Schlagwort-Archiv: Czernowitz

An Pfingstmontag im Jahre 2014

Mohn_und_Gedächtnis
Mohn und Gedächtnis, der erste Gedichtband Celans, der Spannungsbogen Czernowitz – Paris, die Bokowina ein Land von echten Multikultis – da lebten sie noch zusammen, Paris eine Stadt der Gegensätze, da rezipierten Marxisten und glühende Kämpfer der Résistance noch Heidegger…

Mohn und Gedächtnis, das flüchtige, kurze, alles vergessenmachende, glühend rote Aufblühen – der Mohn, die Liebe, das Durchatmen, die Erleichterung – auf der anderen Seite des schmalen Grades: Belastung, Schmerz, Erinnerung, das Gedächtnis. Mohn und Gedächtnis, Tag und Nacht, das grelle Licht des Bewußtseins und das ewige Dunkel des Unbewußten, Leben und Tod, die unio mystica. „Wir waren tot und konnten atmen.“ Mohn und Gedächtnis, das Erinnern knebelt nicht die Freiheit, eines stärkt sich am anderen, der utopische Mohn des Vergessens gedeiht nur gut auf dem Boden der Erinnerns, Utopie kann nicht ohne Erinnerung sein.
Mohn und Gedächtnis, nichts hilft den täglichen Widerspruch besser gestalten. Mohn und Gedächtnis, das ist auch das „Geheimnis der Begegnung“, es ist das „Würgen“ an den Nichtverrechenbarkeiten, es ist zum einen jenes Gedicht „Wirk nicht voraus“ aus Celans letzten Gedichtband „Lichtzwang“:

„Wirk nicht voraus,
sende nicht aus,
steh
herein:

durchgründet vom Nichts,
ledig allen
Gebets,
feinfügig, nach
der Vor-Schrift,
unüberholbar,

nehm ich dich auf,
statt aller
Ruhe“

Und es ist zum anderen oder vielmehr zugleich Heideggers Antwort darauf:

„Wage die Stille
Stille die Waage

Höre das Her
Schweige das Hin

Schwanke nicht mehr
Danke und sinn‘

Stille die Waage
Wage die Stille“

Leben und Denken ist eben beides, es ist Mohn UND Gedächtnis, es ist auch Mönch UND Krieger. Soll man die Kunst vielleicht erweitern,  damit die Antipoden in uns beide Raum finden? „Nein. Sondern geh mit der Kunst in deine allereigenste Enge. Und setz dich frei.“

MohnundGedächtnis„Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.“

Wie es in Paul Celans Gedicht „Corona“ heißt.

2012 zum 60sten Jahrestag des Erscheinens von Paul Celans erstem Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ hat die DVA diesen Band in einer der Erstausgabe nachempfundenen, bibliophilen Ausgabe wieder veröffentlicht. Wer die Gedichte dieses Band in seinem Herzen immer dabei hat, der kann eigentlich nicht fehl gehen…

Als 1952 „Mohn und Gedächtnis“ erschien, war der Autor, der als Paul Antschel 1920 als Sohn deutschsprachiger Juden in Czernowitz/Bukowina geboren wurde, der literarischen Öffentlichkeit vollkommen unbekannt. Seine Eltern wurden 1942 während der deutschen Besatzung deportiert und ermordet. Er selbst überlebte den Krieg in einem Arbeitslager. Danach gelangte er über Bukarest und Wien nach Paris, wo er bis zu seinem Tod als Dichter, Übersetzer und Lektor an der École Normale Supérieure lebte und arbeitete. 1970 beendete er sein Leben.

Heute zählen die 56 Gedichte des Bandes, darunter die »Todesfuge«, zu den bedeutendsten des 20. Jahrhunderts, aber wie es immer so ist, wenn etwas erstmal zu dem Bedeutendsten zählt, dann wird es leicht vergessen, deshalb würde ich mich freuen, wenn möglichst viele diese eindringlichen Gedichte lesen oder wieder lesen würden, auch oder gerade weil sie nicht mehr in unsere „hippe“ Zeit passen, in der es vor lauter „gelebten Augenblicken“, kein Gedächtnis mehr für die Vergangenheit und Zukunft gibt. Denn schließlich hatten wir als Menschheit mal eine Zukunft und schließlich wollten wir uns mal mahnend der Vergangenheit erinnern.

Celan wurde 1960 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. In seiner Büchner-Preis-Rede finden wir viele Steine des Erinnerns, wir finden den „20. Jänner“: Der 20. Jänner 1778, an dem Lenz durch das Gebirge zum Pfarrer Oberlin nach Waldersbach übers Gebirge ging, der 20. Jänner 1942, an dem in der Wannseekonferenz die planmäßige Endlösung, die endgültige Vernichtung der europäischen Juden in „freundlicher Atmosphäre“ erörtert  wurde, der 20. Jänner 1948, an dem Celan Ingeborg Bachmann kennenlernt, der 20. Jänner 1968, an dem er sein Gedicht „Der zwanzigste Jänner 1968“ schrieb:

„Ich höre, die Axt hat geblüht,
ich höre, der Ort ist nicht nennbar,

ich höre, das Brot, das ihn ansieht,
heilt den Erhängten,
das Brot, das ihm die Frau buk,

ich höre, sie nennen das Leben
die einzige Zuflucht.“

„Ich finde das Verbindende und wie das Gedicht zur Begegnung Führende. Ich finde etwas – wie die Sprache – Immaterielles, aber Irdisches, Terrestrisches, etwas Kreisförmiges, über beide Pole in sich selbst Zurückkehrendes und dabei – heitererweise – sogar die Tropen Durch-kreuzendes –: ich finde… einen Meridian.“ (Büchner-Preis-Rede, 1960)

Zauberpflanze Mohn, im Eingedenken alles Kreatürlichen bist du die Chiffre, die Grenze zwischen vernichtender Gefahr und beglückender Heilung, der Absturz in’s Bodenlose ist immer mit im Gepäck.

Wenn du blühst, kann der Sommer nicht mehr weit sein, deine borstige Behaarung gibt dir Abwehrstärke in den wenigen Stunden, in denen du feuerrot glühst. Du bist die Pflanze des Augenblicks,  Glücks- und Totenblume zugleich, als Pionier besiedelst Du Gegenden, die längst dem Vergessen anheim fielen – so wie all die vielen Soldatengräber, zu denen du als erster kamst. Für mich bist Du das Signal, wo du blühst ist der Mensch schon weitergezogen, es geht vorwärts, die Passion hat sich erfüllt, der Samen des Gedächtnisses ist aufgegangen.

Mohn UND Gedächtnis – ein Pfingstmontag im Jahre 2014