ADN-Logbuch II – DENKER

Denker
Ex Libris eines „Buchgelehrten“
(Ephraim Moshe Lilien – 1902)
Fotomontage mit dem Schriftzeichen „Tao“

Editorische Vorbemerkung

Mein ADN-Blog kann Neudeutsch als eine Art „Edition in Process“ verstanden werden, d.h. während ich die Logbücher Anselm Dals (siehe auch meine Vorbemerkungen zum Logbuch VI) editiere, stelle ich meine Ergebnisse hier in den Blog, so daß jeder Besucher des Blogs meine Arbeit – die wahrscheinlich noch Jahre dauern wird – mitverfolgen kann.

Anselm Dal hat seine Nachtmeerfahrten in sieben Logbüchern dokumentiert.

Alle Eintragungen sind wie in einem Logbuch durchgehend nummeriert nach dem Schema: LB-II-100-01 was soviel bedeutet wie: Logbuch Nummer II (Denker) / Haupteintrag mit der Nummer 100 / Untereintrag mit der Nummer 01.

Wobei ich der Meinung bin, daß die endgültige Nummerierung der Eintragungen im Logbuch II erst anfang des neuen Jahrtausends vorgenommen wurde, wahrscheinlich zum Zeitpunkt, als die „Familienaufstellung der Denker“ entstand. Viele Denker, die im Logbuch eine niedrige Nummer haben, waren in den 80er Jahren noch gar nicht relevant oder mit Büchern am Markt vertreten, ich gehe deshalb davon aus, daß die Nummerierung vorgenommen und auch gleich abgeschlossen wurde, als für Anselm Dal alle Denker feststanden, die zur Familie gehören. Diese wurden dann alphabetisch in einer Liste geordnet und mit Nummern versehen. Weitere Denker wurden ja auch nicht mehr im Logbuch II, sondern im Logbuch I besprochen.

Im Logbuch II kann man sehr schön den Sinn der zweistufigen Nummerierung erkennen, in einer quasi chaotischen Lagerhaltung der Einträge lassen sich zu einem späteren Zeitpunkt alle Eintragungen, die zu einem Hauptthema oder z.B. zu einem Denker gehören, problemlos zusammenfassen, ohne, daß man moderne Technik bemühen müßte!

Auf zeitliche Hinweise wird bei den Logbucheintragungen verzichtet, ich nehme an – einen Beweis dafür kann ich leider nicht erbringen – daß damit jedem Versuch einer Interpretation einer zeitlicher Weiterentwicklung vorgebeugt werden sollte (selbst wenn die Eintragungen niemals von Dal zur Veröffentlichung bestimmt waren, kann dieses Vorgehen doch auch als Selbstschutz vor eigener Geschichtsfälschung gewertet werden!), ein Eintrag also der z.B. 1979 (dem ersten Jahr aus dem Einträge stammen) vorgenommen wurde, soll völlig gleichwertig neben einem Eintrag von 2012 stehen, die quantitative Zeitspanne von 33 Jahren soll nicht in eine qualitative Weiterentwicklung uminterpretierbar sein.

Diese These wird auch dadurch untermauert, daß Dal seine Eintragungen in den Logbüchern nicht im Fortgang der Seiten von 1 bis 210 vorgenommen hat, sondern auf den ersten Blick völlig willkürlich vornahm. Ein Eintrag von 1979 kann nicht nur auf Seite 1 sondern auch auf Seite 100 stehen. Durch den Fortgang der Eintragungen kann dadurch ein Eintrag von 2001 neben einem Eintrag von 1984 stehen und so weiter.

Erst wenn wir einen größeren Teil der Einträge entziffert haben, können wir vielleicht eine Theorie entwickeln, daß die Platzierungen der Einträge einem strukturellen Plan für das Ganze entsprechen, bislang ist es aber noch zu früh, um solche Überlegungen anzustellen.

Noch ein Wort zu der Art wie Anselm Dal seine Eintragungen vorgenommen hat. Alle Eintragungen wurden mit Füllfederhalter und in der Regel mit schwarzer aber auch mit roter und grüner Tinte ausgeführt ( auf die rote und grüne Tinte weise ich bei den einzelnen Eintragungen hin).

Die Schrift Dals ist mikroskopisch klein insofern hat sie mich an die Microgramme Robert Walsers erinnert, dieser hatte seine Notizen allerdings mit einem extrem fein gespitzten Bleistift ausgeführt, während Anselm Dal immer Füllfederhalter mit einer SF (superfeinen) Spitze benutzt hat.

Ganz viele Eintragungen hat Dal durch eingeklebte Bilder ergänzt, ich versuche diese soweit es technisch möglich ist, im Blog aufzunehmen, ihre Herkunft und u.U. auch ihre Bedeutung näher zu erklären, soweit es aus den Eintragungen Dals nicht selbst schon ersichtlich wird.

Logbuch-IIWas erwartet uns im Logbuch II

Ich versuche nun einige Gedanken dazu zu entwickeln, warum das zweite Logbuch von Dal mit dem Wort „Denker“ bezeichnet wurde und wie ich bei der Aufarbeitung des zweiten Logbuchs vorgegangen bin und weiter vorgehen möchte.

Wichtig vorauszuschicken ist, daß sich im Logbuch II nur Gedanken zu den Denkern finden, die zu Anselm Dals sogenannter „Familie“ gehören, Gedanken, Zitate und Bemerkungen zu allen anderen Denkern finden sich im Logbuch I – da es ja auf jeden Fall auch Kulturleistungen sind, die diese Denker hinterlassen haben.

Wie ich bei meiner Arbeit mit dem Logbuch II sofort feststellen konnte, hat Dal einen sehr weitgefaßte Vorstellung davon, was er unter dem Begriff „Denker“ verstehen will. Hier ist es wohl sehr wichtig zu verstehen, daß es Dal in seinen Logbüchern, weder für sich selbst noch für potentielle andere Leser darum geht „Wissen zu konservieren“. Wissen ist Ihm nicht entscheidend, ihm kommt es „darauf an, was man daraus macht“, insofern ist ihm jede akademische Gelehrsamkeit, die kein Sitz im Leben des Gelehrten hat, suspekt.

Denken ist die Arbeit am und mit dem Wissen, insofern also die Arbeit mit und in der Welt, wie sie nun mal ist.

„Letztlich krank unser Planet nicht daran, daß wir zu wenig wissen, sondern daran, daß wir zu wenig denken! Es ist eine Frage von „Haben“ und „Sein“, wir haben viel Wissen, leben aber in bedenkenloser Seinsvergessenheit!“

Dieser Eintrag aus dem Logbuch I trifft wahrscheinlich recht genau den Denkansatz Dals, da er das Sein als die „Potentialität aller Seinsmöglichkeiten“ versteht, ist der Denker wohl der „Stadthalter des Seins“, will sagen: Komplexität und Offenheit, die Absage an alles Einschränkende, Schwarz-Weiße, vorher festgelegte, geschlossen Kohärente ist die Gangart des Seins und somit des Denkens selbst.

Der Denker – wie Ihn Dal als eine Art Archetypus versteht – ist jemand, der keinerlei Probleme damit hat, daß die Welt und die Dinge in Ihr komplex sind, vor allem das es Widersprüche gibt, die nicht aufgelöst oder miteinander verrechnet werden können. Ein hegelsches Synthetisieren ist Ihm suspekt – Offenheit willkommen.

Adorno ebenso wie Heidegger (auch wenn sie zu Lebzeiten immer angeblich auf verschiedenen Planeten wohnten) sind Anselms Paten im Ringen um selbstständiges, kritisches Denken (Adorno), das gleichzeitig aber auch das Handwerk des Einsamen (Heidegger) ist. Wer es mit dem Denken erst meint, muß auch bereit sein auf Masse zu verzichten! (so Heidegger frei wiedergegeben an Hanna Arendt).

Im Unterschied zu allen anderen Logbüchern habe ich es hier vorgezogen zunächst alle Denker, die in Anselm Dals „Familienaufstellung meiner Denker“ vorkommen (nach einem Satz Martin Heideggers über Aristoteles) mit folgenden kurzen Fakten als Beitrag im Blog anzulegen: „Er wurde geboren, lebte und starb!“

Da ich die Familienaufstellung, die Dal irgendwann im Logbuch II angelegt und immer wieder erweitert hat, als besonders wichtig für die Beurteilung des Denkgebäudes Dals (mit den unendlich vielen Räumen) erachte, werde ich versuchen, diese Doppelseite recht bald soweit zu entziffern, daß ich sie hier im Blog einstellen kann.

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