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Wabi Sabi ist auch eine Lebensform

WabiSabi

Wabi Sabi ist alles, was in unserer modernen, auf Äußerlichkeiten programmierten Welt nicht mehr vorkommt.

Wabi Sabi ist aus dem einfachen und bescheidenen Leben der Zen-Mönche geboren und steht unter der Prämisse von Natürlichkeit, Freude und Wehmut, Zurückhaltung, Schönheit der Veränderung und Vergänglichkeit im Naturkreislauf und vorallem unter der Prämisse der Achtsamkeit gegenüber allem Kleinen, Unscheinbaren in unserem unmittelbaren Leben.

In jeder Blüte, in jedem alten, sich verändernden Stück Holz kann man den Geist des WabiSabi wiederfinden, es ist nicht notwendig tausende von Kilometern zu fahren, um das Leben reich zu machen, meist ist es dann nur voll, während das Reiche vollkommen unbeachtet vor einem liegt.

Blume

 

 

Still blüht die Blume,
still verwelkt sie,
doch hier in diesem Moment
blüht die ganze Blume,
blüht die ganze Welt.

Dies ist die Rede der Blume,
die Wahrheit des Blühens,
der Glanz ewigen Daseins
scheint vollkommen hier.

Zenkei Shibayama

WabiSabi ist dieser eine reiche Augenblick, in dem das Leben für ganz kurze Zeit die Augen aufschlägt und uns ansieht, es ist jener bitter süße Geschmack der letzten Erdbeere, bevor man abstürzt, weil man nicht mehr hinauf kann, da der Tiger oben einen verschlingen will und der Tiger unten schon wartet, daß der Ast des Baums an dem man sich mühsam festhält, bald bricht und man trotzdem die wilde Erdbeere pflückt, um sie genüßlich zu verspeisen (alte Zen-Geschichte).

Im Gegensatz zu den Wertvorstellungen des Abendlandes ist WabiSabi die Apotheose der Unvollkommenheit, der Wertlosigkeit, der Vergänglichkeit, des Krummen, Asymmetrischen.

Bei den Gegenständen, die wir für unseren Haushalt anschaffen, soll nichts dabei sein, was seine Gestalt, seine Oberfläche zum Beispiel verändert, wir übertragen unsere Angst vor dem Tod und unserer Vergänglichkeit auf die makellose Schönheit und Dauerhaftigkeit der Dinge, die uns umgeben sollen. Rosten unsere Möbel im Garten, so haben wir das Gefühl als würde unsere Welt untergehen, instiktiv erleben wir die Vergänglichkeit und den Tod in allen Dingen und deshalb dulden wir nichts um uns herum, was uns an unsere Endlichkeit erinnert, alles soll so bleiben wie es ist, soll konserviert sein für die Ewigkeit.

All dies steht in einem krassen Gegensatz zum WabiSabi, hier sollen uns die Dingen um uns herum zu einer friedvollen, stillen Kontemplation der Vergänglichkeit und Veränderung aller Dinge veranlassen. In der Haiku-Dichtung Japans, besonders in der des unvergleichlichen Matsuo Basho, steht WabiSabi für die Sehnsucht nach der Schönheit des Vergänglichen.

Jenseits der Worte soll WabiSabi uns zu einer heiteren Gelassenheit im Angesicht von Alter, Krankheit, Einsamkeit und Tod führen. Wenn wir den Tod nicht mehr fürchten, können wir bei allem was uns geschieht von heiterer Gelassenheit sein. Worauf wir bauen können, ist, daß sich alles verändert, nichts für die Ewigkeit ist.

WabiSabi ist auch wieder so eine Geisteshaltung, die wir in unserem schnellen auf materiellem Wohlstand aufgebauten Leben eigentlich nicht haben wollen, trotzdem ertappen wir uns immer wieder dabei, wie wir ein nicht genau faßbares Gefühl von Aufgehobenheit und “stiller Wärme” in einem plötzlichen Gefühlsraum von Melancholie und in Gegenwart von alten, geschichtsmächtigen Gegenden empfinden. Die Moderne hat unsere alte, beseelte, im Animismus beheimatete Welt unserer Intuition auf unserer Festplatte nicht löschen können, auch wenn die Indexspuren, worüber die alten Partition ansprechbar sind, nicht mehr recht funktionieren, plötzlich gelingt es einem unscheinbaren Detail, auf diese alten Areale zuzugreifen und dann haben wir plötzlich ein nicht verbalisierbares Gefühl von Vollständigkeit…

Das ist dann oft der Moment in dem wir vom Weg abbiegen, uns auf einen Schulungsweg begeben, ob er nun WabiSabi, Tee- oder Blumenweg heißt, entscheidend ist erstmal nur, daß wir abbiegen und uns unserer Neuroplastizität bewußt werden.

Kreis