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KulturDenkBilder

Einsamer Baum
KulturDenkBilder – wie der “Einsame Baum” von Caspar David Friedrich – sind reale oder imaginierte Bilder, die uns auf ganz unmittelbare – nicht reflektiert willendliche – Weise dazu veranlassen, über sie nachzudenken. Diese unmittelbare Wirkung kommt dadurch zustande, daß ein Denkbild im Unterschied zum Text, Aphorismus oder Symbol immer ein Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Erlebniswelten darstellt. Darüber hinaus sind wir entwicklungsgeschichtlich dem Bild viel näher als dem Wort, deshalb vermag das Denkbild eine so große Wirkung zu entfalten, indem es Bild ist, spricht es uns unmittelbar an, indem es ein Zusammenspiel unterschiedlicher Themenwelten ist, setzt es in uns einen rationalen Reflexionsprozess in Gang – es initiiert einen assoziativen Denkvorgang. Ein Denkbild spricht uns direkt, ohne unseren kulturgeschichtlich entfalteten Ratiofilter, auf ganz vielen Ebenen an, limbische Gefühlsmarker werden so wie unsere Kellergeschosse des Unbewußten affiziiert.

Mönch am Meer

KulturDenkBilder – wie der “Mönch am Meer” von Caspar David Friedrich – sind in der Regel verstörend – wären sie affirmativ, wären sie keine Denkbilder – oft bringen sie unsere “normalen” Denkwege und -strukturen vollkommen durcheinander – wenn sie besonders gut sind, sprengen sie den Eingang in die farbenfrohe Welt des komplexen Denkens frei.
Was in Denkbildern dargestellt wird, ist auf unterschiedliche Weise verstörend, zum einen sind es die unterschiedlichen Themen, die für sich selbst schon aufwühlend sind und dann um so mehr in der Zusammenziehung in einem einzigen Bild, dann aber sprechen Denkbilder in der Art ihrer Darstellung und Präsentation viele verschiedene Sinne an, oft können wir in ihnen etwas sehen, etwas hören und etwas lesen.

Damit ist das Dargestellte ebenso problematisch wie die Darstellung selbst.

Das Denkbild war als Wort mitsamt seinem Inhalt bereits vor der Romantik – also schon in der Weimarer Klassik – im allgemeinen Sprachgebrauch z.B. bei Winckelmann, Herder und Goethe. Von dem her was ein Denkbild bedeutet, finden wir es allerdings in der gesamten Kulturgeschichte.
Ein wirklich ausgezeichnetes Beispiel für ein Denkbild ist z.B. auch der dritte Meisterstich Dürers, die “Melancolia I”. Mit der profunden Ausdeutung und gedanklichen Aufarbeitung dieses Stichs kann man sein ganzes Leben verbringen, und in der Tat man kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste und wird nie damit fertig. Wahrscheinlich sind große Werke der Kulturgeschichte immer Denkbilder, denn sie sprechen die Menschen über die Zeiten hinweg immer an und sie sind immer offen, lassen tausende von verschiedenen Deutungen und Reisen der Phantasie zu.

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Vgl. auch den sehr interessanten Beitrag von Hinrich C. Seeba über Denkbilder.

Im 20sten Jahrhundert sind die Denkbilder vor allem durch die Denkbilder – als Erkenntnismethoden – Walter Benjamins (Einbahnstraße) und Theodor W. Adornos (Minima Moralia) ins Blickfeld gekommen. Bei diesen Denkbildern ist vor allem der Aspekt der Imagination, die durch die geschilderten Situationen initiiert wird und die Auswahl der Bilder, des skizzierten Imagos bedeutend.

KulturDenkBilder sind aber weitaus mehr, als ich hier in diesem Beitrag bisher erwähnt habe, deshalb werde ich hoffentlich noch oft darüber schreiben können…