Der Meta-Physiker

Der Wissenschaftler greift nach dem Seienden –Spitzweg_Der_Maler_in_einer_Waldlichtung
der Metaphysiker ist ein Voyeur des Seins!

Der Gedanke, daß der Beobachter im Beobachteten mit anwesend ist, ja es geradezu bestimmt, ist ein Gedanke aus der Welt der Quantenphysik. Bis zu ihren Anfängen zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Wissenschaft von Metaphysik klar geschieden. Während die Wissenschaft – mit und ohne Hilfsmittel – als Subjekt, als Beobachterin auf das Seiende, das Objekt, geschaut hat, ohne es durch dieses Beobachten in irgendeiner Weise zu beeinflussen, wie sie bis dato glaubte, hat die Metaphysik immer das Ganze des Seins in den Blick genommen, bzw. nach Bedingungen gesucht, das Ganze des Seins in den Blick nehmen zu können und sich selbst gleichzeitig mit hineinzunehmen.

Nun hat sich in der Wissenschaft längst gezeigt, daß die Wirkung des Beobachters in das zu Beobachtende immer mit einbezogen werden muß und damit ein wichtiger Schritt hin zum Ganzen des Seins vollzogen wurde und zweitens hat sich gezeigt, daß das Ganze des Seins gerade der emergente Teil einer komplexen Wirklichkeit ist, und dieser emergente Teil eben nicht aus den Teilmengen ableitbar ist. Stellen wir uns einen Satz aus Worten vor, der Sinn der sich aus dem Satz ergibt, ist aus den einzelnen Worten nicht herzuleiten sondern nur aus dem Ganzen zu verstehen, die Worte können in jedem anderen Satz auch immer wieder einen ganz anderen Sinn gemeinsam erzeugen.

Indem der Beobachter das Seiende durch seine Tätigkeit beeinflußt, wird die Teilhabe des Seienden am Sein besonders deutlich, denn solange ich das Seiende nicht beobachte, befindet es sich in der Superposition, man könnte auch sagen im Sein, als der Totalität aller Seinsmöglichkeiten, erst durch meine Beobachtung wird also ein Aspekt des Seins zum Seienden.

Will ich hingegen Metaphysik betreiben und nach dem Sein ansich fragen, so bleibt mir der direkte Zugang verwehrt, mir bleibt nur der vage, heimliche, voyeuristische Blick auf das Sein, gebe ich mich als heimlicher Beobachter zu erkennen, verschwindet das Sein. Das Seiende lichtet sich für einen flüchtigen Augenblick als Sein – intentionslos streifen wir durch den Wald des Seienden, plötzlich öffnet sich eine kleine Waldlichtung vor uns – und für wenige Sekunden sind wir plötzlich im Sein – beginnt unser Bewußtsein an über das gerade Erlebte zu reflektieren verlieren wir den Zugang zum Sein und alles ist wieder seiend.

Mit dieser Schilderung wird klar, daß Metaphysik – wenn sie so verstanden wird – niemals Wissenschaft sein kann, was jedoch nicht bedeutet, daß sie keine Existenzberechtigung hätte, wie manche in ihrem Wissenschaftswahn seit langem fordern. Selbst wenn es niemals zu einer Weltformel kommen wird, bedeutet dies nicht, daß es sinnlos wäre danach zu suchen. Selbst wenn wir für kurze Zeit an einem lauschigen Plätzchen in der Waldlichtung schlummern und unseren Traum vom Sein träumen erwachen wir erquickt aus unserer Seinsvergessenheit – vielleicht.

Die fundamentalontologische Frage nach dem Sein ist der immerwährende Antrieb, um  zum Staunen und zur Erkenntnis zu gelangen.

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