Die Schildbürger und der Paradigmenwechsel

schildbürgerWenn ich an das ehrenhafte, bemüht nachsorgende Handeln vieler ehrlich um die Umwelt besorgter Menschen denke, muß ich mich oft – ob ich will oder nicht – an die Bürger von Schilda aus den Geschichten meiner Kindheit erinnern. Ja genau die Schildbürger, die mit viel Aufwand ein neues Rathaus gebaut haben und erst am Ende, nachdem alles bereits fertig war, feststellten, daß der Architekt die Fenster vergessen hat.

Ok, nicht selber mitzudenken ist eine Sache, eine andere ist es mit Eimern und Säcken das Licht ins Haus tragen zu wollen. Aber eine ganz, ganz andere Sache ist es, wenn man das Handeln der Bürger von Schilda zum allgemeinen Prinzip erhebt.

Nehmen wir nur mal als kleines Beispiel die tausenden fensterlosen Industriehallen und Discoutermärkte in Deutschland, die ebenso von vorneherein ohne jegliches, natürliches Tageslicht geplant und ausgeführt werden. Irgendetwas muß in unserer Gesellschaft doch in den letzten Jahrzehnten massiv etwas schief gegangen sein, was die Verschwendung von Ressourcen jeder Art betrifft.

Ich erinnere mich z.B. an ein früheres Leben von mir, in dem ich eine sehr große Fabrikhalle aus dem Anfang der 60er Jahren besaß. Diese Halle war mit riesigen Fenstern auf allen Seiten und riesigen Oberlichter ausgestattet, so daß man zumindest in der Zeit des Tages, in der es normales Tageslicht in Hülle und Fülle gab, keine zusätzliche, mit viel technischem Auswand hergestellte, Energie benötigte.

In dieser Fabrikhalle war es nicht notwendig aktiven Umweltschutz dadurch zu betreiben, daß man in eine nachtdunkle, fensterlose Halle mit viel technischem Aufwand und Ressourcenverbrauch überall Energiesparbirnen aufhängen mußte, um das, sowieso draußen reichlich vorhandene, Tageslicht zu ersetzen.

Genau nach diesem Grundprinzip funktioniert unser gesamter Umweltschutz. Um einen vernünftigen – also effektiven Umweltschutz zu betreiben, zu dem auch eine radikale Wende im Ressourcenverbrauch gehört, ist es zu  allererst notwendig, den längst überfälligen Paradigmenwechsel vom nachsorgenden hin zum vorsorgenden Umweltschutz gedanklich zu vollziehen. Nachhaltiges Handeln muß zwangsläufig ökologisch radikal sein, denn nur eine stabile, voll funktionsfähige Ökosphäre erlaubt dem Menschen ein längerfristiges Überleben, ein nachsorgender Umweltschutz, der zuläßt, daß die Natur  erstmal in rigoroser Weise ausgebeutet und zerstört wird, um massenhaft Produkte herzustellen und sie dann noch als riesige Müllkippe benutzt wird, kann hier nichts wirklich ausrichten.

Wenn man etwas Wertvolles schützen will, dann fängt man sinnvollerweise nicht am Ende, sondern am Anfang einer potentiellen Zerstörungskette an. Wenn wir etwas für unsere Gesundheit tun wollen, dann ist uns doch auch ganz natürlich klar, daß es besser ist, gesund zu leben, um gar nicht erst krank zu werden, als ungesund zu leben und dann mit riesigem Aufwand im Gesundheitswesen die Krankheitsfolgen unseres ungesunden Lebens zu reparieren. Das wir dieses natürliche Wissen in unserem Alltag nicht beherzigen und benutzen steht auf einem anderen Blatt und wird von mir in einem späteren Beitrag wieder aufgegriffen.

DSCF0188Hier soll es jetzt um den dringend notwendigen Paradigmenwechsel hin zu einem vorsorgenden Umweltschutz gehen. Es gibt auf diesem Planeten keinen einzigen Bereich, der nicht von einem derartigen Paradigmenwechsel betroffen wäre, ja unser längerfristiges Überleben hängt davon ab. Man erkennt sofort, daß sich dieser Wechsel nicht mit einem schnellen „Schwarz-Weiß-Denken“ bewerkstelligen läßt, dazu sind die Probleme zu komplex und Lösungswege können nur systemisch, in großen ineinandergreifenden Abläufen und Interaktionen angegangen werden. Wichtig ist jedoch, die Probleme am Anfang der Zerstörungskette anzugehen, also dann, wenn noch gar kein Problem vorliegt und nicht erst dann, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.

Einerseits sind es natürlich die Abläufe der maritimen und terrestrischen Ökosysteme selbst, die wir massiv stören, es ist aber auch der rigorose Verbrauch unwiederbringlicher Ressourcen, der dringend nach einer Ressourcenwende verlangt. Aus der Vorratskammer Natur holen wir immer nur ab, irgendwann ist die Vorratskammer leer. Um eine vernünftige Ressourcenwende in Gang zu bringen, ist deshalb zunächst einmal Transparenz notwendig, wir müssen uns bei allem, was wir benutzen, Klarheit über den ökologischen Rucksack verschaffen, den ein Produkt, oder wie es Schmidt-Bleek formuliert, die „Dienstleistungserfüllungsmaschine“ mit sich herumträgt. Der Materialverbrauch, den unsere weltweite Wirtschaft heute hat, ist von gigantischen Ausmassen.

Ressourcenverbrauch bis 2030Wenn wir auf die obige Grafik sehen, können wir feststellen, daß unser jährlicher Materialverbrauch rapide wächst und zwar nicht in erster Linie, weil wir weltweit immer mehr Menschen werden, sondern weil wir in den wirtschaftlich sogenannten ‚hochentwickelten‘ Industrieländern von unserem Materialverbrauch her in Saus und Braus leben, bedenken wir doch auch mal, daß wir 2010 nicht nur 68 Milliarden Tonnen Materialien auf diesem Planeten verbraucht haben, davon – wie man sieht – in erster Linie von nichterneuerbaren Resssourcen – es gibt keine nachhaltige Nutzung von Materialien, die nicht erneuerbar sind – sondern auch 43 Milliarden Tonnen von Resssourcen, die wir für NICHTS benutzt haben, die von der ersten Sekunde nach der Förderung bereits Abfall, Abraum sind!!!

Der materielle Fußabdruck ist schlichtweg der Indikator für ein ökologisch sinnvolles Produkt, egal in welchem Bereich: D.H. für einen lückenlosen, vorsorgenden Umweltschutz ist zunächst eine wissenschaftlich saubere Aufstellung aller verbrauchten Materialien bei der Herstellung eines Produkts bis es beim wirklichen Endverbraucher angekommen ist, erforderlich. Wenn wir diesen Materialverbrauch ermittelt haben, müssen wir sehen, welche Auswirkungen die Herstellung auf die verschiedenen Ökosysteme in dieser Zeitspanne hatte, erst dann, wenn wir all diese Zahlen ermittelt haben, erst dann können wir unseren Blick auf den Verbraucher richten! Unser nachsorgender Umweltschutz, wie wir ihn heute vielfach immer noch betreiben, fängt erst beim Verbraucher an, wenn wir an des Deutschen liebstes Kind, sein Auto, denken, sind dann bereits 80%, bei freundlicher Betrachtungsweise, der Ökobilanz erledigt, bevor wir uns überhaupt über Möglichkeiten des Umweltschutzes Gedanken machen und wenn wir noch die gesamte Infrastruktur in unsere Betrachtung mit einbeziehen, dann befassen wir uns beim Thema „Klimaschutz & Auto“ gerade mal mit 2% des Problems! 98% des Problems, die Herstellung der Autos und das Zurverfügungstellen der Infrastruktur wird gar nicht betrachtet.

Immer und immer wieder müssen wir uns klar machen, daß das Produkt, besonders das heute so beliebte „hightech Produkt“,  z.B. eines der Millionen von Handys, nur die ganz, ganz kleine Spitze der Pyramide des Ressourcenverbrauchs bildet. Um ein Handy zu produzieren, ganz zu schweigen von den Ressourcen, die für seinen Gebrauch benötigt werden, landen mehr als 99% des unwiederbringlichen Materials im Mülleimer! Kann das sinnvoll sein?

Handy PyramideUm dem noch eins oben drauf zu setzen ist ja für eine komplette Bewertung eines Produkts seine Nutzung und seine Lebenszeit entscheidend. Solange ich 30 Jahre ein Handy und 500.000 km ein Auto benutze und das möglichst jeweils mit 4 Personen, kein Problem, das ist vom Ressourcenverbrauch her gemessen an den jeweiligen Serviceeinheiten, z.B. beim Handy die Zeit und beim Auto die KM kein wirkliches Thema. Zum Problem wird das Ganze, wenn ich mir jedes Jahr das neuste Handy holen muß oder mein Auto jeweils nach einem Jahr zu Schrott fahre, auch dann, wenn mir die Vollkaskoversicherung jeweils ein neues Auto bezahlt.

Fragt man sich, für was ist denn dann das jeweils neuste Handy und der jeweils neuste Autotyp sinnvoll? Ganz einfach für das sogenannte Wachstum der Wirtschaft, die ja angeblich der Motor der Gesellschaft ist. Wenn es etwas gibt, was aus ökologisch überlebenswichtigen Gründen dieser Planet und die Menschen, die auf ihm hausen, am allerwenigsten benötigten, dann ist es Wachstum! Eine Wirtschaft, die auf Wachstum und Profit ausgerichtet ist, und das ist der Kapitalismus nun mal von Hause aus, kann weder auf Wachstum noch auf Profit verzichten. Solange wir eine Wirtschaft betreiben, deren Erfolg sich in einer wachsenden Zahl produzierter Güter bemißt, solange gehen wir immer in die gleiche Richtung dem Abgrund entgegen indem wir unsere Lebensgrundlagen zerstören.

Erschwerend kommt hinzu, daß es sich beim Naturverbrauch der Wirtschaft ganz genauso verhält wie beim Finanzmarkt, Gewinne werden privatisiert und Verluste, also Folgekosten, die durch Naturabbau und -zerstörung entstehen werden sozialisiert, sprich der Allgemeinheit aufgebürdet.

Einer der ganz zentralen Punkte beim Paradigmenwechsel hin zum vorsorgenden Umweltschutz ist eine vollkommen neue Definition, von dem was wir unter Wachstum verstehen sollten. Ein Wachstum an Dematerialisierung unserer Produkte auf diesem Planeten ist für einen vorsorgenden Umweltschutz gold richtig. Die Devise muß sein, je weniger, desto besser, das sollte der Gradmesser für wirtschaftlichen Erfolg sein! Das bezieht sich sowohl auf den notwendigen Materialinput, wie auch auf die Anzahl der Produkte! In diesem Zusammenhang sollte man sich auch mal Gedanken darüber machen, daß Verdrängungswettbewerb nicht nur dem Konsumenten durch die Konkurrenz (die ja angeblich das Geschäft belebt) bessere Einkaufsbedingungen verschafft, sondern auch gleichzeitig den totalen Überfluß an Produkten und an sinnlosem Materialverbrauch befördert.

Zum Thema „je weniger desto besser“ gehört vor allem ein ganz klar definierter Wert für die Ressourcenproduktivität. D.H. der Wahnsinn fängt bei den immer kürzer werden Nutzungs-perioden eines Produktes an, daß mit enorm viel – oft unwiederbringlichen Ressourcen – produziert wurde. Trotz aller Umweltkonferenzen und aller Klimagipfel steigt unser Ressourcen-verbrauch auf diesem Planeten von Jahr zu Jahr.  Auch wenn wir es kaum glauben wollen, auch Luft, Wasser und Sand, die drei meistverbrauchten Ressourcen auf dem Planeten sind endlich!

Wenn wir etwas für den Planeten und damit für uns tun wollen, dann sollten wir darauf achten, ausschließlich langlebige Produkte mit einem möglichst geringen ökologischen Rucksack und einer hohen Reparaturfreundlichkeit zu kaufen und diese Produkte solange es irgend möglich ist zu nutzen. Jede 50.000 Km, die wir unserem Auto mehr ‚zumuten‘ sind ein Geschenk an die Umwelt. Unseren Wäldern haben wir sowieso schon viel zu viel zugemutet, im Moment sollten wir weltweit deutlich weniger Holz ernten, als nachwächst, um wieder auf vernünftige Größenordnungen zu kommen. Der größte Wahnsinn in diesem Bereich ist, Holz als erneuerbare Energie noch in den Ofen zu stecken. Dadurch setzten wir nicht nur das von den Bäumen mühsam gebundene CO2 wieder frei, sondern vermehren diesen miesen CO2 footprint auch noch durch jede Menge CO2 Belastung durch notwendige Infrastruktur und Logistikeinsatz.

Wir zerstören für das Klima dringend notwendige Wälder und Ihre Böden, um Feuerholz zu haben, gibt es etwas Irsinnigeres? Irsinniger nicht, aber genauso irsinnig ist unser weltweiter Wasserverbrauch, unsere Zerstörung intakter Ökosysteme durch das nur von uns verursachte Artensterben, die durch uns verursachte Ausbreitung der Wüsten, die Erosion der Mutterböden,  die Zerstörung der Regenwälder entlang des Äquatorgürtels, die Zerstörung der Landwirtschaftsflächen durch Versieglung, Vergiftung, Auslaugung, also ihr Unfruchtbarmachen.

Könnte einer sagen: „Na und, machen wir schon lange und die Welt, bzw. die Ökosphäre existiert immer noch“. Darauf kann man antworten: „Stimmt – aber der Unterschied liegt im Geheimnis der exponentiellen Entwicklung“. Die Zerstörung und der Ressourcenverbrauch wachsen noch deutlich schneller als die Weltbevölkerung und dies, obwohl sich für den größten Teil der Weltbevölkerung kaum etwas in den letzten Jahrzehnten materielle geändert hat. Sollte das nicht zu denken geben! Es scheint uns immer noch nicht klar zu sein, daß wir nur diesen einen Planeten haben, mit dem wir auskommen müssen, wir verhalten uns jedenfalls so, als wären die Ressourcen auf diesem Planeten unendlich!

Klar wir haben verstanden, Umwelt-, Klimaschutz muß sein, aber den Umweltschutz den wir uns leisten ist ein Luxus-Umweltsschutz, bei dem nochmehr Ressourcen verbraten werden, wie vorher und nur deshalb, weil wir am Ende der Schadenskette anfangen. Aktiver Umweltschutz, der seinen Namen verdient, kann sich immer nur im Rahmen dessen bewegen, was der Planet immer und immer wieder reproduzieren kann und da gilt ganz klar Omas Grundsatz, ich darf nicht mehr ausgeben, als ich im Monat verdiene, das was uns der Planet pro Monat an nachwachsenden Ressourcen zur Verfügung stellt, das können wir pro Monat ausgeben, alles andere ist Augenwischerei und verdient nicht den Namen „nachhaltig„.

Wenn wir alle wirklich den ökologisch korrekten Preis bezahlen müßten, der in einem Produkt steckt, würden wir sehr sehr viel zurückhaltender sein, wenn es darum geht, etwas noch funktions- oder reparierfähiges wegzuwerfen, um etwas anderes neu zu kaufen. Aber auch wenn wir den Preis nicht bezahlen unsere Nachkommen werden irgendwann in naher Zukunft massiv zur Kasse gebeten und dann wird niemand mehr etwas davon wissen, wer ursprünglich die Schäden verursachte und gleichzeitig die Milliarden seinem privaten Vermögen zugefügt hat.

Fortsetzung folgt…

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