Wir müssen einen Friedensvertrag mit der Natur anstreben, der einzig schöpferischen übergeordneten Macht, von der der Mensch abhängig ist.

Friedensvertrag mit der Natur

1. Wir müssen die Sprachen der Natur lernen, um uns mit ihr zu verständigen.

2. Wir müssen der Natur Territorien zurückgeben, die wir uns widerrechtlich angeeignet und verwüstet haben, z.B. nach dem Grundsatz: Alles, was waagrecht unter freiem Himmel ist, gehört der Natur.

3. Toleranz der Spontanvegetation.

4. Die Schöpfung des Menschen und die Schöpfung der Natur müssen wiedervereinigt werden. Die Entzweiung dieser Schöpfung hatte katastrophale Folgen für die Natur und den Menschen.

5. Leben in Harmonie mit den Gesetzen der Natur.

6. Wir sind nur Gast der Natur und müssen uns dementsprechend verhalten. Der Mensch ist der gefährlichste Schädling, der je die Erde verwüstet hat. Der Mensch muß sich selbst in seine ökologischen Schranken zurückweisen, damit die Erde sich regenerieren kann.

7. Die menschliche Gesellschaft muß wieder eine abfallose Gesellschaft werden. Denn nur der, der seinen eigenen Abfall ehrt und wiederverwertet in einer abfallosen Gesellschaft, wandelt Tod in Leben um und hat das Recht, auf dieser Erde fortzubestehen, dadurch, daß er den Kreislauf respektiert und die Wiedergeburt des Leben geschehen läßt.

Friedensreich Hundertwasser Regentag Dunkelbunt,
1998, in: Schöne Wege, Seite 274

Philosophisches Abendgespräch

Die „Eule der Minerva beginnt erst mit der
einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“
G. F. Hegel, Grundlinien der
Philosophie des Rechts, S. 14

Thema des heutigen Abendgesprächs ist:
Von seinen Feinden lernen

Als es in Deutschland Ende der siebziger Anfang der achtziger Jahre noch eine Friedensbewegung gab, die Ihren Namen wirklich noch verdient hatte, gab es einen weitverbreiteten Autoaufkleber, auf dem war zu lesen:

„Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin … “

Auch bei diesem Aufkleber funktioniert wieder die Grundkonstruktion erhellenden Denkens: Ändere die Perspektive und vieles wird schlagartig klar.

Nicht alles, was dem massenhaft verbreiteten, sogenannten gesunden Menschenverstand unmittelbar einleuchtet, muss auch noch Bestand haben, wenn wir es mit der Grundhaltung einer wahrhaftigen, intellektuellen Redlichkeit genauer betrachten.

Perspektive-Wechsel

Der gesunde Menschenverstand in seiner Subjekt-Objekt-Gefangenheit kennt eigentlich nur den äußeren Feind. Wer jedoch für sich die Grundhaltung intellektueller Redlichkeit reklamiert, sieht genauer hin und wechselt immer wieder die Perspektiven der Betrachtung. So könnte man durchaus auch die These aufstellen: Jeder von uns erschafft sich seine Feinde selbst, deshalb können wir von unseren Feinden auch so viel lernen – lernen über uns selbst!

Oft bedeutet von seinen Feinden zu lernen, sich intensiv selbst zuzuhören, ohne eine gleichzeitige Bewertung des Gehörten abzugeben.

Wir erschaffen uns einen Feind, indem wir einem – wie auch immer gearteten – Gegenüber Eigenschaften zuweisen, die uns verletzen. Sei es, weil dieses Gegenüber Dinge bewirkt, die wir nicht wollen oder Dinge verhindert, die wir wollen.

Jedes Gegenüber kann zu unserem Feind werden und wir stehen immer in einer Beziehung zu unseren Feinden, eine beziehungslose Feind-Situation kann es nicht geben. Gerade deshalb fällt der Umschlag von Freund in Feind oft so heftig aus, weil es immer innerhalb einer Beziehung von Menschen mit Menschen oder Menschen mit anderen Lebewesen geschieht.

Natürlich ist die Bandbreite dessen, wer oder was alles zum Feind werden kann, innerhalb des Lebendigen, also eigenständig Operierenden, sich Verändernden sehr groß. Das muss nicht immer der Soldat eines Heeres, der uns an einer Front als Gegner gegenüber steht, sein, das kann auch allgemein die Natur sein oder der Nachbar von Nebenan, den wir zum Feind erklären.

Der Feind in unserem Selbst-Modell

So wie unser ICH – unser Modell von uns Selbst – einer komplexen, radikalen Konstruktion unterliegt, an der wir mit zweckdienlichen Konstruktionsansetzen, die eine gewisse, alltagstaugliche Viabilität besitzen, ein Leben lang arbeiten, so sind auch unsere Feinde Konstruktionen, die wir – aus welchem Grund auch immer – benötigen, um durchs Leben zu kommen – vermeintlich.

Wenn wir uns mit unseren Feinden beschäftigen, dann lernen wir etwas über all die Konstruktionen, die Modelle, die wir uns ständig neu erschaffen bzw. verändern, weil wir bewusst oder unbewusst glauben, nur so bestehen zu können und nicht unterzugehen. Ob „Etwas“ ein innerer oder ein äußerer Feind ist, lässt sich nur über die Relation zu unserem Selbst-Modell ernsthaft klären.

Vieles um uns herum zum Beispiel, was wir als etwas Numinoses klassifizieren, als etwas, das uns ängstigt und zu verletzen scheint, tragen wir mit uns herum, projizieren es aber zur Kenntlichmachung auf ein Gegenüber. Ein Feind – als Gegenüber – ist immer auch ein Spiegelbild oder eine Relation zu uns selbst, ist der Feind groß sind wir klein, besiegen wir den großen Feind, ist er klein und wir groß, dieses Spiel ist endlos zu betreiben, aber immer durch die Relation gekennzeichnet. Ein Vakuum-Feind ist eine logische Unmöglichkeit!

Der Feind im Buddhismus

Es ist nicht verwunderlich, das sich das Konstrukt der Feindesliebe nicht nur im asiatischen Buddhismus findet, sondern auch in der abendländischen Kulturgeschichte, denn es ist eine allgemein menschliche Überlegung, dass der sogenannte Feind eigentlich mein Bruder oder meine Schwester ist, wenn man davon ausgehen, dass wir als Menschen alle miteinander verwandt sind.

„Wenn dich jemand tadelt, haßt oder schlecht von Dir spricht, such in sein Herz einzudringen und sieh nach, was für ein Mensch er ist; und du wirst sehen, daß du dich nicht zu beunruhigen brauchst, so sehr er dich auch beschimpfen mag.
Sei gut zu ihm; denn in ihm lebt ein naher Verwandter, einer wie du, dem, wie dir, derselbe Gott hilft in all euren gemeinsamen Kümmernissen.“

Marc Aurel (121-180) Selbstbetrachtungen, IX/27

Der Buddhismus als Religion, in seiner Rückverbindung zu den Wurzeln des Menschseins, untersucht zu allererst unsere Bewusstseinstätigkeit, mit all seinen Täuschungen und Verstrickungen in das was er Samsara nennt, also in den Kreislauf der Existenz.

Die Gefangenheit in den drei unheilsamen Wurzeln der Existenz, also Hass, Gier und Verblendung, sorgt dafür, dass wir uns aus dem leidvollen Kreislauf des Lebens nicht befreien können.

Deshalb kommt dem Lernen von seinen Feinden im Buddhismus ein ganz zentrale Bedeutung zu: Zum einen um sich von den Geistesgiften zu befreien, zum anderen um die Leere der eigenständigen Form (Shunyata) in der Substanz zu begreifen.

Die Visualisierung der geistigen Hemmnisse in der Form von Feindbildern, die für uns oft realer sind als die Feinde selbst, spielt eine entscheidende Rolle in der buddhis­tischen Meditationspraxis, natürlich mit der Zielsetzung die Feindbilder aufzulösen.

Im tibetischen Buddhismus wird alles, was uns scheinbar feindlich gegenübersteht, uns an Erleuchtung und der vollen Entfaltung unserer positiven menschlichen Potentiale hindert, im Bild der Gottheit „Mara“ (wörtlich: der Mörder, der Teufel, der Feind) zusammengezogen und natürlich findet sich auch in dieser Konstruktion eine weitere Gottheit, die uns hilft, die uns Kraft verleiht, um uns von den Feindbildern, mit denen uns Mara umstellt, zu befreien, diese Gottheit ist die „grüne Tara“ (wörtlich: die Retterin).

Unter Mithilfe der grünen Tara kann man sich mal auf den Weg machen und erkunden, wieso wir besonders gut von unseren Feinden lernen können.

Die These ist, weil wir gerade aus diesen Feindbeziehungen so viel über uns selbst erfahren können. Bekanntlich führt der Weg zur Erleuchtung immer nur durch das Tal der Tränen und der Auseinandersetzung mit unseren Feinden.

Um zunächst in der Bilderwelt des Buddhismus und beim Menschen zu bleiben: Jedes fühlende Wesen, wozu auch die Menschen gehören, hat im Buddhismus Buddha-Natur, ist grundsätzlich gut – also kein Feind – jeder ist zum vollständigen Erwachen entweder fähig oder muss sich dessen nur noch bewusst werden (je nach Schule).

Feinde und Freunde gibt es von Natur aus nicht, es gibt nur Menschen, die sich begegnen und durch ihre Interaktion zu Freunden oder Feinden werden, also durch die mannigfachen Defizite, mit denen wir behaftet sind. Wenn wir an diesen Defiziten arbeiten, können wir sie überwinden und das Freund-Feind-Schema verlassen und uns als Menschen begegnen.

Sich mit seinen Feinden beschäftigen

Ein Feind, mit dem wir uns beschäftigen, wird uns vertraut, Vertrautheit durchbricht schon ein Stück weit das Feindbild. Das Freund-Feind-Schema ist Ausdruck unserer binären – 0 oder 1 – Welt, die sich entwicklungsgeschichtlich aus der Notwendigkeit einer schnellen Beurteilung, Einschätzung von Situationen ergeben hat.

Bleiben = Freund oder Fliehen = Feind oder, wenn die Situation unübersichtlich mit „vielleicht“, mit „sowohl als auch“ zu beurteilen ist, Kämpfen oder sich totstellen.

Die schnelle Orientierung und Handlungsentscheidung hat die Mechanismen unseres Gehirns wesentlich länger und nachhaltiger geprägt, als das „intellektuelle Geschwätz“ einer vom Broterwerb freigestellten geistigen Elite.

Automatisierte Vorgänge werden von der Amygdala und den impliziten Gedächtnissen gesteuert; man kann dies daran erkennen, dass die entsprechenden Vorgänge trainiert werden müssen und dann unter Ausschaltung des Großhirns ablaufen.

Höherwertige Vorgänge, wie das Erfassen des Sinns von Worten, finden ausschließlich im Großhirn statt, da nur dieses die dazu notwendige Ausstattung hat. Kulturgeschichte ist eine Erfindung des Großhirns, damit fängt der ganze Ärger an.

Warum? Es ist davon auszugehen, dass mit der evolutionären Vergrößerung des NeoCortex auch die Abstimmmechanismen zwischen Stammhirn, Klein- und Großhirn komplizierter und weniger Reaktionsschnell wurden. Die lebensbedrohliche Situation, die von einem äußeren Feind ausgelöst wird, konnte dadurch zu einem psychischen Trauma werden, das durch extreme psychische Belastungen erzeugt wird und mit einer Reizüberflutung einhergeht.

Eine lebensbedrohliche Situation führt bei fast allen Tierarten zu einer von zwei möglichen primären Grund-Reaktionsmustern: Flucht oder Verteidigung. Falls keine dieser beiden Reaktionen Aussicht auf Erfolg hat, kann es je nach Tierart und Umständen zu einer weiteren möglichen Reaktion kommen: dem Totstellreflex.

Eine lebensbedrohliche Situation, wie sie leicht im Krieg, bei Überfällen oder Vergewaltigungen vorstellbar ist, schaltet die Abstimmmechanismen im Gehirn ab.
Eine gefährliche Situation wird zunächst in der Amygdala festgestellt; dies geschieht ganz automatisch und ohne Zutun des Großhirns. Daraufhin werden Hormone wie Glukokorti­koide und Serotonin ausgeschüttet, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzen und Energie-Reserven mobilisieren.

Das limbische System (mit Amygdala, Hippocampus, Hypothalamus, Gyrus cinguli) filtert Informationen und belegt sie mit Gefühlen, bevor sie in verschiedenen Gedächtnissystemen abgespeichert werden.

Bei Angst und Stress aktiviert die Amygdala über den Hypothalamus eine Hormonkaskade. Zum Blackout kommt es, wenn das Schreckhormon Adrenalin dauerhaft zusammen mit zu viel des Stresshormons Cortisol das Gehirn überschwemmt. Folge: Vor allem der Hippocampus setzt aus, Gelerntes ist nicht mehr verfügbar.

Innerhalb des Gehirns kommt es nun zu einer folgenschweren Umschaltung des normalen Datenflusses und zu einer Umverdrahtung, die die gesamte Funktionsweise des Systems grundlegend verändert: Die Entscheidungsfindung durch das Großhirn wird unterbunden, indem die Verdrahtungen zwischen Amygdala und Hippokampus regelrecht gekappt werden. Große Teile der Nachrichten werden dadurch erst gar nicht an das explizite Gedächtnis weitergeleitet. Die Reaktionen auf die Gefahr werden fast ausschließlich vom impliziten Gedächtnis gesteuert.

Durch diese Trennung – auch Dissoziation genannt – wird vor allem die Reaktionszeit stark beschleunigt. Während das Großhirn zu einer angemessenen Bewertung einige Sekunden benötigen würde, kann eine Flucht oder Verteidigung durch die impliziten Schaltkreise sehr viel schneller organisiert werden.

Die Entscheidungswege werden durch die Umverdrahtung drastisch verkürzt! Dieser oft lebensrettende Mechanismus bringt jedoch das Problem mit sich, wie man in feindliche Auseinandersetzungen ethische Aspekte einbauen kann, wenn das Großhirn an der Ausführung von entsprechenden Verhaltensweisen gar nicht beteiligt ist.

So ist zwar mit der Ausdifferenzierung von Verhaltens-weisen in der Kulturgeschichte der eineindeutige Freund-Feind-Begriff fragwürdig bzw. unscharf geworden, die grundsätzliche Problematik bleibt aber bestehen, weil die Entscheidungsmechanismen sehr alt sind.

Zumindest lässt sich der Feindbegriff nicht mehr so leicht instrumentalisieren für bestimmte Interessen, wenn wir nicht hinter Errungenschaften der Kulturgeschichte wieder zurückfallen wollen. Schwierig wird es jedoch, wenn wir durch ein Dauerfeuer an lebensgefährlichen Situationen von einer dauerhaften Umverdrahtung von Nervenverbindungen (insbesondere zwischen Amygdala und Hippokampus) ausgehen müssen. Die dauerhafte Störung des Gleichgewichts von Botenstoffen im Gehirn führt dazu, das eine Differenzierung kaum noch möglich ist, womit eine Handlungsveränderung fast ausgeschlossen ist.

Erschwerend kommt hinzu, dass wir durch die Ausschaltung des Großhirns auch mit Bewusstseinsarbeit kaum noch an die Gedächtnisinhalte herankommen, da sie nicht im Großhirn gespeichert wurden. Oft bleibt es dem Zufall überlassen ob wir einen Triggerpunkt finden, der einen Flashback auslöst.

Typologisierung im Freund-Feind-Schema

Das Freund-Feind-Schema zwingt zur Typologisierung mit unterschiedlichen Menschen, induktiv entwickeln wir aus Verhaltensweisen einzelner Menschen einen Kanon von Verhaltensweisen, die wir als feindlich klassifizieren, letztlich ein sauberes, in sich schlüssiges, widerspruchs­freies Feindbild, das wir ungeachtet des Variantenreichtums von Menschen, auf Menschen, Gruppen, Völker anwenden und wir suchen nur noch nach Ereignissen, die unsere Typologien bestätigen.

Von unseren Feinden lernen bedeutet also, sich für die Falsifizierbarkeit des Freund-Feind-Theorems einzusetzen, das bedeutet z.B. intellektuelle Redlichkeit im Praxis­einsatz.

Intellektuelle Redlichkeit bedeutet aber auch, den Aspekt-Strauß der Wahrnehmung „unter Waffen“ nicht preiszugeben, also Ciceros Grundsatz, dass im Krieg das Gesetz, das Recht und natürlich die Musen zu Schweigen haben, aufgegeben wird und also nach den Vorstellungen Hugo Grotius‘ auch „unter Waffen“ das Recht bestehen bleibt, das Naturrecht wie weitergehend das Völkerrecht.

Bezeichnenderweise gibt es leider rund um einen Krieg immer noch drei Phasen, was man auch in der Gegenwart immer wieder beobachten kann:

  1. Phase: Es wird noch miteinander geredet, die Diplomatie hat das Sagen, das Freund-Feind-Schema wird nach Möglichkeit nicht bemüht.
  2. Phase: Alles wird ganz und gar dual gehandhabt, es gibt nur noch Freund oder Feind, es ist bezeichnend, dass es einen Unterschied bedeutet, ob ein Soldat durch enemy fire oder durch friendly fire stirbt, man könnte meinen, tot ist tot.
  3. Phase: Jetzt wird wieder miteinander geredet, das Verhandeln, die Kommunikation mit Worten, statt mit Waffen, die Diplomatie hat das Sagen, das Freund-Feind-Schema wird nach Möglichkeit wieder vor die Tür gesetzt.

Soldaten, die im 2. Weltkrieg gegeneinander gekämpft haben, treffen sich auch nach 50 Jahren noch zu gemeinsamen, freundschaftlichen Veranstaltungen. „Der Krieg hat uns zu Feinden erklärt.“

Worte sind Waffen und erschaffen Feinde

Aber was können wir daraus lernen? Auch unsere Worte sind Waffen und erschaffen Feinde, bereiten Kriege vor. Ein Bollwerk gegen den Krieg ist der Zweifel, das unscharfe Sowohl-als-Auch-Denken. Von unseren Feinden lernen bedeutet nicht nur etwas Dinghaftes von unserem Feind zu lernen – sondern vor allem etwas über unser Verhalten zu lernen, über die Mechanismen der unterschiedlichsten Verletzungen zu erfahren, zu erspüren.

Von unseren Feinden lernen wir vor allem den Umgang mit Verletzungen: Wir verletzen und wir werden verletzt – könnten wir darauf verzichten verletzt zu sein, würden wir auch nicht mehr verletzen.

Ein Feind bedroht nicht nur unser Leben wodurch wir uns gerechtfertigt sehen, unsererseits diesen Feind umzubringen, nach dem Motto: Er oder ich.

Ein Feind bedroht und zerstört auch die Bilder, die liebgewonnen Bilder, die wir von uns haben, von unseren Feinden zu lernen bedeutet also auch, etwas über die Mechanismen zu lernen, nach denen diese bedrohten Bilderwelten für uns funktionieren.

Deshalb spiel im Buddhismus der angebliche Feind so eine große Rolle. Sehen wir genauer hin, gibt es wirklich innere und äußere Feinde, sind die äußeren Feinde nicht in Wirklichkeit auch nur innere Feinde. Von unseren Feinden zu lernen bedeutet, differenzieren zu lernen zwischen inneren und äußeren, heimlichen und geheimen Feinden, viele unserer inneren Feinde, werden von uns oft fälschlicherweise als äußere Feinde klassifiziert.

Buddhistische Techniken versuchen in Meditationen möglichst viele Feindarten zu unterscheiden und die Zuweisungen zu klären, die wir vornehmen.

Es gibt nicht nur die offensichtlichen Mechanismen, die sich aus den Geistesgiften Hass, Gier und Verblendung ergeben, es gibt auch die heimlichen Feinde, die wir nur indirekt, durch unsere Verhaltensweisen erkennen können und die sich aus den Tiefen des Unbewussten speisen. USKs (unerlöste seelische Konflikte) spielen hier eine zentrale Rolle.

Die Vorstellung, dass wir uns selbst zerstören ist uns nicht angenehm, besser ist es, wenn uns Feinde zerstören, was wir von unseren Feinden lernen können, ist das wir uns selbst zerstören, das wir selbst die Verantwortung übernehmen können, dass wir unser riesiges EGO zerstören können, das wir uns selbst lieben lernen können, für uns Mitgefühl entwickeln lernen können, wenn wir unsere Feinde lieben lernen.

Die Grundlage einer Ethik der Feindesliebe ist eine Ethik der Selbstliebe, wenn wir davon ausgehen, dass es keinen objektiv ausmachbaren äußeren Feind geben kann, dass zumindest jeder Feind in einer Beziehung zu mir steht. „Liebet eure Feinde“ (Mt. 5,44) „tut Gutes denen, die euch hassen“ (Lk. 6,27) sollte nicht als strategischer „Trick“ gewertet werden um seinen Feind hinterlistig doch noch zu besiegen, sondern als ehrliches Bemühen den Kreislauf der ewigen Feindschaft auch mit sich selbst zu durchbrechen.

Friede tut jedem gut, auch wenn er von sich selbst noch so sehr das Bild des großen Kriegers hat. Der Grundsatz „Frieden schaffen ohne Waffen“ kann leichter zur Sinnstiftung verwendet werden, als sein Gegenteil, denn wer im Kampf siegen muss, kann auch leicht verlieren und selbst wenn er siegt, entschwindet mit dem Sieg der Sinn, der wandert dann unbemerkt zum Besiegten …

Raus aus der Gefangenschaft der Merkel-Politik!

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Von Antje Vollmer und Peter Brandt
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Es gibt für die SPD wohl keinen direkten Weg ins Kanzleramt: Wer Mehrheiten für eine linke Politik erreichen will, muss dem Mainstream etwas entgegensetzen – statt ihm hinterherzulaufen. Ein Appell.

Die Ergebnisse der drei letzten Landtagswahlen in Deutschland sind so klar wie nüchtern zu interpretieren. Auch der größte Optimist begreift: Es führt derzeit kein direkter Weg eines Sozialdemokraten ins Kanzleramt – und kein Weg der politischen Linken zurück zu gesellschaftlichen Mehrheiten.

Innerhalb der SPD gab es zwar einen kurzen kostbaren Moment lang die Illusion einer veränderten Lage, sie beruhte jedoch auf einem Missverständnis: Die Euphorie bei der Ausrufung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten war leichtfertig als lang ersehnte Übereinstimmung mit der Politik der SPD gedeutet worden – sie war aber als Aufforderung gemeint. Viele Menschen wollten wirklich, dass es „ganz anders“ wird. Sie wollten einen „deutschen“ Bernie Sanders.

Es war das Aufflackern einer Hoffnung, die ewige große Koalition könnte endlich ein Ende haben. Es ging wahrlich nicht um den kleinsten Nenner, dass ein Martin Schulz eine Angela Merkel an der Spitze des immer gleichen Politikmodells ersetzt, das nun seit Jahren als alternativlos beweihräuchert wird.

Wer das erkennt, begreift zugleich, dass er einen anderen, risikoreicheren Weg wählen muss, um in Zukunft gesellschaftliche und dann auch parlamentarische Mehrheiten zu gewinnen, und zwar diametral entgegengesetzt zum derzeit vorherrschenden Mainstream. Er weiß auch, dass er die Angst verlieren muss, Angela Merkel im Palast ihrer unantastbaren Selbstbezüglichkeit direkt anzugreifen. Er muss sich aus der babylonischen Gefangenschaft der ungekrönten Herrscherin Europas und ihres Lordsiegelbewahrers Schäuble endlich selbst befreien.

Das Wort „Reform“ wurde zum europäischen Alptraum

Und dafür gibt es gute, vor allem außenpolitische Gründe: Von den hiesigen Leitmedien fast unbemerkt, hat sich das Bild der Deutschen in Europa in der Ära Merkel besorgniserregend verschlechtert. Je selbstbewusster die Bundesregierung in Brüssel dominiert, umso mehr ist sie verhasst. Das gilt nicht nur für Griechenland, Spanien und England, selbst in Frankreich war Abgrenzung von Deutschland für alle Präsidentschaftskandidaten wahlentscheidend. Der politische Kredit, den Jahrzehnte einer auf gegenseitigem Respekt, nationaler Selbstbescheidung und ökonomischem Interessenausgleich beruhenden deutschen Europapolitik bis zur Jahrtausendwende angehäuft hatte, ist aufgezehrt.

Die schwarze Pädagogik, mit der Wolfgang Schäuble seine Zuchtmeisterrolle vertritt, wirkt bigott. Die schnelle Taktzahl von Telefonaten der Kanzlerin, Speeddatings mit Staatenlenkern aller Art und Tätscheleien vor Kameras wirken ohne Kompass.

Was ist die Bilanz? Die mächtigste Politikerin des Kontinents hat den Begriff „Reformen“ zum Albtraum für die Völker Europas gemacht. Sie ist damit im Kern ihrer Mission gescheitert. Sie hat mit den Sondervorteilen der deutschen Wirtschafts- und Finanzpolitik ein Regime der Extraprofite installiert, unter dem alle Volkswirtschaften des europäischen Südens ächzen.

Noch kein Ökonom hat erklären können, wie ein System auf Dauer funktionieren kann, das auf hohem Exportüberschuss eines Landes beruht, ohne faire Handelschancen oder Finanzausgleich für jene Partner und Nachbarn anzubieten, mit denen es den weitaus größten Teil des Außenhandels betreibt. Diese Methode des einseitigen Vorteils ist kurzsichtig, ungerecht und wird sich in absehbarer Zeit gegen den Nutznießer wenden.

Zur Kennzeichnung der Ära Merkel gehören die wachsenden Fliehkräfte innerhalb der EU. Das Ausscheiden Großbritanniens hat zwar nicht hauptsächlich sie verschuldet, mit dem Versuch, ihre Flüchtlingspolitik ganz Europa ungefragt und unabgestimmt überzustülpen, hat sie dem aber ebenso zugearbeitet wie dem Abrücken aller früheren Ostblockstaaten vom bisherigen Konsens Europas. Diese jungen Demokratien fühlen sich von so viel moralischer Überwältigung schlichtweg überfordert.

Die europäische Linke ist in eine Falle getappt

Es scheint, als ob hier die europäische Gesamtlinke in eine Falle gelaufen ist. Die aktionistische Flüchtlingspolitik der Kanzlerin hat europaweit den rechten Parteien Wähler zugetrieben, Wähler, die eigentlich von der Linken zu verstehen und zu integrieren wären. Dies Dilemma kann die Linke nur lösen, wenn sie ihren Begriff von internationaler Solidarität klärt. Wer die Kriege und die geopolitischen Machtkämpfe im Nahen und Mittleren Osten nicht als Ursache der Destabilisierung benennt, betreibt zwar verdienstvolle Sozialarbeit, ist aber fern von einer politischen Antwort auf die Migrationskrise.

Zu den Negativbilanzen in der Merkel-Außenpolitik gehört die Tatsache, dass das Verhältnis zu Russland inzwischen vollständig zerrüttet ist. Seit den Zeiten Willy Brandts und Egon Bahrs galt die Entspannungspolitik auch für Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher bis zu Gerhard Schröder als konstante Grundbedingung für ein Konzept gemeinsamer Friedens- und Sicherheitspolitik in Europa. Was sich heute dagegen „menschenrechtsgestützte Außenpolitik“ nennt, ist in Wahrheit eine moralgestützte Interventions- und Sanktionspolitik mit stark irrationalen Anklängen von Russophobie. Dass eine solche Politik von dem Land, das vor einem dreiviertel Jahrhundert Opfer eines deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieges war und dennoch die entscheidende Weichenstellung zur deutschen Wiedervereinigung geöffnet hat, als zutiefst ungerecht empfunden wird, sollte man zumindest in Erwägung ziehen.

Wem nützt eigentlich diese permanente ressentimentgeladene Konfrontation? Nur den Falken auf allen Seiten! Rein ökonomisch sind schon jetzt viele der wirtschaftlichen Chancen vertan, die sich seit Gorbatschow mit dem nach-totalitären Russland – und übrigens auch mit China – in einer kurzen Phase unbegrenzter Entwicklungs- und Einflussmöglichkeiten auftaten.

Aber auch der deutsche Handlungsspielraum in internationalen Konflikten wurde ohne Not eingeengt. Politisch war das Konzept der gemeinsamen Sicherheit der eigentliche Rückhalt für die Tatsache, dass es Gerhard Schröder 2003 wagen konnte, „Nein“ zum Irakkrieg zu sagen. Diese Zeiten einer Politik des Ausgleichs der Gegensätze zwischen Ost und West und eines gewissen Manövrierspielraums im westlichen Bündnis sind vorbei. Hier geht auch der Einwand in die Irre, man treibe eben keine wertfreie, sondern eine „menschenrechtsgestützte“ Außenpolitik.

Gegenüber den „Verbündeten“ Türkei und Saudi-Arabien, die zu den brutalsten Menschenrechtsverächtern im Nahen Osten gehören, scheinen diese Tugenden keineswegs zu gelten, da herrscht reine realpolitische Doppelmoral. In Wahrheit hat Angela Merkel nicht die Moral, sondern die außenpolitischen Koordinaten all ihrer Vorgänger ausgewechselt. Sie versteht Deutschland, gerade angesichts des aktuellen Schwächelns Amerikas, nun als exponierten Riegenführer und Bannerträger des siegreichen Westens, ihre aktuelle Distanzierung von Donald Trump ist Wahlkampftaktik mit Aufrüstungsabsichten.

Die Lehren, die 1989/90 gezogen wurden, waren falsch

Spätestens an dieser Stelle ist zu fragen: Wo bleibt die SPD? Wo bleiben die Grünen? Wo bleibt die Friedensbewegung? Wo bleiben die Lehren aus der Zeit der Überwindung der Blockkonfrontation und des Kalten Krieges? Wo bleibt die ehemals große Tradition der Solidarität der Linken im Fall der unerträglichen Erniedrigung Griechenlands? Wo bleibt ein Konzept für eine Befriedung des Nahen Ostens, bei der die deutsche Politik nicht einseitige Stütze einer Kriegspartei ist, sondern ausgleichender Vermittler? Wo bleibt die Stärkung der UN?

Mit den falschen Lehren aus dem Umbruch der Jahre 1989 ist die gesamte europäische Linke in eine Sinnkrise und Orientierungslosigkeit geraten, die zu ihrer umfassenden Niederlage und Bedeutungslosigkeit geführt hat. Das war vielleicht unvermeidlich.

Dass sich große Teile der sozialdemokratischen und grünen Führungsschichten aber ohne Not freiwillig in die ewige Gefangenschaft von neoliberalen und neokonservativen Politikkonzepten und -strategien begeben, deren praktische Ergebnisse nach 25 Jahren des wilden Experimentierens niemanden überzeugen, ist nichts als selbst verschuldete Unmündigkeit.

Antje Vollmer ist Politikerin von Bündnis 90/Die Grünen. Von 1994 bis 2005 war sie Vizepräsidentin des Bundestages. Peter Brandt ist Historiker, Mitglied der SPD und der älteste Sohn von Rut und Willy Brandt

Link zum Tagesspiegel

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Es lebe die Scheinheiligkeit!

Wahrscheinlich sind viele von ihnen froh, dass sie ihr Image auf Trumps Kosten polieren können und gleichzeitig so weitermachen dürfen wie bisher. Die USA kündigen ein wirkungsloses Klimaabkommen und die Welt versucht ihre schönste Fassade zu wahren.

Klimaabkommen Paris

„Nicht mit uns – Weiter so!“ lautet die Essenz des Auftritts von Angela Merkel und Li Keqiang, Deutschlands und Chinas obersten Regierenden, um den Pariser Weltklimavertrag zu stärken. Die Realität ist eine andere und wird auch eine andere bleiben: Der Vertrag ist mausetot.

Als ob in der gegenwärtigen Konsum-Kultur das 2-Grad-Ziel nicht schon illusorisch genug wäre, möchte das Pariser Klimaabkommen die globale Erwärmung sogar auf 1,5 °C begrenzen: Rund 700 Mrd. Tonnen CO2 können noch ausgestoßen werden (A roadmap for rapid decarbonization), bevor die Menschheit statt bisher 5 Tonnen weit weniger als eine Tonne CO2 pro Erdenbürger emittieren dürfte.

Friert man die gegenwärtigen Emissionen (knapp 40 Mrd. Tonnen pro Jahr) auf dem Stand von 2016 ein, wäre unser Budget bereits in 20 Jahren erschöpft. Wenn man – wie im Abkommen geplant – die Emissionen bis 2050 auf 5 Mrd. Tonnen CO2 zurückführen möchte, bedeutet dies eine jährliche Abnahme der Emissionen von 6,3 % – das gab es in Deutschland nicht einmal, als nach der Wiedervereinigung die Ost-Industrie zusammenbrach und riesige Effizienzsteigerungen realisiert werden konnten, sondern nur 2009, als im Gefolge der Finanzkrise die Wirtschaftsleistung um über 5 % schrumpfte. Zur Hebung der Stimmung ersann man damals die Verschrottungsprämie.

Wenn nun Jubelgeschrei ausbricht weil in jüngster Zeit die weltweiten CO2-Emissionen nicht mehr scharf anstiegen, dann ist das leicht verfrüht.

  • Erstens: Sie sind nicht deutlich gesunken (0,7 % – das Neunfache wäre nötig).
  • Zweitens: Gerade in Europa sind die Emissionen gestiegen, obwohl seit Jahrzehnten hoch entwickelt: Ein Witz! Obwohl die Möglichkeiten zu individueller Mobilität in Deutschland schon seit geraumer Zeit enorm sind, vernichtet genau die Zunahme des Verkehrs die Einsparungen etwa aus der Energiewende. Wenn selbst in Deutschland die CO2-Emissionen 2016 gestiegen sind, wie kann man dann Szenarien glaubwürdig finden, die für Entwicklungsregionen eine baldige Trendumkehr für möglich erachten. Bedenkt man, dass Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten ca. 15 % seiner CO2-Emissionen ins Ausland verlagert hat, werden solche Szenarien noch irrealer.
  • Drittens: In China sanken die Emissionen – das könnte leider auch ein statistisches Artefakt sein. Nicht weil Chinas Führung ökologisch tickt, sondern weil Städte im Smog versinken, werden Alternativen vorangetrieben. Das Ergebnis ist nicht dasselbe: Wachstum bleibt heilig, der entstehende Dreck wird besser gefiltert und versteckt, und Konsum und Mobilität wird zum Status für eine Milliarde Menschen. Chinesen, Inder, Bangladeshis … alle ticken ähnlich wie wir und bei uns wird seit zwei Generationen konsumiert, koste es was es wolle.
  • Viertens: In Indien sind 46 % der Bevölkerung jünger als 25, in Bangladesh 50 %, in Afrika 60 % – das Konsumentenpotential ist gigantisch und nicht nur wir Deutschen wollen SUVs. VW, BMW … dürfen sich freuen.

Wollte man das Klimaabkommen umsetzen, müssten 80 % der Kohle, 50 % der Gas- und 30 % der Ölreserven in der Erde bleiben. Wer glaubt tatsächlich, dass die USA ihre Kohlereserven im Boden lassen und Russland seine Gas- oder Saudi-Arabien seine Ölreserven? Wer glaubt, dass das von Trump abhängt?

Wer glaubt tatsächlich, dass Rohstoffkonzerne, die den Gewinn ihrer Eigentümer maximieren sollen, ihre Bodenschätze nicht aus der Erde holen wollen? Sie werden sich mit Händen und Füßen gegen Beschränkungen wehren, lobbyieren, Präsidenten schmieren, Kriege führen, selbst wenn Photovoltaik so billig wie Dreck würde. Deren Angst-Rhetorik funktioniert längst nicht nur in den USA.

Claudia Kemfert (Leiterin der Abteilung „Energie, Verkehr, Umwelt“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin) zeichnet deren Lobbying in ihrem neuen Buch „Das fossile Imperium schlägt zurück“ detailliert nach. Ohne eine sehr große und sehr politische Umweltbewegung wird es nicht gelingen, Klimaschutz von der Worthülse zu einer Realität zu machen.

Aus einem weiteren Grund ist ein Erfolg des Pariser Klimaabkommens undenkbar: wegen des weltweiten Wettbewerbs. Jedes Freihandelsabkommen steht dem Geist eines Klimaabkommens diametral entgegen. Weniger Emissionen bedeutet weniger Containerschiffe, weniger Transportkilometer, mehr regionale Wertschöpfungskreisläufe. Standortwettbewerb erzwingt Konkurrenzfähigkeit, erzwingt, dass die Staaten zu Erfüllungsgehilfen und Handlanger privater Konzerne werden.

Was hat mehr Wucht: Die Drohung mit der Schließung eines Werkes mit 3000 Beschäftigten aufgrund zu hoher Umweltauflagen oder die Drohung mit einem Anstieg des Meeresspiegels um 1,4 Meter in 100 Jahren?

Weil diesem weltweiten Treiben kein Ende gesetzt wird, heucheln die Gestaltungseliten des Planeten unisono. Wahrscheinlich sind viele von ihnen froh, dass sie ihr Image auf Trumps Kosten polieren können und gleichzeitig so weitermachen dürfen wie bisher.

Die EU-Kommission verhandelt Freihandelsabkommen mit Japan, Australien, Neuseeland, Chile und vielen anderen, Angela Merkel gibt TTIP noch längst nicht verloren: Entregionalisierung bleibt Programm, um größere Industriestrukturen zu fördern, die den Verbrauchern (was für ein ätzender Begriff) mit billigeren Produkten mehr Konsum ermöglicht.

In den Industriestaaten sind viele Voraussetzungen erfüllt, die Emissionen tatsächlich zu senken, die entfesselten Wachstumskräfte zu bändigen und eine Zukunft mit Maß und Ziel zu befördern. Wären die Vermögen und Einkommen gerechter verteilt, müsste schon heute kein Mensch mehr in Armut leben.

Es sind soziale und ökologische Basisbewegungen wie Attac, Bund Naturschutz, Campact oder Ende Gelände, die den Parteifürsten (einschließlich den Grünen) erst die nötige Chuzpe geben können, auch unbequeme Forderungen zu stellen und Entscheidungen zu treffen. Kinderwerbung und Werbung in öffentlichen Räumen zu verbieten, Automobilkonzernen den Weg zu weisen und Konsumpraktiken öffentlich zu diskreditieren ist erst möglich, wenn es eine gesellschaftliche Stimmung dafür gibt – wenn es ein Stück weit „Hip“ ist, aus der Reihe zu tanzen.

So lange Konsum der Dreh- und Angelpunkt ist, wird auch gegen den Klimawandel nichts helfen. Wie wäre es, sich über Konsumpraktiken öffentlich lustig zu machen, vor allem über solche, die eher Stress als Spaß versprechen und lediglich aus Statusdenken oder Gewohnheit getätigt werden? Eine Woche Bahamas – nur Workaholics machen so was. Audi Q7 und 500-Euro-Hndy, aber keine Zeit, der Frau (dem Mann?) im Haushalt zu helfen? Zum Sport mit dem Sportwagen? Die Kinder mit Konsolen ruhig stellen statt gemeinsamer Outdoor-Erlebnisse?

Eine andere Stimmung ist nötig – das ist nicht mehr und nicht weniger als ein Kulturwandel, der unsere alltäglichen Haltungen und Handlungen verändern muss, von dem Niko Paech oder Harald Welzer unentwegt schreiben.

Quelle: | https://heise.de/-3733658

Ein Bollwerk gegen den Populismus

»Verstehen beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod.« (VZ, S.110)

Wer sich heute darüber beschwert, dass der Populismus auf dem Vormarsch ist, der sollte zu allererst nach den Ursachen fragen, egal ob einem dann das Gericht schmeckt oder nicht. Ich kann nicht auf der einen Seite den kritik- und willenlosen Konsumenten wollen, der mir noch den letzten sinnfreien Müll abkauft und andererseits ein Bollwerk gegen den Populismus verlangen. Man sollte es wagen, ohne ideologische Spielchen und Scheuklappen, nach den Ursachen des Populismus zu fragen und die bleiben immer gleich, egal ob 1933 oder 2017. Hilfreich scheint es mir zu sein, sich bei diesem Fragen nach wie vor von den politischen Überlegungen Hannah Arendts leiten zu lassen.

Die Ursachen des Populismus werden von den Bedürfnissen all jener Menschen begründet, die sich lieber in der Oberflächlichkeit einrichten, als nach tieferen, detaillierten und komplexen Wahrheiten zu fragen.

Diese Bedürfnisse sind sehr stark, zum einen, weil der Satz Georg Steiners „vom Denken, das traurig macht“, nach wie vor stimmt und in einer durchgestylten Spaßgesellschaft der Ritter von der traurige Gestalt einfach nicht so gut kommt, mögen seine Motive und Anliegen noch so ehrenwert sein.

Zum anderen, weil der Rückfall in ‚vorgeschichtliche‘ – also sprachlose – Zeit immer als Möglichkeit bleibt. Es mag richtig sein, dass der von tierischen oder menschlichen Feinden gejagte ‚Homo irgendwas‘ sich schnell und einfach orientieren musste, um entscheiden zu können, ob sich ein Freund oder ein Feind nähert, also ob Bleiben, Fliehen oder Kämpfen die angesagte Reaktion wäre, aber haben wir uns parallel zur Entwicklung unseres Neocortex nicht auch eine sich verfeinernde Kulturgeschichte geleistet?

Es macht im Jahr 2017 keinen Sinn mehr, wenn man im Angesicht des mordend um die Welt ziehenden ‚Homo sapiens sapiens‘ immer wieder auf seine schwere Kindheit vor 50.000, vor 20.000 oder vor 30 Jahren verweist. Nach so vielen tausend Jahren Kulturgeschichte könnte man ja auch mal auf die Idee kommen, statt zu fliehen oder zu kämpfen einfach mal ein freundliches Gespräch zu führen.

Die Macht der Kommunikation ist eine einfache aber nichtsdestotrotz eine sehr wirkmächtige Alternative zum Kämpfen oder Fliehen. Wer spricht – tötet nicht und beginnt – vielleicht – sich auch für sein Gegenüber zu interessieren und wer sich für seine Mitmenschen ernsthaft interessiert, der tötet sie auch nicht mehr so schnell, als wenn sie nur als anonyme Masse ihm gegenüber stehen. Der »Verwaltungsmassenmord« (EJ, S.17) ist jedenfalls, wie der Name es treffend beschreibt, nur an der anonymen Masse zu vollziehen, nicht am Individuum.

Und außerdem gilt der Grundsatz: „Wer nachfragt macht sich schon weniger schuldig – ohne sich gleich mutig ans Messer zu liefern.“ (Hannah Arendt in einem Gespräch mit Hans-Peter Dürr, von mir paraphrasiert)

Ohne Sprechen – kein Denken. Das einzige nachhaltige Bollwerk gegen den Populismus ist das Denken, das kritische, vorurteilsfreie Denken, das man nicht einfach ein und ausschaltet, so wie es Anderen gerade am besten gefällt. Mal kritischer, antifaschistischer, multikulti Denker, mal kritikloser, oberflächlicher Konsum-Mensch, so funktioniert das nicht! Das kritische Denken ist eine Lebenshaltung, kein Konsumartikel, man kann es nicht nach Wunsch von zumeist ‚ökonomischen Interessen‘ mal an, mal abschalten!

So wie Freiheit kein Geschenkartikel oder Prämie für ausgestandene Leiden ist, sondern jeden Tag im Widerspruch neu zu erringen bleibt, so ist es auch mit dem Denken, das die Freiheit liebt, in dem es jeden Tag den Widerspruch vollbringt.

So wie es keinen guten und keinen schlechten Krieg gibt, so gibt es auch keinen guten und schlechten Populismus. Populismus ist ein Strukturphänomen und kein Problem von ‚Rechts‘ oder ‚Links‘. In dem man aus eine differenzierten, komplexen Problemstellung eine einfache, binäre Schwarz-Weiß-Struktur macht, die jedem einfachen, dualen Freund-Feind-Verhältnis zugrunde liegt und wodurch ein eindeutiger Sündenbock, z.B. die Juden, die Ausländer, nur konstituiert werden kann.

Das Nachfragen und der genaue Blick zerstört sofort das Bild des Sündenbocks, den es in seiner notwendigen Reinheit nicht geben kann aber geben muss, wenn er funktionieren soll, Ausnahmen sind bei Sündenböcken nicht vorgesehen, dann fallen sie sofort in sich zusammen.

Auch der populistische Umgang mit den politischen Überlegungen Hannah Arendts – immerhin einer der wichtigsten Denkerinnen der politischen Theorie des 20. Jahrhunderts – zeigt zweierlei, erstens die  populistische Oberflächlichkeit im Einsatz, bei derArbeit und zweitens die Aufdeckung der »Banalität des Bösen«. In der heftigen Kritik an Hannah Arendts Berichterstattung vom Eichmann-Prozess in Jerusalem sah man den Zusammenhang am Werk zwischen Dämonisierung und Glorifizierung. Der Absturz des religiös glorifizierten Nazi-Deutschlands, ein Volk – ein Führer, kann nur in die unendlichen Tiefen des Dämonischen gehen, keinesfalls in die Banalität des Alltäglichen!

Nicht umsonst hat sich die Kritik vor allem an der angeblich verharmlosenden Formulierung der »Banalität des Bösen« und an der »Gedankenlosigkeit« (LG, S.14), die Hannah Arendt Eichmann zugeschrieben hatte, entzündet. Das populistische an der Kritik war wiederum das sogenannte ‚gesunde Volksempfinden‘, das ins Feld führte, was unmittelbar auf der Hand – also an der Oberfläche – zu liegen schien, dass es sich, ob der Größe der Verbrechen der Nazis, nur um eine Befehlskette handeln konnte, die von einem kleinen psychisch kranken, von Dämonen besessenen Führungskaders ausgegangen war und dem die Mehrzahl der Deutschen in ‚ordentlicher‘ Pflichterfüllung Gehorsam leisteten.

Während Hannah Arendt im Nachgang zu Kants Interpretation des »radikal Bösen«, als dem kalkulierten Wunsch, gegen das tief in der Moral und der erzeugenden Vernunft liegende Sittengesetz zu verstoßen (Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, KW, Bd.7, S.665ff), in den Elementen und Ursprüngen totaler Herrschaft zunächst das »radikal Bösen« für geeignet hielt, den geplanten »Verwaltungsmassenmordes« an den Juden zu charakterisieren, hat sie durch den Eichmann-Prozess ihre Meinung geändert.

Hannah Arendts großes Verdienst war es, dass sie die unheilvolle Interpretation der umfassenden, grausamen Vernichtungsmaschinerie der Nazis, als eines metaphysisch, dämonischen, abgrundtief bösen Geschehens, überwand und am Beispiel Eichmanns zeigte, dass es keine zwingende Korrelation zwischen der Größe des Verbrechens und der Größe der Täter geben muss und das die Größe des Verbrechens nicht auf eine starke und tiefe Verwurzelung der Täter-Motive hinweist sondern ganz einfach auf eine sehr reale, sehr banale Wirklichkeit hinweist.

In einem Brief an Gershom Scholem führt sie aus, dass das Denken naturgemäß versucht, sich in der Tiefe zu verwurzeln und sich dort auszubreiten. Dem gegenüber geht die Oberflächlichkeit des Böses nie an die Wurzeln der Dinge, wie ein Pilz breitet sich das Böse über die Welt aus. »Das Böse [kann] immer nur extrem [sein], aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert.« (BWS, S.38)

Die Rede von der Banalität des Böses ist eben gerade keine der Verharmlosung sondern der radikalen Analyse, die eine weit gefährlichere Dimension aufzeigt, als das Gerede von der dämonischen Einmaligkeit des Vernichtungsgeschehens. Die Verführungskraft des oberflächlichen, dualen ‚Raunens‘ liegt weniger in einzelnen Lehrsätzen als in ihrem zukunftssichernden Gestus und in ihrer Ausbeutung des menschlichen Verlangens nach Sicherheit und Sinn.

Das Gefährliche sind nicht abgrundtief böse Menschen, mit denen sollte eine funktionierende Justiz in einem demokratischen Staat fertig werden, sondern die »Gedankenlosigkeit« der Massen. Die Zuflucht von Vielen zu Klischees, die die Aufgabe haben, die Menschen vor der Wirklichkeit abzuschirmen und ihnen eine ideologisch – heute meist nur noch ökonomisch – motivierte Sichtweise zu unterschieben.

Das Hängen an konventionellen, standardisierten Ausdrucks- und Verhaltensweisen gibt Sicherheit, solange diese die Masse und die Macht im Staat repräsentieren, sobald die Staatsmacht zusammenbricht, bricht auch die Sicherheit und die Verhaltensweise der Massen zusammen und jedem Einzelnen wird es unerklärlich, wie er so blind seien konnte. So geschehen in Deutschland nach 1945. Von 100 auf 0 in einem Tag – das war Deutschland zur STUNDE NULL.

Die Masse muss aber nicht immer mit der Macht des Staates zusammengehen, die Macht der Masse kann sich auch gegen den Staat wenden, wenn dieser zu differenziertes Denken, das dem offensichtlichen, ‚gesunden Volksempfinden‘ zuwiderläuft, von seinen Bürgern einfordert, dann treten Populisten auf, die einfache Erklärungsmodelle anbieten, mit denen man sich wieder auskennt, wieder Sicherheit gewinnt und Sündenböcke benennen kann.

Das Gegenteil kann natürlich auch geschehen, wenn von der Politik eine Oberflächlichkeit an den Tag gelegt wird, die nach dem Empfinden der Massen nichts mehr mit den täglich erfahrbaren Fakten zu tun hat, dann können Massen radikal werden, im Sinne von, an die Wurzeln der Gesellschaft gehen.

Wenn das kritische Denken im großen Stil praktiziert wird und es zu Revolutionen kommt, ist der Umschlag in den Populismus natürlich immer eine große Gefahr, dann frisst die Revolution Ihre Kinder, denn der Populismus arbeitet mit sehr einfachen, sofort eingängigen Erklärungsmustern und Vorurteilen. Besonders in unsicheren, revolutionären Umbruchzeiten, wie auch der unseren, die vielen Menschen Angst bereiten, ist er sehr erfolgreich und bekommt genügend Rückhalt. Dann wird eine verfeinerte, komplexe Analyse für viele zum Alptraum des intellektuellen Geschwätzes. Und immer wieder ist dabei zu bedenken, die Verbrechen der Nazis haben eben “keine teuflisch-dämonische Tiefe” sondern ’nur‘ eine banale Oberflächlichkeit zur Ursache, die sich mit Widersprüchen und Differenzierungen nicht beschäftigen will (ebenso wenig wie zu Zeiten Stalinistischer Säuberungen, in denen der Weg freigefegt werden sollte, zum einfachen Automatismus eines sich entwickelnden Sozialismusses).

Die pauschale, begriffliche Zuweisung von besorgten und verängstigten Bürgern als „rechtes, rassistisches Pack“ bekräftigt strukturell, wogegen sie eigentlich angehen will. Wenn wir aus der Geschichte lernen wollen, dann geht das nur noch, in dem wir immer wieder das kritische Denken lernen und den ewigen Zweifel üben.

Gerade in unseren Internetzeiten, in denen die Oberflächlichkeit in allen Farben herrlich blüht, ist denken, fragen, nachdenken mehr als jemals zuvor angebracht. Nichts sollte ohne einen notwendigen Faktencheck hingenommen werden, alles muss auf den Prüfstand einer objektiven Analyse, dann hat die Banalität des Bösen, dann hat der Populismus keine Chance uns zu verführen.

Auch sollten wir uns das Recht zu kritischem Nachfragen, das Recht verstehen zu wollen, das Recht zu denken nicht durch die vehemente Forderung nach einem positiven Gegenentwurf nehmen lassen. Auch nicht durch den internalisierten –  inzwischen vorauseilenden – Maulkorb, wonach der mit seiner Kritik auf ewig zu schweigen habe, der nicht zugleich mit seiner Kritik Alternativ-Vorschläge vorzubringen hat.

Ich möchte keinen aktuellen Blick auf die verschiedenen derzeitigen  Schauplätze des Populismus werfen, das ist ja gerade das Faszinierende an der menschlichen Vernunft, das wir vielmehr wahrnehmen und verstehen, als wir verbalisieren können. Deshalb geht es mir in erster Linie um die grundsätzliche Lebenshaltung des kritischen Denkens, die zur Sprache befördert, was gerne ungesagt bleiben würde, um den Prozess der ideologischen Konstruktion nicht zu stören. Das Böse als Oberflächenphänomen ist überall am Werk und der Teufel, der es in die Welt bringt, ist nur die Visualisierung der Bequemlichkeit im Denken, von der wir alle permanent versucht werden.

Man kann von keinem Mensch verlangen, das er 24 Stunden auf der Höhe seiner mentalen Fähigkeiten handelt, also vor allem kommuniziert, auch kann man von niemandem verlangen, dass er den Helden spielt und sich sehenden Auges ans Messer liefert. Aber was man schon verlangen kann, dass man sich immer wieder um Verstehen und Einsichten bemüht, dass man sich zu Fehleinschätzungen und -urteilen bekennt und diese revidiert oder höflich nachfragt, wenn man offensichtliche Widersprüche entdeckt, egal ob bei sich selbst, bei Freund oder Feind. Besser wäre es sowieso hier nur noch vom Mitmenschen zu sprechen.

Hannah Arendt hat in ihrer leidenschaftlichen und unerbittlich sachlichen Art bei der Beantwortung einer schriftlichen Interviewanfrage auf perfekte Weise zusammengefaßt, was ich meine. Am 19. September 1963 erhielt sie einen Brief von Samuel Grafton  mit der Bitte, ihm die beiliegenden 13 Fragen zu beantworten, um in die hitzige Debatte um ihr Buch über den Eichmann-Prozess etwas mehr Klarheit zu bringen. Schon am 20. September schrieb sie Grafton unter anderem zurück:

“Das Böse ist ein Oberflächenphänomen. Wir widerstehen dem Bösen nur dann, wenn wir nachdenklich bleiben. Das heißt, indem wir eine andere Dimension erreichen, als die des täglichen Lebens. Je oberflächlicher jemand ist, desto eher wird er sich dem Bösen ergeben. Das ist die Banalität des Bösen. Ein Anzeichen für eine solche Oberflächlichkeit ist der Gebrauch von Klischees.” (JW, S.479f)


Von Hannah Arendt zitierte Schriften:

BWS => Briefwechsel Hannah Arendt/Gershom Scholem, Frankfurt 2010

JW => The Jewish Writings. Edited by Jerome Kohn and Ron H. Feldman, Schocken 2007

LG => Vom Leben des Geistes, Das Denken, München 1998.

VZ => Hannah Arendt, Zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Übungen im politischen Denken I. Hg. von Ursula Ludz, München 1994.

Vertrauen auf die menschlichen Fähigkeiten

„Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“
Ernst Bloch, Prinzip Hoffnung, S. 1628

Wenn Frau Karola zu „dem Bloch“ über Ihre Verzagtheit angesichts der fortdauernden Ignoranz und Unfähigkeit des Menschen sprach, sich für eine bessere Welt einzusetzen, sprach „der Bloch“ von der Kleinmütigkeit der Zweifler angesichts des grauen Gangs der Geschichte. „Der Bloch“ sprach vom langen Atem und dem Vertrauen auf die menschlichen Fähigkeiten, die der Mensch durch ununterbrochene Schulung in Sachen Utopie entwickeln müsse. Schließlich und endlich, sei das SEIN doch noch lange keine ausgemachte Sache – sondern ein Möglichkeitsfeld und er, „der Bloch“, ein Handlungsreisender, der viele wunderbare Bilder aus seinem ontologischen Bauchladen des Noch-Nicht-Seins hervor zu zaubern habe.

Natürlich zitierte auch er immer mal wieder den Spruch: „Hoffen und Harren macht manchen zum Narren.“ Aber das war wahrscheinlich nur eine notwendige Opfergabe an die Göttin der intellektuellen Redlichkeit oder war es doch der Vorschein des Menschlichen, bescheiden den Finger erhebend zu einer Nachfrage, angesichts der „überwältigenden Erfolgsgeschichte“ des real existierenden Sozialismus.

Was ich mich dabei immer wieder frage, ist, ob „der Bloch“ denn auch schon mal über irreversible Kipppunkte nachgedacht hatte, ob er die vielleicht noch gar nicht sehen konnte oder vielleicht auch nicht sehen wollte (was schlimmer wäre) oder ob sie – wenn er sie hätte sehen können – doch zur Belehrung der Hoffnung beigetragen hätten. Und wenn sie beigetragen hätten, wie die Hoffnung – als docta spes – im Anthropozän nicht nur überlebt sondern auch noch fruchtbar zu machen wäre.

Als bekennende radikale Konstruktivisten akzeptieren wir nicht nur den Schein sondern auch den Vorschein und wir sind auch geübt darin, uns jeden noch so großen Scheiß schön zu quatschen – oder etwa nicht?

Vorher – Nachher

Liebe Freunde der Weisheit,

wenn etwas grundsätzlich schief läuft, kann man bei wachem Verstand die Probleme in jedem Detail erkennen, weil Grundsätzlichkeit immer mit ähnlichen Strukturen verbunden ist und damit durch einen systemischen Ansatz erkennbar wird.

Nehmen wir mal Weihnachten, also die Zeit, die man früher mal „die Zeit der Stille“ und der Einkehr  nannte und das nicht nur bei christlich geprägte Menschen, sondern auch bei solchen, die von einem – wie auch immer gearteten – spirituellen Materialismus getragen waren und etwas für innere Festlichkeit übrig hatten.

Diese „Zeit der Stille“ ist von der Zeit der lärmenden, anarchischen Warenproduktion abgelöst worden, also von Konsum, Hektik, glänzender Leere, marketingmässiger Äußerlichkeit, Größenwahn und selbstoptimierter Sinnfreiheit. Das wäre nicht so schlimm, wir sind schließlich keine Moralisten um der Moral selbst willen. Verheerend wir es eigentlich nur dadurch, dass diese Entleerung der Formen jede Menge Ressourcen entgültig verbraucht, nicht zuletzt auch menschliche und wir eigentlich nur noch auf Pump leben, ein Pump, den wir nie wieder zurückzahlen werden.

Immer wieder ahnen wir etwas von unsere Zukunftsvergessenheit, aber wir betäuben diese Ahnung der Sinnlosigkeit unseres Tuns mit immer lauteren und grelleren Effekten.

Sagt doch einmal selbst, wo soll der Unterschied sein, zwischen einer Tüte Marihuana und einem berauschenden, glühweindurchtränkten Massenerlebnis auf einem Weihnachtsmarkt? Vielleicht ist das Marihuana biologisch angebaut, der Glühwein ganz sicher nicht?

Gut – der Unterschied ist, auf dem Weihnachtsmarkt kann man das Opfer einer nach wie vor ideologisch verblendeten, dogmatisch verengten Welt werden. Gott sei Dank, das Böse ist immer das Andere, das das schon mal klargestellt wird, ein Schelm, der jetzt an Heckler & Koch denkt. Wir tragen nichts mehr von alle dem in uns, wir sind längst übergelaufen in das friedliche Lager der globalisierten Konsumfreunde, wir sind vereint im Konsum und den lassen wir uns durch einen wahnsinnigen Terroristen nicht nehmen, dafür kämpfen wir gemeinsam.

Eines zeigt sich in der Krise deutlich, das Ziel ist erreicht, endlich wird der massenhafte Konsum symbolisch zum politisch motivierten Kampf für die freiheitlich demokratische Grundordnung. Mögen andere mit zweckentfremdeten LKWs, Maschinengewehren, Panzern und Drohnen kämpfen, wir stehen aufrecht dagegen, wir kämpfen mit Glühwein, Rostbratwürsten, Zuckerwatte und süßem Weihnachtsgedudel. Immerhin, das bringt zumindest kurzfristig keinen um.

Und das Schöne ist doch, jeder kann mittun, der eine mehr, der andere weniger, geradeso wie es der persönliche Geldbeutel hergibt und wer nicht genug hat, dem schieben wir durch unsere vielfältigen Transfersysteme ein paar Spielmarken rüber, damit der auch mittun kann, man will gerade an Weihnacht mal nicht so sein.

Alles ist wieder in bester Ordnung: Die Guten haben den Bösen erschossen, jetzt kann Weihnachten kommen.

Viel Spaß noch …

weihnachten-die-zeit-der-stille

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

Joseph von Eichendorff

nachher

Die Erde wird den Kapitalismus besiegen

Liebe Freunde der Weisheit,LeonardoBoff
nachdem ich zur Zeit nicht die notwendige Ruhe finde, eigene Beiträge zu verfassen, möchte ich heute gerne einen Beitrag von Leonardo Boff veröffentlichen, der in vielen Punkten genau meiner Einschätzung der Weltlage entspricht.

Während meines Theologiestudiums in Berlin Ende der 70er / Anfang der 80er Jahre wurde die Befreiungstheologie Lateinamerikas, die verbunden war mit Namen wie Leonardo Boff oder Ernesto Cardenal, in den theologischen Studentenkreisen heiß diskutiert.

Was uns natürlich besonders empörte, war die Haltung, die die röm.kath. Amtskirche gegenüber der Befreiungstheologie einnahm. Daß die Glaubenskongregation, seit 1542 besser bekannt unter dem Namen „Inquisition“ Theologen wie Leonardo Boff 1985 ein Rede- und Lehrverbot aufgrund seiner „Irrlehren“ erteilte, empfanden wir als einen Skandal, daß Jahre später der damalige Leiter der Glaubenskongregation Kardinal Joseph Ratzinger noch zum Papst Benedikt XVI. wurde, werteten wir als eine Bestätigung unserer Einschätzung der röm.kath. Amtskirche.

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»Docta spes« meine Damen und Herren, »Docta spes«

„Der Mensch ist etwas, was erst noch gefunden werden muß“
Ernst Bloch, Spuren
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Als ich vor mehr als 30 Jahren an einem mehrhundertseitigen Manuskript zur Eschatologie im Denken Ernst Blochs schrieb, auch weil ich damals die Hoffnung damit verband, damit promoviert zu werden, war meine transzendentale Obdachlosigkeit (Lukács) vollständig substituiert von der Blochschen Hoffnung auf ein sozialistisches Reich Gottes. Später als das Manuskript auf unerklärliche Weise in den Tiefen eines undurchdringlichen Dickichts, genannt Dachboden, verschwand, verblaste auch nach und nach die Erinnerung an die Utopie einer besseren Welt im neuronalen Spinnwebwald meines Gehirns.

Trotzalledem! Heute, 30 Jahre später, wird mir bei der erneuten Lektüren von „Atheismus im Christentum“, des „Geist der Utopie“ oder des „Prinzip Hoffnung“ schlagartig bewußt, wie tief mein Denken noch heute von der Philosophie Ernst Blochs und dem „In-Möglichkeit-Sein“ geprägt ist und wie viel ich dem Studium seines Werkes in jungen Jahren für mein Leben zu verdanken habe.

Spurensuche!

Der Blick aufs merkwürdige Detail, das Dunkel des gelebten Augenblicks, die elastische Zeitstruktur, Vor-Schein, aufrechter Gang, NochNichtSein, beerbte Religion, Ungleichzeitigkeit, Tendenzkunde, Novum, Experimentum mundi, Unabgegoltenheit und noch viele, viele weitere Begriffe kommen mir aus der Dunkelheit des Vergangenen entgegen und lassen ein vages trotzdem behagliches Gefühl von „Heimat“ im Raum des Denkens entstehen. »Docta spes« meine Damen und Herren, »Docta spes« weiterlesen

Weihnachten daheim!

Liebe Freunde der Weisheit,

der Klimagipfel in Paris hat es uns mal wieder in Erinnerung gebracht: Jeder in Deutschland lebende Mitbürger sollte pro Jahr nicht mehr als 10 Tonnen CO2 in die Atmosphäre blasen.

Also: Nix mit in die Sonne fliegen – schön daheim bleiben und sich’s am heimischen Herd gemütlich machen – mit wenig Fleisch und wenig Ausfahrten mit dem Auto. Und wenn schon Auto – dann so klein wie möglich, maximal 5 Liter Sprit pro 100 KM.

Ich wünsche Euch eine schöne Weihnachtszeit.

Beim nächsten Mal wird alles anders …

Alle Welt (in Deutschland) spricht nur noch von Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen, dabei geht der Schlagabtausch der verschiedenen Lager weniger pragmatisch als ideologisch vonstatten. Deshalb schlag ich vor, daß man beim nächsten Flüchtlingsthema, das noch weitaus größere Dimensionen als das momentan aktuelle haben wird, strikt pragmatisch nach dem Verursacherprinzip vorgeht.

Ich meine das Thema der Klimaflüchtlinge, in UNO Kreisen würde man diese Menschen auch bisweilen gerne als KlimaMigraten bezeichnen, damit man ihnen keine völkerrechtlichen Schutzrechte einräumen muß.

Diese 200 bis 350 Millionen Menschen (aus Südamerika, Afrika, Südostasien) , die bis 2050 wahrscheinlich auf Achse sein werden, weil Ihr Land durch Überflutungen, Wüstenbildung, Dürren und extreme Naturkatastrophen zerstört ist, sollten nach dem Verursacherprinzip auf die Staaten verteilt werden, auch wenn schon heute die meisten befragten Klimaflüchtlinge nach Europa wollen. Vielleicht würde diese konkrete Aussicht die sogenannte Völkergemeinschaft endlich mal zum Handeln bewegen. Noch könnte man handeln, sonst handelt der Planet definitiv! Beim nächsten Mal wird alles anders … weiterlesen

Vorboten einer neuzeitlichen Völkerwanderung

Ein nachdenklicher Zwischenruf eines ehemaligen Asylrichters

Von PETER VONNAHME, 22. August 2015

Allmählich dämmert es auch den eifrigsten Verfechtern eines kurzen Prozesses mit „Asylbetrügern“ und „Wirtschaftsflüchtlingen“, dass es nicht damit getan ist, Ressentiments gegen Menschen in Not zu schüren. Denn was wir gerade beobachten können, ist nichts weniger als der Vorabend einer neuzeitlichen Völkerwanderung. Die Hunderttausende, die in unsere Städte und Dörfer strömen, sind nur die Vorhut. Viele Millionen stehen bereit, ihnen nachzufolgen. Der deutsche Innenminister musste deshalb die Jahresprognose für die in Deutschland ankommenden Asylbewerber kurzerhand von 450 000 auf 800 000 nahezu verdoppeln.

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Warum wir das Bild vom Waldorganismus brauchen!

Der Paradigmenwechsel weg von einer mechanistischen Sichtweise auf den Wald, die Waldwirtschaft und die quantitativ „nachhaltige“ Holzernte hin zu einem (über-)lebenswichtigen „Waldorganismus“ ist seit Jahrzehnten überfällig!

Selbstorganisation ist das große Schlagwort, das man mit dem Thema Organismus verbindet! Das die Erde und ihre Biosphäre, als die Gesamtheit aller Organismen, selbst als Organismus, als ein Lebewesen betrachtet werden kann, geht auf die Mikrobiologin Lynn Margulis und den Chemiker, Biophysiker und Mediziner James Lovelock zurück, die diese Sichtweise Mitte der 1960er-Jahre entwickelt haben.
Leider wurden die Organismusthesen von James Lovelock vor allem in der Eso-Szene und der New-Age-Bewegung sehr stark unter dem Begriff „Gaia“ rezipiert, was zu vielen Ressentiments von Seiten der Wissenschaft geführt hat, jenseits der inhaltlichen Debatten. Warum wir das Bild vom Waldorganismus brauchen! weiterlesen

Arno Schmidt

ArnoSchmidtHier mal wieder ein paar Zitate von einem meiner Lieblingsautoren, nachdem 2014 (100. Geburtstag) vorbei ist. Aber eigentlich ist es auch egal, man käme auch so nicht in den Verdacht, einem Tagestrend nachzulaufen, denn auch in diesem Jubiläums=Jahr hat sich niemand an ihn erinnert, außer ein paar wenigen ambitionierten Buchhändler, die die Bargfelder Ausgabe auf Halde liegen haben, weil bei ihnen Hoffnung immer noch vor Wirtschaftlichkeit geht:

»Diskussionen haben lediglich diesen Wert: daß einem gute Gedanken hinterher einfallen«

»Das Verläßlichste sind Naturschönheiten. Dann Bücher; dann Braten mit Sauerkraut«

»Die halbe Nazion iss irre; (& die andre Hälfde nich ganz bei Groschn!)«

»Am Ende sind doch immer die Schlimmsten Meister, das heißt: Vorgesetzte, Chefs, Direktoren, Präsidenten, Generale, Minister, Kanzler. Ein anständiger Mensch schämt sich, Vorgesetzter zu sein!«

»Ich habe, wie gesagt, auf die Verhältnisse bereits vor vielen Jahren hingewiesen; und sie auch einmal an einer umfangreichen Modellarbeit … zu exemplifizieren versucht – die Nicht=Teilnahme der Leserschaft übertraf die kühnsten Erwartungen«

»Es ist nichts so absurd, daß Gläubige es nicht glaubten. Oder Beamte täten«

»Nur die Phantasielosen flüchten in die Realität«

»Die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare«

Laudato si‘ oder dominium terrae?

Papst Franziskus„Macht Euch die Erde untertan“ (Genesis 1,28)
und die heute erschienene, 222 Seiten starke,
Enzyklika “ Laudato si‘ “ von Papst Franziskus
„Über die Sorge für das gemeinsame Haus“,
stehen sich – meiner Meinung nach – unver-
söhnlich gegenüber!

Der Aufforderung, uns die Erde untertan zu machen, sind wir Menschen ja in den letzten Jahrtausenden und ganz besonders in den letzten 30 Jahren ausgiebig nachgekommen,  denn wir behandeln die Erde in der Tat wie den letzten Dreck, eben wie einen Untertanen, der ausschließlich dazu da ist, alles ausschließlich für unser Wohlergehen, unser Wachstum, unseren Wohlstand ranzuschaffen, egal was das für unseren Heimatplaneten selbst bedeutet und natürlich auch in der Konsequenz für uns.

Wenn es nach uns, vom christlichen Abendland geprägten, Menschen geht, dann besitzt die Erde keinerlei eigene Rechte, die wir als Menschen achten müßten, und dies, obwohl wir eigentlich täglich, stündlich, ja in jeder Sekunde dieser Erde danken müßten, für all die Wohltaten, die sie allen Lebewesen ganz uneigennützig bescherte und immer noch beschert. Laudato si‘ oder dominium terrae? weiterlesen

Atheist?: Allerdings!

Arno Schmidt. : :

Arno Schmidt (Copyright 1984 Arno Schmidt Stiftung Bargfeld)

(Erstveröffentlichung 1957) .

1. Es ist wieder einmal hohe Zeit, dem Christentum zu bedeuten, was ein Unbefangener von ihm hält; heute, vor einem Rundhorizont von Synoden und Gottsuchern, Schattengestalten mit scholastisch gerunzelten Wolkenstirnen, unfehlbar, mißbilligend, bejahrt, seit kurzem wieder „Herr der Heerscharen“: Ich habe es tragen müssen, der ihr Koppel : „Gott mit Uns“ hieß es sechs Jahre lang auf meinem unschuldigen Bauch: Da will ich doch einmal betonen, daß es nicht auch auf meinem Kopf stand!

2. Meine Antwort auf die Frage „Was halten Sie vom Christentum?“ lautet also : „Nicht sonderlich viel!“ Atheist?: Allerdings! weiterlesen

Gaia und die kambrische Explosion

Ich würde behaupten, daß sich in einem dialektischen, evolutionären Prozeß der lebendige Organismus „Erde“ entwickelt hat, in jenem Augenblick in dem „Gaia“ zu voller selbstorganisierender Funktionalität sich entwickelt hatte, konnte die kambrische Explosion starten.

Ich würde weiter behaupten, daß der Begriff „Anthropozän“ ein treffendes Schimpfwort für eine erdgeschichtliche Periode ist, in der der Mensch den über Jahrmillionen entwickelten, selbstorganisierenden Organismus „Gaia“ durch seine grenzenlose Dummheit und Ignoranz zerstört hat.

Siehe dazu meinen Beitrag: „Der Neocortex ist an allem Schuld“

Der „Steiner-Schrott“ ist doch ganz brauchbar!

Am Werk Rudolf Steiners arbeiten sich seit gut 100 Jahren Schubladendenker aller Couleurs und Klassen begeistert ab. Der „Steiner Schrott“, wie manch ein Linker das Denkgebäude Rudolf Steiners gerne auch mal polemisch bezeichnet, hat uns nicht nur biologisch-dynamische Agrar-Produkte beschert, sondern auch ein Denkgebäude, das wirklich sehr lohnenswert ist, natürlich nur, wenn man bereit ist, ohne Scheuklappen und Schubladendenken sich damit auseinanderzusetzen.

Da mir schlichtweg die Zeit fehlt, die Broschüre mit meinen beiden Einführungsvorträgen zum 90. Todestag Rudolf Steiners in wissenschaftlich korrekter Form fertigzustellen, finden Sie unten das unfertige Manuskript im PDF-Format, wenn Sie auf das Bild klicken.

„Ohne Wachstum ist alles nichts.“

Liebe Freunde der Weisheit,
die meisten von Euch werden das obige Zitat eher in der „Liebes-Version“ kennen, als in der von unserer Bundeskanzlerin. Es ist immer wieder erstaunlich, wie entlarvend Äußerungen oft sein können, denn in der Tat hat unsere Wirtschaft und unser Wachstum inzwischen einen emotional gefestigten Grad von Wahrheit erreicht, den man nicht anders als religiös bezeichnen kann. Die durchschlagende Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse macht an keiner Stelle Halt, auch die Liebe ist zwischenzeitlich nur noch durch Aufwand-Nutzen-Relationen bestimmt. Insofern ist es absolut folgerichtig, das Wort „Liebe“ durch das Wort „Wachstum“ zu ersetzen, denn unsere eigentlich Liebe gilt nurmehr dem Wachstum um jeden Preis. Deshalb könnte das Zitat der Bundeskanzlerin auch heißen: „Wachstum ist nicht alles, aber ohne Wachstum ist alles nichts.“

In unserer Gesellschaft gibt es – zumindest was die Parteien betrifft, die auf Bundes- und Länderebene vertreten sind – kaum jemand in diesen Parteien, der es inzwischen noch wagen würde, die grundsätzliche Leitidee unserer Gesellschaft in Frage zu stellen und was noch schlimmer ist, der nicht mal auf die Idee kommt, man könne dieses Ideologem mal hinterfragen. Es ist diese Idee des Wirtschaftswachstums, die auf eine Wirtschaftsphase des “Kapitalismus” zurück, in der sich niemand so recht vorstellen konnte, daß auf diesem riesigen Planeten die Ressourcen trotzdem endlich sind und irgendwann mal zuende seien könnten. „Ohne Wachstum ist alles nichts.“ weiterlesen

Caspar David Friedrich und die Romantik

FriedrichCurriculum vitae

Plan-Materialisierung / Sternzeit
im Kalender GregorX3: 1774-08-05

Im Sternbild Jungfrau

Terrestrischer Spannungsbogen in dieser
Materialisierungsphase Greifswald – Dresden

Plan-Ent-Materialisierung / Sternzeit
im Kalender GregorX3: 1840-05-07

Lebensdaten siehe Wikipedia >>>

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Caspar David Friedrich ist der Maler der “Schwelle”, zwischen Midgard und Utgard wandert er als “einsamer Maler-Mönch” hin und her. Zwischen Midgard und Utgard deshalb, weil es eine Fehlinterpretation wäre, wenn man von einer zeitlichen Abfolge ausginge: Erst kommt das Diesseits, dann das Jenseits. Nein! Immanez gibt es niemals ohne Transzendenz und umgekehrt, man kann nicht das eine gegen des andere aufstellen, beides ist wesenhaft.

Der einsame Baum

Deshalb ist Caspar David Friedrich der Maler der Romantik, die noch im Alten und schon im Neuen verortet ist, eine Schwellen-, eine Grenzsituation, die den Blick zurück und den Blick nach vorne erlaubt.

Das Bild mit dem einsamen Baum oben ist nur auf den ersten, flüchtigen Blick eine Dorflandschaft bei Morgenbeleuchtung, die Darstellung einer ‚heilen, romantischen Welt‘, genau besehen ist dieses Denkbild eine scharfe Kritik an der Zeit, in der es entsteht, die Zeit um 1822. Die Schäferidylle ist in der immer mehr durch die industrielle Revolution geprägten Zeit, längst zu einem vergangenen Sehnsuchtsort geworden, die Natur ist nur mehr der Resssourcenlieferant der gefräßigen Industrie, die gar nicht genug von all den üppig vorhandenen Rohstoffen bekommen kann.

Aber was zeigt das Bild: Einen winzig kleinen Schäfer, der an dem riesigen Baum, eine „Deutsche Eiche“, stellvertretend für die Natur insgesamt, lehnt. Beides ist eine Einheit, die Natur bietet Schutz, wenn man es versteht sich unter ihre Fittiche zu begeben. Winzig ist der Mensch im Vergleich zu den erhabenen, riesig großen Natur. Ein Frevel ist es, sich über diese Natur erheben zu wollen, sie als Steinbruch seiner Gier zu begreifen.

Der Schäfer mit seinem Hirtenstab weidet seine Herde in der Wiese. Die Ebene wird durch Weiher mit Schwimmvögeln, Baum- und Buschgruppen sowie Wäldchen mit Häusern, aus deren Schornsteinen Rauchfahnen aufsteigen, belebt. In den Teichen spiegelt sich der Himmel. Am Abschluss der hell beleuchteten Ebene sind die Kirchtürme einer Stadtsilhouette zu sehen, dahinter steigen die dunklen Berge eines Mittelgebirges auf, dessen dunstiges Grau mit dem Blaugrau des Himmels verwandt scheint. All dies vom Menschen Gemachte, wirkt winzig gegenüber der Eiche im Mittelpunkt, beinahe nimmt man das Menschliche gar nicht war.

Es ist nicht nur die Schwelle zwischen Immanenz und Transzendenz, von der das Bild bestimmt wird. Das Überirdische kommt durch die Spiegelungen des Himmels im Teich oder die fernen Kirchen zum tragen. Ein Baumstumpf und die Ruine einer Burg können als Symbole der Vergänglichkeit gelten. Weit wichtiger aber ist die Darstellung des Umbruchs, noch steht die alte Eiche, ihre Wurzeln reichen weit in die Geschichte zurück, aber ganz Oben in Himmelsnähe beginnt sie schon abzusterben.

Meiner Meinung nach muß das Malen der Schwelle für Caspar David Friedrich nicht nur als das Malen des Menschen an der Todesschwelle verstanden werden, sondern auch als das Malen des menschlichen Lebens auf der Schwelle zwischen Immanenz und Transzendenz und zwischen Gestern und Morgen.

Nur wenn im Leben Immanenz und Transzendenz anwesend sind, ist es vollständig, denn der Sinn wohnt gleichermaßen in den Dingen, wie außerhalb von Ihnen, weil es keine von einander unabhängigen Dinge gibt. Dem entsprechend heißt Leben immer überschreiten der Schwelle in beiden Richtungen.

So sind seine Landschaftsbilder nicht nur ein Ausdruck romantischer Vergangenheitssehnsucht sondern auch eine Metapher seiner Suche nach dem Numinosen, so wie es Rudolph Otto verstehen würde. Wie klein, sterblich und verloren ist der Schäfer inmitten der Natur, niemand würde beim Betrachten der Bilder Caspar David Friedrichs auf die Idee kommen der Mensch könne Herrscher über die Natur sein.

Über all seinen Bildern steht das “Memento mori” und das Ringen um die geitige Welt – nicht das Aufladen materieller Güter in einer Scheinsicherheit des Lebens. All seine Bilder sind Hoffnungsbilder in Zeiten transzendentaler Obdachlosigkeit, wenn man sich nur mutig der Verlassenheit ausliefert, kann tiefes Leben gelingen.

Ruegen

Midgard das ist für Ihn Winter, Sturm, Dunkelheit, Kälte, Verlassenheit, Utgard, die spirituelle Welt ist jenseits der Grenze ist hindurchbrechendes Licht, geistige Heimat. Fast all seine Figuren auf den Bildern wenden uns Betrachtern den Rücken zu, sie wollen nicht uns gefallen, sie sind Suchende, die uns bestensfalls absichtslos mit in ihre Suche hineinziehen. Sie halten stille Andacht vor der Natur.

Steht jemand auf der Straße, schaut intensiv in eine Richtung, unwillkürlich tun wir es ihm gleich, auch wir wollen sehen, was es denn da Interessantes zu sehen gibt, wohin der Blick des Suchenden geht, der uns aber gar nicht weiter zu beachten scheint, irgendwann – meist recht schnell – geben wir auf, denn wir sehn nichts von dem, was wir erwarten, wir gehen weiter, der einsame Suchende bleibt indes unverwandelt stehn, das ist die Situation, die man in vielen Bildern Caspar David Friedrichs antrifft.

Winter

Nicht umsonst gilt sein Bild “Winter” von 1808 (das in der Neuen Pinakothek in München hing und leider 1931 verbrannt ist) als ein Schlüsselbild der Romantik. In diesem Bild wird die Ruine (es handelt sich um die Ruine des Klosters Eldena, die Friedrich dutzende Male gezeichnet und gemalt hat) zum zentralen Symbol. Das Menschenwerk – das Kloster, die Kathedrale der Stille – geht wieder eine Einheit mit der Natur ein, der Kreislauf ist geschlossen, Werden und Vergehen gehören zusammen. Der einsam wandernde Mönch, der beschwerlich durch den Schnee unbeirrbar seinen Weg geht, ist auf dem Weg zur Schwelle, von Midgard nach Utgard. Der mittlere Bereich ist der von Dunkelheit umfangene, aber von weiter weg kann der Wanderer schon das Licht der geistigen Welt erahnen, die ihm auch den Vordergrund schon erleuchten hilft. Die Natur ist nur kalt zu dem, der sich von ihr abgewendet hat, von ihr entfremdet ist.

Der Wanderer ist unbeirrt von der Hoffnung getragen, daß er hindurchkommt durch die Dunkelheit des “Abendlandes” zum spirituellen Licht des Morgens, jenseits des Winters.

Caspar David Friedrich ist ein Meister der Denkbilder, das kann einen nicht verwundern, wenn man sich seine eigenen Worte ins Gedächtnis ruft: “Schließe dein leibliches Auge, damit Du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild. Dann fördere zu Tage, was du im Dunkeln gesehen (…) Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.” (zit. nach Ekkehard Meffert, siehe Insel Bibliothek)

Caspar David Friedrich hat man immer im Kontext der Romantik interpretiert als einen ewig Gestrigen, der untergegangenen Welten nachhängt und in seinen Bildern die Verlassenheit des Menschen und seine Todessehnsucht thematisiert.

Sollte man ihn nicht viel eher als einen ökosophischen Arbeiter an der Transzendenz, die der Natur immanent ist, als den Bewahrer des spirituellen Reichtums der Welt wahrnehmen, als jemanden der die Erde liebt und in Harmonie in und an ihr arbeiten will.

In seiner Mönchszelle, seinem Atelier hat er Bilder erdacht und gemalt, die unbedingt in die Bibliothek überzeitlicher Werke gehören, weil sie von einem unterirdischen Fluß getragen werden, der unser Herz immer wieder erreicht, egal wie verloren wir durchs All treiben.

MalerMönch

Scotney Castle und die Romantik

Große kunstgeschichtliche Veränderungen gehen meist massiven gesellschaftlichen Veränderungen voraus, weil Künstler oft wie Seismographen früher als alle anderen, starke Veränderungen am Horizont heraufziehen sehen. Das Erdbeben, daß die Welt irreversibel veränderte, war die industrielle Revolution, der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft, der alles mit sich fortriß und neu bewertete, was bis dahin unhinterfragt gegolten hatte.

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Das naturwissenschaftlich, mathematisch geprägte Verständnis der Welt, was in der Rennaissance begann und seinen ersten Höhepunkt in der Aufklärung fand und in dem Satz von Laplace, er benötige für sein Weltbild die Hypothese „Gott“ nicht mehr (gegenüber  Napoleon geäußert!), z.B. seinen Ausdruck fand, bestimmte sowohl gesellschaftlich, wie künstlerisch die Zeit vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, die man in der europäischen Kunstgeschichte die Zeit der „Romantik“ nennt.

Die „Romantik“ als geistige Bewegung hat auf vielfältige Weise die Kulturgeschichte Europas beeinflußt, auch die unterschiedlichen sozialen Bewegungen in England und Deutschland nahmen Ihren Anfang in der Romantik. Ihr spannungsgeladener und oftmals kontrovers zu beurteilender Einfluss auf die moderne, ja sogar postmoderne Gesellschaft, lässt sich bis zum heutigen Tag nachweisen.

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Für die Romantik wird das Verhältnis des Menschen zu seinen Wurzeln, zu seiner Lebensgrundlage, der Natur, zum zentralen Motiv! Romantiker, wie August Wilhelm Schlegel haben schon ein klares Gespür für die „Dialektik der Aufklärung“, sie kritisieren das mechanistische, nützlichkeitsgeleitete Denken der Aufklärung. Ihr Naturverständnis ist von einem pantheistischen Denken im Sinne Spinozas geprägt, Natur ist für sie nicht ein durch instrumentelle Vernunft zu beherrschender Feind, der nur als Ressourcenlieferant für den Menschen angesehen wird, sondern ein göttlicher – nicht unbedingt von Gott gegebener – lebendiger Organismus, dem sich der Mensch in kontemplativer, gar meditativer Weise zu nähern habe.

Die Romantiker sind frühe Ökophilosophen, sie kontrastieren ihre Organismusvorstellungen von Mensch und Natur mit dem instrumentellen Vernunftdenken eines aufsteigenden Bürgertums, für das nur noch ökonomische Grundprinzipien bei ihren Entscheidungen Relevanz haben. Der wertkonservative Protest der Romantiker wendet sich gegen das Aufkommen eines ausschließlich nach ökonomischem Nutzen und Ertrag ausgerichteten Denkens. Ihr frühes, ökologisches Denkgebäude orientiert sich an einem vielseitig entwickelten, man könnte sagen ganzheitlichen Menschenbild, das zu ihren Vorstellungen von einem harmonischen Gleichgewichtszustand zwischen Mensch und Natur korrespondiert.

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In dem Maß, in dem die Entfremdung von der Natur, des nun mehr von industriellen Produktionsbedingungen bestimmten Menschen, zunimmt, in dem Maß versucht die Kunst zu retten, was zu retten ist. Die Malerei der Frühromantik und die Garten- wie Landschaftsgestaltung des englischen „Picturesque Style“ versuchen eine Rettung des Menschen inmitten der Natur, im Augenblick seines Untergangs als Teil der Natur!

Es ist die Flucht vor der Unwirtlichkeit der industriellen Produktion, des heraufziehenden Fabrikwesens. Die Natur wird zur Kirche des Universums geweitet, in der man still seine Andacht verrichtet, meditiert, seiner Melancholie, seiner Sehnsucht nachgeht, im Augenblick des Verlustes der kindlichen Unschuld, des Einklangs mit der Natur, wie Schiller es ausdrückte.

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Der „pittoreske“ Landschaftspark, wie er an seinem theoretischen, wie praktischen Höhepunkt um 1800, gestaltet wurde, bringt diese Dialektik von Natur und Mensch in zwei Kunstformen zum Ausdruck, in der Malerei und in der Garten-/Landschaftsgestaltung. Der malerische Landschaftsgarten wird einerseits wie ein Gemälde gestaltet, ist aber auch gleichzeitig wieder das Objekt, das Motiv der malerischen Gestaltung durch den Künstler. Malerei und Landschaft gehen ineinander über, durchdringen sich wechselseitig, treten in einen Dialog miteinander.

Der Gartenbesucher, der durch die modernen, industriellen Lebensbedingungen bedroht ist, Gefahr läuft, in einem unaufhaltbaren Sog in eine von der Natur weitgehend entfremdete Existenz hinuntergezogen zu werden, wird vor eine malerisch gestaltete, idealtypische Landschaft gesetzt, die ihm helfen soll, sich dieser Verstrickungen durch Reflexion und Bewußtsein zu entschlagen, in dem er über die Natur und sein Verhältnis zu Ihr in andächtig, stiller Meditation nachsinnt und sich ganz einnehmen läßt von der göttlichen Erhabenheit des Naturschönen.

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Wenn man offen ist und sich ganz auf den Augenblick einläßt, dann kann diese Intension Wirklichkeit werden. In dem Landschaftspark und dem mittelalterlichen Schloß von Scotney Castle in Kent habe ich während der letzten 30 Jahren immer wieder diese Erfahrung gemacht. Jedes Mal hat mich dieser Ort wieder verzaubert. Als ich 2013 das letzte Mal Scotney Castle besuchte und die 200 jährige „Deutsche Eiche“ im Gartenteil hinter dem alten Schloß wieder bewunderte, habe ich wieder einmal mehr das Geheimnisvolle alter Bäume gespürt und mir wurde klar, was die Voraussetzung ist, das Geheimnis alter Bäume zu erfahren. Wie alle großen Wahrheiten ist auch dieses Geheimnis zunächst ganz trivial, aber in seiner weitreichenden Bedeutung kaum zu überschätzen. Das Geheimnis alter Bäume ist zunächst und vor allem, daß sie der Mensch nicht fällt und damit künftigen Generationen die Chance läßt, das Geheimnis der Bäume ebenfalls zu entdecken.

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Wer sich Zeit nimmt und in aller Ruhe diesen Landschaftgarten für sich erobert, kann ganz, ganz viele Geheimnisse entdecken, im Garten aber auch bei sich selbst. Schon wenn man z.B. Ende Mai auf der hauseigene Zufahrtstraße langsam Richtung Scotney Castle rollt oder noch besser zu Fuß geht, kommt man zunächst durch einen lichten Laubwald, dessen Boden bedeckt ist von Abertausenden blauer Glöckchen, den legendären ‘Bluebells’. Man kommt sich vor, als wäre man in einen verzauberten Märchen- ooder Feenwald geraten.

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Vom ersten Moment an versucht der Landschaftspark rund um die mittelalterliche Schloßruine von Scotney Castle die Absicht, bestimmte Landschaftsformen für unsere menschliche Wahrnehmung so zu vervollkommnen bzw. erst zu erschaffen, daß diese, bei kunstvollst gestalteter ‘Natürlichkeit’, dem perfekten Ideal einer Landschaft gleichen, so daß sich auf gänzlich unauffällige Weise Kultur- und Naturgeschichte miteinander verwachsen, sich für den Besucher zunächst praktisch, anschaulich aber dann auch theoretisch durchdringen.

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Scotney Castle hat alles, was ein idealtypischer „pittoresker“ Landschaftspark haben muß: üppig bewachsene Hänge, malerisch, verwunschene Waldstücke, weite Wiesen, verwunschene, meandrierende Wasserläufe, lange Blickachsen, verträumte, geheimnisvolle Winkel – eben das ganze Arsenal eines ‘pittoresken’ Landschaftsgartens. Aber die unvergleichliche Perle der ‘pittoresken’ Gartenanlage ist das in den Park eingebettete hochromantische, mittelalterliche Wasserschlößchen unten im Tal des Flüsschens „Bewl“ inmitten eines kleinen Sees, zu dem das Flüsschen hier aufgestaut wurde.

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Im Unterschied zu den oft extra erbauten Follies im malerischen, englischen Garten, liegt der Baubeginn für den ältesten Teil dieses auf einer kleinen Insel gelegenen Märchenschlosses bereits um 1378. Der elisabethanische Südflügel kam ab 1580 dazu, er wurde direkt an den kreisrunden Turm der mittelalterlichen Festungsanlage angebaut.

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Der Ostflügel im Stil von Inigo Jones wurde 1630 hinzugefügt. Allerdings wurde er 1843 beim Bau des neuen Schlosses der viktorianischen Ära teilweise abgebrochen, so daß die ‘Ruinen’ der Außenmauern nun die dekorative und hochromantische Kulisse für einen ‘walled garden’ abgeben.

Das Ganze ist pittoreske englische ‘folly’-Architektur vom Feinsten! Kein Wunder, das dieser Ort immer wieder für künstlerische Darbietungen verwendet wird, kann man sich eine bessere Bühne für Shakespeares „Sommernachtstraum“ (engl. A Midsummer Night’s Dream) vorstellen, wohl kaum.

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Nachdem die Familie Hussey, die das Anwesen von der Familie Darrell, der das Anwesen 350 Jahre! lang gehörte hatte, im Jahre 1778 gekauft hatte und das mittelalterliche Schloß als Familienwohnsitz aufgab, vielleicht auch deshalb, weil sich sowohl der Käufer, wie auch einer seiner Söhne tragischerweise im Schloß erhängt hatten, wurde die gesamte Insel quasi zur Gartenskulptur, man könnte auch sagen zur jahreszeitlich wechselnden Bühne eines hochromantischen, englischen Schauerromans. Im Schauerroman, diesem neuen Genre der Romantik kommt das Dunkle und das Erhabene in einem Kunstwerk zusammen, so daß sich eine bislang unbekannte Seelenlandschaft in der Spannung von Mensch, Natur und Kultur ergibt, gleichsam eine künstlerisch-literarische Exemplifikation der „Dialektik der Aufklärung“.

In Scotney Castle kommt alles auf idealtypische Weise zusammen, das Erhabene der Natur liegt unmittelbar neben dem Dunklen der menschlichen Abgründe, wer sich die Zeit nimmt und im Schloß, im „walled garden“ auf der Insel oder auf dem Rundweg um den See, bzw. den weitläufigen Wegen des Landschaftsparks für einige Zeit in kontemplativer Stille verhart, kann dies alles selbst erfahren.

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Es ist faszinierend wie sich bei jedem Innehalten dem Auge des Betrachters ein neues Landschaftsgemälde eröffnet. An tausend verschiedenen Stellen könnte der Maler seine Staffelei aufstellen und mit einem hochromantischen Landschaftsbild beginnen. Es ist beeindruckend, wie dieser Landschaftsgarten kaum sichtbare Zeichen menschlicher Eingriffe aufweist und doch ist alles kunstvoll mit höchstem Aufwand von Menschenhand gestaltet, es ist die Apotheose des Kunstwerks der Natur.

Der Spannungsbogen von Scotney Castle geht über  zwei Jahrhunderte. Theoretisch hatten Edmund Burke mit seinen „Philosophischen Untersuchungen über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen“ von 1756 und Immanuel Kant in seinen Betrachtungen über das Erhabene in der „Kritik der Urteilskraft“ von 1790 die notwendigen Vorarbeiten geleistet, der malerische Landschaftsgarten Scotney Castle war nun die Exemplifikation dieser theoretischen Überlegungen. Deshalb ist es kein Wunder, daß der letzte Besitzer von Scotney Castle, Christopher Hussey, in den 20er Jahren des 20sten Jahrhunderts seine in Garten- und Kunstgeschichtskreisen bahnbrechende Studie „The Picturesque“ natürlich auf seinem Familiensitz Scotney Castle geschrieben hat.

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Als Christopher Hussey 1970 starb, wurde das ganze Anwesen dem National Trust übergeben. Wir Nachgeborenen haben dadurch jetzt die Möglichkeit uns intensiv mit den vielen, noch heutige gültigen Botschaften und Geheimnissen des unvergleichlichen Landschaftsgartens auseinanderzusetzen.

Öko (philo) sophie

Liebe Freunde der Weisheit,

bei meinen Exkursionen zu den verlorenen Wurzeln des Lebens ist meine ökophilosophische Grundhaltung von zentraler Bedeutung.

Zugegeben, die Uhr tickt: Klimawandel, Erschöpfung von Ressourcen, Regenwaldzerstörung, ökonomische Umwälzungen, Ausrottung von immer mehr Arten usw. usw.. Ok! Die Uhr tickt, aber die Uhr tickt schon lange, lassen wir uns ja nicht aus der Ruhe bringen, gar zu blindem Aktionismus verleiten, die Uhr tickt morgen auch noch, vielleicht auch noch übermorgen, dann, wenn wir anfangen zu handeln und endlich unser Handeln nicht mehr von der Hoffnung und den Erfolgsaussichten bestimmen lassen, dann tickt sie ein klein wenig langsamer, aber sie tickt. Na und?

Der erste Schritt zu einer öko-philo-sophischen Ethik ist der, unser Tun nicht mehr davon abhängig zu machen, ob wir unserem Tun Erfolgschancen einräumen können und nur dann etwas tun, wenn die Erfolgsaussichten günstig sind – wobei wir sofort unser Tun einstellen, sobald unsere Erfolgsaussichten drohen ungünstig zu werden!

Sinn und Kraft sollten wir aus unserem allzeit offenen Denken und aus unseren Überzeugungen ziehen, nicht aus oft fragwürdigen Erfolgen, die häufig schnell wie Seifenblasen zerplatzen.

Ausgehend von dem norwegischen Philosophen Arne Næss, der bereits 1972 den Ausdruck „Tiefenökologie“ prägte und unter „Ökosophie“ einen Erkenntnisprozeß verstand, der in seiner Konsequenz zu einem normativ ökologischen Verhalten des postmodernen Menschen führen sollte, gehe ich in meinem Ökosophie-Verständnis davon aus, daß es dem kommenden Menschen entweder gelingt, zu einer ökologischen Harmonie, zu einem ökologischen Gleichgewicht mit seiner Umwelt zu gelangen oder daß er in nicht allzuferner Zukunft an seinem Unvermögen scheitern wird. Er wird u. U. deshalb scheitern, weil es ihm in einem evolutionären Sinn betrachtet nicht gelingt, sich den Lebensbedingungen, die er nun mal auf diesem Planeten hat, vernünftig anzupassen. So könnte es geschehen, daß er in der Geschichte ebenso untergeht, wie andere Spezies vor ihm. Aus die Maus . . . Die Natur wird ihm keine Träne nachweinen, denn sie war und wird immer ideologiefrei bleiben.

Kurzum: Der Mensch wird ökologisch sein – oder er wird nicht mehr sein!

Im Begriff der „Ökosophie“, kommen zwei Bedeutungsfelder zusammen: Das der „Ökologie“ und das der „Philosophie“. Nähert man sich den beiden Bedeutungsfeldern in einer hermeneutisch sachgerechten Art, so gelangt man schnell zum Begriff des „Logos“, der für beide Felder von zentraler Bedeutung ist. Genau in diesem Sinnzusammenhang steht meine „ökosophische Arbeit am Logos“.

Der Denkraum, in dem diese ökosophische Arbeit am Logos stattfindet, wird zwar bestimmt von einem Maximum an Aspekten, die sich aus dem interaktiven Geflecht von Mensch und Umwelt ergeben, versucht sich aber in erster Linie zu einem Weg weiterzuentwickeln, an dessen vorläufigen Ende ein Sinnparadigma steht, das nicht mehr durch Mythos und Religion, sondern durch den Logos bestimmt wird.
D. h. Sinn konstituiert sich auf diesem Weg durch Denkarbeit und Vernunftfähigkeit des postmodernen Menschen und nicht mehr durch Glauben. Der weite Bedeutungshorizont der letzten zweieinhalb Jahrtausende, den das Wort „Logos“ mit sich führt, ist durchaus erwünscht, weil er eine entsprechende Offenheit des Theorieansatzes ermöglicht.

Philosophie, die in ihrer „Liebe zur Weisheit“ von alters her, sich einem logischen, systematisch-wissenschaftlichen Denken verpflichtet fühlt, stellt dem ökologischen Fragen eine in der Geschichte ausführlich geprüfte Arbeitsweise zur Verfügung. Der Themenkomplex „Mensch und Umwelt“ wird sowohl unter logischen, ethischen und naturwissenschaftlichen Aspekten, wie unter metaphysischen und erkenntnistheoretischen Fragestellungen analysiert und verändernd bearbeitet. Da Philosophie im Unterschied zu einer reinen Fachwissenschaft, keinen eng umrissenen Erkenntnisgegenstand kennt, ist sie prädestiniert, sich auf umfassende Weise mit allen Aspekten der Ökologie, also mit allen Wurzeln des Lebens schlechthin zu beschäftigen und hier auch von ihrem Anliegen her in die Tiefe zu gehen.

Ökosophie ist von ihren Wurzeln her ein holistisches Konzept, in dem versucht wird, in einer ganzheitlichen Betrachtungsweise der Komplexität von Umwelt und Mensch Rechnung zutragen. Aus diesem Blickwinkel sind Natur und Kultur, die in Ihrer evolutionären Entwicklung ständig ineinandergreifen müssen, nicht voneinander zu trennen, weil sie nur zwei Seiten einer Medaille, eines Lebenszusammenhangs sind.

Für die Ökosophie liegt die Wurzel des ökologischen Übels in der unausrottbaren Überzeugung begründet, daß der Menschen – als Krone der Schöpfung – jenseits der Natur und über der Natur stehe und ihr Herr und Wächter sein könne oder sogar müsse. Diesen Anthropozentrismus versucht die Ökosophie zu überwinden und damit gleichzeitig die Vernunft von ihren instrumentellen Verstrickungen zu befreien.

Ökosophie versucht sich auf wissenschaftlich seriöse Weise vom überkommenen anthropozentrischen Paradigma im Umgang des Menschen mit der Natur zu befreien. Dabei versucht sie sich – zumindest so wie ich sie verstehe – sowohl von dem Leitbild eines über alle Natur erhabenen und sie beherrschenden Menschen, dem die Natur bedingungslos zur Verfügung stehen muß, zu befreien, ohne jedoch gleichzeitig in einen ökozentrischen Fundamentalismus zu geraten, in dem der Mensch in einem radikalen Egalitarismus zum Tier unter Tieren wird.

D.H. die Ökosophie würdigt in einem durchaus angemessenen Maß die kulturgeschichtlichen Leistungen des Menschen, versucht aber in der Kulturarbeit Ethik und Würde der Natur gegenüber fest zu verankern, sie gibt den Anliegen der Natur sozusagen eine Sprache und verhilft ihr gleichzeitig zu einem kommunizierbaren Bewußtsein Ihrer selbst.

Jede Art von künstlicher Homogenität, die Ausdruck eines deutlichen Schwarz-Weiß-Denkens ist, wird von der Ökosophie abgelehnt. Heterogenität und Differenz sind Grundkategorien des ökophilosophischen Denkraums, in den möglichst viele Phänomene aus Natur und Kultur einfließen, berücksichtigt und miteinander verknüpft werden sollen, auch dann, wenn sie in einem ersten Anlauf nicht mit wissenschaftlichen Konstrukten in Einklang zu bringen sind.

Der Denkraum ist nicht nur ein Bild für wissenschaftliche Erkenntnismodelle, sondern auch ein Labor des „Experimentum mundi“ mit seiner Real-Utopischen-Perspektive.

Ökosophie, wie ich sie verstehe, versucht in einem systemisch, analytischen Ansatz Umwelt und Mensch in einem komplexen, kybernetischen System zu verstehen, deren Basis jedoch hinsichtlich der Einflußfaktoren weitgehend offen ist, also gerade keine Verknappung der Aspekte anstrebt, damit ist der wissenschaftliche Ansatz diametral verschieden zu dem Versuch, Strukturen realiter zu entdecken. Strukturen und kybernetische Regelsysteme werden lediglich als transitorische Erkenntnishilfen angesehen, damit gerät die Ökosophie nicht in die Gefahr, einer universalgeschichtlichen, teleologischen Betrachtungsweise zu erliegen.

Ökosophie ist eine ganzheitliche Umwelt- und Naturphilosophie, die ein Leben im Einklang mit der Natur und nicht gegen die Natur anstrebt. Leitgedanke der Ökosophie ist die Vereinigung von Denken, Fühlen, Handeln. Transzendenz und Immanenz werden ideologiefrei in einem konsequent evolutionären Denkraum betrachtet, der selbst wiederum nur imaginär – also grundsätzlich offen ist und sich zu einem Weg weiterentwickeln will.

Durch Ökosophie soll der Mensch sich seiner Rolle als „Bewahrer“ oder „Zerstörer“ seiner eigenen Welt- bzw. Lebensgrundlage bewusst werden und durch diesen Bewußtwerdungsprozeß sein Handeln verändern und in einem evolutionären Prozeß weiterentwickeln. Ökosophie überschreitet jederzeit Grenzen oberflächlicher Betrachtungsweisen und versucht die tieferliegenden Wurzeln allen Lebens zu erforschen, um damit auch real-utopische Horizonte dem Menschen zu erschließen, in deren Richtung er sich von seiner Potentialität her auch weiterentwickeln könnte. Von hierher setzt sie selbst unaufhörlich evolutionäre Entwicklungen in Gang.

Ökosophie trägt – indem sie einen systemtheoretischen Ansatz verfolgt und auch der Gaia-Hypothese offen gegenübersteht – der Tatsache Rechnung, daß der Mensch in seiner von den Lebensgrundlagen abgekoppelten Entwicklung des Neocortex, mit all seinen Fähigkeiten und Eigenschaften, das einzige Lebewesen ist, daß sich nicht mehr nachhaltig im Kreislauf der Naturzusammenhänge zu bewegt versteht und aufgrund dessen, zu einem dauerhaft systemischen Konfliktherd geworden ist. Viele Krankheitsbilder und das ständige Gefühl der Entwurzelung des Menschen sind Ausdruck und Gradmesser dieser inzwischen systemischen Entfremdung des Menschen von seinen Lebensgrundlagen.

Ökosophie versucht nicht religiöse Konstrukte durch eine neue Religion zu substituieren, wie manchen im Hinblick auf das Gaia-Theorem gemutmaßt haben, vielmehr wird versucht, den Organismusgedanken, der sich ja auch im systemischen-kybernetischen Denkansatz wiederfindet, ganzheitlich in den Mensch- und Naturzusammenhang einzubringen, die Selbstregulationsmechanismen zu verstehen und nach Möglichkeit für die Menschheit insgesamt nutzbar zu machen.

Für einen Ökosophen, wie mich, stehen Ökologie, Soziologie und Ökonomie nicht auf einer gemeinsamen Ebene des Erkenntnisinteresses, da schon aus rein logischen Gründen der Ökologie absolute Priorität einzuräumen ist. Allen anthropischen Ideen, sich von ökologischen Erfordernissen durch Wissenschaft und Technik unabhängig zu machen, stehe ich als Ökosoph sehr kritisch gegenüber. Aus rein wissenschaftlichem Interesse heraus, haben solche Ideen zwar ihre Berechtigung, als Forschungsziel muß man sich vor solchen Überlegungen aber in Acht nehmen.

Damit ist sofort der wissenschaftsethisch Ansatz der Ökosophie beschrieben, wonach nicht alles, was wissenschaftlich machbar auch gleichzeitig sinnvoll ist. Die Geschichte hat gezeigt, daß alles, was erstmal in der Welt ist, nur noch schwer gesellschaftlich kontrollt werden kann, deshalb bedarf es auch in diesem Fall einer vorsorgenden Ökologie.

Deshalb stellt sich z.B. für einen Ökosophen nicht die Frage, ob man ein oder zwei Milliarden in die Gen-Design-Forschung stecken sollte, sondern ob man Gen-Design-Forschung überhaupt betreiben sollte.

Letztendlich ist für den ökophilosophischen Denkansatz nicht so sehr die Idee z.B. des Gen-Designs bedenklich, sondern der grundsätzliche Plan des größenwahnsinnigen Menschen, Prozesse in einem kurzen Erdenleben – über ein oder zwei Generationen – so umgestalten zu können, daß sie hinterher besser funktionieren, als in ihrem vorherigen Zustand , der in der Entwicklungsgeschichte des Planeten sich über Millionen von Jahren evolutionär entwickelt hat.

Summa summarum:

Ökosophie, als die Kunst des Umgangs mit der Natur hat eine ganzheitliche Sicht auf Natur, Mensch, Tiere und Pflanzen. Natur ist aus  ökophilosophischer Perspektive kein Objekt der Erkenntnis, sondern ein Subjekt, das handelt. Die Bedürfnisse und Lebensäußerungen der Natur sind gleichermaßen wahrzunehmen und für das Handeln zu berücksichtigen, wie die Interessen des Menschen. Die Natur ist keine verlängerte Lagerstätte für Ressourcen, aus der sich der Mensch nach Belieben unendlich bedienen kann.

Darüber hinaus geht es in der Ökophilosopie darum, in einem herrschaftsfreien Diskurs die Weisheit der Natur zu erkennen und nicht gegen sie zu kämpfen oder sie unter die Herrschaft des Menschen zu zwingen. Nur aus diesem Grundverständnis heraus kann der ökophilosophisch gebildete Mensch der Zukunft in einen symbiotischen Lebenszusammenhang mit der Natur zurückkehren, kehrt er nicht in diesen harmonischen Zusammenhang zurück, wird er als evolutionäre Fehlentwicklung untergehen.

Letztlich krankt unsere Welt nicht daran, daß wir nicht wissen, wie es geht, sondern Sie geht möglicherweise für uns unter, weil wir mehrheitlich nicht wissen wollen, wie es ginge. Wir haben schon lange kein Erkenntnisproblem mehr, aber wir haben ein massives Umsetzungsproblem unserer Erkenntnisse in die Praxis!
Deshalb ist die Ignoranz zu überwinden und diese Überwindung ist gleichzeitig eines der ganz, ganz großen Themen der Ökosophie!

Smog

Das IV Laterankonzil von 1215 und dieser Stapel Baumstämme

Gefällte Bäume

Mancher von Euch wird sich fragen, was dieser Stapel Baumstämme mit dem IV Laterankonzil von 1215 zu tun hat. Die Antwort ist einfach: Zunächst mal gar nichts. Erst wenn man anfängt sich Fragen vorzulegen, gelangt man plötzlich in das frühe 13. Jahrhundert.

Wie das? Nun ganz einfach, wenn man alle Jahresringe, die man hier auf dem Foto sieht, zusammenzählt, dann kommt man auf 800 Jahre. 800 Jahre waren also notwendig, um diese sehr kleine Anzahl Baumstämme wachsen zu lassen. Und wenn man 800 Jahre in der Geschichte zurückgeht, dann gelangt man ins letzte Drittel des Mittelalter, z.B. in das Jahr 1215 in dem z.B. während es IV Laterankonzils der Orden der Franziskaner Mönche von der römischen Kurie anerkannt wurde.

Uns kommt diese Zeitstrecke unfaßbar lang vor, wenn wir uns klar machen, was in diesen 800 Jahren alles geschehen ist und dennoch gehen wir mit diesen Bäumen, die insgesamt 800 Jahre benötigten, um zu wachsen so um, als hätte ihr Wachstum 14 Tage gedauert.

Ohne unsere wunderbaren Wälder wäre ein Leben auf unserem schönen, blauen Heimatplaneten nicht möglich, aber Wälder sind natürlich nicht nur Balsam für unsere – in der Moderne – geschundene Seele, sie erfüllen auch wichtige Funktionen, nicht umsonst gelten sie als grüne Lungen des Planeten, sie produzieren Sauerstoff und speichern Kohlenstoff. Für unser globales wie lokales Klima sind sie von essentieller Bedeutung.

Anfang des 19. Jahrhundert, als die Romantiker den deutschen Wald besangen, waren wir schon mal soweit, daß wir durch gewachsenen Lebensstandard, aber vor allem durch die  industriellen Revolution, dem deutschen Wald fast den Garaus gemacht hatten, erst nach der Umstellung von Holz- auf Steinkohle begann man, den deutschen Wald wieder aufzuforsten und die Ideen der Nachhaltigkeit  in der Waldwirtschaft zu beherzigen, also nicht mehr Bäume zu schlagen, als in einem festgelegten Zeitraum, also z.B. einem Jahr nachwachsen würde.

Holz ist aus tausenderlei Gründen ein überaus kostbarer Rohstoff, bei dessen Verwertung wir uns sehr genau überlegen sollten, welcher Verwendung wir diesen Rohstoff zuführen. Zumindest in den hochtechnisierten Ländern Europas, ist es eine aberwitzige Idee, diesen kostbaren Rohstoff Holz wieder als regelmäßigen Brennstoff einzusetzen.
Wobei das kostbare Holz nicht nur verschwendet wird, sondern obendrein keine wirklich neutrale CO2 Bilanz aufweisen kann, da durch die gesamte Verarbeitungskette, wesentlich mehr CO2 freigesetzt wird, als der Baum vorher gebunden hat.
Wie es überall zu beobachten ist, wird der ökologische Rucksack den Pelletheizungen mit sich herumtragen wieder aus ideologischen nicht berücksichtigt, Holz gilt als CO2 neutrale, nachhaltige Energiequelle und fertig, keine weitere Diskussion erwünscht.

Leider gelangt man bei genauem Nachdenken immer in die grundsätzlichen Problemfelder hinein. Wenn wir z.B. nicht so stark auf Wachstum programmiert wären und dadurch ständig neu konsumieren müßten, dann könnten wir einen anderen Umgang mit den Waren pflegen, die aus Holz hergestellt werden.
Wenn wir z.B. einen Vollholzschrank einmal in unserem Leben anschaffen würden, wofür ein gewisses überschaubares Quantum an ökologisch sauber geschlagenem Holz notwendig wäre, dann könnten wir es problemlos akzeptieren, daß der Rohstoff Holz eben so teuer ist, wie er sein muß, wenn der Wald und sein Boden aus ökologischer Sicht nicht übergebühr beansprucht würde.
Aber da wir uns inzwischen angewöhnt haben, daß wir ständig etwas Neues brauchen und z.B. alte, voll funktionsfähige Möbel einfach wegschmeißen, z.B. einen Vollholzschrank aus dem Schwarzwald eintauschen gegen ein Pressspanteil aus China, brauchen wir ständig von allen beteiligten Rohstoffe immer mehr und natürlich auch immer billiger, weil wir uns ja nichts fürs Leben anschaffen wollen, sondern nur für ein paar Jahre.

Auch der wachsende Papierbedarf stellt ein riesiges Probleme dar, allein in Deutschland liegt der Pro-Kopf-Verbrauch von Papier derzeit bei rund 230 Kilogramm im Jahr, wenn man nur daran denkt, wieviel Prospekte, Werbezeitschriften und dicke Kataloge man ständig in den Papiercontainer wirft, dann braucht man sich nicht wundern, wieso wir so einen hohen Bedarf an Holz haben.

Aufgrund der Zwangsökonomisierung aller Lebensverhältnisse in den letzten 25 Jahren, müssen wir einfach davon ausgehen, daß nurmehr ökonomische Interessen die Waldwirtschaft dominieren und soziale wie ökologische Belange bestenfalls fürs Marketing und als gern gesehenes Abfallprodukt der Holzwirtschaft gut sind.

Die negativen Folgen für Umwelt und Gesellschaft sind vorprogrammiert, zumal die postmodernen Erntemethoden mit Vollerntern und riesigen Rückefahrzeugen nicht nur den Bäumen sondern auch den Waldböden den Garaus machen. Was das Schlimme dabei ist, ein Waldboden, der durch entsprechenden Maschineneinsatz versaut ist, benötigt viel viel länger als ein Baum der nachwächst, natürlich wächst er auf den maschinell verrotteten Böden nicht mehr so gut, wie auf einem guten Waldboden, aber immerhin er wächst, was man in dem zeitlichen Rahmen, den wir von den Bäumen kennen, beim Boden nicht sagen kann.

Wenn wir bei unseren nächsten Spaziergängen an solchen Stapeln von Bäumen vorbeiwandern und jetzt nach der Holzernte laufen wir an vielen solcher Holzstapel vorbei, dann sollten wir uns alle überlegen, was wir tun können, damit diese Bäume nicht ganz umsonst getötet wurden, denn Bäume sind von Ihrer biologisch-genetischen Seite her, viel näher an uns dran als wir vielleicht vermuten würde und mit jeder neuen wissenschaftlichen Erkenntnis über den Organismus Wald und seine ausgeklügelten Kommunikationssysteme, rücken sie näher an uns heran.

Sollen wir unsere Lebensgrundlage wirklich schreddern, zu Pellets verpressen und in den Ofen schieben?

Die richtige und die falsche Religion

Es macht wenig Sinn, bei Religionen DIE richtige oder DIE falsche Religion, die gute oder die böse Variante gegeneinander ausspielen zu wollen, denn überall ist es der defizitäre Mensch, auf den die Sache gründet und der sich mit der Sache heute beschäftigt und darüber urteilt, was gut und was böse ist.

Alle Religionen – vor allem erstmal ihre grundlegenden Schriften – müssen mit der Brille der Aufklärung und der allgemein verbindlichen Menschenrechte, die man möglichst auch noch auf alle fühlenden Wesen ausdehnen sollte, gelesen werden.

Wenn wir uns heute, nachdem wir 300 Jahre Aufklärung hinter uns haben, überheblich dem Koran gegenüber aufführen, dann würde ich mal zu einem kurzen Blick in das alte Testament raten:

Schaun wir doch zuerst mal in die Tora, in die 5 Bücher Mose, hier finden wir unter anderem:

2. Buch Mose, Exodus 32, 27f: Mose sagte zu ihnen: Zieht durch das Lager von Tor zu Tor. Jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund, seinen Nächsten. Vom Volk fielen an jenem Tag gegen dreitausend Mann.

3. Buch Mose, Leviticus 24,16: Wer den Namen des Herrn schmäht, wird mit dem Tod bestraft. Die ganze Gemeinde soll ihn steinigen.

4. Buch Mose, Numeri 15, 32/35f: In der Wüste entdeckten sie einen, der am Sabbat Holz sammelte. Gott sprach zu Mose: Der Mann ist mit dem Tod zu bestrafen. Da führte die ganze Gemeinde den Mann vor das Lager hinaus und steinigte ihn zu Tode.

4. Buch Mose, Numeri 25,1/4: Als sich Israel in Schittim aufhielt, begann das Volk mit den Moabitterinnen Unzucht zu treiben. Da sprach Gott zu Mose: Nimm alle Anführer des Volkes und spieße sie im Angesicht der Sonne auf Pfähle.

4. Buch Mose, Numeri 31, 14-17: Mose ward (…) zornig: (…) Habt ihr wirklich alle Weiber am Leben gelassen? Tötet sofort alle männlichen Kinder, ebenso tötet jedes Weib, das bereits mit einem Manne geschlechtlich verkehrt hat!

5. Buch Mose, Deuteronomium 17, 2f/5: Wenn in deiner Mitte jemand anderen Göttern dient, sollst du ihn zum Stadttor führen und steinigen.

5. Buch Mose, Deuteronomium 21,18-21: Wenn ein Mann einen widerspenstigen Sohn hat, der nicht auf die Stimme seines Vaters und seiner Mutter hört, sollen sie ihn packen und den Ältesten der Stadt sagen: Unser Sohn ist störrisch und widerspenstig, er ist ein Verschwender und Trinker. Dann sollen alle Männer der Stadt ihn steinigen. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen.

5. Buch Mose, Deuteronomium 22,23f: Wenn ein unberührtes Mädchen verlobt ist und ein anderer Man sich mit ihr hinlegt, dann sollt ihr beide zum Stadttor führen und sie steinigen. Das Mädchen, weil es nicht um Hilfe geschrien hat, und den Mann, weil er sich die Frau eines anderen gefügig gemacht hat. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen.

Bei den vorderen Propheten im Buch Josua 6,17 und 21 lesen wir: Die Stadt Jericho, mit allem, was in ihr ist, soll für Jahwe dem Untergang geweiht sein (…) Mit scharfem Schwert weihten sie alles dem Untergang. Männer, Frauen, Kinder, Greise, Rinder, Schafe und Esel.

Im 1. Buch Samuel 18, 27: David erschlug zweihundert von den Philistern, brachte die ‚Vorhäute‘ zu König Saul, legte sie vollzählig vor ihm hin, um sein Schwiegersohn zu werden. Und Saul gab ihm seine Tochter Michal zur Frau.

Im 2. Buch der Könige 15,16 findet man: Menachem eroberte Tifach. Er tötete alle Bewohner der Stadt und ließ ihren schwangeren Frauen den Leib aufschlitzen.

Oder nochmal 2. Buch der Könige 6,25/28f: Hungersnot im belagerten Samaria (…) Eine Frau sagte zum König: Diese Frau hat von mir verlangt: Gib deinen Sohn her, damit wir ihn heute aufessen. Meinen Sohn werden wir morgen verzehren. So haben wir meinen Sohn gekocht und aufgegessen.

In den Prophetenbüchern lesen wir im Buch Joel 4,9und 4,10: (…) Verkündet den Heiligen Krieg! (…) Schmiedet eure Pflugscharen um zu Schwertern und eure Winzermesser zu Lanzen!

schwerter-zu-pflugscharenViele aus meiner Generation kennen eigentlich nur das Gegenteil, ebenfalls in den Prophetenbüchern lesen wir hier im Buch Micha, 4,3: (…) Sie werden Ihre Schwerter umschmieden zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Winzermessern. Nicht mehr wird ein Volk wider das andere das Schwert erheben und nicht mehr werden sie das Kriegshandwerk erlernen.

Die DDR Friedensbewegung, die auch stark von der evangelischen Kirche z.B. vom Friedenspfarrer Friedrich Schorlemmer unterstützt wurde, hatte sich dieses Motto für ihren friedlichen Widerstand gegeben, in der Mitte des Aufklebers war die Skulptur „Wir schmieden Schwerter zu Pflugscharen“ dargestellt, die die Sowjetunion 1957 der UNO geschenkt hatte und die seit dem vor dem UNO-Gebäude in New York stand und immer noch steht.

Man sieht, man kann auch das glatte Gegenteil aus dem Alten Testament herauslesen, das macht wahrscheinlich diese wirkmächtigen Bücher aus, daß für jeden was dabei ist.

Auch hier noch ein paar Beispiele:

3. Buch Mose, Leviticus 19,18: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst!

5. Buch Mose, Deuteronomium 6,5: Du sollst Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und ganzer Kraft.

Im Buch Tobit 4,7: Sei nicht kleinlich, wenn du Gutes tust. Wende Deinen Blick niemals ab, wenn du einen Armen siehst.

In den Psalmen 33,5/34,15: Der Herr liebt Gerechtigkeit und Recht. Meide das Böse und tue das Gute.

In den Psalmen 46, 9f: Kommt und schaut die Taten des Herrn. Er setzt den Kriegen ein Ende. Bis an die Grenzen der Erde. Er zerbricht die Bogen, zerschlägt die Lanzen, im Feuer verbrennt er die Schilde.

Im Buch der Sprüche 3,3: Nie sollen Liebe und Treue dich verlassen.

Im Buch der Sprüche 31,8: Öffne deinen Mund für die Stummen, für das Recht aller Schwachen.

Oder aus dem Weisheitsbuch Jesus Sirach 28,2: Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden dir, wenn du betest, auch deine Sünden vergeben.

In den Prophetenbüchern lesen wir im Buch Amos 5,14: Sucht das Gute, nicht das Böse; dann werdet ihr leben.

Oder nochmal in den Prophetenbüchern im Buch Micha 6,8: Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott.

Nach diesen wenigen Beispielen kann man sehen, man könnte mit Bibelzitaten jede Art von Ideologie untermauern, so wie man es eben mit dem Koran auch kann, vor allem weil der Koran ja auch in einer bildlichen Sprache verfaßt ist, so daß jede Art von Auslegung schon durch die Übersetzungsvarianten möglich wird.

In Summe: Wenn wir von einer kulturgeschichtlichen Evolution ausgehen, dann können wir sagen, daß die Menschenrechte und die Menschenwürde, die wir auch allen anderen fühlenden Wesen zugestehen müssen, für uns der Gradmesser zur Beurteilung jeder Ideologie ist, gleich welcher Herkunft eine Ideologie auch seien mag. Hinter diesen Stand der Entwicklung sollten wir einfach nicht mehr zurückgehen, auch wenn manche immer wieder versuchen, die Menschheit ins Mittelalter zurückzubomben.

Der große Metaphysiker von Chirico

Der große Metaphysiker von Chirico ist eines meiner Lieblingsbilder aus dem 20. Jahrhundert, es ist ein Denkbild par excellence.

Giorgio de Chirico, 1978 in Rom gestorben, gilt als der zentrale Vertreter der sogenannten Metaphysischen Malerei, die als eine der wichtigsten Vorläufer des Surrealismus angesehen wird.

Von Friedrich Nietzsches Beschreibungen der gespenstisch leeren Plätzen in Turin beeinflußt, dienten Ihm Nietzsches Schilderungen der menschenleeren Plätze, die mit Arkaden und Statuen umgeben waren, als Vorlage seines Schaffens.

De Chiricos traumähnliche Stadtansichten bestehen aus Türmen, Arkaden und menschenleeren Architekturen. Der „Große Metaphysiker“ von 1917, zusammengesetzt aus Dreiecken, Winkeln und anderen Versatzstücken der meßbaren Welt, steht einsam auf seinem Posten, mitten auf einem leeren Platz, der durch die Wissenschaft vermeßene Mensch, der nur noch eine Gliederpuppe ist, ein Mahnmal und ein Werkzeugkasten zugleich.
Einzig einzeln verwendete figürliche Schatten und „manichini“ (Gliederpuppen) bilden Gegenstücke zur streng architektonischen Gestaltung dieser Kulissenwelt.

1916/17 gründete de Chirico mit anderen die „scuola metafisica“ und damit eine Strömung, die den Stil der Surrealisten um rund zehn Jahre vorwegnahm und bis zum Jahr 1920 andauerte. Die Künstler verbanden in ihren Werken reale und imaginäre Elemente, die untereinander keinen oder nur noch einen ahnbaren Bezug herstellen.
Die künstlerische Phantasie wurde zum Bestandteil des Bildaufbaus. Der assoziative Charakter der Werke brachte traumähnliche Szenerien hervor, in denen eine magisch-metaphysische Stimmung herrscht.

Theodizee und Gotteskrieger

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Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben.
Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit.
Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt.
Amadeu Inácio de Almeida Prado

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Das Thema Theodizee  ist für eine tiefsinnige Stunde am Kamin immer gut und wenn man bedenkt, was zur Stunde alles in der Welt an Greueltaten, auch im Namen Gottes geschieht, dann darf man kein schlechtes Gewissen haben sondern man sollte sich glücklich schätzen, am warmen Kamin über ein solches Thema sich Gedanken machen zu können und nicht einem feindlichen Artilleriefeuer ausgesetzt zu sein.

Wie schon gesagt, man muß nicht unbedingt bis zum Holocaust zurückgehen, es reicht schon der tägliche Blick ins Fernsehen oder in die Zeitung, um sich über die unendlich vielen Qualen, die Menschen, anderen Menschen, Tieren, kurz, allen fühlenden Wesen antun, zu informieren. Der kritische Geist fragt sich immer wieder, wo denn eigentlich der liebe Gott bei all diesen Greueltaten des Menschen sich versteckt hält, wenn er doch angeblich den Menschen nach seinem Bilde perfekt geschaffen hat (IntelligentDesign), sieht so Perfektion im Sinne Gottes aus?

Bevor mit Gottfried Wilhelm Leibniz die unmittelbare Diskussion um das Problem der Theodizee begann, gab es natürlich schon von der Bibel her, also vor allem dann im Christentum und dem Neuen Testament, die ständige Betonung des Teufels, des Kampfes gegen die Mächte der Finsternis. Durch diese Aufwertung des Teufels, als Gegenspieler Gottes, ist der liebe Gott natürlich fein raus aus der Sache, denn bis zum jüngsten Gericht, wenn dann die große Endabrechnung kommt, kann man alles, was an Übeln in der Welt ist, dem Teufel in die Schuhe schieben. Und auch das Problem der Ebenbildlichkeit des Menschen ist damit gerettet, denn wenn er nicht so tun, wie er im göttlichen Lichte tun sollte, dann ist er halt mal wieder vom Teufel besessen. Der Teufel verschafft dem lieben Gott eine reine Weste und der vom Teufel besessene, ab mit ihm auf einen der vielen Scheiterhaufen dieser Welt.

Aber wie es gerade in der abendländischen Kulturgeschichte ist, die Zweifler und Krittler geben halt einfach keine Ruhe, immer wieder wird nach dem Sinn gefragt, angesichts der Leiden, die Menschen durch Menschen auf diesem Planeten erfahren. Besonders prekär wird die Situation dann natürlich nach Ausschwitz. Dem Sinn nach kann man ja die Theodizee als eine Verrenkungsübung von Theologen begreifen, die versuchen, Gott nach und trotz Ausschwitz zu retten und dies obwohl der Glaube an einen gütigen, dem Menschen liebevoll zugewandten Gott nach der industriellen Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazis, einem lächerlich, wenn nicht sogar menschenverachtend zynisch vorkommen müßte.

Dieser spannungsgeladene Zwiespalt, Gott trotz oder sogar aufgrund der Greueltaten in dieser Welt immer wieder zu rechtfertigen, läuft im Kern auf die sogenannte Theodizeefrage hinaus, also der Frage nach einem guten Gott im Angesicht des Bösen, was man nicht mehr einfach alles dem Teufel zuschieben kann.

Die Theodizeefrage läuft aber auch darauf hinaus, daß Gott mit diesem Universum – so wie es zur Stunde ist – nichts weiter zu tun hat und deshalb auch nicht angeklagt werden kann.

Die Frage ist, ob die Theodizee-Frage nicht den roten Teppich vor jedem Atheisten ausrollt, denn die Frage ist schon recht knackig gestellt, warum Gott eigentlich das Leiden zulässt, wenn er doch so allmächtig, allweise und allgütig ist, wie immer behauptet wird. Denn wenn diese Attribute, die man ihm von Alters her zuweist, stimmen würden, dann müßte er doch den festen Willen haben, alles Leiden aller ihm ebenbildlichen Geschöpfe zu  verhindern, besonders natürlich das Leiden, was durch die Gotteskrieger dieser Welt – welcher Coleur auch immer – in seinem Namen über die Welt gebracht wird, gerade da müßte er ja schon eingreifen und sich verwahren. Pustekuchen, keine Antwort aus dem OFF!  Ist es da nicht verständlich, daß der ein oder andere ins Zweifeln gerät.

Mein alter Freund Epikur hat die Götter ja vorallem deshalb geleugnet, weil er ihnen vorwarf ein faules, untätiges Gesindel zu sein, was sich nicht um die Leiden dieser Welt kümmern würde, und deshalb bräuchte man auch dieses Göttervölkchen nicht, was obendrein noch jede Menge Volksvermögen verschlingen würde. Auch Hiob hat ja bekanntlich seine liebe Not gehabt mit dem Glauben in Anbetracht der vielen Hiobsbotschaften, die Ihn ereilten. Da dem lieben Gott die Treue zu halten war schon eine besondere Tat, aber der wurde ja immerhin am Ende für seine Treue belohnt, was man ansonsten ja nicht so feststellen kann.

Der von mir hochgeschätze Philosoph und frühe Aufklärer Gottfried Wilhelm Leibniz hat ja in seinem zu Lebzeiten umfangreichsten, veröffentlichten Werk „Theodizee“ den Begriff geprägt und ist dabei ganz schön im Schlamm versackt.
Aus der Nummer ist er dann zu Lebzeiten auch kaum noch rausgekommen, noch Voltaire hat sich ja über die Leibniz’sche Welt als die beste aller möglichen Welt heftig lustig gemacht.
Die Argumentation von Leibniz lautete: Gottes unendliche Weisheit lasse ihn die beste unter allen möglichen Welten herausfinden, ich frage mich, hat er damals schon an die Existenz von Paralleluniversen gedacht, von denen er eines heraus sucht? In seiner Weisheit muß der liebe Gott dann ja auch Kriterien und Qualitätsmerkmale gehabt haben, warum er aus der unendlichen Zahl von Paralleluniversen gerade dieses hier ausgesucht hat und was ist denn dann mit den anderen Universen passiert, Fragen über Fragen wenig hilfreiche Antworten.
Vielleicht hat der liebe Gott ja nur verschiedene Pläne studiert und dann, ob seiner Weisheit entschieden, welches Universum er in seiner unendlichen Güte als Plan auswählt, um es dann in seiner Allmacht auch als die beste Welt hervorzubringen.

Dann hat er allerdings für die Umsetzung, wir sagen normal für die Schöpfung, einen scheiß Projektleiter eingesetzt,  was man sich ja heute angesichts der vielen schief laufenden Großprojekte sofort vorstellen kann. Jedenfalls der Projektleiter, der hat dann in der Realisation das Projekt in den Sand gesetzt, zumindest was den Menschen betrifft, der sich überhaupt nicht in den harmonischen Kreislauf der Natur einfügen will. Wir haben jetzt das Problem, ob wir Gott jetzt verantwortlich machen sollen, für den Scheiß den der Projektleiter gebaut hat oder ob wir einfach mit der Welt, wie sie nunmal geworden ist, Vorlieb nehmen, eben als die beste aller möglichen Welten. Was Perfekteres war eben nicht drinn.

Gier, Haß und Ignoranz sind eben auch Teil dieser Welt, haben dadurch – weil sie ein Teil der Welt sind – ihren Sinn und stehen neben dem Guten von Liebe und Mitgefühl. Beide Seiten, das Gute und das Böse sind nicht miteinander verrechenbar. Nach Leibniz zeigt sich ja gerade die Weisheit Gottes darin, daß er beide Wirkprinzipien zugelassen habe, ähnlich wie in  Asien, das Universum immer gleichzeitig von den beiden Wirkkräften YIN und YANG bestimmt wird. Das Prinzip des „Guten“ und das Prinzip des „Bösen“ durchdringen sich wechselseitig, das bedeutet aber nicht, daß man aus den beiden Prinzipien eine gemeinsame Rechnung machen kann, das man das Gute gegen das Böse und umgekehrt aufrechnen könnte.

Das Aufrechnen ist menschenverachtend, weil es die Opfer auflöst in einer quantitativen Betrachtungsweise,  die wir bis heute in jedem Fernsehbeitrag, über welchen mörderischen Konflikt auf der Welt er auch berichtet, beobachten können.

Kommen wir zurück zu Leibniz und seiner Welt-Theorie, die man auch als eine der zukunftsweisensten ansehen kann, wenn man nämlich die Monadenlehre von Leibniz hinzuzieht und die Monaden als Wirks in Superposition versteht, also als verursachendes Feld, daß in sich die Totalität aller Möglichkeiten birgt, dann kann man die Welt aus mesokosmischer Sicht tatsächlich als die beste aller möglichen Welten verstehen, denn die Welt steht demnach immer auf dem avanciertesten Standpunkt ihrer Möglichkeiten. Das Weltverständnis, daß hier dahintersteckt ist eine Welt, die immer auf Tour ist, die sich entwickelt und niemals selbstgefällig stehen bleibt.

Nun die Tatsache bleibt wohl bestehen, Veränderung hin oder her, solange es Menschen gibt, gibt es auch ihre Götter, denn es ist eine anthropologische Konstante,  daß Menschen eines Gottes bzw. vieler Götter (für jede Gelegenheit einen anderen!) bedürfen, und Sie bedürfen der Rituale und Religionen, die von Amts wegen, den Umgang mit den Gottheiten regeln. Solange es aber Götter gibt, fragt sich der kritische Geist, in welchem Verhältnis diese Götter zu den Greueltaten der Menschen auf diesem schönen, blauen Heimatplaneten stehen.

Denker, wie der Rabbiner und Philosoph Richard Rubenstein haben das Problem der Bedürftigkeit des Menschen nach einer Metaebene, nach einer transzendentalen Gottheit, nach einer Sinnkategorie, jenseits des bloßen Seins in der Formel „Das Heilige Nichts“ verpackt. Rubinstein schreibt in seinem viel diskutierten Buch „Nach Ausschwitz“ von 1966: „Wenn ich sage, daß wir zur Zeit des Gottestodes leben, so meine ich damit, daß das Band, welches Gott und den Menschen, Himmel und Erde miteinander verband, gerissen ist. Wir befinden uns in einem kalten, stummen und gefühllosen Kosmos, und keine größere Macht jenseits unserer eigenen steht uns bei. Was kann nach Ausschwitz ein Jude anderes über Gott sagen?“

Die Fragen der Theodizee liegen klar auf der Hand, wenn es einen allweisen Gott gibt, der gleichzeitig auch noch allgütig und allmächtig ist, dann könnte es das Böse in der Welt gar nicht geben, bzw. ist es den Opfern gegenüber mehr als zynisch, wenn man sie als notwendige Opfer in den Heilsplan Gottes mit einbaut, wie es viele Theologen nach Ausschwitz tatsächlich getan haben, wonach die Shoah einer Art von Gottsurteil gleichkommt, um das Fehlverhalten der Juden in der Geschichte zu sühnen. Diese Betrachtungsweise ist unerträglich menschenverachtend, wobei ganz klar ist, die Shoah ist keine Ausnahmesituation. In der Kriegsgeschichte der Religionen kommt es bis zum heutigen Tag immer wieder zu solchen Argumentationen, wonach der Mord an Andersdenken oder Ungläubigen, als gerechter Sühneakt des Herrn begriffen wird.

Sehr viele Theologen, auch im Nachgang zu Darwins eigenem Denkansatz, ziehen sich darauf zurück, daß Gott irgendwann mal so vor 13 Milliarden Jahren die Bowlingkugel Universum perfekt angeschoben hat und dann seiner Wege gegangen ist, nach dem Motto, was daraus wird ist nicht mehr mein Bier, dieser theologische Ansatz paßt dann auch ganz gut zu der Vorstellung wie wir uns mühsam über Millionen von Jahren aus Sternenstaub in der Evolution entwickelt haben.

Nach dieser Vorstellung läßt sich das Universum oder auch nur unser Heimatplanet im Grunde wie ein Startup verstehen, eine Ausgründung von rotierendem Sternenstaub, der man ein paar funktionsfähige Zellen als Startkapital in die Hand gedrückt hat, nach dem Motto:  Mach was drauß…

Was drauß gemacht, das haben wir ja zweifellos, fragt sich nur, ob wir Kriterien entwickeln können, nach denen wir dann auch beurteilen können, ob wir was Gutes oder was Schlechtes draus gemacht haben, da wäre jetzt der Herr und Meister vom Anfang der Geschichte als Gutachter gefragt, aber der meldet sich einfach nicht mehr. Statt dessen gib’s inzwischen jede Menge Statthalter auf Erden, die sich zu Gutachtern aufschwingen, aber wie das eben bei Gutachten so ist, jedes Gutachten behauptet etwas anderes.

Nehmen wir nur mal die Geschichte Jesu, die einen behaupten, daß der Sinn der Kreuzigung, in der der alte Herr seinen Sohn opfert, dazu gedacht ist, die Menschheit von der Sünde zu erlösen. Ohne Kreuzigung keine christliche Heilslehre, kein neues Testament, kein Evangelium. Jesus macht mit seinem Kreuzestod den Weg frei für jeden, der den Bund mit Gott wieder erneuern möchte. Durch seinen Kreuzestod erneuert er den Bund der Mensch mit Gott (waagrechter Kreuzbalken= das Irdische und senkrechter Balken = das Göttliche). Als Sohn Gottes hat er sich geopfert für die gottlosen Sünder und hat damit eine Versöhnung zwischen Gott und Mensch möglich gemacht. So weit – so gut.

Jetzt kommen aber die anderen Gutachter, natürlich auch gläubige Christen und verfolgen die Juden über bald 2.000 Jahre wegen der Kreuzigung Jesu auf Golgatha. Sogar oft die selben Christen, die freudig dem ersten Gutachter zustimmen würden, verfolgen nun aufgrund des selben Ereignisses die Juden (die ja bekanntlich immer noch auf ihren Messias warten) über diese ganze Zeitstrecke hinweg immer wieder. Sie werden von den frommen Christen enteignet, ghettoisiert, verbrannt, gerädert, gevierteilt, geschlagen und massenhaft z.B. in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet und zwar – man kann es gar nicht oft genug wiederholen – auf der Grundlage eines Ereignisses, dem die Mörder und Häscher ihre eigene Religion zu verdanken haben, einem von Gott gewollten Ereignis, ohne das es gar kein Christentum geben würde!

Die beiden Interpretationen von Golgatha stehen unüberbrückbar nebeneinander, entweder ist Golgatha ein göttlicher Erlösungspakt oder er ist ein jüdisches Verbrechen, bei dem der Messias ermordet wurde und es gilt nun in der ganzen darauffolgenden Geschichte ihn zu rächen.

Aber zurück zur Schöpfungs-Story: Wenn der liebe Gott sich nicht beim Start des Universum unauffällig durch die Hintertür verabschiedet hat und jetzt einfach nicht mehr anwesend ist, man folglich auch in keinen Dialog mehr mit Ihm treten, dann ist die Sache einfach, dann hat’s der liebe Gott gut gemeint, indem er alles am Start perfekt eingerichtet hat und nur der Mensch der Döddel, der hat’s verbockt und in der Evolution aus was ursprünglich gut Gemeintem, etwas Schlechtes gemacht.

Für uns aufgeklärte, glaubenslose Humanisten ist das „sacrificium intellectus“ der katholischen Kirche genauso wie von jeder weltlichen Macht niemals hinnehmbar, wir müssen einfach immer nachfragen, denn in einer fundamental demokratischen Gesellschaft, für die die Meinungsfreiheit eines der höchsten Güter ist, kann niemand verlangen, daß man seinen kritischen Verstand quasi an der Garderobe abgibt und sich ganz einer anderen Lehrmeinung, einem Dogma unterordnet. Das ist einfach undenkbar überdies hoch gefährlich, weil es jeder Art von Totalitarismus Tür und Tor öffnet, und deshalb rundweg abzulehnen ist und zwar egal, welchen Inhalts das Dogma  ist.

Den aufgeklärten Diktator gibt es genauso wenig, wie das meinungsfrei, demokratische Dogma, es seie denn, wie manche es versuchen, man erhebt die Freiheit des Individuums selbst zum Dogma, was rein logisch aber nicht möglich ist.

Wobei gerade das Interessante dabei ist, in welch unterschiedlichen, säkularisierten Gestalten das „sacrificium intellectus“ heute daher kommt. Die Dogmen der Werbung, die den Konsumenten auf eine sehr subtile, unterbewußte Art zu einem hörigen Gläubigen machen, schrecken vor keiner Schandtat zurück.

Die Gemeinschaft der Weltkonsumenten, die keinen Gott neben sich duldet, als den Konsum, die zu konsumierende Ware, vom neuen hightech Fernseher bis zur Kreuzfahrt, hat ganz klaren religiösen Charakter. Wer nicht an Wachstum und Konsum glaubt, der wird zum verdächtigen Häretiker der Kirche des postmodernen Kapitalismus und muß verdammt werden.

Zwar werden heute die Ketzer nicht mehr verbrannt, aber Sie werden aus der Weltgemeinschaft der glückseeligen Konsumenten ausgeschlossen und müssen fern der fröhlich feiernden Massen, in der Ecke stehen und sich schämen.

Von den Wäldern lernen

Mehr ist von den Wäldern zu lernen,
als aus den Büchern.
Bäume und Felsen lehren Euch Dinge,
die ihr bei den Lehrern nicht erfahrt.

Ihr werdet mit eigenen Augen sehen,
daß sich Honig aus Steinen
und Öl aus den härtesten Felsen
gewinnen läßt.

Bernhard von Clairvaux (1090-1153)

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Auch wenn der hl. Bernhard im engeren Sinne nicht als einer der 3 Ordensgründer des Zistersienser bezeichnet werden kann, so wird er doch von den Zistersiensern als der größte Ordensheilige verehrte. Dies ist kaum verwunderlich, denn der Orden hat ihm nicht nur seine rasche Ausbreitung zu verdanken, sondern auch die wesentlichen Züge seiner Ethik und natürlich die Grundlagen der klösterlichen Baukunst der Zisterzienser.

Aus diesen alten Geschichten ist viel zu lernen für unsere heutige Zeit, denn auch am Anfang des 12. Jahrhunderts ging es den Ordensgründern und Berhard darum, sich vom Pomp, der sich mit den Jahren im Benediktiner Kloster Cluny etabliert hatte, strikt abzusetzen und zu einem einfachen Leben, nahe der natürlichen Ressourcen zurückzufinden und natürlich mit den Formen der Natur zu bauen.

Wie es aussieht, hat der hl. Bernhard von Clairvaux doch sehr viel von den Wäldern gelernt, bevor er diese Lehren in seine Ethik und seine Vorstellungen vom Bauen übernommen hat.

Zu einem späteren Zeitpunkt noch mehr davon…

Ressourcenwende

Wir tun alle so, als hätten wir noch 10 weitere Planeten in der Hinterhand und wenn wir den einen Planenten genügend ausgemostet haben, ziehen wir alle einfach zum nächsten Planeten weiter. Schöne Idee hat nur mit der Realität wenig zu tun. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, wir haben nun mal nur diesen einen Heimatplaneten und es wäre ratsam diesen so gut wie möglich zu pflegen, damit er uns noch möglichst lange versorgt und erhalten bleibt.

Wirtschaftleute gelten oft fälschlicherweise als unbeirrbare Realisten und kühle Rechner, das stimmt leider mit Ihren Taten nicht immer überein. Denn wenn sie kühle Rechner wären, hätten sie z.B. längst den ressourcenschonenden Umgang mit den reichlichen, aber leider auch endlichen Gütern, die uns der Planet zur Verfügung stellt, zur Grundlage ihres Handelns gemacht.

Luft, Wasser und Sand sind die drei meistverbrauchten Wirtschaftsgüter auf diesem Planeten und sie sind endlich, trotzdem werden diese Güter täglich so verbraucht, als wenn sie unendlich vorhanden wären, hier wäre ein sofortiges Umsteuern dringend geboten, das Konzept der Ressourcenwende in Verbindung mit einer Gemeinwohlbilanzierung trägt dem Rechnung und zeigt zudem wie man Ressourcen schonen und Gemeinwohl erhöhen kann und trotzdem wirtschaftlich – durch den Umbau der Wirtschaft in eine Dienstleistungswirtschaft – erfolgreich seien kann.

Die Voraussetzung, um den längst überfälligen Paradigmenwechsel vom nachsorgenden zum vorsorgenden Umweltschutz voranzubringen, ist neben einer möglichst umfassenden Ressourcenaufklärung, die Notwendigkeit das ökologische Denken vom Mief der letzten 200 Jahre Ideologiegeschichte zu befreit, denn wir sind leider nicht mehr in der vorteilhaften Lage uns weiter Ideologie leisten zu können.

Hier ein Beispiel: Mülltrennung war lange Jahre immer nur ein Thema von “ideologisch verbohrten Grünen” (das war jedenfalls ihr Image in der Öffentlichkeit), die mit dem Fahrrad durch die Stadt fuhren und alle möglichen Wertstoffe, vor allem Aluminium und Kupfer, gesammelt haben. Durch den Druck der Ereignisse in den letzten 40 Jahren, also vor allem der immer prekärer werdenden Ressourcenknappheit, hat sich das Thema selbst – aus der Not der Ereignisse heraus – inzwischen stark entideologisiert. Bei meinen Recherchen für ein nachhaltiges Wirtschaften bin ich z.B. auf eine  Tübinger Firma gestoßen, die einen Stör-Stoff-Sensor herstellt, den man an jedem Müllfahrzeug anbringen kann und der nach einer gewissen Zeit für eine saubere Mülltrennung bereits an der Quelle, dem Haushalt, sorgt. So etwas wäre vor 40 Jahren noch undenkbar gewesen.

Ich weiß, daß es derzeit in der Welt ganz anders aussieht und täglich dutzende von Kriegen und Kämpfen zwischen Menschen mit den absurdesten Ideologien stattfinden und auch das diese Ideologien oft nur der menschenverachtende Vorhang vor irgendwelchen Kriegen um Ressourcen sind. Das hebelt aber nicht meine Aussage aus, daß wir uns alle diese Ideologien, wenn wir auf unserem Heimatplaneten noch eine Zeit lang leben wollen, nicht länger mehr leisten können, es seie denn, wir betreiben weiterhin alle Vorkehrungen für einen kollektiven Selbstmord!

Ich kann es auch hier nur wieder betonen, der ökologische Rucksack, also das Material, das für ein Produkt, von der Wiege bis zur Bahre verbraucht wird, ist von zentraler Bedeutung. Und Unternehmen, die diese Aussage ernstnehmen, werden letztlich die eigentlichen Gewinner sein.

Gemeinwohlbilanz

Unternehmen, die eine Gemeinwohlbilanz erstellen, signalisieren Ihren Kunden und Geschäftspartnern, daß sie die Zeichen der Zeit erkannt und den längst überfälligen Paradigmenwechsel im Unternehmenszweck vollzogen haben.

Die Gemeinwohlbilanz ist das „Herzstück“ der Gemeinwohl-Ökonomie, in der nicht mehr der Finanzgewinn sondern die Mehrung des Gemeinwohls im Mittelpunkt steht. Finanz- und Gemeinwohlgewinne können sich u.U. komplett wiedersprechen, die Gemeinwohlbilanz gibt dem Unternehmen und seinen Kunden die notwendigen Werkzeuge an die Hand, um solche Widersprüche transparent zu machen. Der eigentliche Finanzgewinn dient nur noch als Mittel zum Zweck einer ökologisch nachhaltigen, sinnvollen Schaffung von Nutzwerten für Mensch und Umwelt. In dieser neuen Form der Common-Economy ist nicht mehr länger der Mensch für die Wirtschaft, sondern die Wirtschaft für den Menschen und die nachhaltige Pflege der Lebensgrundlagen auf diesem schönen blauen Planeten da.

Heute schon gültige Beziehungs- und Verfassungswerte wie z.B. Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und Demokratie, werden mit Hilfe einer komplexen Bewertungsmatrix auf der Grundlage von Gemeinwohlindikatoren auf den Markt übertragen, indem sie die Wirtschaftsakteure dafür belohnt, dass sie sich human, wertschätzend, kooperativ, solidarisch, ökologisch, ressourcenschonend und demokratisch auf dem Markt und in ihren Unternehmen verhalten und diese auch entsprechend organisieren. Die Gemeinwohlwirtschaft macht die Werte der Gesellschaft – so wie sie sich in den letzten 300 Jahren entwickelt haben, zu den Werten der Wirtschaft.

Das Erstellen einer Gemeinwohlbilanz erfolgt freiwillig und ergänzt bisher die normalen Unternehmensbilanzen, damit ist sie zum einen Ausdruck des Willens eines Unternehmen sich verantwortungsvoll gegenüber der Umwelt und nachfolgenden Generationen zu verhalten und zum anderen bietet sie durch eine entsprechend zertifizierte Punktebewertung eines Unternehmens bei verantwortungsbewußten Kunden einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Mitbewerbern, die auf eine Gemeinwohlbewertung keinen Wert legen.

Wir wissen inzwischen alle, wie wichtig in Internetzeiten die Bewertungen von Unternehmensleistungen durch ihre Kunden sind und wie stark der Erfolg eines Unternehmens von solchen Bewertungen abhängig ist.

Zukünftig wird ein Unternehmen, daß in seiner Gemeinwohlbilanz zwischen 750 und 1000 Punkte aufweist, deutlich größere Chancen auf Erfolg haben, als ein Unternehmen, daß gar keine Gemeinwohlbilanz erstellt oder nur 200 Punkte ausweisen kann.

GW-Punkte

Das Zauberwort heißt Stör-Stoff-Sensor

Lieber Freunde von ÖkoRadix,
eine Gesellschaft, die ökologisch nachhaltig wirtschaften will und bald auch muß, sollte unbedingt versuchen, alle Rohstoffe, allgemeiner formuliert alle Ressourcen, die ja par excellence die Wurzeln unseres Lebens ausmachen und die sie unserem Heimatplaneten entnimmt, um sie für ihre Zwecke zu nutzen, dauerhaft im Wirtschaftskreislauf zu halten, denn nur so können wir dem immer stärker werdenden Problem der Ressourcenknappheit Herr werden.
In diesem Zusammenhang bin ich bei meiner Jobsuche auf eine interessante Seite aus Tübingen gestoßen, die sich mit den technischen Möglichkeiten der Mülltrennung an der Quelle, also vor allem in den Haushalte beschäftigt. Die Firma stellt einen sogenannten Stör-Stoff-Sensor her, der an jedem Müllfahrzeug montiert werden kann und den Müll – ohne Zeitverzug – auf seine Inhaltsstoffe prüft.

An die Quelle der Müllentstehung heranzugehen, entspricht ganz und gar dem Paradigmenwechsel von einem nachsorgenden zu einem vorsorgenden Umweltschutz.

So perfekt, wie die Haushalte selbst, die Quellen des Mülls, ihren Müll trennen können, können hinterher, auf den Müllbergen die Weiterverarbeiter niemals – auch nicht mit den besten hightech Verfahren – den Müll trennen. Zudem kostet die Mülltrennung im Haushalt fast nichts, während bei einer nachsorgenden Mülltrennung wieder riesige Technologien zum Einsatz kommen müssen, die ja meistens auch mit einem riesigen ökologischen Rucksack daher kommen.

Über ein einfaches Belohnungssystem für korrekte Mülltrennung, lassen sich die 4 Müllsorten „Biomüll“, „Altpapier“, „Recyclebare Wertstoffe“, „Restmüll“ nahezu perfekt von einander trennen und in die unterschiedlichen Recycling-Kanäle überführen.

Natürlich kann man darüber betrübt sein, daß es derartige Systeme überhaupt braucht, daß die Menschen doch, wenn Sie sich verantwortungsvoll verhalten würden, gleich alles sauber trennen könnten ohne Kontrolle. Aber wenn sie so handeln würden, dann wäre der berühmte Satz: „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser“ in der Geschichte nicht so erfolgreich gewesen.

Ich stelle Euch hier mal schematisch vor, wie das System funktioniert:

schemazeichnung-muelltrennungAuf der Homepage der Firma kann man lesen, daß schon nach kurzer Zeit und durch die Belohnung der Haushalte mit niedrigen Müllgebühren, das System funktioniert.

http://www.maier-fabris.de

Ich bin gespannt, ob sich das System durchsetzen wird!

Denkbilder der Natur

Seit langem gefallen mir die Natur und Landschaftsfotografien von Friedrich Beren ausnehmend gut, auf meinen Expeditionen zu den verlorenen Wurzeln des Lebens kommen mir seine Fotografien wie Wegmarken oder besser wie Denkbilder vor.

Naturlich wird mancher Kollege – der ein pur-Anhänger ist, die Nase rümpfen, über soviel „künstliche“ Dynamik, aber ich finde, sie unterstreicht nicht nur perfekt die Bildaussage, sondern kompensiert auch das Problem, das das innere Bild bei der  Wahrnehmung eines Motivs deutlich dynamischer ist, als das Foto, das hinterher auf dem Fotoabzug oder dem Bildschirm zu sehen ist.

Z. B. sind die inneren Bilder, die wir aus unserer Kindheit mit uns herumtragen, weitaus dynamischer als damals die Wirklichkeit war. Natürlich trägt auch der „Kitsch“ als Kunstgattung dem Rechnung, sonst würden uns die traumhaften Sonnenuntergänge auf Postkarten gar nicht so begeistern. Aber ich finde, daß Friedrich Beren hier ein supergelungene Gratwanderung zwischen Schönheit und Kitsch gelungen ist und hoffe noch viele Bilder von Ihm sehen zu können.

Heute hat er z.B. bei facebook folgendes Bild gepostet:

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Mit dem Titel:
Sonnenaufgang beim Scheibelsee in Hohentauern.

Und seinem Text dazu:
Der Amateur sorgt sich um die richtige Ausrüstung, der Profi sorgt sich ums Geld und der Meister sorgt sich ums Licht.
(Georg IR B.)

Dazu ist mir folgendes eingefallen:

Der Satz ist meiner Meinung nach wahr und nicht wahr zugleich, denn er erfaßt die Bedingungen der Wahrnehmungen nicht komplex genug. Gerade bei Natur-, Garten (ZweitNatur) und Landschaftsfotografie gibt es zwei Dinge, die ich bewußt trenne und die für mich besonders wichtig sind:

Viel Geduld für das Motiv und der ruhige Blick, um die Schönheit der Dinge überhaupt wahrnehmen zu können, bzw. sie fotografisch miteinander in Beziehungen zu setzen.

Ich habe z.B. 20 Jahre lang von Berufs wegen „Gärten in England“ fotografiert, zwar um damit Geld zu verdienen, aber ich war nicht unter Druck eine Fotostrecke in den Kasten zu bekommen. Ich konnte diesen Job so machen, wie ich wollte, da ich mir damals keine Sorgen ums Geld machen mußte.

So konnte ich es mir leisten, mich bei einem Garten „Shooting“ erstmal eine Stunde auf eine möglichst gut positionierte Gartenbank zu setzen und den Ort – sowie die Lichtstimmungen – auf mich wirken zu lassen.  Bis ich die erste Kamera aus meinem Koffer auf dem Stativ hatte, waren schon 5 Reisegruppen, die mit mir gekommen waren, wieder im Bus und eilten dem nächsten Garten entgegen. Das war eine wunderbare Zeit, die so wahrscheinlich nie wieder kommt. Aber man soll ja bekanntlich nie „nie“ sagen.

Inzwischen sehe ich es überdeutlich, alles hängt letztlich für den Fotographen, der Geld verdienen will und muß, am Geld und damit am Auftraggeber! Es stimmt wirklich, der Profi sorgt sich ums Geld, aber wie soll er da zum Meister werden?
Entweder ist also ein Meister ein Hobbyfotograph – der sich ebenfalls keine Sorgen ums Geld machen muß und auch die Ausrüstungsorgien hinter sich gelassen hat, um sich ganz auf die Motive zu konzentrieren oder es ist jemand, der schon so weit im Fotobusiness aufgestiegen ist, daß er nicht mehr dem Zwang der Arbeit unterliegt und fotographieren kann soviel und so lange er will oder er ist ein Zen-Meister, für den die Grundbedingungen, um ein Meister zu werden – nämlich die Möglichkeit NEIN sagen zu können – gar nicht relevant sind, weil er diese Bedingung sowieso zu 100% hat.

Erst wenn man NEIN sagen kann, kann man auch beginnen, in ganz kleinen Schritten, sich mit dem Licht anzufreunden, bis man sein Ziel – ein Foto zu machen – ganz vergessen hat und dann jener bedeutsame Augenblick kommt, in dem man sein Foto schießt ohne geschossen zu haben.

Ich merke gerade, daß ich den alte Herriegel immer noch in meinem Unterbewußtsein mit herumtrage – vielleicht sollte ich ein Buch schreiben „Zen in der Kunst des Fotografierens“ – oder doch besser nicht, erstens gibt’s wahrscheinlich schon Dutzende davon, wenn man nur genügend recherchiert und zweitens stände dann so ein Buch zwischen mir und dem Motiv, ich könnte nicht mehr auf den Auslöser drücken und das wäre schade für mich…

Ihr könnte die Bilder von Friedrich Beren sowohl bei Facebook

http://www.facebook.com/pages/Natur-und-Landschaftsfotografie-Friedrich-Beren/454286564684215

wie auch auf seiner Homepage ansehen

http://www.berenfotografie.jimdo.com/

Viel Spaß beim Ansehen – übrigens ich kenne Herrn Beren nicht, mache also keinerlei Werbung – sondern bin einfach nur ganz ehrlich begeistert von seinen Landschaftsaufnahmen.

Meine neue Homepage zur TraumJobSuche

Liebe Freunde von ÖkoRadiX,

wie der ein oder andere von Euch bereits weiß, bin ich seit 01. Januar 2015 – zum ersten Mal in meinem Leben – in den Zustand des “Arbeitssuchenden” gefallen, daß ist eine sehr neue und eine noch sehr interessante Erfahrung für mich, denn ich erfahre hier nicht nur über mich, sondern auch über Land & Leute viel Neues.

Man kann aus jeder Situation noch etwas Sinnvolles machen und so nutze ich nun die gute Gelegenheit, um gleich auch mit einem neuen Leben zu beginnen, in letzter Konsequenz heißt das eigentlich nicht wirklich mehr, als daß ich künftig noch achtsamer mit dem „Verbraten von Lebenszeit“ umgehen möchte.

Da es mich bereits nach den ersten Erfahrungen mit Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen schon sehr verwundert hat, auf welch ärmlichen Niveau vieles stattfindet, habe ich mich entschlossen, ein gewisses Quantum an Lebenszeit in die Erstellung einer Homepage zur TraumJobSuche zu investieren.

Die Homepage ist von meiner Liebe zur Ironie bestimmt und nennt sich ganz pragmatisch: http://www.luthers-jobsuche.de

Auf der rechten Seite in meinem ÖkoRadiX Blog findet Ihr aber auch einen Button, mit dem Ihr direkt zu meiner neuen Seite kommen könnt.

Natürlich würde ich mich riesig freuen, wenn Ihr meine neue Seite mal anseht und mir einen kleinen Kommentar auf dieser neuen Seite oder per Email hinterlaßt, denn nichts ist frustrierender, als in das feedbacklose Dunkel einer anonymen Leserschaft hinein zu schreiben, ich tröste mich da eigentlich immer nur mit der “Flaschenpost-Metapher” von Theodor Lessing, die ja bekanntlich auch Theodor W. Adorno in seiner „Flaschenpost-Philosophie“ immer sehr gerne zitiert hat.

So viel mal für den Augenblick,
seid alle herzlich gegrüßt aus dem Ammertal

Euer Andreas, der mit dem „Luther“ Geschlagene

Am schmotzigen Donnerstag

MaskeNichts liegt näher, als am schmotzigen Donnerstag über den Menschen als begehrte Heimat für Parasiten zu philosophieren, und damit meine ich nicht in erster Linie die Zottelmasken der schwäbisch-alemannische Fastnacht, die sicher auch eine hervorragende Brutstätte unterschiedlichster Kleinslebewesen sind.

Glücklich wer so nette Nachbarn hat, wie wir! Das geht auch alles ganz anders, wenn man dem Polt in den Münchner Kammerspielen Glauben schenken kann – und daran habe ich gar keinen Zweifel…

Weder Nietzsche in seinem „Ecce Homo“, noch Gerhard Polt in seinem „Ekzem Homo“ muß „der Welt erklären, wer er sei, um nicht verwechselt zu werden.“

Und hier kommt schon der erste Kracher, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt, ja wo denn sonst, eben typisch Polt: „Wenn ein Mensch sich als Mensch erkannt hat, ist er gut beraten, sich nicht als das zu erkennen zu geben.“

Polt und die Well-Brüdern ausm Biermoos

Wenn Gerhard Polt und die Well-Brüder aus’m Biermoos (seit der Auflösung der Biermösl Blosn am 18. Januar 2012 jetzt mit Christoph, Michael und Karli Well (statt Hans Well) besetzt) jetzt in den Münchner Kammerspielen ihre neue Revue EKZEM HOMO präsentieren, dann wird’s wieder total philosophisch: „Der Mensch an sich ist gut, aber die Leit san a Gsindl.“

Eine wunderbare Variante zu der anthropologischen Konstante: „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur so selten dazu.“ Der Mensch wird halt doch – seitdem wir schriftliche Zeugnisse von ihm haben – von allerlei ideologischem Parasitentum belagert oder wie Polt meint: „Der Mensch ist eigentlich ein Zwischenwirt, eine Heimat für Parasiten, Viren, Bazillen, Versicherungen, Geschäftsleute, Beerdigungsinstitute, Waffenhändler, ein Biotop für Religionen und Fußpilze.“ Um grübelnd anzufügen: „Wer ist Wir? Ich jedenfalls nicht! Wir – das sind die anderen.“

poltIn der neuen, satirischen Revue gibt Polt den renitenten Rentner Brezner (der in ungesunder Nachbarschaft zu den drei Well-Brüdern auf der einen und einem gewissen Herrn Merki auf der anderen Seite des Lattenzauns lebt) den Motzer und Moserer vor dem Herrn, halt so wie man das von ihm seit Jahrzehnten kennt. Tür an Tür, Vorgarten an Vorgarten muß er mit dem Gesocks, mit den „Grattlern“ leben, was bleibt ihm da übrig, erst muß er den Nachbarn mit der Grillverordnung kommen, später setzt er eine Drohne ein und am Ende mäht er den Nachbarn Merki mit einer Holz-Kalaschnikow nieder. Merki hatte das schon befürchtet: „Um einen anderen umzubringen, muss man ja nicht zwangsläufig religiös sein.“

Der Satz sagt mehr als 1000 Bücher, es ist eben nicht DIE RELIGION, es ist DER MENSCH! dieses kurze Aufflackern um Mitternacht (wenn man die Angelegenheit mal geschichtlich, also so im Rahmen von 4 Milliarden Jahren in Form von einem Jahr betrachten möchte: Bis die erste Sekunde nach Mitternacht um ist, ist diese Fehlentwicklung der Evolution, den man gemeinhin als Mensch, als Homo sapiens bezeichnet, anstatt als Homo demens, schon wieder Vergangenheit).

Oder wie Jean-Paul Sartre es 1944 in seinem Drama Geschlossene Gesellschaft, treffend bemerkte: „Die Hölle, das sind die anderen.“

Der Nachbarschaftsstreit, nach dem Motto: Wir, dass bin nicht ich, das sind die anderen gibt den losen Rahmen für eine Abfolge von satirischen Nummern ab, die insgesamt mehr Kabarett als ein Stück sind. Diese Anderen sind vor allem Anwohner, Anrainer, Mitbürger, Asylsuchende, kurz: Mitmenschen. Man könnte sie aber auch Nachbarn nennen. Direkte, indirekte, europäische, religiöse.
Aber auch: Nachbarskinder, Nachbarsgoldfische, Nachbarsgrillmeister und Nachbarslaubbooster.
Wer lebt, stört, und wer im engsten oder weitesten Sinne nebenan lebt, stört empfindlich.
Polt gibt in diesem Kabarett den salbadernden Demokratler, den findigen Mehrwertssteuertrickser, den indischen Aushilfspfarrer in der oberbayerischen Diaspora: Das ist ganz, ganz große Kleinkunst, wie Polt das nennt.

Polt in der Badewanne

Hinreißend, wie Polt den Miesbacher Ex-Landrat Jakob Kreidl imitiert: Als spätrömischen Dekadenzler in der Badewanne versucht er das Abendland z.B. gegen den Islam zu retten, in dem er fordert:
„Schweinsbraten für die Welt“.

Die Well-Brüder, wie gesagt seit 2012 ohne ihren großen Bruder Hans, begeistern mit gewohnter Meisterschaft auf allen möglichen Instrumenten, die sie schneller wechseln, als andere ihr Bühnenoutfit. Vom Dudelsack über die Quetsche, von der Drehleier und der Bachtrompete bis hin zu Harfe und Kontrabass ist jedes erdenkliche Instrument dabei.

Die Szene mit der Mülltonne des Nachbarn hat mich sofort an Samuel Becketts „Endspiel“ erinnert und ich dachte, daß mir die Absurdität der Existenz in der Polt’schen Version doch besser gefällt als in der Beckett’schen …

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Wer mal auf eine Weißwurst und eine Halbe Weißbier in München vorbeikommt, kann vielleicht noch eine der heiß begehrten Karten für das Kabarett  in den Münchner Kammerspielen ergattern.

Auf Youtube habe ich einen kleinen 5 Minuten Beitrag zum neuen Kabarett gefunden, vielleicht macht es Euch Spaß, diesen mal zunächst anzusehen:

https://www.youtube.com/watch?v=ZWkC4Ly6rTE

p.s. Die Fotos stammen übrigens von  Andrea Huber und Hans Kopp, ich hoffe, sie verzeihen mir, daß ich sie benutzt, bzw. verändert habe, um etwas Werbung für diese wunderbaren Menschen zu machen, auch wenn sie natürlich gar keine Werbung mehr brauchen, weil sie längst zu einer allgemein bekannten Institution geworden sind …

TTIP muß verhindert werden!

http://www.youtube.com/watch?x-yt-ts=1422503916&v=iM-HqL4oSVc&x-yt-cl=85027636

Die EU-Kommission verweigert eine offizielle Bürgerinitiative gegen TTIP und CETA. Gleichzeitig werden die Geheimverhandlungen zu den beiden Abkommen weiter von Unternehmenslobbyisten dominiert. Von den Inhalten der Abkommen gehen zudem Gefahren für die Demokratie aus. Bitte unterstützt alle die selbstorganisierte Bürgerinitiative gegen TTIP und CETA:

Hier geht’s zur Unterschrift!

Je suis Charlie und der wahre Islam

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Um den Propheten „Mohammed“ zu ‚verteidigen‘, wurde am 7. Januar 2015 auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris ein Anschlag verübt, bei dem 12 Menschen getötet und viele weitere verletzt wurden.

Millionen von Menschen haben inzwischen Ihr Migefühl mit den Opfern und ihren Familie sowie ihre Solidarität und ihr Einstehen für die Errungenschaften einer modernen, aufgeklärten Zivilisation, mit Menschenwürde, Demokratie und Toleranz, durch das Hochhalten des obigen Banners (dtsch. „Ich bin Charlie“) in Schweigemärschen und Demonstrationen etc. zum Ausdruck gebracht.

In diesen Tagen bekommen die Worte Karl Poppers wieder ungeheure Bedeutung: „Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“

Nun ist die politisch korrekte, europäische Lesart die, daß es sich um einen grundsätzlich verabscheuungswürdigen Terrorakt von verblendeten Terroristen handelt, der mit dem wahren Islam nichts zu tun hat.

Diese Herangehensweise hilft im Sinne Poppers nicht wirklich weiter, so wie man sich über Jahrhunderte – vor allem in den letzten 300 Jahren der Aufklärung – mit den anderen abrahamitischen Religionen, wie z.B. dem Christentum historisch kritisch und vor allem aufklärerisch auseinander gesetzt hat, z.B. mit dem Ergebnis der Menschenrechtscharta, wie sie von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 im Palais de Chaillot in Paris erklärt wurde, so ist man – egal in welchem Land auf diesem Planeten man lebt – dazu verpflichtet, die Lehren des Islam unter dem Blickwinkel der Menschenwürde und der Toleranz zu betrachten.

Meinungs- und Pressefreiheit sind ein hohes Gut, das mit viel Blutzoll und Vernichtung in den letzten Jahrhunderten der Aufklärung erstritten wurde. Wenn es etwas gibt, was bindend für die gesamte ‚Zivilisation‘ auf diesem Planeten sein sollte, dann ist es die grundsätzliche Bereitschaft zum Diskurs!

Viele Menschen – auch Muslime – fragen sich in zunehmendem Maße,  kann es dieses Konstrukt eines wahren Islam wirklich geben. Man kann es nur immer und immer wieder betonen, wenn man im Sinne der Aufklärung philosophisch logisch an diese Fragestellung herangeht, dann kann es immer nur historisch kontextual bedingte Wahrheitskonstrukte geben.
Für einen zeitlich übergeordneten Gott, der sich im Koran und durch den Propheten geoffenbart hat, der nicht hinterfragbar sein darf, ist keine wissenschaftlich fundierbare Evidenz herzustellen.

Wenn wir also von DEM ISLAM sprechen, dann müssen wir wissenschaftlich korrekt eigentlich sagen, der Islam ist die Gesamtheit aller gegenwärtig möglichen Varianten mit und durch den Islam zu leben. Wenn also jemand aufgrund der Vorbildfunktion des Propheten und seiner klaren Anweisungen die Berechtigung sieht, jemand der nicht an den Propheten zu glauben vermag, zu ermorden, dann gibt es keine übergeordnete Instanz im Islam, die sagen könnte, diese Verhaltensweise gehört nicht zum Islam, er kann lediglich mit anderen Textbeispielen eine andere Interpretation des Islam geben.

Jenseits der wissenschaftlichen Fragestellungen nach der Grundlegung und den Stiftern einer Religion, ist eine Religion zwangsläufig immer historisch vermittelt durch die Menschen, die diese Religion in der Gegenwart leben und zwar so leben, daß auch Außenstehende in eine Wechselwirkung mit diesem Ausleben geraten können. Damit ist aber die stumme Masse, die sich in der Gesellschaft, in der sie lebt, nicht artikuliert, auch nicht wirklich vorhanden, die aber, die sich im Namen ihrer Religion – und sei es durch Terrorakte – artikulieren, die werden in der Wahrnehmung mit dieser Religion gleichgesetzt. Wenn also Menschen, die zur stummen Masse von Mitgliedern einer Religion gehören, nicht wollen, daß Ihre Religion so wahrgenommen wird, wie es durch radikale Minderheiten passiert, dann muß die stumme Masse endweder durch eigenes Verhalten die öffentliche Wahrnehmung ihrer Religion verändern oder aber sich entscheiden, ihrer Religion den Rücken zu kehren.

Mit wahrem und falschem Islam kommt man wie bei allen religiösen Texten eigentlich nie weiter. Denn da der Umgang mit dem Koran und dem Propheten wie bei allen anderen religiösen Texten zwingend historisch-kritisch zu erfolgen hat, gerät man bei dem Versuch einer überzeitlichen, eineindeutig verbindlichen Interpretation immer in eine Sackgasse. Eine verbindliche Orthodoxie der buchstabengetreuen Interpretation, wie sie z.B. Muslime der sunnitischen Richtung versuchen, ist meiner Meinung nach eine logische Unmöglichkeit.

Weil es diese überzeitliche, geoffenbarte Wahrheit einfach nicht gibt, hat man nicht umsonst in den letzten Jahrhunderten zum Wohle der Menschen die strickte Trennung von Staat und Religionen, sowie die Religionsfreiheit des einzelnen Menschen im Private – zum großen Teil auch gegen den erbitterten Widerstand der Religionen – erstritten, keineswegs darf nun die Religionsfreiheit, die in unserer Verfassung verankert ist, dahingehend mißbraucht werden, daß sie als Schutzschild für Menschen eingesetzt wird, die demokratische Grundregeln und Toleranz- Grundsätze mißachten (siehe das Popper-Zitat oben).

Wer sich weiter zu diesem Thema informieren möchte, dem kann ich nur wärmstens die folgende Sendung im schweizer Fernsehen empfehlen. In der Sendereihe „Sternstunde Religion“ diskutiert der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad mit dem Islamwissenschaftler Prof. Mouhanad Khorchide von der Universität Münster, ob der Islam von seinen Grundlagen und zentralen Texten her eine barmherzige Religion oder eine faschistische Ideologie ist.

Wer sich eine Stunde Zeit nimmt und sich das seriös geführte und großenteils ruhig verlaufende Gespräch zwischen diesen beiden Islamkennern anhört, kann sich selbst auf einer vernünftigen Basis eine Meinung und Haltung zu den gegenwärtigen Problemen und Fragestellungen bilden.

Wie  schon Voltaire sagte: „Man kann die Menschen zur Vernunft bringen, indem man sie dazu verleitet, daß sie selbst denken.“

Gelesen im „MorgenBlatt des deutschen Waldes“

Anläßlich einer Neujahrs-Tagung mit dem Thema „Ökonomie kontra Ökologie?“ freuen wir uns, hier ein Interview abzudrucken, das wir am Rande der Tagung mit Herrn Dr. Mayer-Wabach führen konnten. Mayer-Wabach gilt als Vordenker einer postmodernen, ökologisch-sozialen Marktwirtschaft. Von diesem Denkansatz aus kritisiert er auch immer wieder den Umgang mit dem deutschen Wald. Das Interview führte unser Redakteur, Herr Müller, am 6. Januar 2015.Till_auf_dem_Harvester

Herr Müller: Zum Jahresauftakt 2015 darf ich Sie, Herr Dr. Mayer-Wabach, ganz herzlich in unserer Redaktion begrüßen. Herr Dr. Mayer-Wabach, Sie gelten als Kritiker ‚unseres‘ Umgangs mit dem deutschen Wald, gleichzeitig eilt Ihnen der Ruf voraus, ein Vordenker einer postmodernen, ökologisch-sozialen Marktwirtschaft zu sein.
Können Sie unseren Lesern etwas darüber verraten, was Sie an unserem Umgang mit dem Wald kritisiieren und wie Sie sich eine neue, eine andere Waldwirtschaft vorstellen würden. Sie sagen ja  immer wieder, wir machen schon vom Prinzip her vieles falsch – aber falls wir wirklich etwas falsch machen sollten, wie könnten wir es denn Ihrer Meinung nach besser machen?

Herr Dr. Mayer-Wabach:  Ja Herr Müller, die Antwort auf ihre Frage ist vom Prinzip her erstmal ganz einfach. Wie alles auf unserem „Heimatplaneten Erde“ ist auch der Wald inzwischen zu einem reinen Wirtschaftsraum geworden, über den ausschließlich Zahlen noch etwas Objektives auszusagen scheinen. Aber mit den Zahlen ist es wie mit der Technik insgesamt, ursprünglich entwickelt, um dem Menschen zu dienen, dient der Mensch und der Wald inzwischen den Zahlen und der Technik.

Herr Müller: Ein interessanter Ansatz Herr Mayer-Wabach, aber können Sie das für unsere Leser noch etwas näher und wenn möglich auch anschaulicher erläutern.

Herr Dr. Mayer-Wabach: Selbstverständlich – ich gebe ihnen gerne ein Beispiel. Über Jahrhunderte haben Holzhauer und Holzrücker unter schwerer körperlicher Arbeit das Holz für die unterschiedlichen menschlichen Bedürfnisse aus dem Wald geholt und es den Menschen bereitgestellt, der Wert des Holzes bemaß sich dabei nach der Häufigkeit seines Vorkommens, der Nachfrage und nach den Methoden der Holzernte.
Mit der industriellen Revolution und der Umstellung von Holz- auf Steinkohle ergaben sich einige Änderungen für die Holzwirtschaft und das Problem des Abtransports wurde neu überdacht, in dieser Zeit gab es – so um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert – einen genialen Erfinder mit Namen Franz Rummelburg, er war Österreicher, stammte aus einer alteingesessenen Försterfamilie und war selbst natürlich auch Förster.
Franz Rummelburg beobachtete die Natur sehr genau und er erfand aufgrund seiner Beobachtungen – vor allem von Gebirgsbächen – schließlich um 1918 eine geniale Wasserrutsche für den Abtransport von geschlagenen Bäumen der Bergwälder ins Tal. Sein von ihm patentiertes Transportsystem war so kostengünstig und so erfolgreich, daß Franz Rummelburg sehr schnell erkannte, daß ihm diese Erfindung nach heutigem Maßstab ein Millionenvermögen bescheren würde.
Trotzdem entschied er sich – ebenfalls sehr schnell – auf dieses Vermögen bewußt zu verzichten und keine weiteren Wasserrutschen mehr zu bauen, um die katastrophalen Folgen, die sein schnelles und kostengünstiges Transportsystem für seinen geliebten Wald haben würde, abzuwenden.

Herr Müller: Sehr schöne Geschichte Herr Mayer-Wabach, aber was hat diese hundert Jahre alte Geschichte mit unserem heutigen Umgang mit dem Wald zu tun?

Herr Dr. Mayer-Wabach: Nun Herr Müller aus dieser Geschichte ist beinahe alles für unseren heutigen Umgang mit dem Wald zu lernen. Wir können die Geschichte der Wasserrutsche von Herrn Rummelburg quasi wie ein Gleichnis verstehen.

Zu aller erst können wir daran lernen, daß wir immer eine Wahl haben, wir sind nicht gezwungen  – außer vielleicht von uns selbst – uns hemmungs- und bedingungslos unserer Gier nach immer mehr Geld und Wohlstand zu unterwerfen. Ein wichtiger Punkt ist, Herr Rummelburg und seine Familie konnten behaglich leben, so wie es die meisten von uns auch noch können, ein schöner und intakter Wald war ihm wichtiger, als ein riesiges Vermögen, er hat einfach andere Prioritäten in seinem Leben gesetzt, andere Werte waren ihm wichtiger als Geld! Er hat sein Lebensglück nicht an der Menge Geld gemessen, die er besaß, sondern an der Intaktheit der Natur und des Waldes.

Was wir als nächstes lernen können, ist etwas über das Eigenleben, das unsere Erfindungen beginnen, sobald sie in der Welt sind. Was Franz Rummelburg zunächst nur aus der Not, die ja bekanntlich erfinderisch macht, ersonnen hatte, nämlich möglichst schnell Windbruch vom Berg ins Tal zu transportieren, wurde ganz schnell nur noch nach seinem wirtschaftlichen Nutzen beurteilt. Niemand der potentiellen Auftraggeber hat in der Erfindung Rummelburgs mehr gesehen, als ein kostengünstiges Transportsystem, um ganz schnell riesige Mengen an geschlagenen Bäumen aus dem Wald herauszuholen. Ob das für den Wald, wir würden heute sagen, für das intakte Ökosystem „Wald“ sinnvoll ist oder nicht, hat niemanden – außer den Erfinder selbst – interessiert. Und der hat – zum Entsetzen aller Auftraggeber mit ihren goldfunkelnden Augen – sich verweigert und da er, im Unterschied zu allen anderen, viel genauer die Natur beobachtet hatte und aufgrund seiner genauen Beobachtungen seine Erfindung so erfolgreich war, war es für andere nicht möglich seine Erfindung einfach nachzubauen und die Idee der Wasserrutsche als Transportsystem verschwand wieder ganz schnell von der Bildfläche.

Herr Müller: Alles schön und gut, Herr Dr. Mayer-Wabach, aber wir haben heute keine einzelnen, kautzigen Erfinder mehr, wir haben einen riesigen Markt, der bedient werden will und schließlich müssen wir doch auch an die vielen Arbeitsplätze denken, die es zu sichern gilt.

Herr Dr. Mayer-Wabach: Stimmt, heute haben wir keinen einzelnen Erfinder mehr, der sich dem Markt verweigern kann, sondern multinationale Konzerne mit millionenschweren Entwicklungsabteilungen, die sich der Wirtschaft und dem Markt niemals verweigern würden, die nur einen Aspekt kennen, daß die Wirtschaft und damit die Profitmaximierung funktioniert. Und weil das so ist, gibt es heute auch niemand mehr, der den Harvester, den Holzvollernter mehr in der Schublade verschwinden läßt, man will doch seinen „return on invest“ und außerdem kann der Harvester doch auch alles viel besser als wir Menschen, er fällt die Bäume sauber und super schnell, entastet die Stämme, zerkleinert die Äste zu Hackschnitzeln und legt die Stämme in den Rückgassen, die er natürlich unbedingt in großer Zahl benötigt, zum Abtransport mit dem Forwarder ab.

Herr Müller: Sie sagen es doch jetzt sogar selbst, der Harvester hilft doch nur den Menschen, er macht ihr Leben einfacher, er senkt die Unfallrisiken, und …

Herr Dr. Mayer-Wabach: … ermöglicht sogar sechs von sieben Waldarbeitern sich in Ihrer Arbeitslosigkeit selbst zu verwirklichen, statt hart im Wald zu arbeiten

Herr Müller: Das ist natürlich bedauerlich, ein gewisser Kollateralschaden, das man immer weniger Waldarbeiter braucht, aber die sind dann ja auch freigesetzt, um was anderes, sinnvolles in ihrem Leben zu machen und schließlich und endlich, was hätte man auch machen sollen bei der schnellen Aufarbeitung des riesigen Windbruchs z.B. der Orkane „Vivian“, „Wiebke“, „Kyrill“ und wie sie alle hießen und aufgrund des Klimawandels noch heißen werden.

Herr Dr. Mayer-Wabach:  Aber Herr Müller, ist denn unser Wald unser Wohnzimmer, daß wir schnell wieder aufräumen müssen, wenn ein Sturm mit heftigem Regen durch ein vergessenes, offenes Fenster jede Menge Bruch und Wasserschaden angerichtet hat? Ich möchte mal an dieser Stelle ganz klar festhalten: Wir mußten nicht ganz schnell aufräumen, sondern wir wollten ganz schnell aufräumen. Wir sind schon in unserer Sprache unehrlich, wenn wir WOLLEN mit MÜSSEN vertauschen.
Viel wäre doch schon gewonnen, wenn wir wenigstens anfang würden, ehrlich zu sein bzw. wenigstens ehrlicher zu formulieren, wir müssen nicht den Harvester einsetzen, sondern wir wollen den Harvester einsetzen und wir nehmen es billigend in Kauf, daß wir mit dem System der Rückegassen, die der Harvester dringend benötigt, den Waldboden zerstören und nicht weil wir leider den Waldboden zerstören müssen sondern weil wir den Waldboden zerstören wollen, weil für uns andere Kriterien wichtiger sind, denn alles was wir sehen und billigend in Kauf nehmen, das wollen wir auch, weil wir verschiedenen Aspekte gegeneinander abwägen und uns immer wieder und immer mehr nach den Kriterien einer reibungslos funktionierenden Wirtschaft richten, die brummen muß, damit wir glücklich sein können.

Aber was ist eine „funktionierende Wirtschaft“, eine funktionierende Wirtschaft klingt wie ein völlig von uns und unserer Gesellschaft abgekoppeltes Gebilde, quasi wie ein Naturgesetz, gegen das wir nichts tun können, das seine eigenen Systeme und Funktionsweisen fern des Menschen hat und nach denen wir uns richten müssen, wenn wir überleben wollen. Aber ich sage es Ihnen ganz klar und deutlich, DIE WIRTSCHAFT GIBT ES NICHT, es mag trivial klingen, ist aber der Dreh- und Angelpunkt unserer Zukunft. Wir müssen uns immer wieder klarmachen, die Wirtschaft funktioniert (oder funktioniert für manche auch nicht) genau so wie wir es WOLLEN. Wir alle sind diejenigen, die die Prämissen vorgeben und wenn wir wollen, daß die Wirtschaft funktioniert, dann müssen wir erstmal sagen, was für uns „funktionieren“ bedeutet. Ich sag es mal ganz plakativ, für mich bedeutet eine funktionierende Wirtschaft der Zukunft sicher nicht, auf dem Weg der seelenlosen Optimierung und Profitmaximierung so weiterzugehen, wie bisher, wir sollten langsam etwas anderes Wollen wie bisher.

Herr Müller: Herr Mayer-Wabach lassen sie uns nochmal auf Ihre Kritik an unserem Umgang mit dem Wald zurückkommen. Was ist so schlecht daran, daß wir es uns als Menschen einfacher machen, daß wir nicht mehr im Schweiße unseres Angesichts die Bäume aus dem Wald holen müssen, sondern bequem mit einem klimatisierten Harvester und Forwarder

Herr Dr. Mayer-Wabach:  Nicht der Harvester ist unser bewußtloser Sklave, der unser Leben einfacher macht, sondern wir sind die bewußtlosen Sklaven des Harvesters, dessen endloser Gier nach immer mehr Holz wir uns zu fügen haben, denn schließlich muß der Einsatz des Harvesters das Geld für die Rohstoffe, aus denen er gefertigt wird, verdienen, er muß für den Hersteller verdienen, er muß für den Waldbesitzer verdienen, er muß für den Dienstleister verdienen, dann muß natürlich auch der Holzverarbeiter durch günstige Einkaufspreise verdienen und der Konsument muß am Ende der Kette ja auch durch einen möglichst niedrigen Preis verdienen – und wie soll das gehen? Ganz einfach nach dem Grundsatz erfahrener Bankrotteure: „Am Baum machen wir Verlust – aber die Masse macht’s“. Aber Spaß beiseite, der Einsatz von immer aufwendigerer Technik – also auch immer teurer Technik, wir sprechen hier bei Grundausstattungen auch mal von Millionenbeträgen – macht eine entsprechende Menge von Holzeinschlag zwingend notwendig. Der Harvester-Einsatz wird in der Regel nach Leistung, also nach Festmetern bezahlt und mit 10 Festmetern am Tag können Sie keine Investitionen von mehreren hunderttausend Euro finanzieren. Da liegt es auf der Hand, das Maximum, was so ein Harvester und sein nachgeschalteter Forwarder kann, also nicht nur 60 oder 80 Festmeter sondern auch gerne mal 300 Festmeter am Tag rauszuholen.

Herr Müller: Aber ist es nicht zumindest in Deutschland inzwischen geregelt, daß nicht mehr Holz pro Jahr aus dem Wald geholt werden darf, als auch in einem Jahr nachwächst? Da werden die Forstverwaltungen doch sicher genau vorgeben, wieviel Holz geerntet werden darf.

Herr Dr. Mayer-Wabach:  Theoretisch ja – praktisch nein! Der größte Teil der Holzernte wird in Deutschland von Dienstleistungsunternehmen ausgeführt und noch dazu von solchen, die bei europäisch vorgeschriebenen Vergabeverfahren ihre Leistung am günstigsten angeboten haben, hier geht eine Schere auf, wenn ich mit großen Investitionen, große Mengen schnell bewältigen kann, dann kann ich diese Mengen günstig anbieten, aber was ist dann mit kleinen Mengen? Da liegt es doch auch auf der Hand, Vorbedingungen für den Einschlag so zu „gestalten“, daß entsprechende Mengen, die der Harvester braucht, auch geerntet werden können – ökologische Erwägungen müssen dann zwangsläufig nachstehen, wenn man als Auftraggeber – der in der Regel die Forstverwaltung von Ländern und Gemeinden ist – nicht möchte, daß die beauftragten Dienstleister mit ihren immer gößer werdenden Maschinenparks reihenweise in die Pleite gehen.

Herr Müller: Könnte man – wenn dem wirklich so ist, wie Sie behaupten – das Vergütungsverfahren ändern oder muß man dann einfach auf modernste Technik verzichten, wenn man nicht genug erntereife Holzmengen zusammenbringt?

Herr Dr. Mayer-Wabach:  Ja und Nein! Wir müssen ja nicht nur den jedes Jahr nachwachsenden Holzmengen Rechnung tragen, wir müssen ja auch dafür sorgen, daß wir ein ökologisch funktionierendes System „Wald“ erhalten und dazu gehören nun einmal nicht nur die richtigen Bäume in einer richtigen Anzahl und Mischung, dazu gehört zu allererst auch mal ein ökologisch intakter Boden, denn ohne intakten Waldboden, kein intakter Wald. Hier ist natürlich die Versuchung aller Beteiligten sehr groß, den Weg immer perfekterer Technik – sprich immer größerer Investitionen – zu gehen.
Selbst wenn kein Einsehen in ökologische Notwendigkeiten besteht, so ist das Interesse der weltweit agierenden Maschinenhersteller doch sehr groß auf alle Wünsche von Forstbetrieben einzugehen, denn das bedeutet Umsatz und Wachstum und noch will niemand dieses goldene Kalb des Kapitalismus schlachten.
Und damit schließt sich auch wieder der Kreis, denn wir sind wieder beim WOLLEN angekommen. Wollen wir wirklich auf dieser Einbahnstraße der Naturzerstörung für schnelle Profite weitergehen oder sagen wir einfach STOPP!

Herr Müller: Wie soll das in der Praxis funktionieren?

Herr Dr. Mayer-Wabach:  Wir könnten uns den Erfordernissen der Natur überlassen, wir könnten das Leben in Harmonie und Gleichklang mit der Natur wieder als Wert anerkennen lernen – wir nehmen, was uns die Natur in reichlichem Maße gibt, aber kein Stück mehr. Wir geben uns den Grundsatz, so im Wald vorzugehen, daß nach unserem Eingreifen und Ernten im Wald niemand sieht, daß wir da waren und zwar nicht durch ausgeklügelte Kosmetik (nach dem Motto: Wir schütten zerstörte Rückegassen einfach oberflächlich zu und streuen Laub darüber!) sondern durch ehrliches, moralisch anständiges Verhalten und wenn durch dieses Verhalten der Holzpreis um 50 bis 100% steigt, dann sagen wir, das ist genau das, was wir wollen, denn wenn wir auf diesem Planeten eine Zukunft haben wollen, dann müssen die Preise, die wir für unser Holz ansetzen, nicht nur die ökonomische, sondern auch die ökologische Wahrheit sagen, so wie es Ernst Ulrich von Weizsäcker vorgeschlagen hat. Und zur ökologischen Wahrheit gehört der „ökologische Rucksack“, den all unsere Aktionen auf diesem Planeten tragen, von der Wiege bis zur Bahre!

Herr Müller:  Ein schönes Schlußwort Herr Dr. Mayer-Wabach. Wir müssen jetzt leider unser Gespräch beenden – ich bedanke mich für ihre Ausführungen, wenn gleich ich ehrlich zugeben muß, daß ich Ihre Thesen doch für sehr überzogen und an vielen Stellen sogar für – gestatten sie mir das Wort – weltfremd halte. Ich bin im Unterschied zu Ihnen doch der Meinung, daß wir nach wie vor am besten auf einen funktionsfähigen, brummenden Markt und eine ungebremste  Weiterentwicklung der Technik zum Wohle des Menschen auch in Zukunft vertrauen sollten. Meinen Sie nicht auch?

Was ist Ressourcenaufklärung?

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Um den Paradigmenwechsel vom nachsorgenden zum vorsorgenden Umweltschutz vernünftig voranzubringen, ist zunächst und vor allem anderen  eine umfassende Ressourcenaufklärung notwendig.

Ressourcenaufklärung ist der Ausgang von uns Menschen aus unserer selbst verschuldeten, unmündigen Naturzerstörung. Unmündig ist diese Naturzerstörung deshalb, weil wir uns beständig – bewußt oder unbewußt – weigern, selbst für diese Zerstörung die Verantwortung zu übernehmen und nicht bereit sind, ohne Leitung übergeordneter Autoritäten aus Wirtschaft und Politik uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Naturzerstörung deshalb, weil es uns als Menschen nicht am Verstand, sondern am Mut und der nachdrücklichen Entschließung mangelt.

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Der Wahlspruch muß also immer noch  lauten: „Sapere aude!“ Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, dich über das Maß der Naturzerstörung zu informieren und dich zu widersetzen, wenn Dir jemand sagt, daß der Wohlstand aller am Wachstum der Produktmengen hängt und gleichzeitig verschweigt, daß dein Ticket für den Wachstumszug dich direkt in den Abgrund befördert.

Habe Mut zu verlangen, daß dir bei jedem Produkt, was du kaufen und damit auch Deine Lebenszeit dafür hingeben sollst, gesagt wird, mit welchem katastrophalen Ressourcenverbrauch dieses Produkt verbunden ist, damit Du selbst, mit deinem Verstand und deinem Verantwortungsbewußtsein entscheiden kannst, ob dir der Nutzen, den dieses oder jenes Produkt Dir verheißt, den Grad an Ressourcenverschwendung wert ist, mit dem es hergestellt wurde und von dir nun mit weiterer Ressourcenverschwendung betrieben werden muß.

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Tiefenökologie in 8 Punkten

1. Das Wohlsein und Sich-entfalten-Können des menschlichen und des nichtmenschlichen Lebens auf der Erde haben einen Wert in sich selbst. Dieser Eigenwert ist unabhängig von der Nützlichkeit der Natur für menschliche Zwecke.

2. Der Reichtum und die Vielfalt der Lebensformen tragen zur Verwirklichung dieser Werte bei und sind ebenfalls als Wert an sich anzusehen.

3. Menschen haben kein Recht, diesen Reichtum und diese Vielfalt zu verringern, außer um ihre überlebensnotwendigen Bedürfnisse zu befriedigen.

4. Die gegenwärtigen Eingriffe in die nichtmenschliche Welt durch den Menschen sind übermächtig schädigend, und die Situation verschlechtert sich zunehmend immer schneller.

5. Das Wohlsein des Menschen und seiner Kulturen und das Überleben der nichtmenschlichen Daseinsformen setzt einen deutlichen Rückgang der Weltbevölkerung voraus.

6. Für eine tiefgreifende Verbesserung der Überlebensbedingungen sind politische Änderungen nötig. Die bevölkerungspolitischen Instrumente beispielsweise müssen sich ändern.
Änderungen beziehen sich ferner auf grundlegende ökonomische, technische und ideelle Strukturen. Der sich hieraus ergebende Zustand gesellschaftlichen Zusammenlebens wird sich fundamental von dem gegenwärtigen unterscheiden.

7. Der geistige Wandel bezieht sich hauptsächlich auf die Wertschätzung von Lebensqualität (also auf die Wahrnehmung von Situationen mit innerem Wert) und nicht länger mehr auf steigenden Lebensstandard. Es wird sich ein tragendes Bewußtsein des Unterschiedes zwischen Menge und Güte entwickeln.

8. Diejenigen, die die genannten Punkte befürworten, gehen damit gleichzeitig eine direkte oder indirekte Verpflichtung ein, an dem Versuch teilzunehmen, die nötigen Veränderungen durchzusetzen.

Arne Naess / George Sessions (zit. nach Tiefenökologie / 1995)

Ein Siegel für den Ökologischen Fußabdruck!

fussabdruckJede Sekunde, jeder Augenblick in unserem Leben kommt in unserem Leben genau EINMAL vor. Wären wir uns ständig dieser verstörenden Einsicht bewußt, würden wir kaum lebensfähig sein. Deshalb spalten wir diese Einsicht in unserer Psyche ab, maskieren und tabuisieren sie durch die Vorstellung einer endlosen Wiederholbarkeit unserer Lebenszeiteinheiten.

Der Wahlspruch „Carpe diem“ des Dichters Horaz aus dem letzten vorchristlichen Jahrhundert trägt zwar der Einmaligkeit jedes Augenblicks Rechnung, ist aber in unserer Gegenwartskultur vollkommen degeneriert zum Aufruf nach einem 24 Stunden Daueraktivismus, der das Leben randvoll kippen soll mit tausenderlei Ereignissen, denn nur Events machen nach dieser Vorstellung das Leben sinnvoll.

Nun im systemischen Spannungsfeld dieser beiden Aspekte der Verdrängung einerseits und der Daueraktivität anderseits bewegt sich auch die gesamte Ressourcen-Verbrauchs-Problematik.
Warum? In unserem Leben verhalten wir uns beim Verbrauch von Lebenszeit oft so, als wäre sie ewig, obwohl niemand ensthaft bestreiten kann, daß sie endlich ist. Beim Ressourcenverbrauch gehen wir ähnlich vor, obwohl der größte Teil der Ressourcen, die wir verbrauchen, endlich ist, verhalten wir uns so, also vor allem unsere produzierende Wirtschaft, als wären unsere Ressourcen auf diesem Planeten unendlich.

Es gehört zur Tragik unserer menschlichen Gesellschaft, daß Sie immer wieder und vielleicht auch final an den einfachen Wahrheiten scheitert. In seinem 420 Seiten Umweltgutachten von 2012 erläutert der deutsche Sachverständigenrat für Umweltfragen in aller ihm möglichen Ausführlichkeit die ökologische Begrenzungsmarken, die die Wirtschaft einhalten müßte, wenn sie nachhaltig operieren würde, so heißt es auf Seite 33 /Punkt 41 summarisch:
„Die Ökonomie in ihren stofflichen Dimensionen zehrt von „Größen“, die sie nicht selbst produzieren, sondern nur verbrauchen kann. Das ökonomische System muss sich daher im Rahmen der Reproduktionskapazität der Natur bewegen. Nachhaltigkeit bedeutet, sich innerhalb der damit gegebenen ökologischen Grenzen zu bewegen.“

Auch bekennt sich der Sachverständigenrat „zum Konzept der starken Nachhaltigkeit, er hält die Substituierbarkeit von Naturkapital durch andere Kapitalformen nur in engen Grenzen für möglich. Die Erhaltung der ökologischen Tragfähigkeit verlangt, dass Abwägungsentscheidungen zwischen verschiedenen Nachhaltigkeitszielen innerhalb eines gesetzten ökologischen Rahmens getroffen werden müssen.“ Man könnte auch sagen, Geld kann man nicht essen und die Luft zum Atmen ist letztlich auch keine Frage des Bankkontos (höchstens temporär!)

Wenn wir als Verbraucher etwas tun wollen, dann sollten wir verlangen, daß Produkte, die wir konsumieren sollen, mit ihrem ökologischen Rucksack, also dem gesamten Materialverbrauch an Naturressourcen, während der Produktentstehung und seines gesamten Lebenszykluses, gekennzeichnet werden.

Damit wir die Werte vernünftig vergleichen können, muß zudem der Materialverbrauch pro Nutzungseinheit angegeben werden, so ähnlich, wie in jedem Supermarkt heute der Preis eines Produkts auf eine Einheitsgröße hin angegeben werden muß, also z.B. kg oder Liter.

In der Kette des Materialverbrauchs wirkt sich jede Einsparung in konzentrischen Kreisen mächtig aus, weil an jedem Teilschritt ja wiederum hunderte weitere Teilschritte hängen, die man für die Einzelfallentscheidung aber gar nicht kennen muß, es genügt einfach den Materialinput und die Anzahl der Produkte zu verringern, auch das ist wieder eine Frage der exponentiellen Entwicklungen.

So könnten wir als Verbraucher entscheiden, ob wir ein Produkt mit hoher oder niedriger Ressourcenproduktivität erwerben wollen!

Wenn man zusätzlich nicht mehr die Arbeit in einer Gesellschaft besteuert, sondern den Ressourcenverbrauch und den Konsum insgesamt und dann gleichzeitig durch ein bedingungsloses Grundeinkommen, die steuerlichen Freibeträge für sozial schwache Bevölkerungskreise sicherstellt, dann hat man die Gesellschaft so umgebaut, daß auf diesem Planeten nicht mehr verbraucht wird, als er sowieso schon in reichlichem Maße zur Verfügung stellt.

Diese Vorbedingung ist auch dafür notwendig, daß nicht mehr länger 20% der Weltbevölkerung 80% der Ressourcen verbrauchen. In einem ökonomischen System, daß sich innerhalb der ökologischen Grenzen stabil bewegt, kann jeder auf diesem Planeten am Wohlstand teilnehmen.

Wenn wir dann noch durch einen weltweiten hohen Bildungs- und Freiheitsstandard das Problem des Bevölkerungswachstums gelöst haben und außerdem religiöse Ideen nur noch für Historiker und Freizeitaktivitäten von Interesse sind, dann sind wir von der Hölle in den Himmel aufgestiegen.

Der WALD – Ein Hintergrundbericht
zu meinem Hintergrundbild

WaldbildEs wird Euch sicher nicht verwundern, daß der Buchenwald im Hintergrund meines Blogs, ÖkoRadiX.de, nicht ganz zufällig dort gelandet ist und auch nicht aus rein ästhetischen Gründen von mir dorthin gepflanzt wurde. (Wen es interessieren sollte, viele der Bilder dieses Beitrags stammen von einer Wanderung im Buchenwald zwischen Öschingen und Genkingen.)
Der Buchenwald hat für mich eine ganz besondere Bedeutung, nicht nur weil ich Buchenwälder besonders liebe, schließlich ist die Buche ja die Königin, die Mutter des Waldes und würde, wenn man sie nur ließe, zu 80% den deutschen Wald bestimmen, sondern auch weil bei diesem Thema besonders viele positive wie negative Aspekte meiner ÖkoRadiX Fragestellungen zusammen kommen.
Für mich sind Wälder und Ihre Bäume jedenfalls keine Bioroboter mit denen wir umgehen können, wie es uns gerade paßt, Bäume sind fühlende Lebewesen, wie Tiere und Menschen auch – und das meine ich nicht esomäßig, wie manche gleich wieder argwöhnen werden und deshalb vorsichtshalber erst gar nicht weiterlesen wollen…

Der Wald und die Forstwirtschaft

In dem Dreieck Wald – Mensch – Wild stört vor allem der Mensch mit seinem unsinnigen Tun (im Bezug auf die Zerstörung wunderbar funktionierender Ökosysteme) deshalb möchte gleich zu Beginn meines Beitrags mit der unsinnigen Aussage, daß Forstwirtschaft Hege und Pflege, gar Naturschutz par excellence sei, es also ohne Förster keiner Wälder mehr gäbe, aufräumen:
Erstens hat sich der Wald auch ohne Forstwirtschaft über Jahrmillionen wunderbar selbst erhalten und zweitens, selbst wenn man einräumt, daß der Wald durch das unsinnige Verhalten des Menschen inzwischen vielerorts zum kränkelnden Patienten geworden ist, so könnte die Forstwirtschaft nur dann etwas für den Wald tun, wenn sie sich wirklich an der Natur orientieren würde, wenn sie versuchen würde, ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen wirklich öko.logisch bewirtschafteten Flächen und nicht bewirtschafteten Schutzflächen herzustellen. Orientieren tut sie sich aber an vielerlei anderen Dingen, aber sicher nicht an dem Ziel eines intakten Waldes (das soll eine Provokation sein!)

Ganz klar! Wenn man sich mit dem Thema „Wald“ beschäftigt, kommt man schnell zu allen ökologischen (also kulturbezogenen) und öko.logischen (also naturbezogenen) Fragestellungen, die man sich bei den Themen Kultur & Natur überhaupt nur vorstellen kann. Besonders beim Thema Wald sollte man sich von dem ewig alle Diskussionen abwürgenden Einwand: „Nur Fragen und Zweifel zu haben –  aber keine konstruktiven Vorschläge“ nicht abwürgen lassen.

In der Tat kann man sich nämlich beim Thema „Wald“ zunächst mal sehr viele grundsätzliche Fragestellungen aus dem wilden Gemisch von Naturschutz, Tierschutz, Ökonomie, Ökologie, Mensch und Natur, Natur und Kultur, Nachhaltigkeit usw. usw. erarbeiten und man stellt auch hier sehr schnell fest, daß nicht bei allem, wo Öko auf der Verpackung steht auch Öko drin ist.

Das waren mal grüne NadelbäumeUnsere  sogenannte ökologisch orientierte Forstwirtschaft – mit Ihrem Credo (das ist aber häßlich formuliert und ganz polemisch!) einer angeblich naturnahen Plantagenwirtschaft, die sich durch viele importierte Nadelholzarten auszeichnet – hat jedenfalls mit Naturschutz und Ökologie soviel zu tun, wie eine Kuh mit dem Spitzentanz.

Klar! Ich kann es schon verstehen, so schöne Nadelbaumplantagen, ja die machen den Förster froh, die wachsen immer schön gerade, machen keine Sperenzchen wenn der Förster und seine Helfeshelfer mal zuviel abholzen, die wachsen dann trotzdem gerade weiter, auch wenn neben ihnen die Bäume umfallen, wie die Soldaten. Buchen oder Eichen machen da schon viel mehr Arbeit, da muß man immer wieder sehen, daß die Rahmenbedingungen so stimmen, daß die Bäume nicht krumm und schief wachsen und am Ende dann nicht gut zu verkaufen sind. Dann doch schon lieber die künstliche Taiga, die macht doch alle froh.

Natur versus Kultur

Wer bei den Worten „Natur“ und „Wald“ an etwas Ursprüngliches denkt, etwas das wir Menschen vor Jahrtausenden, als wir noch Jäger und Sammler waren, vorgefunden haben, der liegt richtig und falsch zugleich, denn der Wald, so wie wir ihn in Mitteleuropa kennen, hat mit dem ursprünglich vorgefundenen Wald fast gar nichts mehr zu tun, wir leben in einer vom Menschen gemachten Kulturlandschaft, wobei das Wort „Kultur“ hier nicht wertend als etwas besonders wertvolles zu verstehen ist, sondern nur als Gegensatz zur „Natur“, in der nichts vom Menschen gemacht ist. Richtig ist jedoch, daß das Öko.System in „Natur“ und „Wald“ nach wie vor arbeitet, nur nicht mehr so ungestört und perfekt, wie zu den Zeiten, in denen der Mensch sich noch nicht eingemischt hat.

Buchen im Frühling in Reih und GliedDas komplexe Öko.System, das der Mensch als er vor Jahrtausenden begann, darüber nachzudenken und viele Mythen und Religionen durch dieses Nachdenken erfand, vorgefunden hat, war ein detailliert auf einander abgestimmtes System, was sich vor allem durch den perfekten Kreislauf, in dem über die Jahrtausende nichts unberücksichtigt blieb, auszeichnete. Diesen perfekten Kreislauf hätten wir auch wieder gerne und wir glauben, indem wir schöne Flyer drucken, in denen vom „Prozeßschutz in den Biosphären-Reservaten“ die Rede ist, sei die halbe Strecke schon bewältigt.
Aber bis zum Flyer war es noch ein weiter Weg, denn zunächst kam der Mensch mit seiner vergleichsweise kurzen Entwicklungsgeschichte und fummelt an tausend Stellen rum, ohne wirklich zu wissen, was einzelne Aktionen für weitreichende Folgen haben können und dann nannte er den ganzen Schlamassel, den er angerichtet hat, auch noch großspurig sein Anthropozen.

„Never change a running system!“ diesen Grundsatz aus der Computerwelt, hätten die Menschen beim Öko.System „Wald“ auch schon seit langem beherzigen sollen, anstatt ständig alles zu ändern, und das ganze am Schluß noch als Fortschritt zu verkaufen. Aber das Thema „Fortschritt“ möchte ich jetzt hier nicht besprechen…

Das Thema „Wald“ ist besonders deshalb ein wichtiges, nachhaltiges Thema, weil sich positive und negative Entscheidungen oft erst in viel größeren zeitlichen Abständen auswirken als es ein Menschenleben überblicken kann, für einen Wald sind 200 Jahre fast gar nichts für Menschen hingegen ein halbes Dutzend Generationen.

Warum brauchen wir denn überhaupt einen Wald?

Wald könnte man als Baum-Cluster verstehen, der dann zum Wald wird, wenn er groß genug ist, um ein spezifisches Wald-Binnenklima zu erzeugen. Hört sich prima an, sagt nichts darüber aus, warum wir ein Baum-Cluster brauchen, vielleicht brauchen wir ein Baum-Cluster genauso wenig wie ein Excellenz-Cluster?

Klar Wälder sind komplexe Ökosysteme und wir können viel von diesen Systemen lernen. Z.B. nutzen Wälder Ressourcen optimal aus, nicht so schwächlich wie wir es für gewöhnlich tun.
Nach den Ozeanen sind sie die wichtigste Einflussgröße des globalen Klimas. Speichern riesige Wassermassen, produzieren richtig viel Sauerstoff und senken nebenbei wirksam das Kohlendioxid, was wir ja alles nicht so hinbekommen. Nicht zu vergessen, die wunderbare Filterwirkung von Wäldern für Staub aller Arten. Ihr Artenreichtum ist überdies ein unschätzbarer Genpool und der Gesetzgeber wird alle Hände voll damit zutun haben, daß Firmen sich einzelne genetische Codes nicht patentieren lassen…

Wenn ein Thema riesig ist, versucht man natürlich erstmal die unbestrittenen Wahrheiten zu finden. Niemand wird bestreiten, daß der Wald ein komplexes Ökosystem ist – mit dieser Aussage hört dann aber auch schon der Konsens auf. Denn ob Bäume – solange sie wachsen – durch ihre Fähigkeit zur Photosynthese sowohl die größten Sauerstoffproduzenten dieses Planeten – sozusagen seine grüne Lungen – sind und gleichzeitig das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Erdatmosphäre aufnehmen, sie also zur Senkung des Kohlendioxidgehaltes beitragen, in dem sie den Kohlenstoff in ihrem Holz und ihren Blättern verbauen und den Sauerstoff ausatmen, ist in der Wissenschaft schon umstritten, liefern denn Bäume überhaupt Sauerstoff oder tritt der Sauerstoff bei der Selbstkühlung der Bäume durch Wasserverdunstung aus dem Wasser aus? Viele Fragen – 1000 Antworten – muß man da jetzt resignieren? Eigentlich nicht!

Egal – welcher Bestandteil auch immer dafür verantwortlich ist, solange Bäume leben und wachsen, tritt im Ökosystem Sauerstoff auf und CO2 wird gebunden. Werden Bäume gefällt geben sie jedenfalls den ganzen Kohlenstoff, den sie eingebaut hatten, durch die Verbrennung als Kohlendioxid wieder ab.

Ok! Man könnte sagen, die CO2 Bilanz ist immerhin neutral, es kommt kein zusätzlicher CO2 Ausstoß zustanden und im Wald werden ja auch gleichzeitig wieder Bäume für die gefällten gepflanzt, stimmt aber trotzdem nicht: Durch die ständige Durchforstung der Wälder kommt viel zu viel Licht und Wärme zum Boden, dadurch werden Pilze und Bakterien mächtig aktiv und der Kohlenstoff der im Boden gebunden ist, entweicht als CO2 in die Atmosphäre, der Förster Peter Wohlleben gibt einen Wert von bis zu 100.000 Tonnen CO2 pro Quadratkilometer an.
Also es geht nicht nur um das CO2, das durch Brandrodungen in den großen Regenwaldgebiete dieses Planeten freigesetzt wird, es geht auch nicht allein um das CO2 , das in Deutschland jeden Tag durch  Kaminöfen und Pelletheizungen freigesetzt wird und das die Brennholz-verarbeiter im 21. Jh. in einen wahren „Gold-Rausch“ gestürzt hat, es geht vor allem auch um das CO2, das durch falsche Forstwirtschaft verstärkt aus dem Waldboden freigesetzt wird und dazu führt, daß die CO2 Klima-Bilanz bei Holzverbrennung eher schlechter als besser gegenüber Öl und Erdgas abschneidet.

Was man also bzgl. des Klimas festhalten kann, weder fossile Energien noch Energie aus Biomasse sollten gefördert werden – Wind-, Sonne- und Raumenergie hingegen schon!

Wildschein - Reh - Hirsch

Jetzt geht’s auf zur Jagd

Kommen wir mal zurück zu dem Bild am Anfang des Beitrags, in traulicher Runde sind hier, Eichelher, Wildschein, Reh, Hirsch und Buchenwald miteinander vereint. Normalerweise wäre das auch so, wenn nicht der Mensch wieder seine Finger dazwischen hätte.
Sehn wir mal als erstes auf den Buchenwald: Normalerweise wäre der größte Teil Mitteleuropas von Buchenwäldern bedeckt, weil Buchen sehr gut das Sonnenlicht ausnutzen können und im Schatten anderer Bäume ausgezeichnet wachsen, bis sie sich schließlich durch die Laubkronen der anderen Bäume hindurch schieben und den anderen Bäumen das Licht nehmen. Über die Jahrhunderte kommt es so zu einem ausgeglichenen Wald mit vielen verschiedenen einheimischen Laubbäumen zuvorderst den Buchen, denen das gemäßigt atlantische Klima besonders gut gefällt. Es kommt hinzu, daß auf Buchen-Waldböden, aufgrund des geringen Lichts wenig Gräser und Kräuter wachsen, so daß die sogenannten Freßfeinde, die der Mensch in seiner 4000 jährigen intensiven Jagd noch übriggelassen hat, also Reh, Hirsch, Wildschein, lieber an Waldrändern, in Flußauen und Hochlagen sich aufhalten würden und die jungen, energiereichen Triebe nicht alle verspeisen würden.

Sehn wir mal als zweites auf die Waldtiere oder sollen wir sagen Haustiere: Normalerweise käme ein Reh auf einen Quadratkilometer, Hirsche und Wildscheine wären sowieso kaum im Wald sondern mehr an seinen Rändern anzutreffen, nun hat aber die Jägerschaft, die normalerweise höchsten alle paar Jahre mal ein Reh, einen kapitalen Hirsch oder ein Wildschein zu Gesicht bekäme, im Wald eine wahre Massentierhaltung eingerichtet. In Deutschland gibt es 111.000 Quadratkilometer (also 11,1 Millionen Hektar) Wald, unter natürlichen öko.logischen Bedingungen würden hier rund 110.000 Rehe leben. Es kommen aber allein bei Autounfällen jedes Jahr mehr als 200.000 Rehe ums Leben, das liegt daran, daß in deutschen Wäldern 50 mal so viele Rehe leben als unter natürlichen Bedingungen, das kann man nicht den Rehen zum Vorwurf machen, sondern nur den Geflogenheiten der Jagdherren.

Hermann_Göring_auf_der_JagdBesonders seit der jagdbegeisterte Hermann Göring, in seiner Funktion als Reichsforstmeister, Reichsjägermeister und Oberster Beauftragter für den Naturschutz! bereits am 3. Juli 1934 das neue Reichsjagdgesetz durchsetzte, das im Wesentlichen bis heute gilt.
In diesem Gesetz wurde erstmals die Hege und die Zucht für den Wald und seine Bewohner festgeschrieben.

Und so haben wir heute nicht ein Reh, sondern 50 Rehe pro Quadratkilometer, dazu kommen noch 10 Hirsche und 10 Wildscheine im Durchschnitt, die gehegt und gepflegt werden, damit man nicht nur genug Tiere zum Abschuß hat (für eine reichliches Mahl bei den Wildwochen im nächstgelegenen Restaurant) sondern vor allem, um (besonders seit 1900) den Jägern genügend Möglichkeiten zu bieten, eine fantastische Trophäe mit nach Hause zu nehmen.

Dieser übernatürliche Menge an Wild in den Wäldern haben wir unter anderem die Umgestaltung der Laubwälder in Nadelbaumwälder zuverdanken, weil der „Wildverbiß“ die jungen Laubbäume nicht hochkommen läßt und das Wild an den bitteren Nadeln der Nadelbäume nicht sehr interessiert ist.
Hätten wir nicht diese unnatürliche Massentierhaltung im Wald, die nur die Hege (also die Mast) von Rehen, Hirschen, Wildscheinen im Sinn hat, wäre der natürliche Ökokreislauf ok, denn es gäbe ein natürliches Gleichgewicht zwischen heimischen Bäumen und heimischem Wild, zumal dann die normalen Feinde des Wildes immer noch im Wald leben würden, also Wölfe, Luchse, Braunbären.

Bär_Wolf_LuchsEin Beispiel: Die Wölfe im Yellowstone Nationalpark wurden jahrelang gejagt und in den 1930er Jahren ganz ausgerottet. Als direkte Folge geriet das natürliche Gleichgewicht der Tierwelt total durcheinander. Deshalb wurden 1995 erfolgreich 14 kanadische Wölfe angesiedelt und unter Schutz gestellt. Mittlerweile haben sich die Yellowstone-Wölfe mit eingewanderten Wölfen aus Kanada vermischt und ihre Population hat sich auf rund 2000 Tiere erhöht. Langsam stellt sich dadurch wieder ein normales Gleichgewicht von Tier- und Pflanzenwelt ein…

Um dem Argument, daß es den Jägern ja nur um die Fürsorge für die armen Rehe, Hirsche und Wildscheine geht, vorzubeugen, kann man sich sofort fragen, warum ihre Fürsorge dann nicht im gleichen Maße den Eichhörnchen, Dachse, Füchse und Wildkatzen gilt, die bei der Tiermast leer ausgehen.

Waldboden

Bevor ich zu dem Thema Plantagenwirtschaft versus Plenterwald komme, möchte ich noch etwas zum Waldboden sagen. Gemäß meiner grundsätzlichen These, nach der man die Dinge nur im Detail betrachten muß, um alle Zusammenhänge zu erkennen, genügt im Falle des Waldes eine Hand voll Waldboden. Diese Hand voll Waldboden enthält mehr Lebewesen,  als es Menschen auf diesem Planeten gibt, und von dieser Hand voll Waldboden können wir alles über Öko.logie, deren fantastischen Eigenschaften aber auch deren ungeheure Zerstörung durch den Menschen erfahren.

WaldbodenMir ist schleierhaft wieso in den hunderten von Verzeichnissen, die in Deutschland über Wälder, Bäume und Biotope angelegt werden, Waldböden gar nicht vorkommen, obwohl diese an erster Stelle stehen müßten und öko.logischen Schutzcharakter genießen sollten. Wenn jemand Aufstellungen zu Waldböden kennt, freue ich mich über jede Info bzw. lasse mich eines besseren belehren.

Zurück zum Waldboden selbst: Mir ist es in diesem ÖkoRadiX Blog sehr wichtig, immer nach Möglichkeit zwischen dem zu unterscheiden, was wir als Menschen unter Ökologie verstanden wissen wollen und was wir im Gegensatz dazu als Menschen öko.logisch vorfinden, also die öko.logischen Systeme und Kreisläufe, die sich zu einem perfekten Gleichgewicht über Jahrmillionen in der Evolution entwickelt haben, diese beiden Sichtweisen fallen oft drastisch auseinander.

Bevor der Mensch begann die Wälder Mitteleuropas zu durchforsten glichen die Waldböden einem lockeren Schwamm. Milliarden von Kleinslebewesen auch in tieferen Bodenschichten ernährten sich von Blättern, Holz und Rinde und produzierten besten Humus. Das Erd- Humusgemisch konnte bis zu 200 Liter Wasser speichern und in trockenen Wochen wieder dosiert abgeben, feuchte Winter, trockene Sommer kein Problem für die ursprünglichen Wälder Mitteleuropas.

Hornmilben, Springschwänze, Asseln, Borstenwürmer, die Bewohner dieser Waldböden, sind die Ausgangsbasis der Nahrungspyramide unter Buchen oder Eichen, die Voraussetzung für die Artenvielfalt der Säugetiere, Vögel und Insekten. Mit der Abholzung der Wälder änderte sich alles, besonders seit die Bodenverdichtung durch die riesigen Holzvollernter – wie die Harvester (die 12 mal soviel Holz fällen, wie ein Waldarbeiter in der gleichen Zeit) und die mit einem Gewicht von bis zu 50 Tonnen den Boden bis zu einer direkten Tiefe von 2 Meter zerstören und das auf einer Breite von 8 Metern (5m Fahrspur und 2×1,5m links und rechts der Fahrspur).

Holzvollernter-HarvesterBei einem Rückegassen-Abstand von 20/40 Metern, wie er in den meisten Wäldern heute üblich ist, kommt man auf eine Waldboden-zerstörung von bis zu 50%.
Das bedeutet z.B., daß die Wasser-speicherfähigkeit bis zu 95% abnimmt, das wiederum läßt die Bäume schlechter wachsen und macht sie anfälliger gegen Schädlinge, darüber hinaus kann sich das Wurzelwerk durch die Verdichtung nicht mehr vernünftig in der Tiefe entfalten, dadurch stehen die Bäume nicht mehr so stabil und fallen bei heftigen Stürmen schnell mal um. Viele Flachwurzler sind in Wirklichkeit gar keine Flachwurzler, können ihre Wurzeln nur nicht mehr durch die stark verdichteten Waldböden hindurchschieben.
Waldböden, die mit schwerem Gerät befahren werden, richten einen kaum wieder zu behebenden Schaden an den Waldböden an, wie man hier auf dem Headerbild des Blogs „Schützt den Schönbuch“ (siehe meine Blogroll) sehen kann.

SchönbuchWer sich für das Thema Waldboden und alternative Möglichkeiten der Befahrung und des Waldbaus allgemein interessiert, der kann im Artikel von Martin Grüll „Den Waldboden schonen – Vorsorgender Bodenschutz beim Einsatz von Holzerntetechnik” in “Eberswalder Forstliche Schriftenreihe Band 47″ sehr viel Wissenswertes erfahren. „Zur Problemlösung umweltverträglicher (standortgerechter) Holzerntetechnik wird in dem Beitrag ein standortzentriertes Entscheidungsmodell vorgestellt, das durch die Klassifizierung des natürlichen Werts des Bodens, der technischen Befahrbarkeit des Standorts und der technischen Eignung des Holzernteverfahrens eine kombinierte, standörtlich-technische Verfahrensbewertung ermöglicht. In dem Beitrag werden erstmalig der Gedanke der Berücksichtigung des Bodenwertes und – bei Schäden durch die Maschineneinsätze – die Sanierungkosten bei der Kalkulation der Kosten für die Erntemaßnahmen in Verbindung gebracht. Der Waldbesitzer ist bei einer ordnungsgemäßen Waldwirtschaft zur Bodenschutzvorsorge gesetzlich verpflichtet. Siehe Waldgesetz Baden-Württemberg § 14 (siehe „Schützt den Schönbuch“ / heruntergeladen am 23.6.2014).“
Den Link zum Artikel findet Ihr in meiner Blogroll oder Ihr klickt oben auf den Artikel!

Klimawandel und Wald

Vom sauren Regen spricht heute niemand mehr, dafür um so mehr vom Klimawandel! Aber wenn der Waldboden nicht mehr in der Lage ist, Wasser in großen Mengen vor allem auch in den regenreichen Wintermonaten zu speichern, dann wird die Temperaturerhöhung durch den Klimawandel den Wald verdursten lassen – hat das jetzt was mit der Erderwärmung zu tun?
Denn erstens verdunstet durch die höhere Temperatur das Wasser schneller, die Bäume brauchen mehr Wasser und gleichzeitig regnet es weniger. Dem Wald geht es dann aber nicht nur deshalb schlechter, weil es den Treibhauseffekt gibt, sondern weil wir durch unsachgemäße Forstwirtschaft die Böden kaputt gemacht haben, ihnen bis zu 95% ihre Speicherfähigkeit genommen haben und noch dazu statt in erster Linie Laubwälder zu pflegen überall, aus kurzfristigen Profitinteressen heraus, Nadelbaumplantagen angelegt haben.
Das es den Wäldern schlecht geht, liegt dann nicht am Klimawandel sondern an unserer Ignoranz genauso wie der Klimawandel.

Plenterwald versus Plantagenwirtschaft

Den Begriff Plantage im Zusammenhang mit Wald zu benutzen, ist natürlich von vorneherein provokant, denn normalerweise ist ein Wald ja gerade keine Plantage, so wie die Wildfütterung auch keine Mast der Massentierhaltung ist. Trotzdem werden die beiden Begriffe oft provokativ gegeneinander gesetzt.
Nadelbaumwald
Deshalb ein Beispiel wie nachhaltiger Naturschutz aus Sicht der staatlichen Forstwirtschaft aussieht: Man stelle sich den Wald mal wirklich wie eine Plantage vor, die in 10 mal 10  also 100 Felder aufgeteilt ist, im Laufe von 100 Jahren wird jedes Jahr ein Feld mit Fichten bepflanzt, die wachsen schnell, schmecken den Waldtieren nicht besonders gut und sind gut vermarktbar weil überwiegend gerade gewachsen. Nach 100 Jahren wird ein Feld kahl geschlagen, die Stämme werden abtransportiert und anschließend wird das Feld mit neuen Fichten wieder bepflanzt. D.h. es wird nicht mehr dem Wald entnommen, als er selbst reproduzieren kann. Im Sinne einer ökologisch orientierten Forstwirtschaft ist dieses Verhalten absolut nachhaltig und unendlich fortzuführen, so wird es zumindest immer behauptet!

Jetzt kommt dann wieder der freche Blick auf die Details und das, was wirklich, also naturgemäß, öko.logisch korrekt ist.

Öko.logisch korrekt ist es im Wald ein Gleichgewicht zwischen ALLEN Faktoren, die im Ökosystem Wald eine Rolle spielen, zu berücksichtigen, sodaß sich das System ewig selbst reproduzieren kann.
Das Gleichgewicht des Waldes hat über Jahrtausende zunächst mal keine Monokultur geschaffen, sondern Artenvielfalt unter den Bäumen, die in einer Klimazone heimisch wurden, zweitens sind z.B. Fichten keine regionalen Baumsorten sondern aus anderen nördlicheren Klimabereichen (Taiga) importierte Bäume. So wie Buchen und Eichen genau richtig sind für unser gemäßigtes atlantisches Klima zerstören gebietsfremde Baumsorten, vor allem Nadelbäume (die Weißtanne rechne ich mal für den Augenblick zu den Laubbäumen) den Ökokreislauf nachhaltig, z.B. weil sie ganz andere Bodenbeschaffenheiten und Kleinstlebewesen, wie Pilze und Insekten, im Schlepptau haben, als sie in mitteleuropäischen Wäldern üblich sind.

Plenter-Buchenwald-Hümmel
Das wunderschöne Panoramabild stamm von Franz-Josef Adrian.
Seinen Blog findet Ihr in meiner Blogroll unter „Wälder in Deutschland“

Was ist nun der Vorteil eines Plenterwalds gegenüber der Plantagenwirtschaft. Da ist zunächst natürlich die harmonische Verteilung aller Größen und Altersstadien auf kleinster Fläche innerhalb eines bewirtschafteten Waldes zu nennen, dadurch kann es nie zu einem Kahlschlag einer größeren Waldfläche kommen. Im Idealfall sieht der Plenterwald immer so aus, als würde er nicht bewirtschaftet, was auch an der schonenden Art liegt, mit der Bäume eingeschlagen und abtransportiert werden. Der Plenterwald kommt dem unberührten Urwald, also der echten Natur am nächsten und hält den Wald in seinem ureigensten Ökokreislauf.

Entgegen dieser wunderbaren Methode, Wälder wieder zu renaturieren, die zugegebenermaßen für den Förster und seine Helfershelfer sehr aufwendig ist, wird in den meisten deutschen Wäldern jedoch die Z-Baum-Methode angewandt. Nach dieser Methode werden alle Bäume eines Bestandes in „Z-Bäume“, „Bedränger der Z-Bäume“ und „indifferente Bäume“ eingeteilt. Die Z-Bäume werden je nach Baumart in einem sehr frühen Bestandesalter ausgewählt (10-40 Jahre). Ab diesem Zeitpunkt dienen alle waldbaulichen Maßnahmen ausschließlich der Erhaltung und Förderung dieser Z-Bäume und deren ungehindertem Kronen- und Stammwachstum.
Mit dieser Methode sind spätere Durchforstungen nicht mehr an ein möglichst komplexes Wissen und Vorstellungsvermögen des Försters gebunden. Viele Forstbetriebe überlassen bei der Z-Baum-Methode den Waldarbeitern die Auswahl, welche Bäume sie mit Ihren Spraydosen markieren und abholzen. Eine Waldwirtschaft im Sinne einer Renaturisierung des Waldes  wird dadurch kaum mehr möglich. Darüber hinaus wird in solchen „Alterklassenwäldern“, die irgendwann nur noch aus gleichen und gleichaltrigen Bäumen bestehen, ein zukünftiger Kahlschlag mit all seinen Folgen kaum zu verhindern sein, zumal für Z-Bäume in der Regel auch immer das gleiche Zielalter gilt.

Im Plenterwald dürfen hingegen auch 200 Jahre alte Buchen oder Eichen stehen, auch wenn sie schon 40 Jahre über ihrem Zielalter sind.

Kehrwoche im Wald

Jeder Schwabe kennt die Kehrwoche und so wie man für Sauberkeit und Ordnung in Haus und auf dem Gehweg achtet, so ist es einfach ein Unding, daß man im Wald gebrochene Bäume und Totholz einfach stehen läßt, ganz egal, ob solche Bäume als ökologisch besonders wertvoll gelten, weil sich an den Bruchstellen besonders seltene Insekten- und Pilzarten ansiedeln und ob man z.B. den Zunderschwamm ausgezeichnet zum Räuchern benutzen kann.

Der alte, unordentliche Kruscht muß weg und wer weiß, was für ein Ungeziefer sich da sammelt. Um es mal klar und deutlich zu sagen, von Totholz geht keinerlei Gefahr für lebende Bäume oder frisch geschlagene Stämme aus. Die Insekten und Pilze, die im Totholz am Werk sind, sind von ganz anderer Art.
Totholz
Alt- und Totholz ist ein sehr wichtiger Bestandteil des Waldökosystems, da es im Lebenszyklus zahlreicher Organismen eine unabdingbare Rolle spielt. So finden beispielsweise Brutvögel Nistgelegenheiten in den Höhlen alter Baumstämme oder das Totholz dient vielen Vögel als Bauholzlieferant für Ihren Nestbau. Im Mulm der Hohlräume von Totholz können sich spezialisierte Insektenlarven entwickeln, was wiederum für Vögel und andere Insektenfresser eine gefüllte Vorratskammer bedeutet. Auch die Fledermäuse finden in Toten Bäumen einen ordentlichen Wohnraum usw. usw. Damit aber die von alten Bäumen und von Totholz abhängige Artenvielfalt im öko.logischen Kreislauf auf Dauer erhalten bleibt, muss die Ressource Totholz über weite Zeiträume in genügend großen Mengen vorhanden sein. Also Finger weg vom Alt- und Totholz, denn es ist das wahre Gold des Öko.Systems.

Und schließlich kann man ja mit dem Zunderschwamm ja auch sehr gut und gesundheitsfördern räuchern, vielleicht geht da manchem im Rauch ein Licht auf!

Zunderschwamm und Totholz

Mein lieber Kupferstecher

Den Rehen, Hirschen und Wildscheinen kann man keinen Vorwurf machen, daß sie nur all zu gerne die leckeren jungen Triebe und energiereichen Knospen von Buchen oder die Wildscheine die schmackhaften Bucheckern vertilgen, in einem intakten Ökosystem wäre das auch alles gar kein Problem, da wäre alles miteinander im Gleichgewicht.
Wem man aber Vorwürfe machen kann, das sind wieder die dusseligen Menschen, die Ihren Obsessionen nachgehen, ganz egal ob das „irgendwelche“ Ökosysteme zerstört oder nicht.
BorkenkäferUnd da sind wir auch schon mitten im Thema. Verächtlich und mit Grauen wird immer wieder von dem Ungeziefer, den Schädlingen, den Parasiten des Waldes gesprochen und damit sind dann oft Borkenkäfer, Buchdrucker, Kupferstecher etc. gemeint, die vor allem Fichten und Kiefern attackieren.
Ich meine den kleinen Käfern kann man keinen Vorwurf machen, die müssen auch sehn wo sie bleiben und wenn wir Menschen, durch unsere widernatürlichen Monokulturen den Wald und die Bäume nicht so schädigen würden, dann hätten wir auch keine Probleme mit den lieben, kleinen Käfern.
Immerhin sind die kleinen Käfer doch so freundlich und weisen uns Menschen darauf hin, daß in unserem Ökosystem etwas nicht stimmt, denn in intakten Ökosystemen würden sie gar nicht auftreten. Trotzdem danken wir es ihnen nicht!
Anstatt daß sich die Förster überlegen, was sie falsch gemacht haben könnten, schimpfen sie auf die Parasiten und den Klimawandel und holen die dicke Giftspritze aus dem Schrank und vernebeln mit Hubschraubern die Wälder mit Insektiziden, an den aber nicht nur Käfer und Schmetterlinge krepieren, sondern auch andere Waldtiere und gelangen die Insektizide ins Wasser müssen auch Fische und Krebse dran glauben.

Frische, selbstgesammelte Pilze aus dem Wald schönen Dank auch…

Aber was ist eigentlich das Problem, warum ist den ein friedliches Miteinander von Laubbäumen mit Fichten und Kiefern nicht möglich, wo doch die Nadelbäume so wunderbare Erträge abwerfen?
In deutschen Wäldern gibt es 16% Buchen, 10% Eichen aber 26% Fichten und 23% Kiefern. So wie Buchen und Eichen perfekt auf unser heimisches Öko.System abgestimmt sind, so sind Fichten und Kiefern perfekt auf die Öko.Systeme des hohen, kalten Nordens abgestimmt.
Hier ist die Wachstumsperiode ein bis zwei Monate im Jahr, die Bäume wachsen langsam und dicht in ihrer Holzstruktur und in den langen Wintermonaten leiten sie ihr eigenes Frostschutzmittel in die Nadeln, so daß es gar kein Problem ist, daß sie im Winter nicht die Nadeln abwerfen. In der kurzen Wachstumsperiode können sie sofort durchstarten ohne noch lange sich mit dem Bilden neuer Blätter aufhalten zu müssen. Unter den harten Wachstumsbedingungen kommen Kiefern und Fichten in Skandinavien oder Sibirien in 100 Jahren gerade mal 5 Meter voran.
Kommen Fichten und Kiefern jetzt nach Mitteleuropa, wo man von April bis September prima Wachstumsbedingungen hat, geht bei ihnen die Post ab, in einem Jahr ein halber Meter, gar kein Problem.
Aber im Norden regnet es vielmehr und so lange Trockenperioden wie bei uns im Sommer gibt es auch nicht, die armen Bäume leiden größte Not und sind ständig am verdursten. Schnell werden sie krank, ihre Stämme stehen nicht mehr voll im Saft, ihre Abwehrkräfte schwinden dahin (warum soll es bei Bäumen anders sein, als bei uns Menschen, die sind doch auch nur Lebewesen wie wir).
All die kleinen Käferchen sind Schwächeparasiten, sobald es den Bäumen und dem Wald schlecht geht, rücken sie an. Sobald ein Buchdrucker (gehört zu der Familie der Borkenkäfer) merkt, daß kein Harz ihn umbringt, wenn er ein Loch in die Rinde frißt, kommt der chemische Lockruf an seine Kumpels, hier gibt’s ein üppiges Buffet, kommt alle! Schnell legen die Weibchen Eier in die Nischen des Baums, daraus schlüpfen dann Larven, die dann die charakteristischen Gänge unter den Borken fressen. In Nullkommanix wird dem Baum bei lebendigem Leib die Haut zerstört und wenn er erstmal fertig ist, geht’s zum nächsten Baum, der Generationszyklus liegt bei 6 Wochen, da ist so ein Nadelholz-Plantagenwald schnell platt. Aus mit dem schönen Turbowald! Aber halt! Vorher kommt noch die Chemiekeule vom Förster und so geht’s erstmal lustig in die ökologische Abwärtsspiralen aus dem Wald als komplexes Ökosystem kann dann schon gar nix mehr werden.
Bei einem gesunden Wald mit gesunden Bäumen und gesundem Waldboden würde das alles nie passieren und den Fichten und Kiefern würde es in Ihrer angestammten Heimat auch viel besser gehen, denn im Unterschied zu menschlichen Gesellschaften läßt die Natur selbst ihre Mitglieder nicht verkommen

Das Geheimnis eines öko.logischen Waldes

Was ist denn nun das Geheimnis, um einen öko.logisch wertvollen (Ur)Wald zu initiieren?

Ganz einfach:

Mehr Zen – Ruhe, Gelassenheit, Langsamkeit, ein weites Denken, ein weiter Blick und sich immer schön an der Natur orientieren und den Wald einfach mal machen lassen!

(In Klammern möchte ich allerdings hinzufügen: Es braucht sicher sehr viel Stehvermögen, um immer wieder auf wesentliche Dinge hinzuweisen – bei gleichzeitiger Voll-Ignoranz der Gesprächpartner, aber das ist ja immer das Problem, wenn man sich gegen die Dummheit stellt! – da macht man sich nicht unbedingt viele Freunde und außerdem ist man ja doch recht oft der Überbringer der Botschaft und die Überbringer von schlechten Botschaften werden meist gar nicht zuvorkommend behandelt)

Aber wenn man bedankt, was das Öko.System Wald wirklich umbringt, bekommt man vielleicht auch Kraft, ich kann gut reden, ich bin kein Förster der im Sturm steht, da läßt man sich vielleicht doch von Geschwindigkeit, Hektik, kurzfristigem Denken und der Zwangs-Ökonomisierung aller Faktoren mit fortreißen. Aber der Wald verträgt sich halt von Hause aus nicht so recht mit Gewinnmaximierung durch Übernutzung, dem Raubbau der Ressourcen durch ständiges Wachstum, auch wenn er selbst doch sehr gerne wächst.

Nun! Was könnte denn der erste Schritt sein, um einen geschundenen Wald in einen öko.logisch wertvollen Wald zu renaturieren? Sich erstmal in völliger Ruhe auf eine schöne Holzbank setzen, positive Gefühle dem Wald und seinen Bäumen gegenüber in sich aufkommen lassen und in aller Ruhe und mit viel, viel Weitblick sich sein künftiges Handeln erstmal durch den Kopf gehen lassen.  Wer viel, komplex und weit in die Zukunft wie Vergangenheit denkt, dem kann es gelingen der öko.logisch echte (Ur)Wald.
Gelassenheit und BankSoweit mal für den Augenblick – über die Geschichte des Waldes, über die Kommunikationssysteme des Waldes, über den Wald und seine Bäume als Lebewesen wie Du und ich, über den Eichelher, über den Wald in der Kunst etc. etc. möchte ich in anderen, späteren Beiträgen noch etwas erzählen – hier muß jetzt erstmal Schluß sein, sonst liest das sowieso niemand mehr.

Zu guter Letzt möchte ich aber doch noch folgenden Satz in den Raum stellen und ihn da auch erstmal stehen lassen:

Buchenwälder wissen
nichts von Buchenwald

P.S. Wer ein richtig gutes Buch zum Thema „Wald und Ökologie“ sucht und zwar abseits des forstwirtschaftlichen Mainstreams, dem kann ich das Buch „DER WALD“ von Peter Wohlleben nur wärmstens empfehlen.

Peter Wohlleben597_28041_132664_xl
Der Wald – ein Nachruf
Wie der Wald funktioniert, warum wir ihn brauchen und wie wir ihn retten können – ein Förster erklärt

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag,
256 Seiten, 12,5 x 20,0 cm
ISBN: 978-3-453-28041-0
Verlag: Ludwig
Erscheinungstermin: 4. März 2013

Preis: € 19,99 die sich wirklich lohnen!

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