ADN-Logbuch VII – NATUR

Natur
Der Watzmann (Ludwig Richter – 1824)
Ausschnitt und Fotomontage

Editorische Vorbemerkung

Mein ADN-Blog kann Neudeutsch als eine Art „Edition in Process“ verstanden werden, d.h. während ich die Logbücher Anselm Dals (siehe auch meine Vorbemerkungen zum Logbuch VI) editiere, stelle ich meine Ergebnisse hier in den Blog, so daß jeder Besucher des Blogs meine Arbeit – die wahrscheinlich noch Jahre dauern wird – mitverfolgen kann.

Anselm Dal hat seine Nachtmeerfahrten in sieben Logbüchern dokumentiert.

Alle Eintragungen sind wie in einem Logbuch durchgehend nummeriert nach dem Schema: LB-VII-100-01 was soviel bedeutet wie: Logbuch Nummer VII (NATUR) / Haupteintrag mit der Nummer 100 / Untereintrag mit der Nummer 01.

Auf zeitliche Hinweise wird bei den Logbucheintragungen verzichtet, ich nehme an – einen Beweis dafür kann ich leider nicht erbringen – daß damit jedem Versuch einer Interpretation einer zeitlicher Weiterentwicklung vorgebeugt werden sollte (selbst wenn die Eintragungen niemals von Dal zur Veröffentlichung bestimmt waren, kann dieses Vorgehen doch auch als Selbstschutz vor eigener Geschichtsfälschung betrachtet werden!), ein Eintrag also der z.B. 1979 (dem ersten Jahr aus dem Einträge stammen) vorgenommen wurde, soll völlig gleichwertig neben einem Eintrag von 2012 stehen, die quantitative Zeitspanne von 33 Jahren soll nicht in eine qualitative Weiterentwicklung uminterpretierbar sein.

Diese These wird auch dadurch untermauert, daß Dal seine Eintragungen in den Logbüchern nicht im Fortgang der Seiten von 1 bis 210 vorgenommen hat, sondern auf den ersten Blick völlig willkürlich vornahm. Ein Eintrag von 1979 kann nicht nur auf Seite 1 sondern auch auf Seite 100 stehen. Durch den Fortgang der Eintragungen kann dadurch ein Eintrag von 2001 neben einem Eintrag von 1984 stehen und so weiter.

Erst wenn wir einen größeren Teil der Einträge entziffert haben, können wir vielleicht eine Theorie entwickeln, daß die Platzierungen der Einträge einem strukturellen Plan für das Ganze entsprechen, bislang ist es aber noch zu früh, um solche Überlegungen anzustellen.

Noch ein Wort zu der Art wie Anselm Dal seine Eintragungen vorgenommen hat. Alle Eintragungen wurden mit Füllfederhalter und in der Regel mit schwarzer aber auch mit roter und grüner Tinte ausgeführt ( auf die rote und grüne Tinte weise ich bei den einzelnen Eintragungen hin).

Die Schrift Dals ist mikroskopisch klein insofern hat sie mich an die Microgramme Robert Walsers erinnert, dieser hatte seine Notizen allerdings mit einem extrem fein gespitzten Bleistift ausgeführt, während Anselm Dal immer Füllfederhalter mit einer SF (superfeinen) Spitze benutzt hat.

Jedes Logbuch beginnt immer mit einem Bild, wie dem hier abgebildeten von Ludwig Richter, das wohl summarisch für den gesamten Inhalt des Logbuchs stehen soll. Aber auch sehr viele Eintragungen hat Dal durch eingeklebte Bilder ergänzt, ich versuche diese soweit es technisch möglich ist, im Blog aufzunehmen, ihre Herkunft und u.U. auch ihre Bedeutung näher zu erklären, soweit es aus den Eintragungen Dals nicht selbst schon ersichtlich wird.

Was man hier an dem Bild „Der Watzmann“ von Ludwig Richter exemplarisch sehr gut sehen kann, hat Anselm Dal in seinen Logbüchern fast niemals komplette Bilder übernommen, er hat fast immer nur Ausschnitte gewählt, die ihm besonders wichtig waren, darüber hinaus hat er Bilder oft auch stark montiert und verfremdet – wie man hier sehen kann (ich komme darauf zurück bei dem entsprechenden Logbucheintrag).

Logbuch-VIIWas erwartet uns im Logbuch VII

Ich versuche nun einige Gedanken zusammenzutragen, warum das siebte und damit letzte Logbuch von Dal die Bezeichnung „Natur“ trägt.

Diesem Logbuch merkt man deutlich an, daß hier in Dals Brust unentwegt zwei Seelen miteinander gerungen haben, einerseits eine unglaubliche Leidenschaft für alles unmittelbare Erleben der Natur und anderseits, beinahe gleichzeitig ein Verzweifeln an der Unmöglichkeit die Natur überhaupt noch unmittelbar erleben zu können.

Dieses ständige Erleben von Zauber und Entfremdung, das Verschwimmen von Kultur(geschichte) und Natur(geschichte). Immerwieder versucht Dal in seinen Gedanken dieses Ineinanderfließen der beiden Welten zu beschreiben und immer wieder thematisiert es das Scheitern, so wie er an einer Stelle aus Klaus Modicks Erzählung „Moos“ in seinem Logbuch notiert:

„Ich kam nach hier. Nun bin ich im hier. Jetzt und immer. Wenn ich mit dem Moos in die letzte Landschaft geschwommen sein werde, an den Ort der bewegten Ruhe, dann wird der See auch wieder See sein, der Wald wieder Wald, das Moos einfach Moos. Und sonst gar nichts. Ich werde Wald sein, See sein, Moos.“ (Seite 119)

„Unter dem grauenhaften Terminus „Leucobryum glaucum“ wird die Schönheit des Weißmooses, der Ordenskissen, unter wissenschaftlicher Kontrolle gehalten. (…) Die Vernichtung des Namens durch den Begriff, des lebendigen Ausdrucks durch den Terminus, hat die Entfremdung des Menschen von der ihn umgebenden Natur beschleunigt und besiegelt.“ ( S. 122 + 35f.)

Ich bin der Meinung, daß Dal sich dieses Zitat kommentarlos deshalb notiert hat, weil er ebenso, wie der dreiundsiebzigjährige Botanikprofessor Lukas Ohlburg empfindet.

Die im Logbuch VII eingetragenen Gedanken sind einerseits von dem Versuch gekennzeichnet, dem unmittelbaren Naturerleben nachzuspüren und andererseits ein Abschildern von Wahrnehmungen bei sich selbst hinnehmen zu müssen, die durch die Brille einer mehrtausendjährigen Kulturgeschichte entfremdet sind vom unmittelbaren Sein, die gezeichnet sind von der Seinsvergessenheit, in der sich Kulturgeschichte vollzogen hat und immernoch vollzieht.

So wie dem dreiundsiebzigjährigen Lukas Ohlburg in Modicks Erzählung gegen Ende seines Lebens die Klassifikationssysteme der Naturwissenschaft fremd werden, weil er verstand hat, daß die Klassifikationssysteme der Naturwissenschaft den Menschen von der Natur entfremden, so mißtraut meiner Meinung nach auch Anselm Dal immer mehr den Begriffen und wendet sich immer mehr den Bildern, besonders den tief sitzenden archetypischen Bildern zu.

Immer wieder finden sich Eintragungen in denen die Naturwissenschaft Goethes der modernen Art von Wissenschaft gegenüber gestellt wird. Oder aber Zitate Adornos aus der „Negativen Dialektik“ bei denen es z.B. heißt: „Die Utopie der Erkenntnis wäre, das Begriffslose mit Begriffen aufzutun, ohne es Ihnen gleichzumachen.“ (ND, S.19)

So kommt neben dem Wahrnehmen des Naturschönen immer wieder Dals Wunsch zum Ausdruck, der Mensch möge endlich bedingungslos vor der Natur kapitulieren, den Krieg, den er gegen sie führt, beenden, die weiße Fahne schwingen und endlich damit beginnen wahrhaft von Ihr zu lernen.

Was sich allerdings auch immer wieder in diesem Logbuch findet, sind Exzerpte und Gedanken zur Naturzerstörung, zum Klimawandel und zu den wunderbaren Kreisläufen, die es in der Natur gibt, den Kreisläufen, die auch immer wieder an ihren Ausgangspunkt zurückfindet, anstatt wie bei allem Menschengemachten in den diversen Katastrophen anzukommen.

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