heute – möchte ich doch mal den einfachen Hinweis geben, daß man hier mal in aller Ruhe und so komplex und achtsam wie möglich, darüber nachdenken, man könnte auch sagen meditieren, sollte, was eigentlich unter dem kleinen Wort „UNS“ zu verstehen ist!).
Um diese strukturelle Denkmethode wirklich zu verinnerlichen, ist eine intensive Beschäftigung mit buddhistischer Philosophie besonders effektiv, hier beziehe ich mich natürlich vor allem auf das buddhistische Konzept der „Leerheit“ (übrigens eines der am häufigsten mißverstandenen Konzepte im Buddhismus). Was das Konzept der „Leerheit“ meint, ist kurz gesagt nichts weiter als die schlichte, aber schwer zu lebende Einsicht, daß es nichts auf diesem Planeten geben kann, was eine eigenständige, von allem anderen unabhängige Existenz hat, denn grundsätzlich hängt immer alles mit allem zusammen, nichts verändert sich allein aus sich selbst heraus, unabhängig von allem Anderen und jede Veränderung hat Konsequenzen für tausend andere „Dinge“!
Ein plattes Beispiel mag hier genügen: Wenn wir ein saftiges, 350g schweres Steak genüßlich verspeisen, dann hat dieses Steak, bis es bei uns im Magen ist, rund 3500g CO² produziert, hängt also alles mit allem zusammen oder nicht? Aber! will es denn jemand wissen? Natürlich nicht! Genau an dieser Schnittstelle und an millionen weiteren kommt Marxismus und Buddhismus zusammen (diese Aussage möchte ich dann in späteren Beiträgen näher beleuchten)!

10. Viele Buddhisten weisen inzwischen immer wieder darauf hin, daß ein ethisches Verhalten nicht an Religionen gebunden ist und daß die „transzendentale Obdachlosigkeit“ (Lukács) keine Entschuldigung dafür sein kann, sich moralisch wie ein Schwein (das arme Schwein) zu verhalten. Gerade weil auf diesem Planeten soviele schreckliche Dinge im Namen von Religionen passieren, halte ich diesen buddhistischen Ansatz für sehr nützlich und zwar für alle Menschen und auch Karl Marx – so wie ich ihn kenne – würde dies sofort unterstützen.
Menschenwürde für alle fühlenden Wesen, echte ökologische Nachhaltigkeit (siehe zunächst meine grundsätzlichen Ausführungen zum Namen dieses Blogs), Solidarität, Gerechtigkeit und Demokratie sind doch keine Ziele oder Kriterien die an eine Religion gebunden sind, diese Ziele kann auch ein Atheist oder Agnostiker unterstützen. Wichtig ist nur, daß man sie in seinem täglichen Handeln so gut als möglich berücksichtigt. An dieser Stelle ist es für manchen sicher nicht uninteressant zu wissen, daß im buddhistischen Denken ein Mensch als die Summe seiner Handlungen gilt. Eine Denkweise, die besonders in Zeiten der bunt schillernden Fassaden hinter denen die Leere gähnt, interessant ist und dafür sensibilisieren sollte, daß die vollmundige Ankündigung von Handlungen nicht mit der Handlung selbst verwechselt werden sollte, eine Gefahr, die in virtuellen Zeiten, wie der unseren, besonders groß ist.

11. Der Werbespot, den die Partei „Die Linke“ zur Europawahl 2014 produziert hat und den ich auf der Sidebar dieses Blogs verlinkt habe, weil er mir so ausnehmend gut gefällt, zeigt einen sogenannten Wutbürger, der über Wissen und Erfahrung verfügt und der sich von den schönen Fassaden der Mächtigen nicht mehr länger „verarschen lassen will“ und auf ensprechende Fakten hinweist. Auch hier wird es für ein buddhistisch-marxistisches Zusammenspiel sehr interessant.
Natürlich ist es durch und durch verständlich, daß sich der Bürger in dem Spot extrem ärgert, wichtig zunächst für ihn selbst ist aber, schon aus gesundheitslichen Gründen (hoher Blutdruck etc.), daß er lernt so schnell wie möglich die massive negative Emotion an sich vorbeiziehen zu lassen, aber – und jetzt kommt’s – nicht um möglichst schnell wieder in einem Gefühl resignativer Ohnmacht zu versinken, sondern um alleine oder gemeinsam mit anderen die Situation zu analysieren und darüber gelassen und in aller Ruhe nachzudenken, was man tun könnte und das vor dem Hintergrund grenzenlosen Mitgefühls für all die, die z.B. keine angemessene Pflege bekommen oder die Folgen eines Freihandelsabkommens der EU mit den USA ausbaden müssen etc. etc.

12. Ein Frühwarnsystem für negative Emotionen ist besonders für politisch aktive Linke von ganz besonderer Bedeutung, weil sie nach dem Wegfall der politischen Blöcke und dem scheinbaren Siegeszugs des Kapitalismus besonders häufig in die Situation geraten, daß sie allein dastehen und sich gegen ein Meer von Ignoranz verteidigen, beziehungsweise anargumentieren müssen. Eine ausgebildete innere Stimme kann uns frühzeitig darauf hinweisen, daß wir uns in blinder Wut verrennen oder polemisch werden, anstatt uns auf die Fakten zu konzentrieren, und hier hat die Linke – wie ich in den letzten 40 Jahren immer wieder feststellen konnte – wirklich keinen Grund sich zu verstecken. Zu Menschenwürde für alle fühlenden Wesen, ökologische Nachhaltigkeit, Solidarität, Gerechtigkeit und Demokratie gibt es keine Alternativen, nur im Weg diese Ziele zu verfolgen gibt es Alternativen wahrscheinlich so viele wie es Individuen gibt.
Linke sind oft Menschen, die sich nicht gerne mit summarischen Stammtischparolen abspeisen lassen wollen, Wissensaufbau über die Dinge und Zusammenhänge in dieser Welt wird in der Regel von Linken bejaht. Nun ist es aber so, daß durch sehr gut vernetztes und global aktives Wirtschafts- und Finanzkapital im gleichen Maße, wie deren Aktivitäten steigen – und bei schwindenden Resourcen müssen legale wie illegale Aktivitäten immer steigen, auch das Maß der mentalen Belastungen für kritisch denkende Menschen ständig zunimmt. Bei der Bewältigung dieses mentalen Problems, also die wachsende Zahl an globalen Problemen mental zu verkraften, ergänzen sich Buddhismus und Marxismus auf wunderbare Weise, denn buddhistische Philosophie gibt uns die Möglichkeit sich mit diesen Problemen zu befassen, ohne wahnsinnig zu werden oder in ohnmächtige Starre und Resignation zu verfallen.

13. Kommen wir mal noch zu den beiden Zahlen „2.3“ am Ende der Abkürzung, da ich die Begegnung der beiden Weltanschauungen, der des Buddhismus und der des Marxismus für ein erfolgversprechendes, dialektisches Geschehen von 2 einander durchdringenden Thesen halte, verwende ich zunächst die Zahl 2 als Symbol und teile diese mit einem Punkt von der Zahl 3, die für die emergente Synthese dieser beiden Weltanschauungs-Ansätze steht, in der Synthese von buddistischem und marxistischem Denken, bleibt keines von beiden das alte, die Synthese weist Eigenschaften auf, die sich nicht mehr aus den Einzelbausteinen erklären lassen, ist also emergent, der dialektische Prozeß hat also etwas Neues zu Tage gefördert, das könnte dem historischen Buddha und dem historischen Marx gefallen, denn beide Personlichkeiten sind ausgesprochene Prozeßdenker und das könnte auch der Evolution gefallen, die ja bzgl. dialektischer, emergenter Prozesse ein echter Vollprofi ist.

14. Die Verfechter des Kapitalismus haben in den letzten rund 100 Jahren immer wieder gerne – mehr oder wenig kosmetisch verpackt – sozialdarwinistische Thesen geschwungen – wie auch jetzt wieder im Europawahlkampf – so nach dem falsch verstandenen Grundsatz, der Stärkere setzt sich halt durch, wir wollen keine Faulenzer und Sozialflüchtlinge in unseren hart erarbeiteten Sozialsystemen, es ist doch kein Wunder das der Kapitalismus sich gegen den Kommunismus durchgesetzt hat, der Stärkere setzt sich halt immer durch.
Aber für die Erdgeschichte und die darin ablaufende Evolution ist die Menschheitsgeschichte jedoch nur ein winziger Tropfen auf einem heißen Stein – von einem Anthropozen zu sprechen, entspricht nur dem üblichen menschlichen Größenwahn – und am Ende des Tages könnte sich herausstellen, daß der aus der Evolution hervorgegangene Mensch es halt doch nicht geschafft hat, sich den Lebensverhältnissen auf diesem Planeten so anzupassen, daß er überleben kann, bzw. sich sogar weiterentwickelt (dazu mehr im Grundsatzbeitrag zum Namen dieses Blogs „Ökoradix“), man sollte halt doch etwas besser Englisch können, dann würde man den Ausspruch „survival of the fittest“ doch etwas besser übersetzen können.

15. Drop your Ego – nehm dich selbst nicht so wichtig (frei übersetzt)! Dieser buddhistische Grundsatz trifft auf ganz viele Linke, auf politisch arbeitende Menschen in den unterschiedlichsten Bereichen, besonders in den vielen NGOs dieser Welt zu, denn sonst würden diese Menschen nicht so viel ihrer kostbaren Lebenszeit für ihr politisches Engagement investieren. Im Kontrast dazu gibt es natürlich auch die, die ständig ihren Körper, also ihre Fassade optimieren müssen, also Maskenbildner ganz besonderer Art sind, die kein Verständnis und kein wahres Mitgefühl für die haben, die auf dieser Welt durchs Raster fallen und millionenfach elendiglich verrecken müssen, weil wir es bei all unserem angehäuften Reichtum nicht fertig bringen, daß niemand mehr hungern muß. Das Zarteste ist eben nicht die richtige Hautcreme! „Zart wäre einzig das Gröbste: daß keiner mehr hungern soll“ wie Adorno in seinen Reflexionen aus dem beschädigten Leben so treffend formuliert hat (Adorno, Minima Moralia, Text 100).

16. Der Abtausch von Vorurteilen, das schnelle Einordnen in Schubladen bringt uns nicht weiter, alle fühlenden Wesen auf diesem Planeten haben das Recht auf Glück, der zentralen Sinnkategorie allen Lebens. Was allerdings unter Glück zu verstehen ist und das sich das Glück weniger, niemals auf dem Unglück vieler gründen läßt, das ist ein wesentliches Themenfeld in diesem Blog. Ich benutze nicht gerne den Slogan „Wohlstand für alle“, weil er mir nicht universal genug und zu sehr auf materiellen Wohlstand eingeengt ist.
Für einen buddhistisch-marxistischen Philosophen wie mich ist die dialektische Bewegung zwischen Sein und Bewußtsein ganz wichtig, selbstverständlich bestimmt das Sein das Bewußtsein massiv, das betrifft aber einen im Verhungern begriffenen Afrikaner genauso wie einen Multimilliardär mit Privatjet und Luxusyacht. Würde nicht auch der umgekehrte Weg vom Bewußtsein zum Sein eine Rolle spielen, wäre alles (was den Menschen betrifft) bereits längst verloren. Das Bewußtsein verändert das Sein in ganz erheblichem Maße, eine Dialektik zwischen Sein und Bewußtsein ist vorhanden und wirkt seit Menschen Gedenken – und wenn ein kapitalistische Hartliner mit Millionenvermögen einmal in die Augen eines elend untergehenden „Sozialflüchtlings“ aus Libyen oder Tunesien gesehen hat und im Angesicht des untergehenden Flüchtlinge vor der italienischen Insel Lampedusa sein Bewußtsein veränderte und dadurch seinen Einfluß und sein Geld einsetzt, um diesen armen Mensch zu helfen, dann verändert das Bewußtsein auch das Sein!

17. An dieser Stelle möchte ich das „bumap2.3“ Konzept nochmal zusammenfassen: Der Buddhismus ist keine missionarische Religion, er kommt ohne ein Gottesbild und ohne Götter aus, der Buddhismus ist weder Opium des noch für das Volk, der historische Buddha hat von sich selbst immer gesagt, daß er nichts als ein „wacher Mensch“ sei – also gerade keingöttlicher  Opiumesser ist – und als Sinnbild seiner Lehre hat er eine Butterblume hochgehalten, als Ausdruck dafür, daß immer alles mit allem zusammenhängt, er also ein wacher, ganzheitlicher Denker ist, der die Wahrheit auf dem mittleren Weg sucht. Sind dies nicht alles Belege dafür, daß man das gute und analytisch messerscharfe Denken des historischen Karl Marx durch die philosophischen Lehren des historischen Buddha ergänzen sollte. Wachheit, Ganzheitlichkeit, Beharrlichkeit, Mitgefühl, Streitkultur, Ruhe und Denkfähigkeit sind Eigenschaften, die den Marxismus stärken und durch den buddhistischen Schulungsweg geübt werden. Was wäre wenn Buddha & Marx beide recht hätten, sobald man mal alle Vorurteile hinter sich gelassen hat.

Was man außerdem zusammenfassend sagen kann: bumap2.3 ist kein YOLO Konzept!

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