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Geschichte der Spiritualität

Sieht man in den beiden Spätwerken Timaios und Kritias von Platon nach, so stößt man auf seine historische Darstellung der Spätphase von Atlantis, die er auf die Mitte des 10. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung verortet.

Es macht Sinn eine Geschichte der Spiritualität mit Platons Darstellung und damit mit dem Untergang von Atlantis beginnen zu lassen und Atlantis als die Wiege der Spiritualität anzusehen. Ganz gleich welcher Lokalisierungsthese man im Zusammenhang mit Atlantis auch anhängen mag – mir persönlich erscheint die These vom mittelatlantischen Rücken nach wie vor die plausibelste zu sein – kommt man um die Frage, wie in ganz kurzer Zeit über die ganze Welt verteilt ähnlich strukturierte Hochkulturen entstanden, nicht herum.

Da wir nicht davon ausgehen können, daß es damals schon Düsenjets und das Internet gab, müssen wir uns fragen, ob man nach wie vor eine Zufalls-These gelten lassen möchte, wofür vom logischen Denken her sehr wenig spricht oder ob wir von geistigen Informationsfeldern ausgehen können, deren Gebrauch durch eine aus Atlantis ausgewanderte Priesterschaft anderen Kulturen weitergegeben und damit neue Hochkulturen initiiert wurden. Wenn wir den Untergang von Atlantis mit dem Ende der letzten Eiszeit im 12. bis 10. Jahrtausend v.u.Z. und einer kosmischen Katastrophe (Einschlag eines Planetoiden im Südatlantik) in Zusammenhang bringen, dann wird auch verständlich, weshalb sich plötzlich über die gesamte Welt verteilt überall in den Jahrtausenden danach kosmologische Forschungsstationen (z.B. Gizeh oder Angkor Wat) finden, die alle nach ähnlichen Schemata, mit ähnlichen Grundmaßen und einem extrem hohen Maß an Wissen erbaut wurden und alle als ein kosmologisches Spiegelbild der Sternenkonstellationen, wie sie in der Mitte des 11. vorchristlichen Jahrtausend waren, gelten können.

Wenn wir bei der Ursache des Untergangs von Atlantis von einer kosmischen Katastrophe ausgehen, in deren Folge sich das jahrtausende alte  Wissen der Hochkultur Atlantis über die Welt verstreut hat, dann wird deutlich weshalb es bei der Geschichte der Spiritualität nicht nur um die Fragen und das Verhältnis des Menschen zum Urgrund allen Seins und der Entstehung des Universums  und des Menschen geht, sondern daß die Eingeweihten der Jahrtausende immer auch den Kosmos und das Verhältnis des Menschen zum Kosmos verstehen und wenn möglich auch günstig beeinflussen wollten, um eine Wiederholung des Untergangs von Atlantis zu verhindern.

Spiritualität ist deshalb in erster Linie die Geschichte des redlichen Bemühens um geistiges Wissen für den und von dem Menschen, es ist der Versuch eine universale Dialogfähigkeit zwischen Mensch, Erde und Kosmos zu schaffen, um Katastrophen zu verhindern…

Atlantis-Lokalisierungsgruppe-Atlantik
Ähnlich wie im 20 Jahrhundert sich durch den Exotus der gelehrten, buddhistischen Priesterschaft aus Tibet, der Buddhismus über die ganze Welt verteilt hat, so kann man auch im Falle Atlantis davon ausgehen, daß die frühen Hochkulturen in Südamerika, Ägypthen, im vorderen Orient und in Asien stark von dem Untergang von Atlantis beeinflußt waren, da man durchaus die Hypothese aufstellen kann, daß sich auch vor dem Untergang von Atlantis ein großer Teil der Priesterschaft über die Welt verteilt hat und dort in Laufe von Jahrtausenden neue Hochkulturen initiiert hat.
Wir dürfen uns durch die Stigmatisierung, die Atlantis als waberndes, mythisches Phantasiegebilde, in der Neuzeit und durch den Siegeszug der Naturwissenschaft erfahren hat, nicht beeindrucken lassen, noch bis ins 16. Jahrhundert hinein – vor allem dann in der Renaisssance – war Atlantis eines der ganz großen Themen in der Philosophie und Kulturgeschichte.

Wenn wir von Steiners Entwicklungsmodell des Doppelstroms der Zeit ausgehen, wonach die nachatlantische Zeit von einer zunächst evolutiven Entwicklung später in eine involutive Phase wieder überging, landen wir zunächst in der Achsenzeit (Karl Jaspers) des 5. vorchristlichen Jahrhunderts und bei so bedeutenden Denkern wie Buddha, Konfuzius und PythagorasPythagoras, die man alle drei als Kristallisationspunkte in der menschlichen Kulturgeschichte ansehen kann und die bis in die Jetztzeit hinein immernoch zentrale spirituelle Lehrer geblieben sind. Die spirituelle Bedeutung z.B., die Pythagoras für das Abendland bis heute hat, kann gar nicht hoch genug bewertet werden.

Von dieser Schwellenzeit des 5. Jahrhunderts gelangen wir dann nach Alexandria, zu der großen Bibliothek und zu dem großen Gelehrten Ammonios Sakka (der zwischen 180 und 250 n.u.Z. lebte, der selbst keine Schriften hinterließ, von dem wir nur über Porphyrios, einem Schüler Plotins etwas wissen), den man wohl als ein geisteswissenschaftliches Genie ansehen kann, der alle Stränge der spirituellen Entwicklung bis zu seiner Zeit in sich bündelte und von dem dann wiederum in der nachchristlichen Zeit zwei bedeutende Linien sich entwickelten.

Bibliotek
OrigenesSeine großartigen Schüler Origenes und Plotin, die beide zunächst in der Tradition Platons standen Plotinund die in der Mitte des dritten nachchristlichen Jahrhunderts bei Ammonios Sakka studierten, haben selbst wieder sehr wichtige philosophisch-spirituelle Schulen ins Leben gerufen, die bis ins 16. Jahrhundert intensiv rezipiert wurden. Der frühchristliche Kirchenvater Origenes z.B. hat die gesamte mittelalterliche und frühneuzeitliche, christliche Mystik z.B. eines Meister Eckhart stark beeinflußt und die gesamte neuplatonische Tradition in dieser Zeit ist ohne Plotin undenkbar.

Wenn wir die spirituelle Entwicklung weiterverfolgen und einen etwas größeren Sprung bis zur Rennaissance machen, landen wir bei Marsilio Ficino, der von 1433 bis 1499 in Florenz lebte und dessen Aktivitäten von Cosimo de’ Medici großzügig unterstützt wurden und der ihm die materielle Basis für ein ganz der Philosophie und Theologie gewidmetes Leben verschaffte. Ficino war der Erste, der Platons Dialoge ins Lateinische übersetzte und so einer großen Zahl von Gelehrten diesen wichtigen Denker zugänglich machte. Bekanntlich liegt die große Bedeutung der Rennaissance ja gerade in dem Zugänglichmachen der antiken Literatur für die Neuzeit und dabei spielte Ficino eben eine bedeutende Rolle, wobei sein Hauptanliegen eine zeitgemäße Erneuerung der antiken Philosophie war.

Ficino

Von diesem Brennpunkt Marsilio Ficino und dem Florenz seiner Zeit gehen dann wiederum die ganzen in die Neuzeit und Moderne hineinreichenden Entwicklungen der Spiritualität aus, z.B. im Rosencreutzertum, der jüdischen Mystik der Kabbala, der christlichen Mystik eines Jakob Böhme oder Angelus Silesius usw..
Was unsere Auseinandersetzung mit der Renaissance und der Geschichte der Spiritualität so wertvoll und so wichtig macht, ist der ganzheitliche Ansatz, der in diesen Traditionen immer wieder betont wurde, das Eingebettetsein des Menschen in den Kosmos und in ein Universum, in dem alles mit allem zusammenhängt. Stellen wir uns nur vor, wie gering die Chance globaler Unternehmen wäre, uns vom Sinn der Kernenergie zu überzeugen, wenn wir alle ganzheitlich, also an alle Implikationen denken würden, anstatt uns in wachsender Ignoranz einzurichten.

BlavatskyWenn wir unsere Reise in der Geschichte der Spiritualität fortsetzen, können wir wieder einen großen Sprung machen und im Jahre 1875 in New York landen, auch hier finden wir wieder eine geistig, spirituelle Schwellensituation, in der sich wieder das spirituelle Wissen aus Jahrhunderten, gar Jahrtausenden sammelt und konzentriert. Auch diesmal kann man die Entwicklung wieder auf eine Person fokusieren (auch wenn hier rein äußerlich mehrere Personen beteiligt waren).
Diese Person ist Helena Petrovna Blavatsky, eine russische Aristokratin, die sowohl aus der christlichen Mystik seit der Renaissance, der jüdischen Kabbala, dem Rosencreutzertum und vor allem aus der indisch-asiatischen Tradition des Hinduismus und Buddhismus schöpfte. Zusammen mit dem Bürgerrechts-Anwalt Henry Steel Olcott gründete Sie 1875 in New York die Theosophische Gesellschaft, die bis zum heutigen Tage weltweit eine der einflußreichsten spirituellen Bewegungen, zumindest von Ihren Wirkungen her, geblieben ist.

Die Grundlage der theosophischen Gesellschaft bildet die Tatsache, daß allem Dasein eine geistige, unzerstörbare Einheit zugrunde liegt, die auch das wahre Wesen des Menschen bildet. In dieser ewigen Einheit sind alle Wesen und Menschen untrennbar miteinander verbunden. In sofern war die Theosophische Gesellschaft schon 1875 eine weit in die Zukunft reichende, globale Gemeinschaft, die noch heute wesentliche Antworten auf unsere globalen Probleme geben kann.
Die drei Hauptziele der Theosophischen Gesellschaft sind:

1. Der Kern einer allgemeinen, die ganze Menschheit geistig umfassenden Gemeinschaft zu bilden, jenseits aller Grenzen von Nationalität und Hautfarbe, Glaubensbekenntnis, Stand und Geschlecht.

2. Zum vergleichenden Studium aller Religion, der Philosophie und der Wissenschaften anzuregen und

3. Die Erforschung noch ungeklärter Naturgesetze und die naturgemäße Entfaltung und Pflege der im Menschen noch schlummernden Geisteskräfte zum Wohle aller Wesen zu fördern.

Diese drei Ziele gelten letztlich auch für die Anthroposophische Gesellschaft, die 1912/13 dann durch die Trennung Rudolf Steiners von der Theosophischen Gesellschaft (der er 10 Jahre als Generalsekretär der deutschen Sektion vorstand) Steinergegründet wurde. Für Steiner war die Theosophische Gesellschaft zu stark an der asiatischen Gedankenwelt ausgerichtet und berücksichtigte seiner Meinung nach zu wenig das Mysterium von Golgatha, das Christusgeschehen und den Rosencreutzerweg, das wäre ansich für die Theosophische Gesellschaft – entsprechend ihrer Grundsätze – noch kein Problem gewesen, die Gründe für diese Abspaltung der Anthroposopischen Gesellschaft waren aber vor allem die Hinwendung der Theosophischen Gesellschaft zum Hinduismus unter der neuen Präsidentin seit 1907 Annie Besant und besonders die Verehrung Jiddu Krishnamurtis (1895-1986) als wiedergeborener Christus und kommenden Weltlehrer im Order of the Star in the East, die mit seiner Entdeckung durch Charles Webster Leadbeater im Jahre 1909 einsetzte.

DalaiLamaWenn man jedoch bedenkt wie intensiv heute die freundschaftlichen Verbindungen des tibetischen Buddhismus, besonders im Umfeld des 14. Dalai Lama mit der theosophischen Gesellschaft und andererseits die freundschaftlich, familiären Verbindungen der Theosophen und der Anthroposophen besonders in den Angelsächsischen Ländern sind, kann man wohl doch ganz vorsichtig zu dem Ergebnis kommen, daß die Geschichte der Spiritualität über alle Grenzen hinweg die Menschen eher miteinander verbindet, als das sie sie trennt.

Man sollte immer sich daran erinnern, daß Religion und Spiritualität im wörtlichen Sinne ja Rückverbindung zu den Wurzeln des Seins bedeutet, in diesem Sinne ist die Geschichte der Spiritualität die Geschichte der Frage nach dem Wesen des Seins, in diesem Sinne können wir die Worte Helena Petrovna Blavatskys am Ende dieser ganz kurzen Geschichte der Spiritualität verstehen:
“Eine Religion in dem einzig wahren und richtigen Sinne ist ein Band, das alle Menschen verbindet, nicht eine besondere Gruppe von Dogmen und Glaubensformen.
Religion an sich, in ihrer weitesten Bedeutung, ist das, was nicht nur alle Menschen sondern alle Wesen und Dinge im ganzen Universum zu einem großen Ganzen verbindet.”

Pan – wie schön ist Dein Spiel

pan

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Pan und Dionysos – um wie viel mehr seid Ihr als Apollon!

Wie schön ist es in Arkadien, wie schön ist es auch zu schweigen. Wer lieben will, der schweigt und wer spricht, der will nicht lieben . . . hat Robert Walser Jahrhunderte spätere gedichtet.

Ist es nicht schön, sich unter der Zeit hindurchzuschreiben, ist es nicht Kairos wohin die Sehnsucht geht, wie verachten wir doch Chronos . . . als wäre ein Tag nur ein Tag und eine Nacht nur eine Nacht, wäre doch Atalanta ein Kosmos.

Und Pan, du Gott des Waldes und der Natur. Muß beim Verehren nicht auch das Fürchten nahe dabei sein? Kannst Du uns nicht nur so Deinen Schutz gewähren, von Deinem Lieblingsberg Lykäon aus? Liegt er nicht in Arkadien – wie ich hörte.

Der gekrümmte Hirtenstab und die wundersame, siebenröhrige Panflöte – liebt die Natur nicht die Musik, den Tanz und die Fröhlichkeit. Ist es nicht die dumpfe, brütende Stille zur Mittagszeit, zu deiner Stunde, zu Pans Stunde, in der du gewohnt bis, dein wehmütiges Lied zu spielen, um Abends dann doch um so derber mit Dionysos über die Feste zu ziehen – und doch im Rausch die Wälder klagen zu hören.

Ach Pan, wie weit hast du gesehen und wie blind warst auch Du doch im Angesichte deiner Nymphe –

Triebsublimation durch Kulturarbeit hätte Freud ohne dich wirklich nie erfunden . . .

Der Positivismusstreit mit Karl Popper

Der Positivismusstreit hatte in Wirklichkeit nie etwas mit Karl Popper zu tun!

Karl_PopperGerade in Deutschland sollte jede Art von Ideologie sofort verdächtig sein und Denker wie Karl Popper überaus willkommen, aber im Gegenteil gerade jemanden, der sein ganzes Leben gegen Verkrustungen, Schwarz-Weis-Denken und soge- nannte Wahrheitsideologien ange- schrieben hat, mit Ideologiekritik der polemischsten Sorte zu überziehen, ist schon ein besonderes Lehrstück der Philosophiegeschichte.

Drei kleine Zitate von Popper können dies perfekt zeigen:

“Das Wichtigste ist, allen jenen großen Propheten zu misstrauen, die eine Patentlösung in der Tasche haben und euch sagen: Wenn ihr mir nur volle Gewalt gebt, dann werde ich euch in den Himmel führen. Die Antwort darauf ist: Wir geben niemandem volle Gewalt über uns. Wir wollen, dass die Gewalt auf ein Minimum reduziert wird. Gewalt ist selbst von Übel, und wir können nicht ein Übel mit einem anderen Übel austreiben.”

“Durch die Falsifikation unserer Annahmen bekommen wir tatsächlich Kontakt mit der »Wirklichkeit«. Die Widerlegung unserer Irrtümer ist die »positive« Erfahrung, die wir aus der Wirklichkeit gewinnen.”

“Aber von allen politischen Idealen ist der Wunsch, die Menschen glücklich zu machen, vielleicht der gefährlichste. Ein solcher Wunsch führt unvermeidlich zu dem Versuch, anderen Menschen unsere Ordnung Werte aufzuzwingen, um ihnen so die Einsicht in Dinge zu verschaffen, die uns für ihr Glück am wichtigsten zu sein scheinen; also gleichsam zu dem Versuch ihre Seelen zu retten. Dieser Wunsch führt zu Utopismus und Romantizismus. Wir alle haben das sichere Gefühl, daß jedermann in der schönen, der vollkommenen Gemeinschaft unserer Träume glücklich sein würde. Und zweifellos wäre eine Welt, in der wir uns alle lieben, der Himmel auf Erden. … der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, produziert stets die Hölle.”

Die objektive, vorurteilsfreie Popper Rezeption in Deutschland ist durch den unseeligen Positivismusstreit nahezu ausgefallen. Dabei fing das Ganze im Oktober 1961 harmlos an: Bei der Tagung der “Deutschen Gesellschaft für Soziologie” in Tübingen hielten Karl Popper und Theodor W. Adorno die beiden Hauptreferate. Popper der kritische Rationalist, ganz Sokrates und Kant verpflichtet, bot während der Tagung dem Vortrag Adornos, der, wie man weiß, ebenfalls eine kritische Theorie entwickelt hatte, keinen wirklichen Widerpart, ganz einfach deshalb, weil auf einer tieferen, als der oberflächlich ideologischen Ebene beide Denker viel näher beieinander waren, als man es in linken Kreisen gerne gesehen hätte.

Man wollte sich mit dieser Konfliktlosigkeit nicht begnügen und so kam es zu dem unseeligen Positivmußstreit vor allem durch Adorno und Habermas betrieben, das Problem war nur, daß alle Argumente und Unterstellungen, all die aggressive Polemik von Seiten der Frankfurter Schule Popper gar nicht treffen konnte, weil sie gar nichts bzw. sehr wenig mit dem Denker Poppers zu tun hatte, der z.B. auf seine Weise ebenso die Ursachen des Faschismus und der Weltkriege in seinen Schriften benannte, wie dies die Frankfurter Schule getan hatte. Ebenso war es mit Adornos Vorstellung, daß Wissenschaft immer auf dem avanciertesten Standpunkt stehen müsse – auch hier war Popper mit seinem intellektuellen und revolutionären Wissenschaftsverständnis viel näher bei Adorno, als es vielen lieb war. Was eben nicht in die politische Zeit hineinpasste, war Poppers Kritik der sozialistischen Ideologien – seine Ideologiekritik wollte keine Tabuzonen akzeptieren, so wie es die Frankfurter Schule rein faktisch getan hatte.

Die Ethik, die sich aus Poppers Vorstellungen einer offenen Gesellschaft ergeben hat und die Kritik, die sich von keiner Ideologie beirren läßt – auch wenn sie als utopisches Heilsversprechen noch so gut gemeint daher kommt – verlangt eine Art von Menschsein, daß weit über das bisher Mögliche hinausgeht und durch und durch visionär ist. Kritik als evolutionärer Motor der Geschichte verlangt nach immerwährender Aufklärung, die sich niemals zur Ruhe setzt, auch nicht temporär!

Kritische Denker wie Kant und Popper bleiben auch in der virtuellen Welt des Cyberspace durch und durch aktuell!

Die Geistige Welt

Wir “Abendländer” sind in unserer kulturgeschichtlichen Prägung so stark der Subjekt-Objekt-Polarität verhaftet, daß wir immer sehr große Mühe haben, uns Prämissen und Weltmodelle vorzustellen, bei denen alles mit allem verbunden und vor allem alles nicht klar abgrenzbar sondern “unscharf” ist, erst dann, wenn wir durch mathematische Formeln Unschärfe in scheinbare Klarheit und Schärfe verwandeln können, wie in der Quantenphysik, sind wir wieder zufrieden, wenn wir dann aber unfreiwillig ins Philosophisch-Metaphysische hinübergezogen werden, von sogenannten “Alles-in-Frage-Stellern”, die meinen, man könne auch im Unscharfen ganz gut leben, fühlen wir uns wieder bedroht, weil wir befürchten, einer könnte kommen und unsere Vorstellung von der Beherrschbarkeit von allem und jedem als Fiktion entlarven.

Genau diese und ähnliche Gedanken bilden den Hintergrund für unsere Weigerung die “Geistige Welt” als etwas anderes als Hirngespinste durchgeknallter Esoteriker anzusehen. Wir sind so stark von unserem objekthaften Zugang und unseren naturwissenschaftlichen Prämissen bestimmt, daß wir gar nicht wahrnehmen können, daß wir längst ein Teil von etwas sind, was wir von außen nicht sehen können, will heißen, weil wir selbst durch und durch Geist und damit Teil der geistigen Welt sind, deshalb können wir es nicht verstehen, wir sehen quasi den Wald vor lauter Bäumen nicht, aber wir können jeden einzelnen Baum – und wenn es hundert einzelne wären – von außen noch so ausführlich betrachten wie wir wollen, wir erleben als Subjekte niemals den Wald.

Aber nur in unserer radikalen Subjekthaftigkeit können wir den Geist des Waldes, seine Erhabenheit und Schönheit erleben so wie es z.B. die Frühromantiker in vielen Kunstwerken versuchten festzuhalten. Die Frühromantiker, die sich immer in einem lebendigen Resonanzverhältnis zur beseelten, lebendigen Natur verstanden, waren keine Spinner, die es einfach noch nicht besser wußten, sondern hoch sensible Menschen, die die bewußte Wahrnehmungsfähigkeit der “Geistigen Welt” noch nicht verloren hatten.

Die “Geistige Welt” verbindet nicht nur alles mit allem, sie ist auch ein endloser Speicher, ein endloses Gedächtnis, aller jemals gedachter geistigen Zusammenhänge, in der unablässigen Wechselwirkung zwischen Geist und Materie vollzieht sich die Welt, wobei wir sofort fehlgehen, wenn wir davon ausgehen, daß es sich um zwei getrennte Welten, hier die Welt der Materie, dort die Welt des Geistes handeln würde. Yin ist nicht ohne Yang möglich und umgekehrt.

Wir haben den Zugang zur geistigen Welt in den letzten Jahrhunderten vor allem durch die Entwicklung der modernen Naturwissenschaft und der Trennung von Natur- und Geisteswissenschaft etwas verloren, aber nur im Sinne einer Bewußtwerdung dieses Erlebens, nicht aber im rein Faktischen.

In Abwandlung zu C.G.Jungs Wahlspruch könnte man für die “Geistige Welt” folgenden Sinnspruch kreieren:

VOCATUS ADQUE NON VOCATUS MENS ADERIT

Gerufen oder nicht gerufen, der Geist wird da sein, oder anders formuliert, wäre das Unbedingte nicht das Unbedingte, dann hätte es niemals existiert.

Wir dürfen uns nicht beirren lassen und uns einreden lassen, daß unser geistiges Leben, unsere Gedanken und Gefühle reduzierbar sind auf neuronale Areale des Gehirns in denen sie entsprechende Erregungsmuster hervorrufen bzw. von ihnen hervorgerufen werden, nach dem Motto, je mehr es knall und spuckt, je mehr geht gefühlsmäßig ab.

Wir verstehen die Welt und die fühlenden Wesen um uns herum deshalb immernoch in Ansätzen, weil sie – wie wir auch – Teil der “Geistigen Welt” sind, deshalb können wir zu allem anderen um uns herum in Resonanz treten mit Hilfe unseres Wahrnehmungsorgans “Denken”. Wenn wir auf dem Schulungsweg unserer geistigen Wahrnehmungsfähigkeit voran schreiten, dann können wir natürlich auch in der geistigen Welt viele Ebenen und Bereich unterscheiden lernen, die geistige Welt wirkt auf die unterschiedlichsten Bereiche differenziert in ihrer Formverursachung ein.

In der Anthroposophie z.B. kennen wir viele verschiedene “Geistige Welten”, heute könnte man sagen, “Geistige Themenparks”, wie den Astralleib, den Ätherleib etc. alle diese Themenparks sind aber nicht getrennt von einander, sondern in ständiger Kommunikation miteinander begriffen, alle Bereiche der “Geistigen Welt” tragen alle anderen immer mit sich.

Wenn wir uns die “Geistige Welt” als eine riesige Wirkmatrix mit Ihren => Mensonen als der kleinstmöglichen Wirkmatrix vorstellen, dann trägt jedes Menson, jede Wirkmatrix immer holografisch das gesamte Bild in sich, je mehr von diesen Mensonen zusammenkommen, ein Effekt den Ruppert Sheldrake als “morphische Resonanz” bezeichnet, je deutlicher wird das Bild und je stärker wird das Wirkfeld.

Liebe und HarmonieKönnen wir uns ein Bild von der “Geistigen Welt” machen? Sicher nicht in dem wir die Betonphysiker dieser Welt befragen, von denen wir uns nicht so sehr durch unsere und ihre logischen Schlußsysteme unterscheiden, sondern durch die unterschiedlichen Prämissen. Aber wir können uns mit Menschen beschäftigen, die aus den unterschiedlichsten Gründen sich nicht von der Meinung der großen Mehrheit der Wissenschaftler abhängig machen müssen. Menschen wie Masaru Emoto z.B., der sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die geistige Beseeltheit von Wasser durch das Photographieren von gefroren Wasserkristallen sichtbar zu machen.

In diesen Kunstwerken haben wir es einerseits mit Materie, mit Wasserstoff und Sauerstoff, die schon seit Jahrmillionen eine stabile Verbindung im Verhältnis 1:2 miteinander eingegangen sind, zu tun, andererseits mit Strukturen und Verbindungen, in denen der Geist, die Gedanken und Gefühle, die jemand dem Wasser gegenüber geäußert hat, sichtbar werden.

DerGeist

Gerufen oder nicht gerufen, der Geist wird da sein, oder anders formuliert,
wäre das Unbedingte nicht das Unbedingte, dann hätte es niemals existiert.

Denken

Wenn wir von unserem Seh- oder Tastsinn sprechen, dann meinen wir damit nicht nur die Rezeptoren, die in unseren Augen oder Fingerspitzen sitzen, sondern mit dem Wort “Sinn” bezeichnen wir immer das gesamte Wahrnehmungssystem, daß uns z.B. vom Auge über die nachgelagerten Areale dazu verhilft, am Ende durch dieses System einen kompletten Baum zu sehen.

Ich neige der Ansicht zu, daß wir es beim “Denken” ebenso mit einem “Sinn”, mit einem Wahrnehmungssystem, einem Organ zu tun haben, daß sich dazu entwickelt hat, die verschiedenen geistigen Felder nicht nur wahrzunehmen, sondern ihnen auch zu einer kommunizierbaren Sprache zu verhelfen.

Ideen, Strukturen, Muster, logische Schlußfolgen, Systeme, etc. all diese Worte, und noch viele mehr, haben sich in der Menschheitsgeschichte immer wieder als Methaphern für diese geistigen Felder kulturgeschichtlich gebildet und weisen immer auf die formbildenden Verursachungssysteme hin, die alles in unserem Kosmos an Strukturen entwerfen und verursachen.

Das Wahrnehmungssystem “Denken” nimmt all diese geistigen Felder wahr und ist gleichzeitig auch ein Teil dieser Felder, wir können das geistige Gesamtfeld als eine Art unvorstellbar riesiges Clusterfeld verstehen, in dem das einzelne Gehirn ein Teil des Ganzen ist und gleichzeitig das Ganze ist und verrechnet.

Natürlich kann die Naturwissenschaft einstweilen das feinstoffliche Geistfeld noch nicht messen, das muß uns nicht stören, als Geisteswissenschaftler sind wir da immer der Zeit voraus, wir können schon Dinge in unserer radikalen Subjektivität benennen, lange bevor die Naturwissenschaft sich überhaupt ernsthaft einem Problem stellt. Durch unser Denken sind wir immer schon ein Teil des Ganzen und holografisch gesehen auch das ganze. Jedes denkende Teilsystem ist auch schon das Ganze, alles wiederholt sich immer wieder auf allen Ebenen.

Ohne unser Wahrnehmungssystem “Denken” hätten wir z.B. niemals Gesetzmäßigkeiten der Ähnlichkeiten und Selbstähnlichkeit in der fraktalen Geometrie entdecken bzw. wahrnehmen können, ohne das uns das Denken eine Vision, einen Weg vorgeben würde, wären wir als naturwissenschaftliche Geisteswissenschaftler verloren. Nur durch unser “Denken” als einem Wahrnehmungssystem der geistigen Welt sind wir immer schon Subjekt und Objekt zugleich und sehen niemals nur von außen auf die Objektwelt, durch unser “Denken” sehen wir sie auch immer zugleich von Innen.

Klaus Modicks Novelle „Moos“

Moos

Hier ist er wieder, der zentrale Gedanke:

„Ich habe mich ins Moos verliebt, und da ich spüre, wie diese Liebe erwidert wird, sehne ich den Moment herbei, ohne ihn künstlich beschleunigen zu wollen, da meine wachsende Fähigkeit, Metamorphosen einzugehen, übergehen wird in die reine, nicht mehr deutungsbedürftige Identität.“ (S.103)

„Stell dir vor, in der Botanik steht einer auf und sagt, man könne über die Flora des Ammerlands bessere Beobachtungen und Aufschlüsse gewinnen, wenn man statt eines Mikroskops irgendein verschwärmtes Naturgedicht über die Veilchen im Frühjahr oder was weiß ich heranzieht. (…) Mit traumwandlerischer Sicherheit hatte er eine Saite angerissen, die in mir seit Monaten in immer stärkere Schwingungen geraten war.“ (S.79f)

„Das Leben braucht ständig Rückgriffe, verweigert sich aber dem Rückschritt, auch wenn es ihn häufig simuliert. Sowenig die Regression des Mooses ein wirklicher Rückschritt ist, sowenig wird der Greis, der kindisch denkt, wieder zum Kind, sowenig wird der Wissenschaftler, über dessen Denken Bilder wachsen, zum Maler oder, wenn seine Begriffe von einer Art Poesie angegriffen werden, zum Dichter.
So reflektiert das Moos uralte Tendenzen seiner Vorfahren. Aber wirkliche Regressionen sind der Evolution unbekannt; die Regression des Mooses ist eine simulierte, die sein Überleben gesichert hat.“ (S.90)

„Ich kam nach hier. Nun bin ich im hier. Jetzt und immer. Wenn ich mit dem Moos in die letzte Landschaft geschwommen sein werde, an den Ort der bewegten Ruhe, dann wird der See auch wieder See sein, der Wald wieder Wald, das Moos einfach Moos. Und sonst gar nichts. Ich werde Wald sein, See sein, Moos.“ (S. 119)

„Unter dem grauenhaften Terminus >Leucobryum glaucum< wird die Schönheit des Weißmooses, der Ordenskissen, unter wissenschaftlicher Kontrolle gehalten. (…) Die Vernichtung des Namens durch den Begriff, des lebendigen Ausdrucks durch den Terminus, hat die Entfremdung des Menschen von der ihn umgebenden Natur beschleunigt und besiegelt.“ (S. 122 + 35f.)

Ich danke dem dreiundsiebzigjährigen Botanikprofessor Lukas Ohlburg!

Die 3 Lebenskarten nach Paul Foster Case

Da wir bei der geistigen Welt, dem 5. Feld, von der Hypothese eines speichernden und formbildenen Informationsfeld ausgehen müssen, haben Eingeweihte, also Menschen, die einen unmittelbaren Zugang zu diesem Informationsfeld, zu dieser geistigen Welt immer schon hatten und in diesem Informationsfeld wie in einem Buch lesen können, schon seit Jahrhunderten (wenn nicht Jahrtausenden) immer wieder versucht “bildgebende Verfahren” für diese geistige Welt zu entwickeln, um andere Menschen an ihren Erfahrungen und Erkenntnisse, die sie beim Lesen in der geistigen Welt machen, teilhaben zu lassen.

Unter den bildgebenden Verfahren der letzten 2500 Jahre sind vor allem das I GING und das Tarot hervorzuheben, für beide Entsprechungssysteme gilt ganz besonders der Grundsatz:

Wie oben so unten
wie innen so außen

Im Unterschied zum I GING, das mehr die formbildende Matrix der geistigen Welt betont, ist das Tarot deshalb so besonders effektiv als bildgebendes Verfahren der geistigen Welt, weil hier entwicklungsgeschichtlich besonders tiefe und wirkungsmächtige Gestalt-Welten des Menschen angesprochen werden. Die 22 Karten der Großen Arkana sind archetypische Bebilderungen grundlegender Informationsfelder, die sich immer wieder gegenseitig durchdringen, in Resonanzen zu einander treten und gegenseitig modulieren.

Aus diesem Grund ist auch das Entsprechungssystem des Rosenkreutzers Paul Foster Case besonders bedeutend, da mit diesem System jeder – auch der Nichteingeweihte – die 3 für sein Leben besonders wichtigen Themenwelten ermitteln und mit ihnen arbeiten kann. Ob wir wollen oder nicht, ob wir es glauben oder nicht, diese 3 Lebenskarten begleiten als Symbole unseren Lebenszyklus von unserer Geburt bis zu unserem Tod, erst bei der nächsten Inkarnation werden die Karten sozusagen neu gemischt.

Die 3 Lebenskarten zu ermitteln ist sehr einfach, sie auszudeuten bedarf eines ganzen Lebens:

1. Themenwelt: Hier versuchen wir zunächst die Karte zu ermitteln, die das größte Problem, positiv formuliert die größte Herausforderung in unserem Leben darstellt.

Dazu müssen wir unser Sternzeichen und unseren Aszendenten wissen. Dann sehen wir in der Entsprechungstabelle von Paul Foster Case (siehe am Ende des Posts) nach. Dadurch ermitteln wir zwei Zahlen, die wir miteinander addieren, z.B. wenn unser Sternbild Stier ist, also die Zahl 3 und unser Aszendent Krebs, also die Zahl 18, dann rechnen wir 3 + 18 = 21, wieder schauen wir in die Tabelle und erhalten die Tarotkarte 21 – also die Karte “Welt”. Dies ist also die Karte, die das Wirkfeld, das unser Leben zentral bestimmt, bebildert.

Die Herleitung der Karte und die Bilderwelt der Karte selbst kann man als das “bildgebende Verfahren” bezeichnen, das das Wirkfeld, unter dem unser Leben steht und es auch bedrängt, am besten zum Ausdruck bringt.

Sollte übrigens die Summe einmal größer als 21 sein, so finden wir die Karte, indem wir die Quersumme bilden. Beispiel: Ist die Summe 27, dann ist die Quersumme 9, also ist in diesem Beispiel die erste Lebenskarte der “Eremit”, da diese Karte den Zahlenwert 9 hat.

2. Themenwelt: Nachdem wir die Karte, die unsere größte Lebensherausforderung symbolisiert, ermittelt haben, benötigen wir nun die Karte, die uns am meisten hilft bei der Bewältigung unserer Lebensaufgabe, die sozusagen das Wirkfeld symbolisiert, das uns bei dem Umgang mit unserer größten Lebensaufgabe am meisten hilft.

Dazu müssen wir nur die kleine Zahl von der großen Zahl abziehen, also wenn wir wieder das obere Beispiel nehmen, dann müssen wir die  3 von der 18 abziehen und erhalten die Zahl 15, damit haben wir die Karte, die uns bei unserem größten Lebensproblem am meisten hilft, in unserem Beispiel ist es die Karte “Teufel”

3. Themenwelt: Wie es im Leben immer ist, wir benötigen noch weitergehende Hilfestellungen, einmal natürlich, um überhaupt zu einem richtigen Verständnis unserer Lebensprobleme und -aufgaben zu gelangen und dann natürlich, um unsere Aufgaben zu lösen. Deshalb kann man die 3. Lebenskarte auch die Karte der umfassenden Hilfe nennen, die uns die Richtung weißt, in der wir suchen und in die wir aufbrechen sollten.

Diese Karte erhalten wir, indem wir die Differenz der Zahlenwerte der beiden ersten Karten bilden, also in unserem Beispiel ist es die Differenz der Karte “Welt” (Wert 21) und der Karte “Teufel” (Wert 15). Die Differenz zwischen 21 und 15 ist die Zahl 6, also ist in unserem Beispiel die 3. Lebenskarte die “Liebenden”.

In unserem Beispiel erhalten wir also folgende 3 Lebenskarten: “Welt”, “Teufel”, “Liebenden”.

Jetzt sind wir in der Lage anhanden der sehr umfangreichen Kommentarliteratur zum Tarot unsere 3 Lebenskarten und damit die Wirkfelder in unserem Leben auszudeuten, so daß wir versuchen können, in der Auseinandersetzung mit den Ergebnissen dieses bildgebenden Verfahren in unsere Mitte zu gelangen.

Hier nun die Entsprechungstabelle nach Paul Foster Case mit den Karten der Großen Arkana
(mit dem angepaßten (siehe die getauschte Nr. 8 und 11) Deck “Universal Waite”)

Der Stechmersheimer Altar

Gekreuzigt seist Du Maria

Der Stechmersheimer Flügelaltar von 1835 gilt in Kunstkreisen als früher und gelungener Versuch die Scheinheiligkeit der bürgerlich, christlichen Ideologien im Kunstwerk zu entlarven.

Bereits als der Altar 1835 in der Kapelle “Maria hilf” in Stechmersheim feierlich aufgestellt und enthüllt wurde, kam es zu massiven Protesten und erheblichen Handgreiflichkeiten zwischen Gegnern und Befürwortern des Altars. Der Künstler wurde aus der Stadt verjagt und seine Initialen auf dem zentralen Altarbild entfernt. Seitdem gilt der Künstler des Bildes als unbekannt.

In der Regel wird der Altar nicht geöffnet – nur die Susannenbruderschaft kommt mehrmals im Jahr in der Kapelle zusammen, um in einem festgelegten Ritual der Kreuzigung Maria Magdalenas zu gedenken. Der Sage nach soll ja Maria Magdalene die angetraute Ehefrau von Jesus von Nazareth gewesen sein und sich nach seinem Tod zu Schiff nach Südfrankreich abgesetzt haben. Dort habe sie zunächst in Ruhe gelebt und Ihren Sohn geboren, schließlich sei sie dann aber von zwei übereifrigen Aposteln, die Ihre frühere Nähe zum Herrn und ihre immerwährend verlockende Schönheit im Beisein des Herrn nicht ertragen konnten, aufgespürt worden und als Verbrecherin denunziert worden. Zuletzt sei sie dann in einem kleinen Ort in den Bergen zwischen Frankreich und Italien gekreuzigt worden. Von Ihrem Sohn, den Sie noch unter dem Herzen trug, als ihr Ehemann aus Gier, Haß und Verblendung heraus ermordet wurde, fehlt allerdings seit damals jede Spur.

Gekreuzigt seist Du Maria-geschlossenDie Susannenbruderschaft hat sich bereits im 19. Jahrhundert aus der Einsicht in die heuchlerische Doppelmoral des erstarkenden Bürgertums gegründet.  Ihr zentrales symbolisches Kunstwerk ist jenes berühmte Bild von Albrecht Altdorfer “Susanna und die beiden Alten”, das er 1526 gemalt hat. Von hierher wird die Legende verständlich, daß der Altar von dieser Bruderschaft beauftragt und bezahlt wurde, da sowohl die Außenseiten, wie die beiden Innenseiten der Flügel mit Szenen bemalt sind, die stark an das Bild von Albrecht Altdorfer erinnern.Die Geschichte der Susanna im Bade aus dem Buch Daniel ist ein fester Topos in der Kunstgeschichte und läßt sich mit dem zentralen Satz der Susannenbruderschaft am besten umreißen: “Da regte sich in ihnen die Begierde nach ihr. Ihre Gedanken gerieten auf Abwege und ihre Augen gingen in die Irre.” (Dan 13,9)

Beinahe 100 Jahre vor Freud thematisiert der Altar in hervorragender Weise das zentrale Problem patriarchalisch organisierter Gesellschaften, in denen die Triebfedern unterschiedlichster oft menschenverachtender Aktivitäten der Haß gegenüber der eigenen aber auch gleichzeitig die Gier nach der eigenen Trieberfüllung ist, die symbolische Kreuzigung dieses archetypischen Urtriebs letztlich aber auch nicht weiterhilft. Das hohe Maß der Verachtung von Frauen durch Männer auf diesem Planeten erklärt sich eindeutig aus dem beinahe hilflosen Ausgeliefertsein des Mannes gegenüber seiner Triebstruktur. Kein Bild könnte den alten Klassiker von Herbert Marcus “Triebstruktur und Gesellschaft” besser bebildern als dieser Altar und das 150 Jahre vor der kritischen Theorie. Insofern paßt der Altar aber auch nirgendwo besser hin, als in eine kleine Kapelle, die vor der Reformation katholisch war und nach der Reformation evangelisch wurde…

Leonardo da Vinci

Leonardo da Vinci

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Die Zeichnung des sitzenden Alten, von Leonardos etwa 1510 gezeichnet und heute in der Royal Collection in Windsor unter der Inventarnummer RL 12579r zu finden, war für mich immer das Portrait Leonardos schlechthin. Auch wenn es kein wirkliches Selbstportrait Leonardos ist, erfüllt es für mich diese Funktion.

Kaum ein Genie der Kunstgeschichte war so umfassend begabt, wie Leonardo da Vinci. Das kontemplative Schauen und intensive Nachdenken, das diese Zeichnung so fantastisch zum Ausdruck bringt, erklärt viel über das künstlerisch Schaffen Leonardos, das gleichzeitig ein naturwissen-schaftlichen Beobachten und Reflektieren war. Was es für mich aber auch so beeindruckend macht ist dieser unglaublich weite und konzentrierte Blick. Kaum jemand war seiner Zeit so weit voraus, wie Leonardo da Vinci.

Leonardo war mit dem Mathematiker Luca Pacioli aus Borgo San Sepolcro befreudet und illustrierte dessen Werk über den Goldenen Schnitt “De divina proportione” („Über das göttliche Verhältnis“). Dieses Werk hat dann wiederum Albrecht Dürer in seinen Proportionsstudien stark beeinflußte. Es ist wirklich erstaunlich wie in dieser dichten Geschichtsphase des 15. und 16. Jahrhunderts die Kunst und die Naturwissenschaft sich gegenseitig so wunderbar befruchtet haben. Erkenntnis und Imagination waren noch nicht von einander geschieden.

Ist es nicht erstaunlich, das Raffael bei seinem Fresco “Der Schule von Athen” Platon und nicht Aristoteles das Aussehen Leonardo da Vincis verliehen hat? Was können wir daraus für Schlüsse ziehen?

Platon

Ohne groß nachzudenken, würden wir eher eine intellektuelle Verbindung zwischen Leonardo und Aristoteles annehmen, als zwischen Leonardo und Platon.

Warum ist das so? Weil wir Aristoteles mit dem zupackenden, großen naturwissenschaftlichen Denker gleichsetzen, der auch Leonardo war, der nicht nur die Idee vom Fliegen hatte, sondern auch Fluggeräte konstruierte, der nicht nur metaphysisch über den Menschen nachdenken wollte, sondern ihn auch in hunderten von Leichensezierungen physisch ergründen wollte.

Das Fenster nach Schwarzbach

SchwarzbachFensterStifter.

Jeder, vor allem aber jeder Künstler, hat noch aus seiner Kindheit dies Fenster nach Schwarzbach im Rucksack, dies kleine Fenster zur Welt, den imaginären Aussichtspunkte, von dem aus man die Welt betrachtet, an dem einem aber auch die Welt begegnet und betrachtet und in der Kindheit zum ersten und wiederholten Male . . .

Wenn ich an Schwarzenberg, die imaginäre aber auch die wahre Heimat Angelika Kauffmanns, denke, dann denke ich auch an Schwarzbach am Böhmerwald, im Dreiländereck, gleich um die Ecke von Oberplan und dann fällt mir immer auch zugleich der alte Adalbert Stifter ein, der noch ein Jahr vor seinem Tod von Linz aus seine Heimat im Böhmerwald besuchte und dann den wunderbaren kleinen Text verfaßte: “Mein Leben”.

Hier können wir zum Ende hin lesen: “Noch ein anderes Ding der Stube war mir äußerst anmutig und schwebte lieblich und fast leuchtend in meiner Erinnerung. Es war das erste Fenster an der Eingangstür. Die Fenster der Stube hatten sehr breite Fensterbretter, und auf dem Brette dieses Fensters saß ich sehr oft und fühlte den Sonnenschein, und daher mag das Leuchtende der Erinnerung rühren. Auf diesem Fensterbrette war es auch allein, wenn ich zu lesen anhob. Ich nahm ein Buch, machte es auf, hielt es vor mich und las: »Burgen, Nagelein, böhmisch Haidel.« Diese Worte las ich jedesmal, ich weiß es; ob zuweilen noch andere dabei waren, dessen erinnere ich mich nicht mehr. Auf diesem Fensterbrette sah ich auch, was draußen vorging, und ich sagte sehr oft: »Da geht ein Mann nach Schwarzbach, da fährt ein Mann nach Schwarzbach, da geht ein Weib nach Schwarzbach, da geht ein Hund nach Schwarzbach, da geht eine Gans nach Schwarzbach.« Auf diesem Fensterbrette legte ich auch Kienspäne ihrer Länge nach aneinander hin, verband sie wohl auch durch Querspäne und sagte: »Ich mache Schwarzbach!« In meiner Erinnerung ist lauter Sommer, den ich durch das Fenster sah, von einem Winter ist von damals gar nichts in meiner Einbildungskraft.”

Hier kann man auch den ganzen Text noch lesen >>>

Schwarzbach oder Schwarzenberg, Böhmerwald oder Bregenzerwald, es sind dies die Ort, an denen die Einbildungskraft ihre Heimat hat, die aus der Kindheit ein ganzes Leben lang herüberscheinen, es ist der Topos, das Fenster auf dessen Fensterbank jeder Künstler sein ganzes Leben sitzt und sinnt. Es ist dies – wie in Stifters Novelle “Der Waldgänger”, die ideale Erinnerungstopografie des wiedererinnerten, vergangenen Lebens. Jeder Kreative hat dies Fenster, durch das er auf die Welt und sein Leben blickt, um dies alles, was ihm durch das Fenster entgegen kommt und kam, künstlerisch zu verarbeiten. Und ganz ehrlich, es hat für das, was später der Nachwelt als Kunstwerke hinterlassen wird, eine nicht unerhebliche Bedeutung, ob die Fensterbretter in den Kindheiten der Künstler groß genug und gemütlich genug ware, um die Welt von dort aus zu betrachten …

Der alte Bock

Der alte Bock

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Männer – oder sollte ich besser, weil vielleicht ehrlicher,
sagen, wir Männer, sind doch nichts als Fleisch, das bald
stinkt, ein Schiffchen, das bald sinkt . . .

Unter einer hauch-dünnen Schicht
von Zivilisation, Anstand und Kulturgeschichte
sind wir nichts als stinkende, eitle Böcke,
die allzeit auf Brautschau sind,
immer zum Angriff bereit, um das nächste Opfer
für unseren Altar der Triebe zu finden.

Ist unsere Suche vergebens, dann machen wir
auf Sublimation durch Kulturarbeit, nehmen uns
darin furchtbar wichtig, dann sind wir jene
„Nestbeschmutzer“, die keine Sekunde
zögern, uns selbst zu verleugnen.

Abraham-a-Sancta-Clara

 

Und am Ende des Abends steigt Abraham a Sancta Clara
auf seine Harley VRSCDX Night Rod,  braust in die dunkle Nacht davon und überläßt uns unserer eigenen Hinrichtung . . .

Abendland

Schinkel

Späte Zeit, Dämmerung, Stunde, die Hoffnung, Trauer
und Asche trägt.
Atemholen, einsam sein.
Herbst der Gedanken und letzte Zuflucht für mich.
Abendland, Abendland.

ich achte und verachte dich,
Abendland

Abendland, nicht meine Müdigkeit, sondern die
Sehnsucht nach Träumen läßt mich Schlafsuchen, die
bestürzende Möglichkeit der Verwandlungen meiner
Figur in andere Figuren und Schauplätze: in den von der
Vogelweide, Cervantess, Appollinaire und James Joyce;
Kinderkreuzzüge, Scheiterhaufen, Guillotinen, Kolonien
der Ehrlosigkeit, in Hurenböcke auf Heiligem Stuhl,
Expeditionen an den Saum des Bewußtseins, Bankrott
der guten Vorsätze, Kongresse der zynischen Lachmeister
Marc Aurels „Astronomie der Besinnung“, die Sturmtaufen
Vasco da Gamas, Leonardos Spiegelschrift,
Gaudis Anarchie der Gebäude, in Pablo Ruiz Picasso,
der die Wünsche beim Schwanz packte; den Aufstand
im Warschauer Ghetto, die großen Progrome Armeniens
und Spaniens,
Parsival, Hamlet, Woyzeck, Raskolnikow, die Blumen
des Bösen, de Sade, Hanswurst und den Mann ohne
Eigenschaften,

Abendland, Abendland,
wir sind aus dir geboren,
wir fahren auf deinem Narrenschiff dem Abschied
entgegen.

Die Frau, bei der ich Kind war, lehrte mich beten.
Worte, die älter waren als die Haut an ihrem Hals.
Worte der Demut und Anmaßung.
Jetzt, mit meiner Angst, die schon von jeher so zum
Lachen war, will ich diese Worte sprechen, wie damals
vor vielen, vielen Jahren, als ich das erste Mal begriff,
daß wir nicht an der Fähigkeit zu sterben, sondern an der
Unfähigkeit zu leben zugrundegehen:
Herr gib, daß ich Liebe gebe, wo Haß ist,
daß ich verzeihe, wo Schuld ist,
vereine, wo Zwietracht herrscht,

nicht um getröstet zu werden, sondern um zu trösten,
nicht um verstanden zu werden, sondern um zu verstehen,
nicht um geliebt zu werden, sondern um zu lieben.
Nur dies ist wichtig.
Denn, da wir geben, empfangen wir,
da wir uns selbst vergessen, finden wir,
da wir verzeihen, erhalten wir Vergebung,
da wir sterben, ehen wir in das neue Leben.

Späte Zeit, Dämmerung, Stunde, die Hoffnung, Trauer
und Asche trägt.
Atemholen, einsam sein.
Herbst der Gedanken und letzte Zuflucht für mich.
Abendland, Abendland,
ich achte und verachte dich,
Abendland.

André Heller / 1975

Das Märchen von den 10 Zwergen
und den 100 Goldbarren

MärchenEs waren einmal 10 Zwerge, die lebten in einem wunderschönen Land ganz friedlich und in Harmonie mit der Natur zusammen.

Alle 10 Zwerge genossen gemeinsam die wunderschöne Natur und die guten Lebensbedingungen, die es in diesem Land gab.

Irgendwann einmal  überkam die Zwerge jedoch das Gefühl, daß ihnen doch etwas fehlen würde in diesem kleinen Paradies und ohne daß sie es recht erklären konnten, entwickelte sich allmählich in ihrem Inneren ein Gefühl der Unzufriedenheit, das einher ging mit einer wachsenden Gier nach Mehr – von dem sie noch nicht sagen konnten, was das seien könnte – und dem Wunsch nach Macht, die sie über die anderen ausüben wollten.

Dieses schleichende Gift wirkte immer stärker und stärker und es zerfraß allmählich das Gemeinschaftsgefühl bis nichts mehr davon übrig war.

Plötzlich ging es nicht mehr um das Wohl der Gemeinschaft und ein friedliches gemeinsames Wirtschaften in diesem wunderschönen Land, sondern um das Anhäufen von Besitz und das Ausübung von Macht. In diesem Kampf um die Vorherrschaft und den größten Besitz schreckten die Zwerge vor nichts mehr zurück, der Zweck, MEHR als alle anderen zu haben, heiligte jedes Mittel.

In diesem zähen und gewaltigen Konkurrenzkampf erwirtschafteten die 10 Zwerge ein Vermögen von 100 Goldbarren. Nun waren die 100 Goldbarren natürlich unter den 10 Zwergen nicht gleichmässig verteilt: 5 Zwerge besaßen 1 Goldbarren, 4 Zwerge besaßen 29 Goldbarren und 1 Zwerg besaß 70 Goldbarren.

Eine ganze Zeit lang hofften die 4 Zwerge, die die 29 Goldbarren besaßen, daß Sie bei genügend Fleiß und Kreativität dem 1 Zwerg mit den 70 Goldbarren den ein der anderen Barren wieder abjagen könnten, doch mit Bestürzung stellten sie fest, daß Ihre 29 Goldbarren immer wieder abzunehmen drohten und die 70 Goldbarren immer mehr zuzunehmen schienen, die 5 Zwerge, die nur einen Goldbarren besaßen, hatten alle Hände voll damit zu tun, ihr Leben zu erhalten, sodaß sie gar keine Zeit hatten, sich um die Verteilung der Goldbarren zu kümmern, sie merkten nur, daß ab und zu plötzlich ein Zwerg in Ihr Lager wechselte und plötzlich 6 Zwerge sich einen Goldbarren teilen sollten.

Das Gemeinwohl und die allgemeinen Lebensbedingungen und die Natur waren irgendwann so weit zerstört, daß die 9 Zwerge sich überlegten, was für eine bessere Zukunft getan werden könnte, denn irgendetwas mußte geschehen, weil sie sonst alle 10 untergehen würden, da kamen Sie auf die Idee, vor das Haus des 1 Zwergs mit den 70 Goldbarren zu ziehen, um zunächst mit guten Argumenten den 1 Zwerg davon zu überzeugen, daß er doch von seinen 70 Goldbarren 2 für das Gemeinwohl abgeben könnte, dann würden ihm doch immernoch 68 Goldbarren bleiben und mit den 2 Goldbarren könnte man viel für eine bessere Zukunft tun und Fehler der Vergangenheit wieder gut machen.

Aber das Gehirn des 1 Zwergs war durch die Jahre der ständig wachsenden Gier und des uneingeschränkten Machtstrebens so zerfressen, daß er nicht mehr in der Lage war, für die guten Argumente der anderen 9 Zwerge sich zu öffnen. Stattdessen suchte er sein Heil in völliger Ignoranz und Harthörigkeit gegenüber allen guten Argumenten.

Diese Sturheit und Uneinsichtigkeit ärgerte die 9 Zwerge sehr und sie beschlossen, um das Haus des 1 Zwergs mit den 70 Goldbarren eine hohe Mauer zu bauen und alle Straßen, die zu seinem Haus führten, abzureißen, auch über seinem Haus brachten sie eine Glasglocke an, so daß der Zwerg sein Haus mit den 70 Goldbarren nicht mehr verlassen konnte. Jetzt wollten sie versuchen, mit dem ihnen verbliebenen Vermögen selbst die Sache in die Hand zu nehmen und die notwendigen Änderungen für eine bessere Zukunft selbst durchzuführen, dabei merkten sie aber, daß sie zwar die Straßen und Gebäude de facto nun besaßen, das know how der letzten Jahrhunderte aber in den Magazinen des 1 Zwergs lagerte und sie einfach nicht genug Zeit besaßen, um ohne die Mittel – die 70 Goldbarren des 1 Zwergs – alles noch einmal zu entwickeln. Außerdem hatten sie ja selbst durch die Mauer und die Glasglocke, die sie um das Grundstück des 1 Zwergs angebracht hatten, sich den Zugang zu den Magazinen des 1 Zwergs verstellt.

Während dieser ungeheuren Anstrengungen der 9 Zwerge saß der 1 Zwerg nun auf seinem eingemauerten Grundstück und hatte das Gefühl herrlich und in Freuden leben zu können, es macht ihm zunächst wirklich nicht viel aus, keinen Kontakt mehr mit den anderen 9 Zwergen zu haben. Beizeiten hatte er außerdem im Keller seines Hauses große Vorratsspeicher angelegt, so daß er viele Jahre weiter im Luxus leben konnte, also warum sich Sorgen machen.

Viele Jahre hatte er von den 9 Zwergen nichts mehr gehört und gesehen und irgendwann gingen auch seine Vorratsspeicher dem Ende zu, zumal der Zwerg mit seinen Vorräten nicht umsichtig gewirtschaftet hatte, sondern nach Lust und Laune alles, was er an Vorräten besaß, verpraßte. Als nun die Vorratsspeicher leer wurden, begann er zu überlegen, was zu tun wäre, da kamen ihm wieder die guten Argumente der 9 anderen Zwerge in den Sinn und er versuchte mit diesen doch mal wieder Kontakt aufzunehmen.

Er versuchte durch die Glasglocke, die über seinem Haus angebracht war, etwas zu erkennen, aber es waren weder Natur noch Menschen außerhalb der Glasglocke auszumachen, alles schien in grauen Nebel getaucht, schließlich sammelte er alle seine Kräfte und seinen Mut und begann mit völlig ungeeigneten Werkzeugen, die er irgendwo im Haus gefunden hatte, in Zimmern, die er noch nie zuvor wahrgenommen hatte, ein Loch in die dicke Mauer, die sein Haus umgab, zu schlagen.

Als es ihm endlich nach Jahren und hunderten von Stunden harter Arbeit gelungen war, ein kleines Loch in die Mauer zu schlagen, fiel sein erster Blick auf einen Haufen von 30 Goldbarren. Ohne einen einzigen Gedanken an die merkwürdigen Umstände, die zu diesem seltsamen Fund geführt haben mochten, zu verschwenden, begann er sofort damit, das Loch in der Mauer soweit zu vergrößeren, daß er die Goldbarren mit der Hand erreichen konnte, um sie alle schnell auf sein Grundstück holen zu können.

Als er den letzten Goldbarren in der Hand hielt, stellte er plötzlich fest, daß seine Kräfte während dieser Rettungsaktion der Goldbarren massiv nachgelassen hatten, auch mußte er sich das Hemd und den Kragen aufreißen, da er merkte, daß er keine Luft mehr bekam.

In seinem nun beginnenden, verzweifelten Todeskampf, den letzten Goldbarren immer noch fest umklammert, stellte er plötzlich fest, während seine Sehkraft durch die beissenden Dämpfe, die ihn plötzlich umgaben, immer mehr nachließ, daß es außerhalb seiner Mauer gar keine blühenden Landschaften, wie er sie aus seiner Kindheit noch erinnerte, mehr gab, sondern nur noch eine unwirtliche Wüste ohne jeglich Natur, auch Menschen konnte er nicht mehr ausmachen.

Luft schien es keine mehr zu geben, die beissenden Dämpfe füllten allmählich seine Lunge. Kraft um die Mauer wieder zu schließen, besaß er auch keine mehr. Kurz bevor er seinen letzten Atemzug tat, kam ihm plötzlich ein verrückter Gedanke in den Sinn: Er fragte sich, ob er vielleicht doch mit den 9 Zwergen damals hätte verhandeln sollen, vielleicht wären sie ja auch mit einem einzigen seiner 70 Goldbarren zufrieden gewesen …

Ich gehe davon aus, daß die Schriften und Vorträge Christian Felbers Anselm Dahl zu diesem Märchen inspiriert haben, da die Vermögensverteilung in diesem Märchen prozentual etwa der Wirklichkeit entspricht, auf die Christian Felber in seinen Schriften – wie übrigens einige andere, wie Jean Ziegler, auch –  immer wieder aufmerksam machen. Darüber hinaus haben in den letzten Jahren einige seriöse Umfragen gezeigt, daß sich in Deutschland und Österreich etwa 9 von 10 Befragten eine andere Wirtschaftsordnung wünschen!

HERMANN HESSE – ORGELSPIEL

Seufzend durchs Gewölbe zieht, und wieder dröhnend,
Orgelspiel. Andächtige Gläubige hören,
Wie vielstimmig in verschlungenen Chören,
Sehnsucht, Trauer, Engelsfreude tönend,
Sich Musik aufbaut zu geistigen Räumen,
Sich verloren wiegt in seligen Träumen,
Firmamente baut aus tönenden Sternen,
Deren goldene Kugeln sich umkreisen,
Sich umwerben, nähern und entfernen,
Immer weiter schwingend sonnwärts reisen,
Bis es scheint, es sei die Welt durchlichtet,
Ein Kristall, in dessen klaren Netzen
Hundertfach nach reinlichsten Gesetzen
Gottes lichter Geist sich selber dichtet.

Dass aus Blättern voll von Notenzeichen
Solche weitgeschwungenen, geistdurchsonnten,
Solche Welt- und Sternenchöre werden konnten,
Dass ein Orgelpfeifenchor sie in sich banne,
Ist es nicht ein Wunder ohnegleichen?
Dass ein Musikant am Manuale
Sie mit Eines Menschen Kraft umspanne?
Dass ein Volk von Hörern sie verstehe,
Mit erschwinge, töne, mit erstrahle,
Mit hinauf ins tönende Weltall wehe?
Arbeit war’s und Ernte langer Zeiten,
Zehn Geschlechter mussten daran bauen,
Hundert Meister fromm es zubereiten,
Viele tausend Schüler sie begleiten.

Und nun spielt der Organist, es lauschen
Im Gewölb die Seelen hingegangener
Frommer Meister, mit vom Bau umfangener,
Den sie gründen halfen und errichten.
Denn derselbe Geist, der in den Fugen
Und Toccaten atmet, hat einst die besessen,
Die des Münsters Maße ausgemessen,
Heiligenfiguren aus den Steinen schlugen.
Und noch vor den Bau- und Steinmetz-Zeiten
Lebten, dachten, litten viele Fromme,
Halfen Volk und Tempel zubereiten,
Dass der Geist herab auf Erden komme.
Wille von Jahrhunderten gestaltet
In der klaren Töneströme Rauschen
Sich, im Bau der Fugen und Sequenzen,
Wo der schöpferische Geist der Grenzen
Zwischen Tun und Leiden, zwischen Leib und Seele waltet.
In den geistbeherrschten Takten dichten
Tausend Menschenträume sich zu Ende,
Träume, deren keiner je auf Erden
Sich erfüllen darf, doch deren dringliche Einheit
Stufe war, daraus das Menschenwesen
Sich enthob aus Notdurft und Gemeinheit
Nahe bis zum Göttlichen, bis zum Genesen.
Auf dem Zauberpfad der Notenzeichen,
Dem Geäst der Schlüssel, Signaturen,
Auf dem Tastwerk, das die Füß‘ und Hände
Eines Organisten bändigen, entweichen
Gottwärts, geistwärts alle höchsten Strebungen,
Strahlen, was an Leid sie je erfuhren,
Aus im Ton. In wohlgezählten Bebungen
Löst der Drang sich, steigt die Himmelsleiter,
Menschheit bricht die Not, wird Geist, wird heiter.
Denn zur Sonne zielen alle Erden,
Und des Dunkels Traum ist: Licht zu werden.

Spielend sitzt der Organist, die Hörer
Folgen willig, in befreiter Rührung,
Der Gesetze englisch sichrer Führung,
Schwingen glühend, heilige Verschwörer,
Mit empor, zum Tempel sich erbauend,
Mit dem Blick der Ehrfurcht Gott erschauend,
Am Dreieinigen kinderhaft beteiligt.
So befreit im Klang, so eint und heiligt
Sich im Sakramente die Gemeinde,
Die entkörperte, dem Gott vereinte.
Das Vollkommene aber ist hienieden
Ohne Dauer, Krieg wohnt jedem Frieden
Heimlich inne, und Verfall dem Schönen.
Orgel tönt, Gewölbe hallt, es treten
Neue Gäste ein, verlockt vom Tönen,
Eine Frist zu rasten und zu beten.
Doch indes die alten Klanggebäude
Weiter aus dem Pfeifenwalde streben,
Voll von Frömmigkeit, von Geist, von Freude,
Hat sich draußen dies und das begeben,
Was die Welt verändert und die Seelen.
Andre Menschen sind es, die jetzt kommen,
Eine andre Jugend wächst, ihr sind die frommen
Und verschlungenen Stimmen dieser Weisen
Nur noch halb vertraut, ihr klingt veraltet
Und verschnörkelt, was noch eben heilig
War und schön, in ihrer Seele waltet
Neuer Trieb, sie mag sich nicht mehr quälen
Mit den strengen Regeln dieser greisen
Musikanten, ihr Geschlecht ist eilig,
Krieg ist in der Welt, und Hunger wütet.
Kurz verweilen diese neuen Gäste
Hier beim Orgelklang, zu wohlbehütet
Finden sie, zu priesterlich-gemessen
Die Musik, so schön und tief sie sei, sie wollen
Andre Klänge, feiern andre Feste,
Fühlen auch in halb verschämter Ahnung
Dieser reich gebauten, hoheitsvollen
Orgelchöre unwillkommene Mahnung,
Die so viel verlangt. Kurz ist das Leben
Und es ist nicht Zeit, sich hinzugeben
So geduldig komplizierten Spielen.
Übrig bleibt im Dome von den vielen,
Die hier zugehört und mitgelebt, fast keiner.
Immer wieder einer geht von hinnen,
Geht gebückt, ward älter, müde, kleiner,
Spricht vom jungen Volk wie von Verrätern,
Schweigt enttäuscht und legt sich zu den Vätern.
Und die Jungen, die den Dom betreten,
Fühlen Heiliges zwar, doch weder Beten
Noch Toccatenhören ist mehr Sitte,
Und der Tempel bleibt, der Kern und Mitte
Einst der Stadt gewesen, fast verlassen,
Ragt urweltlich aus geschäftigen Gassen.

Aber immer noch durch seines Baues Rippen
Atmet die Musik in himmlischem Flüstern.
Träumend und ein Lächeln auf den Lippen
Über immer zarteren Registern
Sitzt der greise Musikant, versponnen
In das Rankenwerk der Stimmengänge,
In des Fugenbaus gestufte Pfade.
Immer zarteres Filigrangestänge
Flicht sein Spiel, mit immer dünnerem Faden
Kreuzen sich die kühnen Ornamente
Im phantastisch luftigen Tongewebe,
Immer inniger und süßer werben
Um einander die bewegten Stimmen,
Scheinen Himmelsleitern zu erklimmen,
Halten oben sich in seliger Schwebe,
Um wie Abendrosenwolken hinzusterben.

Nicht bekümmert ihn, dass die Gemeinde,
Schüler, Meister, Gläubige und Freunde
Sich verloren haben, dass die eiligen Jungen
Die Gesetze nicht mehr kennen, der Figuren
Bau und Sinn kaum noch erfühlen mögen,
Dass die Töne nicht Erinnerungen
Mehr des Paradieses ihnen sind und Gottesspuren,
Dass nicht zehn, nicht einer mehr imstande,
Dieser Tongewölbe heilige Bögen
Nachzubaun im Geist und diesem Weben
Alterworbener Mysterien Sinn zu geben.
Und so fiebert rings in Stadt und Lande
Junges Leben seine stürmischen Bahnen,
Doch im Tempel, einsam im Gestühle,
Waltet fort der geisterhafte Alte,
(Sage halb, halb Spottfigur der Jungen),
Spinnt geheiligte Erinnerungen,
Füllt mit göttlichem Sinn die Ornamente,
Rückt Register immer leiseren Klanges,
Stuft den Fugenschritt zum Sakramente,
Das nur seine Ohren noch erlauschen,
Während andre nichts mehr als das Flüstern
Der Vergangenheit spüren und das leise Rauschen
Brüchiger Vorhangfalten, die im düstern
Steingeklüft der Pfeiler müd sich bauschen.

Niemand weiß, ob noch der alte Meister
Drinnen spiele, ob die zarten, leisen
Tongeflechte, die im Raume kreisen,
Nur noch Spuk sind überbliebener Geister,
Nachhall und Gespenst aus anderen Zeiten.
Manchmal aber bleibt ein Mensch beim Dome
Lauschend stehen, öffnet sacht die Pforte,
Horcht entrückt dem fernen Silberstrome
Der Musik, vernimmt aus Geistermunde
Heiter-ernster Väterweisheit Worte,
Geht davon mit klangberührtem Herzen,
Sucht den Freund auf, gibt ihm flüsternd Kunde
Vom Erlebnis der entrückten Stunde
Dort im Dom beim Duft erloschener Kerzen.
Und so fließt im unterirdisch Dunkeln
Ewig fort der heilige Strom, es funkeln
Aus der Tiefe manchmal seine Töne;
Wer sie hört, spürt ein Geheimnis walten,
Sieht es fliehen, wünscht es festzuhalten,
Brennt vor Heimweh. Denn er ahnt das Schöne.

Hermann Hesse – Gestutzte Eiche

alte-Eiche

 

Wie haben sie dich, Baum, verschnitten
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!

Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.

Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,

Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.

Hermann Hesse, Gestutzte Eiche, Juli 1919

in: Herrmann Hesse, Die Gedichte,
Suhrkamp  1992, S.472

Die Schule von Athen

 

DieSchulevonAthen

In Anlehnung an das berühmte Zitat von Alfred North Whitehead könnte man das Fresco als eine Bebilderung seiner Sentenz auffassen, nach der die abendländische Philosophiegeschichte nichts als eine Reihe von Fußnoten zu Platon (die Frage ist, ob das Werk von Aristoteles bereits eine Fußnote ist oder ob man das Zitat von Whitehead mit dem Namen Aristoteles sinnvollerweise ergänzen sollte???) ist! Die Frage ist, muß man sich auf die Seite einer der beiden schlagen oder kann man gleichermaßen mit beiden denken? Die Frage muß offen bleiben.

Das Fresko von Raffael, das er um 1510 in der Stanza della Segnatura des Papstes Julius II. gemalt hat, verherrlicht im Sinne der Renaissance das antike Denken als Ursprung der europäischen Kultur, ihrer Philosophie und Wissenschaften. Im Zentrum stehen die Philosophen Platon und Aristoteles, wobei interessant ist, daß die Darstellung von Aristoteles eher der konventionellen Ikonographie zur Zeit Raffaels entspricht, Platon hingegen deutlich die Züge und das Aussehen Leonardo da Vincis aufweist. Man könnte sich fragen, weshalb Raffael nicht Aristoteles das Aussehen Leonardos gab, da dies doch wohl inhaltlich adäquater gewesen wäre?

1.    Zenon von Kition (Begründer der Stoischen Schule)
2.    Epikur (Begründer der Epikureischen Schule)
3.    Federico II. Gonzaga (Herzog von Mantua)
4.    Zuordnung nicht eindeutig: Boëthius, Anaximander oder Empedokles
5.    Averroës (arabischer Philosoph und Theologe)
6.    Pythagoras (Mathematiker), der Jüngling daneben ist Parmenides[Anmerkung 1]
7.    Alkibiades (Politiker und Feldherr aus Athen)
8.    Zuordnung nicht eindeutig: Xenophon (Historiker und Biograph von Sokrates) oder Antisthenes
9.    Zuordnung nicht eindeutig: Hypatia oder Francesco Maria I. della Rovere
10.    Zuordnung nicht eindeutig: Aeschines oder Xenophon
11.    Zuordnung nicht eindeutig: Parmenides (Philosoph, Begründer der Eleatischen Schule) oder Euklid (Mathematiker)
12.    Sokrates (Philosoph und Lehrer von Platon)
13.    Heraklit (Philosoph, verkörpert durch Michelangelo)
14.    Platon mit der Schrift Timaios (Philosoph, verkörpert durch Leonardo da Vinci)
15.    Aristoteles mit der Schrift Nikomachische Ethik (Philosoph und Schüler von Platon)
16.    Diogenes (Philosoph und Kyniker)
17.    Plotin (Philosoph)
18.    Zuordnung nicht eindeutig: Euklid oder Archimedes (Mathematiker, verkörpert durch Bramante)
19.    Zarathustra (persischer Religionsgründer)
20.    Ptolemäus (Astronom und Geograph)
21.    Raffael, vor ihm Sodoma (Künstler)

DieSchulevonAthenNummern

Übrigens! Im Victoria & Albert Museum in London hängt eine Kopie des berühmten Wandfreskos.

Albrecht Dürer

Albrecht Dürer 1500

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Geboren und gestorben in Nürnberg – wir Heutigen, in unserer Fixiertheit auf Äusserlichkeiten, haben immer das Gefühl, wenn ein Spannungsbogen so ‘ärmlich’ daherkommt, wie bei Dürer, dann kann an dieser Figur nichts besonderes sein – weit gefehlt.

Als Dürer zum Beispiel 1505 zu seiner 2. Venedigreise aufbrach, war er in Nürnberg bereits ein weithin bekannter und erstklassig bezahlter Künstler, verheiratet, mit eigener Werkstatt und selbstständig arbeitenden Gesellen.

War es denn wirklich nur der Auftrag der deutschen Kaufmannsschaft unter der Führung der Augsburger Fugger, die bei Dürer ein Bild für ihre Bartholomäus Kirche in Venedig bestellt hatten, der Dürer dazu brachte ein zweites Mal nach Venedig zu reisen?

Sicher war es auch die Art des Lebens, die ihn an Italien reizte und die uns 500 Jahre später immer noch begeistert, die ihn aus Nürnberg nach Italien zog – und was wir immer vergessen, wenn wir uns in den erhabenen Gefilden der Kunst bewegen, Vino rosso, Spaghetti bolognese und Amore …

Interessant gerade in diesem Zusammenhang ist, daß ihn augenscheinlich nicht nur die italienische Sonne und der Umgang der italienischen Künstler mit Licht und Farben reizten, sondern auch ihr Verhältnis zu Schönheit und Mathematik, die er bei seinem Besuch in Bologna 1506, kurz vor seiner Rückreise nach Nürnberg, bei Francesco Francia einem Schüler von Luca Pacioli zu vertiefen suchte.

Was wohl schon Dürer umtrieb, war die Vorstellung, daß Schönheit jenseits von Geschmack und Moden eine Kategorie ist, die etwas ganz Grundsätzliches, etwas Archetypisches über die Menschheitsentwicklung aussagt und eher in mathematischen Strukturen und Formeln, als durch das Auge des Betrachters adäquat beschrieben werden kann.

Natürlich zeugen Dürers Bilder und Grafiken von seiner enormen intuitiven Wahrnehmungsfähigkeit, was aber zu seiner detailreichen, komplexen Achtsamkeit hinzukommt, ist die Anstrengung des Begriffs, der Wille von einer zweiten Ebene aus, seine Fähigkeiten tiefer zu ergründen, seine Wahrnehmungsfähigkeiten bewußt wahrzunehmen und zu klassifizieren. Seine mathematischen, geometrischen Untersuchungen zu Maß und Proportion geben sich eben nicht nur mit seinem Können zufrieden sondern wollen mehr, deshalb gehört Dürer eindeutig in die Reihe der ganz großen “Weltformel-Sucher”, er verdient es in einer Reihe mit Persönlichkeiten wie Pythagoras oder Leonardo da Vinci zu stehen.

Wintersonnenwende und Rauhnächte

Ein Weihnachtslied von
Christian Morgenstern

Wintersonnenwende!
Nacht ist nun zu Ende!
Schenkest, göttliches Gestirn,
neu dein Herz an Thal und Firn!

O der teuren Brände!
Hebet hoch die Hände!
Lasset uns die Gute loben!
Liebe, Liebe, Dir da droben!

Wintersonnenwende!
Nacht hat nun ein Ende!
Tag hebt an, goldgoldner Tag,
Blühn und Glühn und Lerchenschlag!

O du Schlummers Wende!
O du Kummers Ende!

Rauhnächte_2-2

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Vieles was uns Heutigen als mystisch, geheimnisvoll erscheint, weist lange Traditionsketten nicht nur im sog. ‘Volksglauben’, sondern auch in seiner praktischen Bedeutung für das Leben früherer Generationen auf.

Z.B. die Wintersonnenwende vom 21. auf den 22. Dezember. Nach dieser längsten Nacht des Jahres werden die Tage wieder länger und das Licht wird quasi neu geboren, so daß es bis zum Lichterfest an Weihnachten wieder einen schöpferisch, kraftenden Platz im Jahreslauf der Menschen inmitten der Natur einnimmt.

Für uns ‘technisch Hochzivilisierten’ spielt Licht nicht mehr annähern die Rolle in unserem Alltag wie z.B. für die Menschen des 19. Jahrhunderts, deren Jahr in den meisten Fällen noch analog zum Jahreslauf von Natur und Kosmos verlief. Wenn jedoch “am Weihnachtsbaum die Lichter brennen”, dann wird unser Herz nicht nur durch Erinnerungen an unbeschwerte, selige Kindertage, sondern auch durch die mächtigen Erinnerungsfelder früherer Generationen erhellt.

Wenn wir zwischen der Wintersonnenwende und Dreikönig die 12 wilden Rauhnächte durchleben (egal ob von der Wintersonnenwende bis Neujahr oder von Weihnachten bis Dreikönig), dann sollten wir in dieser Zeit nicht nur den Torweg zwischen altem und neuem Jahr durchschreiten, in dem wir das vergangenen Jahr wie ein altes paar Schuhe zurücklassen, sondern auch die Wirkkraft dieses Erinnerungsfeldes versuchen wahrzunehmen. Das hat nichts mit Esoterik zu tun aber sehr, sehr viel mit einer Verfeinerung unseres Wahrnehmungsvermögens, das unser Leben vielleicht nicht einfacher aber reicher macht und ohne einen einzige Euro investieren zu müssen.

Die Differenz der 12 Nächste zwischen dem Mond- und dem Sonnenkalender kennen wir als alten Brauch – quasi als Meditationsraum, in dem man sich konzentriert auf das neue Jahr vorbereitet – nutzen wir diesen alten Brauch für unser ganz eigenes Leben. Der Neustark wird uns kraftvoller gelingen.