Wie wollen wir leben?

Um die Frage: “Wie wollen wir leben?” zu beantworten, gehört immer auch die Frage nach der Macht und wie wir damit umgehen, bzw. wie wir mit unserer Angst vor der Macht umgehen, dazu.

Wie wichtig uns unsere Vorstellungen sind, wie wir leben wollen, hängt unmittelbar mit unserer zumeist unbearbeiteten Angst vor dem Tod zusammen. Wenn wir die, die meinen, über uns Macht zu besitzen, ignorieren statt sie zu bekämpfen und nicht nur keine Angst vor struktureller, sondern auch vor körperlicher Gewalt haben, dann haben wir die Freiheit zu entscheiden, wie wir leben wollen.

Aber die meisten von uns besitzen diese Freiheit nicht, weil nur ganz wenige dazu in der Lage sind, ihre Angst vor dem Tod zu überwinden. Selbst dann, wenn wir nicht gegen die Mächtigen kämpfen, um damit nicht die Dialektik der Macht zu perpetuieren, sondern uns für die positiven Dinge einsetzen, für die wir leben wollen, bleiben die Machtrelationen erhalten.

Natürlich gibt es immer die Dialektik der Macht, es gibt immer eine Beziehung zwischen den Herrschenden und den Beherrschten, keiner könnte ohne den anderen. Die Herrschenden sind von dem Gefühl, die Macht zu besitzen, bestimmt, und gleichzeitig muss das Gefühl von denen, die meinen, keine Macht zu besitzen, immer wieder bestätigt werden. Ohne Bestätigung der Macht durch die Beherrschten gibt es auch keine Herrschenden.

Aber auch, wenn wir den Herrschenden die Bestätigung ihrer Macht verweigern, wählen wir nicht automatisch das für uns richtige Leben. “Es gibt kein richtiges Leben im falschen”, wie Adorno in seinen Minimal Moralia schon treffend anmerkte. Erst dann, wenn die Verweigerung zu einem ernstzunehmenden Massenphänomen würde, wird sie auch von den Herrschenden wahrgenommen, und erst dann, wenn bildlich gesprochen Panzer nicht mehr ausreichen und sich auch atomare Schläge nicht anbieten, weil sie auch die Herrschenden treffen würden, kann es zu einer Situation des Umdenkens bei den Herrschenden kommen.

Um aber zu dem Willen nach einem anderen Leben zu kommen, müssen wir das Leben, das wir jetzt haben, genau analysieren. Um die Feinde, die uns daran hindern wollen, ein anderes Leben zu leben, ignorieren zu können, müssen wir verstehen, was vorgeht und wie Herrschaftsmechanismen funktionieren.

Wenn wir das alles verstanden haben und den festen Willen ausgeprägt haben, anders leben zu wollen, andere Prämissen für unser Leben zu wählen, dann, erst dann können wir uns für die Freiheit entscheiden, anders leben zu wollen. Die Bedingungen, unter denen wir unser Leben leben, sind so tief verankert, dass uns schon die Analyse nicht leicht fällt, geschweige denn eine andere Lebensform zu entwickeln.

Wollen wir keine blutige Revolution, die irgendwann doch wieder ihre Kinder frisst, bleibt uns immer nur der Versuch, einen Diskurs zu führen und auf eine gewisse Besitzstandswahrung zu pochen, in dem Sinne, dass sich doch schließlich die Herrschenden auch zu der Ausrechterhaltung bestimmter Grundrechte bereiterklärt haben.

Der Spielplatz, den uns die Herrschenden zugewiesen haben, ist fest umgrenzt – diese Grenzen können wir nur mit List und Tücke überschreiten und wir müssen es hinnehmen, dass wir immer wieder eingefangen werden, auch wenn unser Begehren nach Ausbruch und Freiheit noch so groß ist.

Also was ist zu tun? Ich würde vorschlagen, klären wir unser Verhältnis zum Tod, dann klärt sich automatisch unser Verhältnis zum Leben und zur Macht und wie weit wir bereit sind, für unsere Ziele einzutreten, uns mit anderen zusammenzutun, um zu einem Massenphänomen zu werden.

Lernen wir von den Herrschenden, gehen wir viele kleine Schritte, um ein großes Ziel zu erreichen, anstatt in Angst und Panik zu verharren im Anblick der Größe der Aufgabe. Kleine Schritte haben auch den großen Vorteil, dass sie leichter zu korrigieren sind.

Unter dieser Vorbemerkung möchte ich gerne die deutsche Übersetzung eines Aufsatzes von Charles Eisenstein mit dem Titel “die Krönung” hier veröffentlichen.

Ich fühle mich frei, diesen Aufsatz zu kopieren und zu teilen, genau so, wie es auf seiner Website vermerkt ist.

Quelle: https://charleseisenstein.org/essays/die-kronung/?_page=2

Die Krönung von Charles Eisenstein

April 2020
Übersetzung von Eike Richter, Michelle Warkentin, Stephan Pfannschmidt, Daniel Germer und Nikola Winter. Es gibt eine englische Version dieses Aufsatzes.

Unsere Normalität ist jahrelang überdehnt worden. Wie ein Seil, das fester und immer fester angezogen wird, bis es, zum Zerreißen gespannt, nur darauf wartet, dass der schwarze Schwan[1] kommt und es mit seinem Schnabel durchknipst. Jetzt, wo das Seil entzwei ist, werden wir es einfach wieder zusammenknoten, oder sollen wir seine baumelnden Enden noch weiter aufdröseln und sehen, ob wir mit ihnen nicht etwas neues weben können?

COVID-19 zeigt uns, dass ein unglaublich schneller Wandel möglich ist, wenn die Menschheit in einer gemeinsamen Sache vereint ist. Keines der Probleme unserer Welt ist technisch schwer zu lösen; sie rühren von der Uneinigkeit der Menschen her. Wenn die Menschheit kohärent handelt, sind ihre kreativen Kräfte grenzenlos. Vor wenigen Monaten wäre eine weltweite Unterbrechung der kommerziellen Luftfahrt undenkbar gewesen, ebenso die radikalen Veränderungen in unserem gesellschaftlichen Verhalten, in der Wirtschaft und in der Rolle, die die Regierung in unserem Leben spielt. COVID-19 demonstriert die Macht unseres kollektiven Willens, wenn wir uns darauf einigen können, was wichtig ist. Was könnten wir mit einer solchen Kohärenz noch alles erreichen? Was möchten wir erreichen, und welche Welt wollen wir erschaffen? Das ist immer die erste Frage, die auftaucht, nachdem man sich der eigenen Macht bewusst geworden ist.

COVID-19 ist wie der Aufenthalt in einer Entzugsklinik, durch den ein suchtkranker Mensch aus seiner Alltagsnormalität gerissen wird. Indem eine Gewohnheit unterbrochen wird, wird sie sichtbar gemacht. Damit wird sie von einem Zwang zu einer Entscheidung. Wenn die Krise abflaut, haben wir vielleicht die Gelegenheit uns zu fragen, ob wir in die alte Normalität zurück wollen, oder ob wir während dieser Unterbrechung unserer Routinen Dinge erlebt haben, die wir in die Zukunft mitnehmen wollen. Wir werden uns vielleicht fragen, nachdem so viele ihre Jobs verloren haben, ob wirklich alle davon das waren, was die Welt am meisten braucht oder ob unsere Arbeitskraft und Kreativität nicht anderswo besser angebracht wäre? Wir werden uns vielleicht fragen, nachdem wir eine Weile ohne sie ausgekommen sein werden, ob wir wirklich so viel Luftverkehr, Disneyland-Urlaube oder Handelsausstellungen brauchen. Welche Bereiche der Wirtschaft möchten wir wiederherstellen, und von welchen wollen wir uns bewusst verabschieden? Und auf einer finstereren Ebene, für welche der Dinge, die uns jetzt gerade weggenommen werden – bürgerliche Freiheiten, Versammlungsfreiheit, die Souveränität über unseren eigenen Körper, persönliche Treffen, Umarmungen, Handschläge und öffentliches Leben – kann es notwendig werden, dass wir mit unserem bewussten politischen oder persönlichen Willen dafür werden einstehen müssen, wenn wir sie zurückhaben wollen?

Die meiste Zeit meines Lebens hatte ich den Eindruck, dass sich die Menschheit einem Scheideweg nähert. Immer hat die Krise, der Kollaps, die Unterbrechung unmittelbar hinter der nächsten Wegbiegung gelauert, aber sie kam und kam nicht. Stell dir vor, du gehst einen Weg entlang und siehst sie vor dir, du siehst die große Kreuzung. Gleich hinter dem Hügel, hinter der nächsten Kurve, hinter dem Wald. Du erreichst die Hügelkuppe und siehst, dass du dich geirrt hast, es war ein Trugbild, sie ist doch weiter entfernt als du dachtest. Du gehst weiter. Manchmal siehst du sie, manchmal verschwindet sie aus deinem Blickfeld, und es scheint, also zöge sich der Weg ewig hin. Vielleicht gibt es gar keine Kreuzung? Nein, da ist sie wieder! Immer ist sie fast da. Nie ist sie da.

Jetzt biegen wir um die Kurve, und – da ist sie! Wir bleiben verdattert stehen, ungläubig, dass es jetzt passiert, ungläubig, dass wir nach so vielen Jahren, die wir auf den Weg unserer Vorfahren beschränkt waren, endlich eine Wahl haben. Wir stehen wie angewurzelt und staunen über diese nie dagewesene Situation. Hunderte Pfade tun sich vor uns auf, streben in alle Himmelsrichtungen. Manche führen in die gleiche Richtung, in die wir schon unterwegs waren. Manche führen in die Hölle auf Erden. Und manche führen in eine Welt, die heiler und schöner ist, als wir uns in unseren kühnsten Träumen ausmalen konnten.

Ich schreibe diese Worte, weil ich hier mit Dir stehe – verdutzt, ein bisschen ängstlich vielleicht, aber auch mit dem Gefühl einer neuen Möglichkeit – an diesem Punkt, wo sich die Wege scheiden. Lass uns gemeinsam schauen, wohin einige von ihnen führen.

* * *

Folgende Geschichte hat mir eine Freundin letzte Woche erzählt. Sie war in einem Lebensmittelladen und sah eine Frau schluchzend in einem Gang stehen. Alle Abstandsregeln missachtend, ging sie zu der Frau und umarmte sie. „Danke,“ sagte die Frau, „das ist das erste Mal in zehn Tagen, dass mich jemand umarmt hat.“

Ein paar Wochen ohne Umarmungen zu leben mag ein kleiner Preis dafür sein, dass eine Epidemie eingedämmt wird, die Millionen das Leben kosten könnte. Es gibt ein gutes Argument für das Einhalten des Sicherheitsabstands in der nächsten Zeit: um einen plötzlichen Anstieg von COVID-19 Fällen zu verhindern, der das Gesundheitssystem überlastet. Ich würde dieses Argument aber gern in einen größeren Zusammenhang stellen, vor allem, wenn es um einen längeren Zeitraum geht. Bevor wir das Abstandhalten zu einer neuen Norm machen, nach der sich die Gesellschaft orientiert, lasst uns bedenken, was für eine Entscheidung wir hier treffen und warum.

Das Gleiche gilt auch für andere Veränderungen, die rund um die Coronavirus-Epidemie stattfinden. Manche Stimmen weisen darauf hin, wie gelegen diese Maßnahmen einer Agenda der totalitären Kontrolle kommen. Eine verängstigte Öffentlichkeit akzeptiert Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten, die andernfalls schwer zu rechtfertigen wären, etwa das Verfolgen individueller Bewegungsmuster rund um die Uhr, medizinische Zwangsbehandlung, unfreiwillige Quarantäne, Reisebeschränkungen und Einschränkungen der Versammlungsfreiheit, Zensur dessen, was die Autoritäten als Desinformation einstufen, Aussetzen der juristischen Möglichkeit zur Freilassung von Personen aus rechtswidriger Haft (habeas corpus) und Militärkontrollen der Zivilbevölkerung. Viele davon standen schon vor COVID-19 im Raum, jetzt wurden sie geradezu unwiderstehlich. Das Gleiche gilt für die Automatisierung im Handel, den Trend zum Fernsehen statt der persönlichen Teilnahme an Sport- und Unterhaltungsveranstaltungen, die Verlagerung des öffentlichen Lebens in private Räume, die Zunahme von Online-Bildungsangeboten und Online-Handel, und die zunehmende Verschiebung von Arbeit und Freizeitaktivitäten auf Bildschirme. COVID-19 beschleunigt bestehende politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Trends.

Während man all diese Maßnahmen kurzfristig damit rechtfertigen kann, dass sie zur Abflachung der Kurve (der epidemiologischen Wachstumskurve) beitragen, ist allenthalben die Rede von einer „neuen Normalität“, was bedeuten könnte, dass die Veränderungen keineswegs nur vorübergehend gedacht sind. Weil die Bedrohung durch eine ansteckende Krankheit – genau wie die Bedrohung durch den Terror – nie aufhört, können sich Kontrollmaßnahmen leicht zu Dauermaßnahmen auswachsen. Wenn wir also sowieso schon in diese Richtung gehen, muss die jetzige Rechtfertigung der Maßnahmen Teil einer tieferen Strömung sein. Ich werde zwei Triebkräfte dieser Strömung analysieren: den Kontrollreflex und den Krieg gegen den Tod. Vor diesem Hintergrund lässt sich eine initiatorische Gelegenheit erkennen, die sich schon jetzt angesichts der Solidarität, des Mitgefühls und der gegenseitigen Fürsorge abzeichnet, die das Coronavirus in uns geweckt hat.

Der Kontrollreflex

In dem Moment, da ich dies schreibe, sagen die offiziellen Statistiken, dass etwa 25.000 Menschen an COVID-19 gestorben sind. (Nachtrag: Das war am 25. März. Jetzt am 2. April sind es 50.000. Ich werde die Zahl nicht weiter nachkorrigieren. Sie wird sowieso wieder veraltet sein, wenn die meisten Menschen das hier lesen.) Und wenn dann alles vorüber ist, könnte die Zahl der Toten zehnmal oder hundertmal oder, wenn die alarmierendsten Schätzungen richtig liegen, sogar tausendmal höher liegen. Jeder einzelne Mensch hat seine Lieben, Familie und Freunde. Unser Mitgefühl und Gewissen rufen uns, alles in unserer Macht stehende zu tun, um eine unnötige Tragödie zu vermeiden. Für mich ist das sehr persönlich: meine eigene, unendlich geliebte aber gebrechliche Mutter ist besonders gefährdet durch eine Krankheit, die hauptsächlich Alte und Schwache tötet.

Wie werden die endgültigen Zahlen aussehen? Diese Frage ist zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich zu beantworten. Frühe Berichte waren alarmierend; für Wochen war die offizielle Zahl aus Wuhan, die endlos durch die Medien zirkulierte, schockierende 3,4 Prozent. Dies, gepaart mit seiner hoch ansteckenden Natur, deutete auf einige zehn Millionen oder gar bis zu hundert Millionen Tote weltweit hin. In letzter Zeit sind diese Schätzungen stark zurückgegangen, als sich abzeichnete, dass die meisten Fälle mild oder asymptomatisch verlaufen. Da Testungen hauptsächlich an ernstlich Kranken durchgeführt worden sind, ergab sich eine künstlich erhöhte Sterberate. In Südkorea, wo hunderttausende Menschen mit milden Symptomen getestet wurden, beträgt die Mortalität etwa 1 Prozent. In Deutschland, wo ebenfalls viele milde Verläufe getestet wurden, lag die Mortalität bei 0,4 Prozent. Ein aktueller Aufsatz in der Zeitschrift Science behauptet, dass 86 Prozent aller Infektionen nicht dokumentiert seien, was auf eine viel geringere Mortalität hindeuten würde, als die gegenwärtige Sterblichkeitsrate vermuten ließe.

Die Geschichte des Kreuzfahrtschiffs Diamond Princess stützt diese Sicht. Von den 3711 Menschen an Bord wurden etwa 20 Prozent positiv auf das Virus getestet; weniger als die Hälfte von ihnen hatten Symptome, und 8 sind gestorben. Ein Kreuzfahrtschiff ist das perfekte Milieu für Ansteckung, und es gab reichlich Zeit für die Ausbreitung des Virus an Bord, bevor irgendwer etwas dagegen unternommen hatte und doch wurde nur ein Fünftel infiziert. Darüber hinaus war die Altersverteilung (wie sehr oft auf Kreuzfahrtschiffen) stark in Richtung höheren Alters verzerrt: Fast ein Drittel der Passagiere war über 70 und mehr als die Hälfte über 60. Eine Forschergruppe schloss aus der großen Zahl asymptomatischer Fälle, dass die tatsächliche Sterblichkeitsrate in China um die 0,5 Prozent liegen müsse. Das wäre noch immer etwa fünfmal höher als bei der Grippe. Aufgrund dieser Informationen (und da Afrika, Süd- und Südostasien eine deutlich jüngere Demographie aufweist), vermute ich, dass es in den USA etwa 200.000- 300.000 Tote geben wird – vielleicht mehr, wenn das Gesundheitssystem überlastet wird und weniger, wenn sich die Infektionen über einen längeren Zeitraum verteilen – und drei Millionen weltweit. Das sind ernste Zahlen. Seit der Hong-Kong-Grippe 1968/69 hat die Welt so etwas nicht mehr erlebt.

Meine Schätzung könnte leicht um eine ganze Größenordnung daneben liegen. Jeden Tag berichten die Medien die Gesamtzahl der COVID-19-Fälle, aber niemand kennt die tatsächliche Zahl, weil nur ein geringer Anteil der Menschen getestet worden ist. Wenn schon zehn Millionen Menschen das Virus asymptomatisch hätten, würden wir es nicht einmal wissen. Komplizierter wird die Sache dadurch, dass bei den existierenden Tests hohe Raten an falsch positiven Ergebnissen auftreten, vielleicht sogar bis zu 80 Prozent. (Weitere alarmierende Unsicherheiten hinsichtlich der Testgenauigkeit findet man hier.) Lasst es mich wiederholen: Niemand weiß, was wirklich vor sich geht, und da schließe ich mich ein. Rufen wir uns ins Bewusstsein, dass es zwei widersprüchliche Tendenzen menschlicher Krisenreaktion gibt. Die erste ist die Tendenz zur sich selbst verstärkenden Hysterie. Daten, die der Furcht nicht in die Hände spielen, werden ignoriert, und so erschafft die Hysterie die Welt nach ihrem eigenen Abbild. Die zweite Tendenz ist die zur Leugnung, zur irrationalen Ablehnung von Informationen, welche die Normalität und Behaglichkeit verstören könnten. So fragt auch Daniel Schmachtenberger: Woher weißt du, dass das, was du glaubst, wahr ist?

Trotz dieser Unsicherheit wage ich eine Vorhersage: Die Krise wird so ausgehen, dass wir das niemals erfahren werden. Wenn die endgültige Todesrate, welche selbst strittig sein wird, niedriger ausfällt als befürchtet, werden manche sagen, dass die Kontrollmaßnahmen gewirkt haben. Andere werden sagen, dass die Krankheit nicht so gefährlich war, wie man uns weismachen wollte.

Für mich ist das erstaunlichste Rätsel, warum derzeit in China keine neuen Fälle hinzuzukommen scheinen. Die Regierung hatte ihre Ausgangssperren erst deutlich nach dem Zeitpunkt angeordnet, als sich das Virus schon etabliert hatte. Während des chinesischen Neujahrsfestes, als alle Flugzeuge, Busse und Bahnen gerammelt voll waren mit Menschen, die quer durch das Land fahren, hätte es sich doch extrem ausbreiten müssen. Was geht hier vor? Und noch einmal, ich weiß es nicht, genauso wenig wie du.

Ob nun die abschließende Zahl der Toten 50.000, 500.000 oder 5 Millionen sein wird, lasst uns nun auf ein paar andere Zahlen schauen, um sie in einem anderen Lichte zu sehen. Ich will damit NICHT sagen, dass COVID schon nicht so schlimm ist, und dass wir nichts unternehmen sollten. Hab ein wenig Geduld. Letztes Jahr starben laut Welternährungsorganisation 5 Millionen Kinder weltweit an Unterernährung (von den 162 Millionen durch Hunger entwicklungsgehemmten und 51 Millionen durch Hunger dahinsiechenden Kindern). Das sind zweihundertmal mehr Menschen, als bisher an COVID-19 gestorben sind, und doch hat bisher keine Regierung den Notstand erklärt oder uns aufgefordert, unsere Lebensgewohnheiten radikal zu verändern, um diese Kinder zu retten. Auch sehen wir kein vergleichbares Ausmaß an Besorgnis und Maßnahmen im Zusammenhang mit Selbstmord – die bloße Spitze des Eisbergs der Verzweiflung und Depression – durch den jährlich über eine Million Menschen weltweit sterben und 50.000 in den USA. Oder die jährlich 70.000 Drogentoten in den USA, die Epidemie der Autoimmunkrankheiten, die in den USA 23,5 Millionen (Zahlen der amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstitute, NIH) bis 50 Millionen (amerikanische Gesellschaft für Autoimmunerkrankungen, AARDA) Menschen betrifft, oder Adipositas, die über 100 Millionen Menschen betrifft. Oder warum, wo wir schon einmal dabei sind, verfallen wir nicht alle in helle Aufregung, wenn es um die Vermeidung der atomaren Vernichtung oder des ökologischen Kollaps geht, sondern treffen ganz im Gegenteil Entscheidungen, die genau diese Gefahren nur noch vergrößern?

Und, bitte, der Punkt hier ist nicht, zu sagen, wir haben unser Verhalten nicht geändert, um Kinder vor dem Hungertod zu bewahren, also sollen wir es auch nicht für COVID ändern. Ganz im Gegenteil: Wenn wir unser Verhalten wegen COVID-19 so radikal verändern können, dann können wir es für diese anderen Zustände genauso tun. Wir sollten uns fragen, warum wir in der Lage sind, unseren kollektiven Willen zu bündeln, um dieses Virus einzudämmen, nicht aber für die anderen gravierenden Bedrohungen der Menschheit. Warum war die Gesellschaft, zumindest bis jetzt, so verfangen in ihrer vorgegebenen Marschrichtung?

Die Antwort ist aufschlussreich. Angesichts von Welthunger, Suchtproblematik, Autoimmunkrankheiten, Selbstmord und dem ökologischen Kollaps wissen wir als Gesellschaft einfach nicht, was zu tun ist. Unsere Patentrezepte zur Krisenbewältigung, allesamt Versionen von Kontrollmaßnahmen, sind nicht sehr effektiv darin, mit diesen Zuständen umzugehen. Jetzt kommt eine ansteckende Epidemie daher, und endlich können wir in Aktion treten. Es ist eine Krise, in der Kontrolle funktioniert: Quarantäne, Ausgangssperren, Isolierung, Händewaschen; Personen-Tracking, Informationskontrolle , Kontrolle unseres Körpers. Das macht COVID zu einem geeigneten Gefäß für unsere unterschwelligen Ängste, zu einem Blitzableiter für unser wachsendes Gefühl von Hilflosigkeit angesichts der Veränderungen, die die Welt überrennen. COVID-19 ist eine Bedrohung, von der wir wissen, wie ihr zu begegnen ist. Anders als so viele unserer anderen Ängste, bietet COVID-19 einen Plan.

Die etablierten Institutionen unserer Gesellschaft werden immer hilfloser, den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Wie sehr sie da eine Herausforderung willkommen heißen, welcher sie endlich entgegentreten können. Wie eifrig sie diese als die allergrößte Krise behandeln. Mit welcher Selbstverständlichkeit ihr Informations-Management die alarmierendsten Darstellungen auswählt. Wie leicht sich die Öffentlichkeit an der Panik beteiligt und die Bedrohung begrüßt, der die Autoritäten begegnen können, stellvertretend für die vielen anderen unaussprechlichen Bedrohungen, bei denen sie es nicht können.

Heutzutage lassen sich aber die meisten unserer Herausforderungen nicht mehr durch die Anwendung mechanistischer Machtinstrumente bewältigen.

Unsere Antibiotika wie auch die Chirurgie scheitern an einer wachsenden Gesundheitskrise von Autoimmunität, Sucht und Adipositas. Unsere Gewehre und Bomben, gebaut für den Sieg über Armeen, sind ungeeignet, Hass und Feindschaft in anderen Ländern zu beseitigen oder häusliche Gewalt zu verhindern. Unsere Polizei und unsere Gefängnisse können die Entstehungsbedingungen für Verbrechen nicht heilen. Unsere Pestizide können abgewirtschaftete Böden nicht wiederherstellen. COVID-19 weckt Erinnerungen an die guten alten Zeiten, als die Herausforderungen durch ansteckende Krankheiten mit moderner Medizin und Hygiene gemeistert wurden, als der Nationalsozialismus der Kriegsmaschinerie der Alliierten unterlag und als die Natur selbst, so schien es zumindest, dem Siegeszug moderner Technologien unterlag. Es weckt Erinnerungen an die Zeit, als unsere Waffen noch funktionierten und die Welt sich tatsächlich mit jedem neuen technologischen Fortschritt zu verbessern schien.

Welche Art von Problemen ist überhaupt durch Unterwerfung und Kontrolle zu lösen? Doch nur diejenige, die durch etwas von außen erzeugt wird, durch das Andere. Wenn die Ursache des Problems jedoch etwas uns Wohlvertrautes ist, wie etwa bei  Obdachlosigkeit oder sozialer Ungleichheit, Sucht oder Adipositas, dann gibt es nichts, gegen das man Krieg führen könnte. Wir können versuchen, einen Feind auszumachen, wir könnten zum Beispiel die Milliardäre, Vladimir Putin oder den Teufel beschuldigen, aber dann lassen wir Schlüsselinformation außer Acht, wie etwa die Grundbedingungen, die überhaupt erst erlauben, dass es mehr und mehr Milliardäre (und pathogene Viren) gibt.

Wenn es eine Sache gibt, die unsere Zivilisation gut kann, dann ist es, einen Feind zu bekämpfen. Wir lieben es, das zu tun, was wir gut können, was wiederum die Gültigkeit unserer Technologien, Systeme und unserer Weltanschauung bestätigt. Und so erschaffen wir uns selbst unsere Feinde, ordnen Probleme wie Verbrechen, Terrorismus und Krankheit in Kategorien des „Wir-gegen-Die” ein und mobilisieren unsere kollektiven Energien für alle Maßnahmen, die in dieses Schema passen. Deshalb fassen wir COVID-19 als einen Ruf zu den Waffen auf und reorganisieren die Gesellschaft wie für einen Krieg, während wir die Möglichkeit der nuklearen Vernichtung, des ökologischen Kollaps und 5 Millionen verhungernder Kinder als Normalität behandeln.

Das Verschwörungs-Narrativ

Da COVID-19 so viele Dinge auf der totalitären Wunschliste als gerechtfertigt erscheinen lässt, gibt es Menschen, die davon überzeugt sind, dass es sich um ein beabsichtigtes Machtspiel handelt. Es ist weder meine Absicht, diese Theorie zu befördern noch sie zu widerlegen, auch wenn ich einige Anmerkungen auf der Metaebene anbieten werde. Zuerst aber eine kurze Übersicht.

Diese Theorien (es gibt viele Varianten) sprechen vom Event 201 (gesponsert von der Gates-Stiftung, der CIA etc. im letzten Oktober) und einem Weißbuch der Rockefeller Foundation aus dem Jahr 2010, in dem ein Szenario namens „Lock Step“ beschrieben wird, beides Entwürfe einer autoritären Reaktion auf eine hypothetische Pandemie. In den Theorien wird festgestellt, dass die Infrastruktur, die Technologie und der gesetzliche Rahmen in Bezug auf das Kriegsrecht seit vielen Jahren vorbereitet werden. Dafür musste, so sagen sie, ein Weg gefunden werden, um die Öffentlichkeit dazu zu bringen, das zu akzeptieren, und jetzt ist es soweit. Unabhängig davon, ob die aktuellen Einschränkungen dauerhaft sind oder nicht, wird ein Präzedenzfall geschaffen um:

  • die Bewegungen aller Menschen jederzeit zu verfolgen (wegen des Coronavirus)
  • die Versammlungsfreiheit aufzuheben (wegen des Coronavirus)
  • die Zivilbevölkerung militärisch zu überwachen (wegen des Coronavirus)
  • außergerichtlichen, unbefristeten Arrest durchzusetzen (Quarantäne, wegen des Coronavirus)
  • das Bargeld zu verbieten (wegen des Coronavirus)
  • das Internet zu zensieren (um die Desinformation zu bekämpfen, wegen des Coronavirus)
  • Zwangsimpfungen und andere medizinische Behandlungen einzuführen, um die staatliche Herrschaft über unseren Körper durchzusetzen (wegen des Coronavirus)
  • die Einstufung aller Aktivitäten und Reiseziele in ausdrücklich erlaubte und ausdrücklich verbotene vorzunehmen (man darf das Haus aus dem einen Grund verlassen, aus dem anderen aber nicht) unter Beseitigung der nicht-kontrollierten, nicht-juristischen Grauzone. All das zusammengenommen ist der Inbegriff von Totalitarismus. Jetzt ist es aber notwendig, wegen, naja, dem Coronavirus.

Das ist pikanter Stoff für Verschwörungstheorien. Soweit ich weiß, könnte eine dieser Theorien zutreffen; allerdings könnte sich der gleiche Verlauf der Ereignisse aufgrund einer unbewussten systemischen Neigung zu ständig zunehmender Kontrolle entwickeln. Woher kommt diese Ausrichtung? Sie ist in die DNA der Zivilisation mit eingewoben. Seit Jahrtausenden hat die Menschheit (im Gegensatz zu kleinen, traditionellen Kulturen) Fortschritt als eine Sache der zunehmenden Kontrolle über die Welt verstanden: die Domestizierung der Wildnis, die Eroberung der Barbaren, das Beherrschen der Naturkräfte, die Gliederung der Gesellschaft nach Gesetz und Vernunft.

Im Aufwind der wissenschaftlichen Revolution setzte das Programm der Kontrolle mit dem „Fortschritt“ zu einem neuen Höhenflug an: Die Realität wurde in objektive Kategorien und Mengen sortiert und die Materie durch Technologie beherrscht. Zudem versprachen die Sozialwissenschaften die gleichen Mittel und Methoden anzuwenden, um dem Ehrgeiz (der auf Platon und Konfuzius zurückgeht) eine perfekte Gesellschaft aufzubauen, gerecht zu werden.

Diejenigen, die die Zivilisation verwalten, werden daher jede Gelegenheit begrüßen, um ihre Kontrolle zu verstärken, denn schließlich dient sie einer hochfliegenden Vision von der  Bestimmung der Menschheit: eine perfekt geordnete Welt, in der Krankheit, Kriminalität, Armut und vielleicht sogar das Leid an sich einfach „wegtechnisiert“ werden können. Es sind keine niederträchtigen Beweggründe nötig. Natürlich möchten sie alle Menschen im Auge behalten – zumal dadurch ja das Allgemeinwohl gewährleistet werden soll. Für sie beweist COVID-19, wie notwendig das ist. „Können wir uns demokratische Freiheiten angesichts des Coronavirus erlauben?“, fragen sie. „Müssen wir diese jetzt, aus der Notwendigkeit heraus, für unsere eigene Sicherheit opfern?“ Das ist ein bekanntes Lied, denn es hat in der Vergangenheit andere Krisen, wie den 11. September, begleitet.

Um eine gebräuchliche Metapher umzudichten stelle man sich einen Mann mit einem Hammer vor, der herumgeht und nach einem Grund sucht, ihn zu benutzen. Plötzlich sieht er einen hervorstehenden Nagel. Er hat schon lange nach einem Nagel gesucht, hat stattdessen auf Schrauben und Bolzen eingehauen, ohne viel zu erreichen. Er folgt einem  Weltbild, in dem Hämmer die besten Werkzeuge sind und die Welt eine bessere wird, wenn man Nägel damit einschlägt. Und hier ist ein Nagel! Wir könnten vermuten, dass er, aufgrund seines Eifers, den Nagel dort selbst platziert hat, aber es spielt eigentlich keine Rolle. Vielleicht ist es auch gar kein Nagel, der da herausragt, ist einem solchen aber ähnlich genug, um auf ihn einzuhämmern. Wenn das Werkzeug zur Verfügung steht, wird sich eine Gelegenheit ergeben, um es zu benutzen.

Und, so möchte ich hier für diejenigen anfügen, die dazu neigen, den Machthabern zu misstrauen, dass es  sich diesmal vielleicht tatsächlich um einen Nagel handelt. In diesem Fall ist der Hammer das richtige Werkzeug – und das Prinzip Hammer wird gestärkt aus der Krise hervorgehen, bereit auf die Schraube, den Knopf, die Klammer und den Riss einzudreschen.

Wie dem auch sei, bei dem Problem mit dem wir es hier zu tun haben, geht es um viel mehr als darum einer üblen Seilschaft von Illuminaten das Handwerk zu legen. Selbst wenn sie wirklich existieren, würde der gleiche Trend auch ohne sie fortbestehen, weil unsere Zivilisation darauf ausgerichtet ist, oder es würden neue Illuminaten auftauchen, um die Funktionen der alten zu übernehmen.

Richtig oder falsch, die Vorstellung, dass die Epidemie eine monströse Verschwörung ist, die von Verbrechern an der Öffentlichkeit verübt wurde, ist nicht so weit von der „Finde-den- Erreger“- Mentalität entfernt. Es ist eine Kreuzzugs-Mentalität, eine Kriegsmentalität. Sie findet die Ursache einer soziopolitischen Krankheit in einem Pathogen, gegen das wir dann kämpfen können, in einem Täter, der abgespalten von uns ist. Dabei besteht die Gefahr, dass die Bedingungen ignoriert werden, welche die Gesellschaft zu einem fruchtbaren Boden für die Verschwörung machen. Ob dieser Boden nun absichtlich oder durch den Wind gesät wurde, ist für mich zweitrangig.

Was ich als nächstes sagen werde, ist relevant, egal ob  SARS-CoV2, nun eine gentechnisch hergestellte Biowaffe ist, in Zusammenhang mit der Einführung von 5G steht, dazu benutzt wird, um „Disclosure“[2] zu verhindern, ein Trojanisches Pferd für die totalitäre Weltregierung ist, tödlicher ist, als uns gesagt wird, weniger tödlich, als uns gesagt wird, in einem Biolabor in Wuhan erzeugt wurde, in Fort Detrick entstanden ist oder genau das ist, was uns von der CDC [amerikanische Gesundheitsbehörde] und der WHO gesagt wurde. Es gilt auch dann, wenn alle völlig falsch liegen in Bezug auf die Rolle des SARS-CoV-2-Virus in der aktuellen Epidemie. Ich habe meine Meinung, aber wenn ich im Verlauf dieser Notsituation eines gelernt habe, dann ist es, dass ich nicht wirklich weiß, was passiert. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das überhaupt jemand kann, inmitten dieses brodelnden Gemischs aus Nachrichten, Fake-News, Gerüchten, zurückgehaltenen Informationen, Verschwörungstheorien, Propaganda und politisierten Narrativen, von denen das Internet voll ist. Ich wünschte mir, dass viel mehr Menschen dieses Nichtwissen begrüßten könnten. Ich sage das sowohl denen, die das vorherrschende Narrativ annehmen, als auch denen, die an einer abweichenden Meinung festhalten. Welche Informationen blenden wir möglicherweise aus, um unsere Sichtweise aufrechtzuerhalten? Lasst uns in unseren Überzeugungen bescheiden sein: Es geht um Leben und Tod.

Der Krieg gegen den Tod

Mein 7-jähriger Sohn hat seit zwei Wochen weder mit einem anderen Kind gespielt noch eines gesehen. Millionen anderen geht es genauso. Die meisten von uns stimmen wohl zu, dass ein Monat ohne soziale Interaktion für all diese Kinder ein vertretbares Opfer ist, um Millionen Menschenleben zu retten. Aber wenn es um 100.000 Leben ginge? Und was, wenn das Opfer nicht für einen Monat, sondern für ein Jahr gilt? Für fünf Jahre? Je nach den zugrundeliegenden Wertvorstellungen gibt es hierzu sicherlich eine Menge unterschiedlicher Meinungen.

Versuchen wir, die vorhergegangenen Fragen einmal durch persönlichere zu ersetzen, um über das unmenschliche zweckrationale Denken hinwegzukommen, durch das Menschen zu Statistiken gemacht und manche von ihnen für etwas anderes geopfert werden. Die für mich entscheidende Frage ist: Würde ich alle Kinder des Landes bitten, für eine ganze Saison auf das Spielen mit anderen zu verzichten um das Sterberisiko meiner Mutter zu verringern oder wenn wir schon dabei sind, mein eigenes Risiko? Oder ich könnte fragen: Würde ich ein Verbot von Umarmungen und Händeschütteln verhängen, wenn dadurch mein eigenes Leben gerettet würde? Dies soll nicht das Leben meiner Mutter oder mein eigenes entwerten. Beide sind wertvoll. Ich bin dankbar für jeden Tag, an dem sie noch mit uns ist. Aber diese Fragen fördern tiefere Aspekte zu Tage. Was ist die richtige Art zu leben? Was ist die richtige Art zu sterben?

Die Antwort auf solche Fragen, gestellt im eigenen Interesse oder in dem der Gesellschaft, hängt davon ab, wie wir es mit dem Tod halten, und wie hoch wir Spiel, Berührung und Gemeinschaft schätzen, genau wie die bürgerliche und persönliche Freiheit. Es gibt keine einfache Formel um diese Werte abzuwägen.

In meinem bisherigen Leben habe ich beobachtet, dass die Gesellschaft mehr und mehr Wert auf Sicherheit, Gefahrenabwehr und Risikoreduktion legt. Dies hat insbesondere die Kindheit beeinflusst: Als Kinder war es für uns normal, draußen im Umkreis von einer Meile um unser Haus ohne Aufsicht zu spielen, ein Verhalten, das heute einen Besuch der Kinderschutzbeauftragten bei den Eltern zur Folge haben kann[3]. Dies manifestiert sich auch im zunehmenden Einsatz von Latexhandschuhen bei immer mehr Berufen, allgegenwärtigen Händedesinfektionsmitteln, abgeschlossenen, bewachten und videoüberwachten Schulgebäuden, intensivierten Flughafen- und Grenzkontrollen, der erhöhten Aufmerksamkeit auf gesetzliche Haftung und Haftpflichtversicherungen, Metalldetektoren und Durchsuchungen vor dem Betreten vieler Sporteinrichtungen und öffentlicher Gebäude und so weiter. Kurz, es nimmt die Form eines Sicherheitsstaates an.

Das Mantra „Sicherheit geht vor“ kommt aus einem Wertesystem, das dem Überleben die oberste Priorität einräumt und andere Werte wie Freude, Abenteuer, Spiel und die Herausforderung und Erweiterung von Grenzen hintanstellt. Andere Kulturen hatten unterschiedliche Prioritäten. Zum Beispiel gehen viele traditionelle oder indigene Gesellschaften viel weniger protektiv mit ihren Kindern um, wie von Jean Liedloff in ihrem Klassiker „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück.“ (engl.: „The Continuum Concept“) dokumentiert. Diese Kulturen erlauben den Kindern Risiken und muten ihnen Verantwortung zu, die für die meisten modernen Menschen verrückt erscheinen würden, in der Überzeugung, dass dies notwendig ist für die Kinder, um Selbständigkeit und einen gesunden Menschenverstand zu entwickeln. Ich denke, dass die meisten modernen Menschen, insbesondere die jüngeren, sich etwas von dieser ureigenen Bereitschaft bewahrt haben, Sicherheit zu opfern für ein Leben, das dafür in vollen Zügen gelebt wird. Die Kultur rundum jedoch predigt ununterbrochen ein Leben in Angst und hat Systeme entwickelt, die diese Angst verkörpern. Bei ihnen gilt Sicherheit als höchste Priorität. Auf diese Weise haben wir ein Medizinsystem, in dem die meisten Entscheidungen auf Risikoabwägungen basieren. Der schlimmste anzunehmende Ausgang, der das totale Versagen des Arztes markiert, ist der Tod. Und dennoch wissen wir, dass uns der Tod in jedem Fall erwartet. Ein gerettetes Leben bedeutet nur einen vertagten Tod.

Die ultimative Erfüllung des zivilisatorischen Kontrollprogramms wäre, über den Tod selbst zu triumphieren. Weil sie das nicht schafft, hat sich die moderne Gesellschaft diesen Triumph vorgetäuscht und leugnet den Tod, den sie nicht bezwingen kann: Das reicht vom Verbergen der Leichname vor dem Blick der Öffentlichkeit über den Fetisch der Jugendhaftigkeit bis zur Abschiebung von alten Menschen in Pflegeheime. Sogar ihre Besessenheit mit Geld und Besitz – beides Erweiterungen des Selbst, wie das Wort “mein” indiziert – drückt diese Wahnvorstellung aus, dass das unbeständige und vergängliche Selbst durch seine Anhängsel permanent gemacht werden kann. All das ist unausweichlich, wenn wir dieses Narrativ des Selbst betrachten, das die Moderne anbietet: das separate Individuum in einer Welt des Anderen. Umgeben von genetischen, sozialen und ökonomischen Konkurrenten, muss sich das Selbst schützen und andere unterwerfen, wenn es Erfolg haben will. Es muss alles tun, um den Tod aufzuhalten, der (in der Geschichte von der Getrenntheit[4]) die totale Vernichtung ist. Die biologische Wissenschaft hat sogar gelehrt, dass es unsere innerste Natur ist, unsere Überlebens- und Fortpflanzungschancen zu maximieren.

Ich fragte eine Freundin, eine Ärztin, die eine Zeit mit den Q’ero in Peru verbrachte, ob die Q’ero (wenn sie könnten) jemanden intubieren würden, um sein Leben zu verlängern. „Natürlich nicht”, sagte sie. „Sie würden den Schamanen rufen, um der Person zu helfen gut zu sterben.” Gut sterben (was nicht unbedingt bedeutet schmerzfrei zu sterben) existiert nicht wirklich im heutigen medizinischen Vokabular. Es werden keine Aufzeichnungen im Krankenhaus darüber gemacht, ob Menschen gut starben. Das würde nicht als ein positiver Ausgang gewertet werden. In der Welt des getrennten Selbst ist der Tod die ultimative Katastrophe.

Aber ist das so? Hier  die Perspektive von Dr. Lissa Rankin: „Nicht alle von uns wären lieber auf einer Intensivstation, getrennt von unseren Liebsten, mit einer Maschine, die für uns atmet, in Gefahr alleine zu sterben – auch wenn sich dadurch unsere Überlebenschancen erhöhen würden. Manche von uns wollen lieber in den Armen ihrer Lieben sein, zuhause, auch wenn das bedeutet, dass unsere Zeit gekommen ist … Bedenke, der Tod ist kein Ende. Der Tod bedeutet zurückzukehren nach Hause.”

Wenn das Selbst als ein auf das Andere bezogenes, vom Anderen abhängiges, ja sogar durch das Andere erst existierendes betrachtet wird, vermischt es sich mit dem Anderen und das Andere vermischt sich mit dem Selbst. Versteht man das Selbst als einen Bewusstseinsknotenpunkt in einer Beziehungsmatrix, wird man nicht länger nach einem Feind suchen, um jedes Problem zu verstehen, sondern stattdessen nach Ungleichgewichten in den Beziehungen. Der Krieg gegen den Tod macht Platz für das Bestreben gut und voll zu leben, und wir sehen, dass Angst vor dem Tod in Wirklichkeit Angst vor dem Leben ist. Auf wieviel Leben verzichten wir, um sicher zu bleiben?

Totalitarismus – die Perfektion von Kontrolle – ist das unausweichliche Endprodukt der Mythologie vom getrennten Selbst. Was verdient die totale Kontrolle, wenn nicht eine Lebensbedrohung, wie ein Krieg zum Beispiel? Deshalb hat Orwell den ewigen Krieg als eine zwingende Komponente der Herrschaft der Partei identifiziert.

Die angestrebte perfekte Kontrolle über alles, die Leugnung des Todes und die Geschichte vom getrennten Selbst – vor diesem Hintergrund steht die Annahme, dass staatliche Maßnahmen zuvorderst die Sterberate minimieren sollten, nahezu außer Frage. Ein Ziel, dem andere Werte wie Spiel, Freiheit usw. untergeordnet sind. COVID-19 bietet Anlass, diesen Blickpunkt zu erweitern. Ja, lasst uns das Leben heilig halten, noch heiliger als jemals zuvor. Der Tod lehrt uns das. Lasst uns jede Person, jung oder alt, krank oder gesund als das heilige, wertvolle, geliebte Wesen ansehen, das er oder sie ist. Und lasst uns in unseren Herzen auch für andere heilige Werte Platz machen. Das Leben heilig zu halten bedeutet nicht nur, einfach lang zu leben, sondern gut und richtig und voll zu leben.

Wie jede Angst deutet die Angst rund um das Coronavirus auf das, was dahinter liegen mag. Jeder, der das Sterben eines nahen Menschen erlebt hat, weiß, dass der Tod ein Portal zur Liebe ist. COVID-19 hat dem Tod zur Prominenz im Bewusstsein einer Gesellschaft verholfen, die ihn verleugnet. Jenseits der Angst können wir die Liebe sehen, die der Tod befreit. Lasst sie strömen. Lasst sie den Boden unserer Kultur durchtränken und seine wasserführenden Schichten füllen, so dass sie durch die Risse unserer verkrusteten Institutionen, unserer Systeme und unserer Gewohnheiten nach oben sickert. Manche davon mögen auch sterben.

In was für einer Welt wollen wir leben?

Wieviel vom Leben wollen wir auf dem Altar der Sicherheit opfern? Wollen wir zu unserer Sicherheit in einer Welt leben, wo sich Menschen nicht mehr versammeln? Wollen wir zu jeder Zeit Masken in der Öffentlichkeit tragen? Wollen wir uns bei jeder Reise medizinisch untersuchen lassen, wenn das eine bestimmte Zahl von Menschenleben pro Jahr rettet? Sind wir bereit, die allgemeine Medikalisierung[5] des Lebens zu akzeptieren und die Bestimmungshoheit über unsere Körper medizinischen Autoritäten (die von politischen ernannt werden) zu überantworten? Wollen wir, dass jede Veranstaltung eine virtuelle Veranstaltung wird? Wie sehr sind wir bereit in Angst zu leben?

COVID-19 wird irgendwann abebben, aber die Bedrohung durch ansteckende Krankheiten wird bleiben. Unsere Antwort wird den Kurs für die Zukunft bestimmen. Das öffentliche Leben, das gemeinschaftliche Leben und das Leben gemeinsamer Körperlichkeit  ist schon seit einigen Generationen im Schwinden begriffen. Statt in Geschäften einzukaufen, lassen wir uns Sachen nach Hause liefern. Statt Rudeln von Kindern, die draußen spielen, haben wir Play Dates und digitale Abenteuer. Statt des öffentlichen Platzes haben wir ein Online-Forum. Wollen wir fortfahren uns noch weiter voneinander und von der Welt zu isolieren?

Es ist nicht schwer sich vorzustellen, vor allem, wenn die Abstandsmaßnahmen erfolgreich sein sollten, dass COVID-19 auch über die 18 Monate hinaus fortwirken wird, die es, wie man uns erzählt, dauern wird, bis es vorbei ist. Es ist leicht vorstellbar, dass in dieser Zeit neue Viren auftauchen werden. Es ist leicht vorstellbar, dass Notmaßnahmen normal werden (um die Möglichkeit weiterer Ausbrüche einzudämmen),  genau wie beim Ausnahmezustand nach 9/11, der  heute noch in Kraft ist. Es ist leicht vorstellbar, dass (wie man uns erzählt) eine Wiederansteckung möglich ist, und dass diese Krankheit niemals enden wird. Das bedeutet, die vorübergehenden Veränderungen unser Lebensführung könnten dauerhaft werden.

Wollen wir uns, um das Risiko einer weiteren Pandemie zu senken, dafür entscheiden, für immer in einer Gesellschaft ohne Umarmung und Händeschütteln zu leben? Wollen wir uns dafür entscheiden, in einer Gesellschaft zu leben, in der wir uns nicht mehr in größerer Zahl versammeln? Soll das Konzert, das Sportereignis und das Festival der Vergangenheit angehören? Sollen Kinder nicht mehr mit anderen Kindern spielen? Soll aller menschlicher Kontakt durch Computer und Gesichtsmasken vermittelt werden? Kein Tanzunterricht, kein Fußballtraining, keine Konferenzen und keine Kirchenbesuche mehr? Soll die Reduzierung der Todesfälle der Maßstab sein, an dem der Fortschritt gemessen wird? Heißt menschliche Fortentwicklung Getrenntheit? Ist das die Zukunft?

Dieselbe Frage trifft auch auf die administrativen Werkzeuge zu, die es braucht, um die Bewegungen der Menschen und den Informationsfluss zu kontrollieren. Zum Zeitpunkt, wo ich dies schreibe, geht das ganze Land in Richtung Ausgangssperre. In manchen Ländern muss man sich von einer Regierungs-Webseite ein Formular ausdrucken, um das Haus verlassen zu dürfen. Das erinnert mich an die Schule, wo dein Aufenthaltsort zu jeder Zeit autorisiert sein musste. Oder an ein Gefängnis. Stellen wir uns eine Zukunft elektronischer Passierscheine vor, ein System, in dem Bewegungsfreiheit von Staatsbeamten und ihrer Software zu jeder Zeit verwaltet wird, für immer? Wo jede Bewegung verfolgt wird, ob sie erlaubt ist oder verboten? Und wo, nur zu unserem Schutz natürlich, gesundheitsgefährdende Informationen (welche das sind, wird wieder von verschiedenen Autoritäten entschieden) zu unserem eigenen Besten zensiert werden? Fast wie im Kriegszustand akzeptieren wir angesichts einer Notsituation solche Einschränkungen und geben vorübergehend unsere Freiheiten auf. Ähnlich wie 9/11 übertrumpft COVID-19 alle Vorbehalte.

Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es die technologischen Möglichkeiten, eine solche Vision tatsächlich zu realisieren, zumindest in der industrialisierten Welt (zum Beispiel durch die Verwendung von Ortungsdaten des Mobilfunks um räumliche Distanzierung durchzusetzen; siehe auch hier). Nach einem holprigen Übergang könnten wir in einer Gesellschaft leben, wo fast alles Leben online geschieht: Einkauf, Meetings, Unterhaltung, Kontakte, Arbeit, selbst die Rendezvous. Ist es das, was wir wollen? Wieviele gerettete Leben ist das wert?

Ich bin sicher, dass viele der Kontrollmaßnahmen, die heute in Kraft sind, in ein paar Monaten teilweise wieder gelockert werden. Teilweise gelockert, aber jederzeit griffbereit. Solange ansteckende Krankheiten kursieren, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie in Zukunft immer wieder in Kraft gesetzt werden, oder wir erlegen sie uns als neue Gewohnheiten selbst auf. Wie Deborah Tannen in einem Politico-Artikel über die anhaltenden Veränderungen, die das Coronavirus der Welt bringen wird, schreibt: “Wir wissen nun, dass Dinge anzufassen, in der Nähe anderer Menschen zu sein und Luft in geschlossenen Räumen zu atmen, riskant sein kann… Es könnte zu unserer zweiten Natur werden, vor einem Händedruck oder Berührungen des Gesichts zurückzuschrecken, und so wie wir uns pausenlos die Hände waschen, könnte man fürchten, dass wir alle einer kollektiven Zwangsstörung zum Opfer fallen.” Gipfelt der Fortschritt der Menschheit nach Tausenden, ja Millionen von Jahren der Berührung, des Kontakts und des Zusammenseins darin, solche Aktivitäten einzustellen, weil sie zu riskant sind?

Leben ist Gemeinschaft

Das Paradox am Programm der Kontrolle ist, dass es uns unseren Zielen nur selten näher bringt. Trotz all der Sicherheitssysteme in fast jedem Eigenheim der oberen Mittelklasse sind die Menschen nicht weniger ängstlich und unsicher als noch vor einer Generation. Trotz ausgeklügelter Sicherheitsmaßnahmen gibt es in Schulen nicht weniger Amokläufe. Trotz phänomenaler Fortschritte in der Medizintechnik sind die Menschen in den letzten 30 Jahren nicht gesünder geworden, eher im Gegenteil. Chronische Krankheiten haben sich ausgebreitet und die Lebenserwartung stagniert. In den USA und Großbritannien ist sie sogar rückläufig.

Die getroffenen Maßnahmen zur Kontrolle von COVID-19 könnten am Ende ebenfalls mehr Leid und Tod zu Folge haben, als sie  verhindern. Die Zahl der Toten zu minimieren heißt jene Todesfälle zu verringern, die wir vorhersagen und erfassen können. Es ist unmöglich zu erfassen, wie viele Menschen möglicherweise zusätzlich sterben, z.B. aufgrund von Depressionen durch die Isolation oder Verzweiflung, weil sie ihre Arbeit verloren haben. Oder durch verringerte Immunkompetenz und zerrüttete Gesundheit wegen chronischer Angst. Es wurde gezeigt, dass Einsamkeit und fehlender sozialer Kontakt entzündliche ProzesseDepressionen und Demenz begünstigen. Laut Dr. Lissa Rankin erhöht sich das Sterberisiko durch Luftverschmutzung um 6%, durch Adipositas um 23%, durch Alkoholmissbrauch um 37% und durch Einsamkeit um 45%.

Eine weitere Gefahr, die wir noch nicht auf dem Radar haben, entsteht durch die Minderung der Immunkompetenz aufgrund von übermäßiger Hygiene und Distanzierung. Nicht nur der soziale Kontakt ist für die Gesundheit notwendig, sondern auch der Kontakt mit der mikrobiellen Welt. Im Allgemeinen sind Mikroben nicht die Feinde unserer Gesundheit, sondern unsere Verbündeten. Eine artenreiche Darmflora, welche Bakterien, Viren, Hefen und andere Organismen umfasst, ist entscheidend für ein gut funktionierendes Immunsystem, und ihr Artenreichtum wird durch den Kontakt mit anderen Menschen und mit der Welt des Lebendigen aufrecht erhalten. Exzessives Händewaschen, übermäßiger Gebrauch von Antibiotika, aseptische Reinlichkeit und fehlender menschlicher Kontakt kann mehr schaden als nützen. Die dadurch verursachten Allergien und Autoimmun-Erkrankungen könnten schlimmer sein als die Infektionskrankheit, welche sie verhindern sollen. Gesundheit entsteht sowohl gesellschaftlich als auch biologisch durch Gemeinschaft. Das Leben gedeiht nicht in der Isolation.

Die Welt im Sinne eines „Wir-Gegen-Die“ zu sehen, macht uns blind gegenüber der Tatsache, dass Leben und Gesundheit in der Gemeinschaft geschehen. Wenn wir die Infektionskrankheiten als Beispiel nehmen, scheitern wir daran, über den bösen Erreger hinaus schauen und zu fragen: Was ist die Rolle von Viren im Mikrobiom? Was sind die körperlichen Vorbedingungen, unter denen sich schädliche Viren ausbreiten? Warum haben manche Menschen milde Symptome und andere einen schweren Verlauf (lassen wir das Totschlagargument der „erhöhten Infektanfälligkeit”, das gar  nichts erklärt, mal beiseite)? Welche positive Rolle könnten Grippe, Erkältungen und andere nicht tödliche Krankheiten für den Erhalt unserer Gesundheit spielen?

Ein „Krieg-gegen-den-Keim“- Denken führt zu Resultaten, wie sie der Krieg gegen den Terror, der Krieg gegen das Verbrechen, der Krieg gegen das Unkraut und all die anderen endlosen politischen und zwischenmenschlichen Kriege liefern. Erstens führt es zu Krieg ohne Ende, zweitens lenkt es die Aufmerksamkeit von den Grundbedingungen ab, die dazu führen, dass es Krankheit, Terrorismus, Verbrechen, Unkräuter und den ganzen Rest überhaupt gibt.

Trotz der beständigen Behauptung der Politiker, sie führten Krieg für die Sache des Friedens, gebiert Krieg unweigerlich mehr Krieg. Länder zu bombardieren, um Terroristen zu töten, lässt nicht nur die Grundbedingungen für die Entstehung von Terrorismus außer Acht, es verschlimmert diese Bedingungen sogar. Kriminelle wegzusperren lässt nicht nur die Entstehungsbedingungen von Kriminalität außer Acht, es erschafft genau diese Bedingungen, indem es Familien  und Gemeinschaften trennt, und indem es die Eingesperrten in ein kriminelles Milieu zwingt. Und die Anwendung von Antibiotika, Impfungen, antiviralen und anderen Medikamenten richten in der Körper-Ökologie, dem Fundament einer starken Immunkompetenz, großes Unheil an. Außerhalb des Körpers werden die massiven Sprühkampagnen, die durch das Zika-Virus, Dengue Fieber und nun COVID-19 ausgelöst wurden, ungeahnte Schäden auf die Ökologie der Natur zur Folge haben. Hat irgendwer sich überlegt, welche Auswirkungen es auf ein Ökosystem hat, wenn wir es mit antiviralen Substanzen tränken? Solche Methoden (wie sie an verschiedenen Orten in China und Indien tatsächlich umgesetzt wurden) sind nur denkbar aus der Geisteshaltung der Getrenntheit, die nicht versteht, dass Viren unverzichtbar zum Netzwerks des Lebens gehören.

Um die Grundbedingungen zu verstehen, hier ein paar Mortalitätsstatistiken aus Italien (vom Nationalen Gesundheitsinstitut) basierend auf einer Analyse hunderter COVID-Todesfälle: Von den erfassten Fällen hatten weniger als ein Prozent keine ernsten chronischen Nebenerkrankungen. Etwa 75% litten an Bluthochdruck, 35% an Diabetes, 33% an Erkrankungen der Herzkranzgefäße, 24% an Herzvorhofflimmern, 18% an Niereninsuffizienz, neben anderen Bedingungen, die ich aus dem italienischen Bericht nicht entziffern konnte. Fast die Hälfte der Verstorbenen hatte drei oder mehr dieser ernsten Pathologien. Amerikaner, stark betroffen von Adipositas, Diabetes und anderen chronischen Krankheiten, sind mindestens ebenso anfällig wie die Menschen in Italien. Sollen wir also dem Virus, (das wenige, ansonsten gesunde, Menschen das Leben kostete) die Schuld geben oder der schlechten Grundgesundheit? Hier trifft wieder die Analogie mit dem überdehnten Seil zu. Millionen von Menschen in der modernen Welt befinden sich in einem bedenklichen Gesundheitszustand, und es ist nur eine Frage der Zeit, dass etwas eigentlich Triviales auftaucht und ihnen den Rest gibt. Natürlich wollen wir ihnen  kurzfristig erst einmal das Leben retten; wir laufen dabei aber Gefahr, uns in einer endlosen Abfolge von kurzfristigen Lösungen zu verlieren. Wir bekämpfen eine Infektionskrankheit nach der anderen und kümmern uns nie um die Grundbedingungen, die die Menschen so anfällig machen. Das ist ein viel schwierigeres Problem, denn diese Grundbedingungen werden sich nicht durch einen Kampf verändern lassen. Es gibt kein Pathogen hinter Diabetes oder Adipositas, Sucht, Depression oder PTBS [Posttraumatischer Belastungsstörung]. Ihre Ursachen sind nicht das Andere, nicht irgendein von uns separates Virus, und wir die Opfer.

Selbst bei Krankheiten wie COVID-19, wo wir ein krankmachendes Virus benennen können, sind die Verhältnisse nicht so einfach wie ein Krieg zwischen Virus und Opfer. Zur Keimtheorie von Krankheit gibt es eine Alternative, nach der Keime als Teil eines weiter gefassten Prozesses erachtet werden. Wenn die Bedingungen stimmen, vermehren sie sich im Körper und töten dabei manchmal den Wirt. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass sich die Bedingungen, die überhaupt erst zur Infektion geführt haben, verbessern, beispielsweise indem sie den Körper anregt, angereicherte giftige Abfälle mittels Schleimabsonderung auszuscheiden oder sie (metaphorisch gesprochen) durch ein Fieber verbrennt. Diese Alternative wird manchmal Terrain-Theorie genannt und besagt, dass Keime eher als Symptom, denn als Ursache einer Krankheit zu sehen sind. Das drückt sich in folgendem Mem aus: “Dein Fisch ist krank. Keimtheorie: isoliere den Fisch! Terrain-Theorie: reinige das Aquarium!”

Eine Art Schizophrenie hat die moderne Gesundheitskultur befallen. Einerseits gibt es eine wachsende Wellness-Bewegung, in der alternative und holistische Medizin begrüßt wird. Es werden Kräuter, Meditation und Yoga empfohlen, um das Immunsystem zu stärken. Die emotionale und spirituelle Dimensionen von Gesundheit, etwa die Kraft der eigenen Einstellung und des Glaubens daran, zu erkranken oder zu gesunden, wird anerkannt. All dies scheint unter dem Tsunami von COVID begraben worden zu sein, und die Gesellschaft fällt auf ihre alte Orthodoxie zurück.

Ein typisches Beispiel: Akupunkteure in Kalifornien wurden gezwungen, die Arbeit einzustellen, weil man sie für “nicht systemrelevant” hält. Das ist aus Sicht der konventionellen Virologie komplett einleuchtend. Aber wie eine Akupunkteurin auf Facebook beobachtete: “Was ist mit meinem Patienten, mit dem ich arbeite, um von den Opiaten gegen seine Rückenschmerzen loszukommen? Er wird sie nun wieder nehmen müssen.” Aus Sicht der medizinischen Autoritäten sind alternative Herangehensweisen, soziale Interaktion, Yoga-Gruppen, Nahrungsergänzungsmittel und so weiter belanglos wenn es um eine echte Krankheit geht, die von einem echten Virus ausgelöst wird. Im Angesicht einer Krise werden sie in das ätherische Reich der “Wellness” verbannt. Das Wiedererstarken der Orthodoxie unter COVID-19 ist so heftig, dass alles, was auch nur entfernt unkonventionell erscheint, wie etwa intravenöse Injektionen mit Vitamin C bis vor zwei Tagen komplett vom Tisch war (es gibt nach wie vor Artikel, die den “Mythos”, dass Vitamin C gegen COVID-19 helfen könnte, “entlarven”). Auch habe ich nicht gehört, dass die amerikanische Gesundheitsbehörde den Nutzen von Holunder-Extrakt, medizinischen Pilzen, Zuckerverzicht, ACC (Acetylcystein), Tragant (Astragalus) oder Vitamin C gepredigt hätte. All dies sind aber keine schwammigen Spekulationen über “Wellness”, sondern sie werden gestützt durch umfangreiche Forschung und physiologische Erklärungen. Zum Beispiel konnte für ACC (generelle Info und eine Placebo-kontrollierte Doppelblindstudie) eine sehr deutliche Reduktion des Auftretens und der Schwere von Symptomen grippeartiger Krankheiten gezeigt werden.

Wie die obigen Statistiken über Autoimmunität, Adipositas etc. nahelegen, stehen Amerika und die gesamte moderne Welt ganz allgemein einer Gesundheitskrise gegenüber. Sollten wir als Reaktion nun das, was wir die ganze Zeit getan haben, noch gründlicher treiben? Die bisherige Reaktion auf COVID war, die Orthodoxie zu stärken und unkonventionelle Praktiken und andere Sichtweisen beiseite zu fegen. Eine andere Antwort wäre, den Blick zu weiten und das Gesamtsystem zu untersuchen, einschließlich der Frage, wer dafür bezahlt, wie Zugriff gewährt wird und wie Forschung finanziert wird. Aber auch die einschließende Ausweitung auf randständige Felder, wie Heilkräuter-Medizin, funktionale Medizin und Energiemedizin gehören dazu. Vielleicht können wir diese Gelegenheit nutzen, um die vorherrschenden Theorien zu Krankheit, Gesundheit und  Körper neu zu bewerten. Ja, lasst uns die erkrankten Fische schützen so gut wir können, und zwar jetzt. Aber vielleicht müssen wir nächstes Mal nicht so viele Fische isolieren und mit Medikamenten voll pumpen, wenn wir das Aquarium reinigen.

Ich sage nicht, rennt jetzt los und kauft ACC oder irgendein anderes Supplement, und ich sage auch nicht, dass die Gesellschaft abrupt ihre Reaktion ändern sollte, die physische Distanzierung abbrechen und stattdessen Supplemente einnehmen sollte. Aber wir können den Bruch der Normalität nutzen – dieses Innehalten an der Wegkreuzung – um bewusst zu entscheiden, welchen Weg wir in Zukunft nehmen wollen: welche Art von Gesundheitssystem, welches Paradigma über Gesundheit und was für eine Art von Gesellschaft. Diese Neubewertung geschieht bereits, nun da Ideen wie eine universelle und freie Gesundheitsversorgung in den USA zunehmend an Fahrt aufnehmen. Und dieser Weg führt wiederum zu Verzweigungen. Welche Art von Gesundheitssystem soll universell werden? Wird es nur für alle verfügbar sein, oder für alle verpflichtend – jede Bürgerin eine Patientin, vielleicht mit einem unsichtbaren Barcode-Tattoo, um sicherzustellen, dass ein jeder auch alle Impfungen erhalten und Vorsorgeuntersuchungen absolviert hat. Dann darfst du zur Schule gehen, ein Flugzeug besteigen oder ein Restaurant betreten. Das wäre ein Weg in die Zukunft, der uns offen steht.

Es bietet sich aber auch eine andere Möglichkeit. Statt die Kontrolle noch zu verstärken, könnten wir endlich die holistischen Modelle und Praktiken, die am Rand darauf gewartet haben, dass sich das Zentrum auflöst, damit wir sie jetzt in unserem gedemütigten Zustand ins Zentrum rücken und ein neues System um sie herum errichten.

Die Krönung

Es gibt eine Alternative zur perfekten Kontrolle, die unsere Zivilisation so lange angestrebt hat, und die sich mit jedem Fortschritt wieder ein Stück weit entzieht, wie eine Fata Morgana am Horizont. Ja, wir können den bisherigen Weg in Richtung zunehmender Vereinsamung, stärkerer Abschottung, mehr Herrschaft und größerer Getrenntheit fortsetzen. Wir können zulassen, dass mehr Getrenntheit und Kontrolle normal werden, im Glauben sie seien nötig um uns Sicherheit zu gewähren, und eine Welt akzeptieren, in der wir uns davor fürchten, einander nah zu kommen. Oder wir können diese Pause, diese Unterbrechung der Normalität zum Anlass nehmen, einen Weg in Richtung Wiedervereinigung, Ganzheitlichkeit, Wiederherstellung von verlorenen Beziehungen und Gemeinschaft und unserer Wiedereingliederung in das Netz des Lebens einzuschlagen.

Verdoppeln wir unsere Anstrengungen, das vereinzelte Selbst zu beschützen? Oder nehmen wir die Einladung in eine Welt an, auf der wir alle gemeinsam sind? Nicht nur in der Medizin begegnen wir dieser Frage: sie taucht auch in der Politik, in der Wirtschaft und im persönlichen Leben auf. Nimm  zum Beispiel das Hamstern, das die Vorstellung zum Ausdruck bringt: „Es wird nicht für alle reichen, also werde ich dafür sorgen, dass für mich genug da ist.“ Man könnte auch so darauf reagieren: „Manche haben nicht das, was sie brauchen, also werde ich mit ihnen teilen.“ Preppen[6] oder helfen? Worum geht es im Leben?

Und allgemeiner stellen Menschen jetzt Fragen, die bis dato eher nur Aktivistenkreise beschäftigt haben. Was können wir für die wohnungslosen Menschen machen? Was für die, die im Gefängnis sitzen? Die, die in den Slums leben? Was sollen wir mit den Arbeitslosen machen? Was ist mit den Zimmermädchen, den Uber-Fahrern, den Installateurinnen und den Hauswarten und Busfahrerinnen und Kassierern, die nicht von zu Hause aus arbeiten können? Und so blühen endlich Ideen wie der Schuldenerlass für Ausbildungskredite und das Bedingungslose Grundeinkommen auf. Die Frage „Wie schützen wir die von COVID Bedrohten?“ lädt uns ein, weiter zu fragen: „Wie kümmern wir uns um die verletzlichen Menschen in unserer Gesellschaft?“

Das nämlich ist der Impuls, der sich in uns rührt, einmal abgesehen von Oberflächlichkeiten wie unseren persönlichen Meinungen über den Schweregrad von COVID, die Herkunft des Coronavirus oder welche politischen Maßnahmen angebracht sind. Der Impuls ist: „Lasst uns jetzt wirklich aufeinander achtgeben. Erinnern wir uns daran, wie wertvoll jeder und jede von uns ist und wie kostbar das Leben. Machen wir eine Bestandsaufnahme unserer Zivilisation, zerlegen wir sie in ihre Einzelteile, und schauen wir, ob wir daraus nicht eine viel schönere bauen können.“

Durch die Erfahrungen des Mitgefühls, das COVID jetzt in uns weckt, stimmen immer mehr von uns in die Erkenntnis ein, dass wir nicht mehr in die alte Normalität, die das Mitgefühl so schmerzlich vermissen ließ, zurück wollen. Jetzt haben wir die Gelegenheit, eine neue, mitgefühlsreichere Normalität zu schmieden.

Überall finden sich Anzeichen, dass das gerade passiert. Die Regierung der Vereinigten Staaten, die lange eine Geißel herzloser Kapitalinteressen zu sein schien, hat hunderte Milliarden Dollar für Direktzahlungen an Familien freigegeben. Donald Trump, nicht gerade als ein Paradebeispiel des Mitgefühls berühmt, hat ein Moratorium für Zwangsvollstreckungen und Zwangsräumungen verhängt. Gewiss, man kann diese Entwicklungen auch zynisch sehen; aber nichtsdestotrotz verkörpern sie das Prinzip der Sorge um die Verwundbaren.

Aus allen Winkeln der Welt hören wir Geschichten von Solidarität und Heilung. Eine Freundin schickte je $100 an zehn Unbekannte in schlimmer Notlage. Mein Sohn, der bis vor wenigen Tagen bei Dunkin‘ Donuts gearbeitet hat, sagte, dass die Leute fünfmal mehr Trinkgeld gegeben haben – und das sind Leute aus der Arbeiterklasse, viele von ihnen lateinamerikanische LKW-Fahrer, die selbst wirtschaftlich prekär leben. Ärztinnen, Krankenpfleger und sogenannte „unentbehrliche Arbeitskräfte“ riskieren ihr Leben im Dienst an der Öffentlichkeit. Hier ein paar Beispiele solcher Entladungen von Liebe und Güte, mit freundlicher Genehmigung von ServiceSpace:

Vielleicht sind wir schon mittendrin, uns in diese neue Geschichte einzuleben. Stelle Dir  vor: die Italienische Luftwaffe verwendet Pavarotti, das Spanische Militär hilft Zivilisten, und die Straßenpolizei spielt Gitarre – um zu inspirieren. Firmen erhöhen unerwartet die Gehälter. Die Kanadier haben eine Initiative gestartet, bei der sie aktiv Güte und Freundlichkeit statt Angst und Panik verbreiten. Ein sechsjähriges Mädchen in Australien spendet entzückend ihr Zahnfee-Geld, eine dreizehnjährige Japanerin näht 612 Masken und Studenten auf der ganzen Welt gehen für ältere Menschen einkaufen. Kuba schickt eine Armee in „weißen Mänteln“ (Ärzt*innen) um Italien zu helfen. Ein Vermieter stundet seinen Mietern die Aprilmiete, das Gedicht eines irischen Priesters verbreitet sich viral, körperbehinderte Aktivist*innen erzeugen Desinfektionsmittel. Stellen Sie sich das vor. Manchmal fördert eine Krise unseren innersten Impuls zutage: dass wir immer mit Mitgefühl reagieren können.

Wie Rebecca Solnit in ihrem wunderbaren Buch „A Paradise Built in Hell“ schreibt, bringen Katastrophen häufig Solidarität zum Aufblühen. Eine schönere Welt schimmert ganz nah unter der Oberfläche und poppt auf, sobald die Systeme, die sie unter Wasser halten, ihren Griff lockern.

So lange sind wir als Kollektiv angesichts einer immer krankmachenderen Gesellschaft hilflos dagestanden. Sei es die Verschlechterung der Gesundheit, der Verfall von Infrastruktur, Depression, Selbsttötung, Sucht, Umweltzerstörung, ungleiche Reichtumsverteilung – die Symptome der misslichen Lage, in der sich die Zivilisation in der entwickelten Welt befindet, sind unübersehbar, aber wir haben uns in den Systemen und Mustern, die sie verursachen, verstrickt. Jetzt hat uns das Coronavirus einen Neuanfang geschenkt.

Eine Million Wege gabeln sich vor uns auf. Das Bedingungslose Grundeinkommen könnte der wirtschaftlichen Unsicherheit ein Ende bereiten und die Kreativität aufblühen lassen, indem Millionen von jener Arbeit befreit werden, die, wie uns das Coronavirus zeigt, weniger notwendig ist als bisher angenommen. Es könnte aber auch angesichts der Schließung kleiner Betriebe dazu kommen, dass die Abhängigkeit von staatlichen Geldern, die an strikte Bedingungen geknüpft sind, zunimmt. Die Krise könnte in den Totalitarismus oder in die Solidarität führen, zu medizinischem Kriegsrecht oder einem Wiedererwachen eines ganzheitlichen Ansatzes, zu einer größeren Furcht vor der Welt der Keime oder größerer Kompetenz im Umgang mit den Mikroorganismen, zu einer neuen, dauerhaften Norm des Abstandhaltens oder zu einem erneuten Wunsch, einander näher zu kommen.

Was kann uns als Einzelne und als Gesellschaft leiten, die wir durch diesen Garten sich verzweigender Wege gehen? An jeder Wegkreuzung können wir uns bewusst machen, wovon wir uns leiten lassen: Angst oder Liebe? Selbstschutz oder Großherzigkeit? Sollen wir in Angst leben und eine darauf basierende Gesellschaft errichten? Sollen wir leben, um unsere abgetrennten Egos zu wahren? Sollen wir die Krise als Waffe gegen unsere politischen Feinde nutzen? Dies sind keine alles-oder-nichts-Fragen, nur Angst oder nur Liebe. Sondern ein nächster Schritt in Richtung Liebe liegt vor uns. Er fühlt sich wagemutig an, aber nicht leichtsinnig. Er umspannt die Wertschätzung des Lebens und zugleich die Anerkennung des Todes. Er kommt aus dem Vertrauen darauf, dass mit jedem neuen Schritt der nächste sichtbar wird.

Bitte glaub nicht, es sei eine reine Willensfrage, sich zwischen Angst und Liebe zu entscheiden, oder dass die Angst wie ein Virus besiegt werden kann. Das Virus, mit dem wir es hier zu tun haben, ist Angst, sei es die Angst vor COVID-19 oder die Angst vor einer totalitären Reaktion darauf, und dieses Virus hat auch seinen Nährboden. Angst gemeinsam mit Sucht, Depression und einer ganzen Reihe körperlicher Leiden gedeiht auf diesem Boden von Getrenntheit und Trauma: dem vererbten Trauma, dem Kindheitstrauma, der Gewalt, dem Krieg, dem Missbrauch, der Missachtung, der Scham, der Bestrafung, der Armut und dem stillschweigend zur Normalität gehörenden Trauma, das fast jede und jeden betrifft, der in einer monetarisierten Gesellschaft lebt, moderne Beschulung absolviert oder ohne Gemeinschaft oder Ortsverbundenheit lebt. Dieser Boden kann verändert werden durch Traumaheilung auf einer persönlichen Ebene, durch systemischen Wandel hin zu einer Gesellschaft mit mehr Mitgefühl, und durch eine Neuerzählung der Geschichte, die unsere Welt erklärt, und die momentan von der Getrenntheit handelt: Vom getrennten Selbst in einer Welt des Anderen – ich getrennt von dir, die Menschheit getrennt von der Natur. Allein zu sein ist eine Urangst, und die moderne Gesellschaft hat mehr und mehr dazu geführt, dass wir allein sind. Aber die Zeit der Wiedervereinigung ist da. Jede Geste des Mitgefühls, der Güte und Freundlichkeit, des Mutes und der Großherzigkeit heilt uns von der Geschichte der Getrenntheit, denn sie versichert beiden, Handelnden und Zeugen der Handlung, dass wir im selben Boot sitzen.

Ich werde zum Abschluss noch eine weitere Dimension der Beziehung zwischen Mensch und Virus ins Feld führen. Viren sind wesentlich für die Evolution, nicht nur die der Menschen, sondern aller Eukaryonten. Viren können DNA von einem Organismus zum anderen transportieren, manchmal auch in die Keimbahn (wodurch die Änderung erblich wird). Bekannt unter der Bezeichnung „Horizontaler Gentransfer“ ist das ein Grundmechanismus der Evolution, der es dem Leben ermöglicht, gemeinsam viel schneller zu evolvieren, als es durch rein zufällige Mutation möglich wäre. Lynn Margulis hat es einmal so ausgedrückt: „Wir sind unsere Viren.“

Und jetzt betrete ich spekulatives Terrain: Vielleicht haben die großen Krankheiten unserer Zivilisation unsere biologische und kulturelle Evolution beschleunigt, vielleicht verleihen sie uns genetische Schlüsselinformation und ermöglichen uns beides, eine individuelle und eine kollektive Initiation. Könnte die herrschende Pandemie genau das sein? Neue RNA-Codes breiten sich von Mensch zu Mensch aus und versorgen uns mit neuer genetischer Information. Gleichzeitig empfangen wir, gemeinsam mit den biologischen, andere, esoterische „Codes“, die unsere Narrative und Systeme unterbrechen – so wie die Krankheit die Physiologie des Körpers unterbricht. Das Phänomen folgt dem Muster einer Initiation: Eine Unterbrechung der Normalität gefolgt von einer Zwangslage, einem Zusammenbruch oder einer Feuerprobe, gefolgt von (wenn sie komplett sein soll) der Reintegration und einem Fest.

Jetzt stellt sich die Frage: eine Initiation in was? Was ist die genaue Natur und der Zweck dieser Initiation? Der Name des Virus gibt einen Hinweis: Coronavirus. Eine Corona ist eine Krone. „Neue Coronavirus Pandemie“ bedeutet: „eine neue Krönung für alle“.

Es ist schon zu spüren, welche Macht uns verliehen werden könnte. Ein wahrer Souverän läuft nicht weg aus Angst vor dem Leben oder Angst vor dem Tod. Ein wahrer Souverän beherrscht nicht und unterwirft nicht (das macht sein Schatten-Archetyp, der Tyrann). Ein wahrer Souverän dient den Menschen, dient dem Leben und respektiert die Souveränität aller Menschen. Die Krönung markiert das Hervortreten des Unbewussten in das Bewusste, die Kristallisation von Chaos in Ordnung, die Überwindung von Zwang und dessen Umwandlung in eine bewusste Entscheidung. Wir werden die Regenten dessen, was uns regiert hat. Die neue Weltordnung, die die Verschwörungstheoretiker fürchten, ist ein Schattenbild der grandiosen Möglichkeit, die souveränen Wesen offen steht. Nicht länger Vasallen der Angst, können wir Ordnung im Königreich machen und eine Gesellschaft aufbauen, die sich auf die Liebe einigt, die schon durch die Ritzen in der Welt der Getrenntheit schimmert.


[1] d.Ü.: Metapher für ein Ereignis, das selten und höchst unwahrscheinlich ist.

[2] d.Ü.: Enthüllung von UFO-Phänomenen.

[3] d.Ü.: In Deutschland 2019 kam die Polizei zu meiner Haustür, weil zwei meiner Kinder tagsüber etwa 80m von der Haustüre entfernt in einem verkehrsberuhigten Wohngebiet auf dem Bürgersteig spielend gesehen wurden, ohne die Mutter.

[4] d. Ü.: „Story of Separation“ ist ein Leitbegriff in Eisensteins Werk. „Separation“ wurde teils auch in deutschen Übersetzungen beibehalten. Wegen seiner Vieldeutigkeit sind Autor und Übersetzer-Team mit diesem Terminus nicht ganz zufrieden. Wir haben uns hier für „Getrenntheit” entschieden. Möglich wäre auch „Abspaltung“ oder „Abgespaltenheit“.

[5] d.Ü.: Medikalisierung ist die Bezeichnung für einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess, bei dem menschliche Lebenserfahrungen und Lebensbereiche in den Fokus systematischer medizinischer Erforschung und Verantwortung rücken, die vorher außerhalb der Medizin standen. (Quelle: Wikipedia)

[6] d.Ü.: siehe Prepper auf Wikipedia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.